Zensur als Normalität

In der Öffentlichkeit klagen Politiker und Wissenschaftler regelmäßig über den wirkungslosen Jugendschutz. Tatsächlich nutzen bereits 12 Jährige Spiele, die eigentlich nur für Erwachsene freigegeben sind.  Als Sündenbock muss nicht selten die USK herhalten, da diese zu „lasch“ bei der Bewertung von Spielen sei. Aber was kann die USK dafür, dass die erteilten Kennzeichen missachtet werden? Eigentlich nichts. Aber der Vorwurf, wonach die USK „falsch“ bewerten würde, steht weiterhin im Raum. Ist da was dran? Bekommt jede Obszönität ohne weiteres einen Persilschein?

Ich habe mir die Mühe gemacht auf Schnittberichte, in der Datenbank der USK, mit Wikipedia und der BPJM-Aktuell Daten zu sammeln um eine kleine Statistik zu basteln. Ich bin wirklich überrascht. Von Spielen „ab 18 oder höher“ sind 17 – 40 % indiziert. 60 – 70 % bekommen zwar „keine Jugendfreigabe“ und können somit offen verkauft und beworben werden, aber ein Großteil der Spiele musste für diese Einstufung zensiert werden. 2008 überstieg die Anzahl der geschnittenen Spiele mit „keiner Jugendfreigabe“ sogar die der ungeschnittenen. Das Ergebnis einer „laschen Prüfung“ sieht anders aus.

12 Gedanken zu “Zensur als Normalität

  1. Diese Leute haben ja so keine Ahnung. Jemand sollte denen mal sagen, dass Deutschland bereits das strengste Rating-System der Welt hat. Und trozdem spielen Kinder diese Spiele, die einzige logische Schlussfolgerung ist, dass die Eltern da entweder keine Ahnung haben/nicht informiert sind oder nicht entsprechend durchgreifen.
    Diese Politiker und Wissenschaftler erkennen nicht, dass das Problem bei den Eltern liegt und mit ihren Kritiken provozieren sie die usk doch nur zu einer noch schärferen Einstufung. Das Ratingsystem ist gegeben, „nur“ die Umsetzung ist extrem schlecht. Dort sollte man anpacken.

  2. Ich versteh deine Statistik ehrlich gesagt nicht. Denn deine 100% sind offensichtlich nicht alle Spiele (also auch die ab 6 oder 12) Was sagt die Grafik denn genau aus? Könntest du das genauer erklären?

  3. Ich denke alles was ab 18 ist / wäre, ist da drinnen enthalten, oder? Du kannst daran erkennnen wie Erwachsene in Deutschland im Endeffekt eben doch bevormundet werden und es eben doch eine Art von Zensur gibt.

  4. Es sind „eigentlich“ alle Spiele “ab 18 oder höher” drinnen. Also wenn es darum geht die Wirkung des Jugendschutzes zu beurteilen macht es nicht unbedingt Sinn sich auf alle Videospiele zu beziehen. So hatte z.B. Christian Pfeiffer kritisiert, dass jährlich nur 1 % aller neu erscheinenden Videospiele indiziert werden würden. Wenn da aber noch „Ponyhofspiele“ bei sind ist das nicht wirklich aussagekräftig. Ich wollte also nur „Killerspiele“ erfassen. Dafür habe ich ausgewählt:
    – Alle verbotenen Spiele
    – Alle indizierten Spiele
    – Alle Spiele, die kein Kennzeichen bekommen haben
    – Alle Spiele, die „keine Jugendfreigabe“ erhalten haben.
    Das sind bei mir 100 %. Nämlich 100 % der Spiele, die man in Deutschland ab 18 oder gar nicht erwerben darf.
    Auf den ersten Blick – mit „nur“ 17 – 40 % indizierten Spielen – sieht es so aus, als ob die 60 – 70 % mit „keiner Jugendfreigabe“ eigentlich noch annehmbar wären. Wenn aber mittlerweile davon mehr als die Hälfte geschnitten ist, so dass von allen „Killerspielen“ in Deutschland grade mal 30 % offen und ungeschnitten verkauft werden können, ist das doch happig.
    Im Endergebnis kann man natürlich nicht zu viel hineininterpretieren. So kann nicht sagen, dass weil es in den letzten 3 Jahren weniger Indizierungen gab die BPJM „lascher“ geworden ist. Möglicherweise gab es einfach weniger brutale Spiele. Was man aber ablesen kann ist, dass Zensur bei Spielen mt „keiner Jugendfreigabe“ die Regel und nicht die Ausnahme ist.
    „Ungenau“ ist die Statistik auch bei „Killerspielen“, die eine Einstufung von unter 18 erhalten haben. Die, die geschnitten wurden (wie GTA SA etc., die ohne Schnitt/im Original also ab 18 oder höher wären/sind) habe ich noch unten „rangeklebt“. Spiele, die ungeschnitten ein ab 16 oder niedriger bekommen haben, sehe ich hier nicht wirklich als „Killerspiele“ an.

  5. Christian Pfeiffer kritisiert die USK denn er hat mit seinen eigenen äußerst fragwürdigen Methoden eigene Einstufungen gemacht und kam zu dem Ergebnis, dass die Freigaben zu lasch wären. Ich habe hier 2 interessante Links zu diesem Theam:
    http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/25/25905/1.html&words=Killerspiele%20in%20der%20Diskussion&T=Killerspiele%20in%20der%20Diskussion
    http://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/25/25486/1.html&words=Killerspielalarm%20in%20Deutschland&T=Killerspielalarm%20in%20Deutschland

    Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass Pfeiffer selbst wirtschaftliche Interessen an einem Verbot hat und daher nur als äußerst unglaubwürdig gelten kann. Inzwischen bin ich schon dazu übergegangen, Spiele in Österreich zu bestellen, da man kaum mehr bezahlt und die Spiele dann nicht so stark geschnitten sind. Als extrem empfinde ich das starke schneiden, wie bei Call of Duty World at War aber auch die Freigabe von Empire Earth 3 kann ich absolut nicht nachvollziehen. Dead Space ist hingegen eventuell wirklich etwas zu lasch bewertet worden…

  6. Wow, das sieht nach ganz schön Arbeit aus! Offen gesagt halte ich die Statistik aber für wenig bis gar nicht aussagekräftig. Abgesehen davon, dass man auch über den Begriff „Zensur“ streiten kann, setzt der Vergleich verschiedener Jahrgänge das gleichbleiben entscheidender anderer Faktoren voraus, so wie ja auch schon anklang, vor allem, dass die Spiele gleichbleibend brutal bleiben u.ä. Zudem würden mich die absoluten Zahlen interessieren. Wurde bei der Anzahl der Indizierungen berücksichtigt, dass die BPjM diese teilweise einzeln zählt, obwohl sich alle auf dasselbe Spiel beziehen? (bspw. Quake 4, US-Version, EU-Version, Special-Edition US, Special-Edition-EU = 4 Indizierungen, von denen aber nur ein Spiel betroffen ist). Und woher stammen die absoluten Zahlen für Spiele, die eine USK-Einstufung mit „keine Jugendfreigabe“ erhalten haben?
    Dank & Gruß!

  7. – Ich habe alle Konsolen- und Computerversionen eines Spiels zu einer Indizierung zusammengekürzt (Addons seperat aber als neue Indizierung).
    – Ich habe in der Prüfdatenbank der USK einfach die Zahlen herausgeschrieben.
    .
    Absolute Zahlen der Indizierung:
    .
    2004: 9
    2005: 26
    2006: 14
    2007: 15
    2008: 11
    .
    Ich habe die Indizierung nicht dem Jahr der Entscheidung sondern dem Jahr des Erscheinens des Spieles zugeordnet. Es wurden also bereits 11 2008 erschienene Spiele indiziert, wobei sich diese Zahl – wie für alle anderen Jahre auch – noch erhöhen kann.

  8. Super, danke für die schnelle Antwort! Zusammenfassung find ich gut. Ich würde die uncut-Spiele aber als „Basis“ der Balken nehmen, da es sich dabei um die vermeintlich liberalste Entscheidung der USK handelt. Dann kann man leichter einer Vergleich zwischen den Jahren treffen und sagen: (nur) 30% der 2004 erschienen Erwachsenespiele fielen keiner irgendwie gearteten „Zensur“ zum Opfer, 2005 waren es immerhin knapp 40%.
    Ob diese Unterschiede dann in einer gewandelten Spruchpraxis, an anderen Spiele-Inhalten oder an sonstwas liegen, bleibt aber – wie gesagt – Spekulatius.
    Gruß,
    Klugscheißmann ;)

  9. @admin
    Sehr interessante Aufstellung. Vielen Dank für die Mühe!

    2007 Wüsste ich noch vom besonders übel auf eine USK-16 zensierten „Conan“ für Xbox 360 Und PS3. Unzensiert befindet sich das ebenfalls indiziert auf Liste A Wenn ich mich richtig erinnere. In der Tat scheint man seit dieser Zeit aber aufgehört zu haben noch „zensierte Spiele mit anderer Freigabe“ so zu veröffentlichen, also etwa auf eine USK-16 Fürs Kaufhaus zu schneiden – wie es im Filmbereich weiterhin üblich ist.

    Was mir weiters auffiel ist, dass es scheinbar mehr Spiele gibt als man womöglich denkt, denen ein „Kennzeichen verweigert“ wurde und die dennoch (noch) nicht indiziert oder beschlagnahmt worden sind… Da gebe es doch mehr ungenutztes Potential bei der USK Meine ich, wie die Beispiele von „God of War“ und „Dead Space“ auch gezeigt haben…

    @MegaNerd
    Ich finde diese Aufstellung so wie sie ist schon sehr richtig so :-) Früher gab es halt aauch noch Titel in den besonders relevanten Genres die für eine Freigabe ab 16 Jahren eextra zensiert wurden, neben „Conan“ ist noch „Ninja Gaiden“ berühmt-berüchtigt geworden.
    Sonst sind mir da nur noch die Strategie-Sonderfälle „C&C 3 – Tiberium Wars“ sowie „World in Conflict“ bekannt :-) Schönen Gruß auch :-)

  10. @admin: *applaus* Nicht übel, dass sieht wirklich nach viel Arbeit aus…
    Aber es zeigt deutlich, dass viel mehr Spiele „ab 18/keine Jugendfreigabe“ geschnitten werden. Da würden mich die Prozent Zahlen interessieren wie viele uncut Spiele im vergleich zu geschnitteten erscheinen.
    „Zensur als Normalität“ ist übrigens ein guter Titel der genau dieses Problem beschreibt. Zensur wird immer mehr akzeptiert mit den Worten „ich brauch ja nicht diese Brutalen sachen“ bzw „etwas was geschnitten werden muss sehe ich mir sowieso nicht an.“ usw… viele wissen garnicht, dass bereits die Mehrheit was wir zu Spielen / sehen bekommen zensirt IST.
    Happy Coding.

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