Bitte vollständig

(Augsburger Allgemeine) Bei der Ursachenforschung nach Amokläufen kommt man nicht nur auf „Killerspiele“ sondern oft auch auf die Verfügbarkeit von legalen Waffen zu sprechen. Auch hier wird zum Teil mit dem gleichen blinden Aktionismus wie bei Videospielen reagiert. Wobei man sich hier zum Teil auf Symbolpolitik beschränkte. So verbot man, um die Öffentlichkeit zu beruhigen, sogenannte Pumpguns. Aber nur solche mit Pistolengriff. Grund für solche schmerzlosen Maßnahmen dürfte nicht nur die Waffenlobby sondern auch die Unterstützung von prominenten Fürsprechern aus der Politik sein.

So betonte Joachim Herrmann am Mittwoch die Bedeutung der Schützenvereine:

„Die Schützen seien wichtiger Bestandteil von Brauchtum und Tradition, […] Garant für die innere Sicherheit und keine Gefahr. Unter diesem Aspekt sollte die Diskussion geführt werden, denn in der täglichen Arbeit engagieren sich die Verantwortlichen für Tugenden wie Disziplin, Ausdauer, Geduld und Vereinssinn – Eigenschaften, die man brauche. Nicht Killerspiele, sondern Teamgeist und Fairness […].“

 Eine Ansicht, die auch Uwe Schünemann teilt:

„[…] Die Vermittlung von Werten durch den Schießsport an unsere Kinder und Jugendlichen trägt zur Integration in die örtliche Gemeinschaft bei.“

Und auch Stoiber überzeugend rüberbrachte:

„Gerade die Schützenvereine lehren […] vor allem Jugendliche, einen umsichtigen und verantwortungsbewussten Umgang mit Waffen und Munition.“

Und als Beweis für die These, dass der Umgang mit Munition den Charakter stählt, führt man dann auch gerne Statistiken an. So würden nach Schünemann 96 % der Straftaten mit illegalen Waffen verübt werden. Eine erhöhte Gefährdung im Zusammenhang mit Amokläufen besteht also nicht?

Tatsächlich haben viele Amokläufen bei ihren Taten legale Waffen genutzt. So sagt auch Florian Pronold (SPD):

„Obwohl schon heute fast alle Jäger und Sportschützen sehr verantwortungsvoll mit der Aufbewahrung ihrer Waffen umgehen, sind die Amokläufe von Jugendlichen der letzten Zeit mit zu Hause gelagerten, legalen Waffen verübt worden.“

Die Zahl von 96 % mag bei allen Straftaten stimmen, bei Amokläufen tut sie es nicht:

Aber in all diesen Einzelfällen, ob Erfurt, Emsdetten oder Winnenden, kamen die Täter an eine legale Waffe; wenn sie sich ihr Mordwerkzeug anders hätten besorgen müssen, wäre es für sie erheblich schwerer gewesen, oder sie wären ganz gescheitert.“ (Der Spiegel)

Aber nicht nur bei den jugendlichen Tätern hat ein großer Anteil bereits praktische Erfahrungen mit Waffen:

„Überraschend ist der hohe Anteil von Personen mit Verbindungen zu „waffentragenden“ Berufen oder mit besonderem Bezug zu Waffen („Waffennarren“), nämlich 26 % Soldaten und 7 % Polizisten. Diese Prozentsätze sind deutlich höher als der Anteil an der entsprechenden männlichen Bevölkerung (so beträgt in Deutschland der Anteil der Soldaten an der männlichen Bevölkerung über 20 Jahre ca. 1,13 %, derjenige der Polizisten ca. 1,07 %).“ (Quelle)

In manchen Waffenforen wird geschrieben, dass strengere Regelungen nicht helfen würden. Denn „Tim K. hätte bestimmt eine Waffe bekommen, wenn nicht die seines Vaters.“. Auch wenn sicherlich die Möglichkeit besteht illegal an Waffen zu kommen scheint dies nichtsdestotrotz eine gewisse Hürde zu sein. So griff Sebastian B. in Emsdetten, der wohl nicht an weitere zeitgemäße Waffen herankam, sogar auf zwei Vorderlader zurück. Mit solchen antiquierten Waffen dürfte ein Amoklauf eine Herausforderung sein.

Auch wird allgemein versucht die Schießfertigkeiten der Amokläufer mit Videospielen zu erklären. Aber ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Amokläufer den Umgang mit Waffen in den Schützenvereinen gelernt haben, in denen sie trainierten? Dort hat man im Übrigen nicht nur eine Maus sondern eine reale Waffe in den Händen – mit allem drum und dran: Laden, Rückstoß und echtem Projektil. So schrieb Jochen Bott bereits 2002, wie jetzt der Westen, über die Nähe der Täter zu Waffen:

„Eines hatten alle jugendlichen Amokläufer der jüngsten Vergangenheit gemeinsam: Praxis an der Waffe. […] Will man die auffällige Überrepräsentanz der Jugendlichen mit Schießclub-Background bei den Amokläufern erklären, reicht der Zugang zu den Waffen als Erklärung allein nicht aus – es geht auch und zumal um die Ausbildung an den Schusswaffen.“ (heise)

Die Schützenvereine haben also tatsächlich ein Interesse daran bei Amokläufen von sich abzulenken. Doch Politiker, die selbst Förderer des Schießsports sind, sehen gerne davon ab Waffenbesitzer weiter in die Verantwortung zu nehmen und gehen lieber gegen gewalthaltige Videospiele vor. Und wie schon jemand passend sagte:

Die Waffenlobby ist nicht nur einflussreicher, vor allem ist sie bewaffnet.“

22 Gedanken zu “Bitte vollständig

  1. Natürlich führen Waffen im Haushalt, wie es bei Sportschützen vorkommt zu einer höheren Verfügbarkeit an Waffen für die entsprechenden Personen. Sicherlich macht eine bessere Kontrolle der Lagerung der Waffen hier Sinn. Aber man sollte jetzt auch nicht zu sehr den schwarzen Peter den Schützen zu schieben. Ja, durch Waffen und gelernten Umgang mit ihnen kann der Effekt den ein Amoklauf auslöst erhöht werden, aber auf der anderen Seite sind sie ebenso wenig wie Computerspiele Auslöser eben dieser.
    Bessere Kontrollen im Jugendschutz wie auch bei der Waffenlagerung machen Sinn, aber nicht diese Hysterie wie sie von manchem Politiker geschürt wird.

  2. ich sag ja immer, dass nicht verhindert werden muss, dass gewalt erfolgt, sondern dass menschen sie überhaupt nutzen wollen. aber wie auch immer, der diskussion mit den waffen sollte von politikern mehr aufmerksamkeit geschenkt werden, als der diskussion mit spielen. ich wr auch schonmal im schützenverein und verstehe eigentlich wieso man waffen unbedingt mit tradition in verbindung bringen muss. “[…] Die Vermittlung von Werten durch den Schießsport an unsere Kinder und Jugendlichen trägt zur Integration in die örtliche Gemeinschaft bei.” „schießsport“ könnte man an der stelle doch leicht durch eine andere tätigkeit ersetzen.

  3. Grenor, Fakt ist: Ohne die legal erworbenen Waffen wären die Amokläufe von Erfurt, Winnenden und Emsdetten nicht möglich gewesen. Jedenfalls nicht in dem Ausmaß. Die Mittelstandsbubis dürften wohl eher weniger die Möglichkeit gehabt haben illegal an die Waffen zu kommen.

    Es geht hier nicht um Auslöser, oder darum dass es den Betroffenen dadurch besser gehen würde, das ist klar. Die Diskussion muss weit über Waffen hinaus gehen.

    Aber die … Waffenbefürworter (sorry, ein besserer Begriff fällt mir nicht ein, jedenfalls kein neutralerer) müssen sich die Vorwürfe schon gefallen lassen, dass es eben ohne die legal erworbenen Waffen nicht zu solchen Ausschreitugnen gekommen wäre.

    Pistolen und Gewehre (zumindest die meisten) sind explizit für das Töten von Menschen hergestellt worden, da kann mir keiner was anderes erzählen. Das es Menschen gibt die mit diesen Waffen Sportschießen ausüben wollen ist ja durchaus aktzeptabel, nur sollte man sich überlegen ob die Art und Weise, wie die Waffen gelagert werden (mal so als Beispiel) nicht überdacht werden sollte.

    Just my 2 cents

  4. SwA, Ich bin da ja auch für stärkere Kontrollen, aber man macht es sich zu einfach, wenn man es einfach nur auf die legalen Waffen schiebt. Ja, sie müßten besser gesichert sein, aber dieses „Fakt“ das Erfurt, Winnenden und Emsdetten in dem Ausmaß nicht möglich gewesen wären ist keins. Es ist nicht klar vorhersehbar, wie sich eine starke Einschränkung im Bereich der legalen Waffen auf den illegalen Markt auswirkt. Ebenso ist nicht klar, was diese Personen in die Wege geleitet hätten, wenn keine Waffen im Elternhaus vorhanden gewesen wären. Ja es ist wahrscheinlich, das sie weniger Schaden verursacht hätten, aber ist nicht klar. Wenn für mich das Leben anderer und mein eigenes den Wert verliert und ich nur noch auf Rache aus bin, dann habe ich genug Möglichkeiten Tod und Verwüstungen zu verbreiten. Vom einer einfach selbst gebauten Rohrbombe(dafür sind keine illegalen Stoffe notwendig) über Autos und Molotow Cocktails. Wenn ich es will, kann ich meinen Mitmenschen schaden und das geht auch recht effizient ohne Schußwaffen.

  5. @admin: die 96% sind die illegalen, nicht die legalen Waffen laut dem Zeitungsbericht.
    Damit wird das Zitat dann auch wieder logisch ;-)

  6. “Die Waffenlobby ist nicht nur einflussreicher, vor allem ist sie bewaffnet.”

    Ganz genau. Wieder ein schlagkräftiger Beweis dafür worum es den ganzen Populistischen Verbotsforderern in der Politik und auch sonst wo, eigentlich geht: Wählerstimmen zu bekommen und nicht auf einmal bei einer weitaus einflussreicheren Zielgruppe ziemlich dumm dazustehen.
    Und wieder ein Beweis dafür das ich vermutlich kopfschüttelnd am Sonntag wieder gehen muss, nachdem ich mir angesehen habe wen ich denn alles wählen könnte, denn meine Stimme hat bisher KEINER verdient. Ich bete ja darum das die Demonstration heute richtig reinhaut.

  7. Diese ganze Waffendebatte ist sinnlos. Tim K. hätte genauso gut einfach mit dem Auto über den Schulhof fahren können und hätte dabei vermutlich sogar mehr Leute erwischt.

  8. “Gerade die Schützenvereine lehren […] vor allem Jugendliche, einen umsichtigen und verantwortungsbewussten Umgang mit Waffen und Munition.”
    -ja, aber sie lernen ihn!!!
    mein gott, und wie sollen wir denn einen vereinssinn entwickenl wenn ihr unsere treffen verbietet!!!
    maaaan

  9. „Gerade die Schützenvereine lehren […] vor allem Jugendlichen, einen umsichtigen und verantwortungsbewussten Umgang mit Waffen und Munition.“

    Damit haben sie Pc-Spielen eines voraus: Sie lehren den Umgang mit Waffen, Pc-Spiele hingegen nur den Umgang mit den Eingabegeräten (Maus,Tastatur,Gamepad usw.)

  10. Wer glaubt das jemand der vor hat, soviele Menschen wie möglich bei seinem „erweiterten Selbstmord“ mitzunehmen, nicht auch entschlossen genug ist um sich notfalls eine Illegale Waffe zu besorgen, dem ist echt nicht mehr zu helfen.

  11. “Die Schützen seien wichtiger Bestandteil von Brauchtum und Tradition, […] Garant für die innere Sicherheit und keine Gefahr. Unter diesem Aspekt sollte die Diskussion geführt werden, denn in der täglichen Arbeit engagieren sich die Verantwortlichen für Tugenden wie Disziplin, Ausdauer, Geduld und Vereinssinn – Eigenschaften, die man brauche. Nicht Killerspiele, sondern Teamgeist und Fairness […].”

    Die Schützen seien ein wichtiger Bestandteil der Wählerschaft für die CDU und CSU; Tradition hin oder her.
    Was haben Schützen mit innere Sicherheit zu tun?
    Mit Sicherheit wohl weniger, eher mit Sicherheitsrisiko, da sie an echte gefährliche Waffen herankommen.
    Disziplin, Ausdauer, Geduld und Vereinssinn hatten wohl auch Robert S.(Erfurt) und Tim K.(Winnenden), als sie all die Menschen in ihren Ex-Schulen umgeballert haben.
    Bei Videogames gibt es auch Teamgeist und Fairness, sowas wirds wohl bei einem Schützenverein nicht wirklich geben, da sie ja nicht als Team versuchen müssen eine Bestimmte Sache zu erfüllen.
    Bei CS muss man als Team eine Bombe legen oder genau das verhindern, das ist Teamgeist.
    Und Fairness gibt es bei Games, dass niemand cheatet, sowas gibs nicht bei den Schützenvereinen.
    Also Herrmann, du redest wiedermal nur CSU Müll, VERBIETET CSU VERBIETET CSU VERBIETET CSU

  12. Zu Joachim Herrman;
    schonmal von Dorfschützern gehört?
    Im Balkan gibt es diese Leute, die von Armee und Polizei beschützt werden, sich nicht an das Recht halten müssen, und Täter zahlreicher Einbrüche und Vergewaltigungen sind.
    Soviel zu ihrer inneren Sicherheit!

  13. Solche Leute müssten wegen „Volksverarschung“ ihres Amtes enthoben und ins Gefängnis geworden werden.
    Die sind eine Zumutung für unser Volk.

  14. Dieser Text zeigt mal wieder die Realität! In dieser Hinsicht: Heil (nicht) Hermann, denn Killerspiele sind wie Kinderpornographie! Scheiss deutsche Diktatur 2, hauptsache dinge schützen, die man selber mag, aber andere platt machen! Ich hasse dieses kack Land! Wirklich! Ich hasse es! Nazis in der Politik! ABER WIR SIND JA SOOOOOOOOOOOO ANDERS ALS FÜRHER NUR IRGENDWIE FAST GENAU SO NUR IRGENDWIE ANDERS! AAAAAAAAAAHHHHHHH!!!

    So, hab mich noch mal ausgekozt! Danke fürs zuhöhren!

  15. Die news gefällt mir die selben gedankengänge hatte ich auch schon.

    Finde auch einige aussagen diesbezüglich die so von einigen leuten gemacht werden recht lächerlich. So konnte man vor einiger zeit einem vertreter der waffenlobby auf ZDF zuhören der wie immer die selben zahlen genannt hat „97% der verbrechen mit illegalen waffen“ lächerlich wurde das ganze aber ab dem punkt als der Herr dann gemeint hat es sei kein problem sich die waffen auf dem schwarzmarkt zu besorgen. Als beispiel nannte er das man auf dem schwarzmarkt handgranaten schon ab 5€ bekommt und eine AK-47 für ganze 100€.

    5€ für ne handgranate? Auf dem schwarzmarkt? Wenn es wirklich so günstig und einfach ist wie einem hier erzählt wird frag ich mich warum man dann so selten von irgendwelchen verbrechen mit handgranaten hört oder von welchen bei denen sturmgewehre eingesetzt wurden (sowas bekommt dann doch ne news meldung weils nix alltägliches ist). Amokläufer scheinen da ja dann wohl auch ziemlich doof zu sein wenn diese sich den stress machen molotovs zu bauen und aus einem feuerlöscher ne bombe zu basteln wenns doch beim schwarzmarkt um die ecke die granate für 5€ das stück gibt.

    Überhaupt.. wenn wirklich solche zustände herrschen dann wäre das doch umso mehr ein grund die ganze sache mal in angriff zu nehmen anstatt sich auf videospiele einzuschiessen.

    Auch denke ich das an so eine scharfe waffe zu kommen ausserhalb eines schützenvereins nun nicht wirklich was einfaches oder alltägliches ist und ich habe mich beizeiten auch in recht illegalen kreisen bewegt.

  16. “Die Waffenlobby ist nicht nur einflussreicher, vor allem ist sie bewaffnet.” Das ist mal ein harter Schlusssatz. Ich denke das trifft aber vollkommen zu. Man schlägt nicht die Hand, die einen füttert. Da sind die Gamer doch das bessere Opfer.

  17. @Densor
    5 Euro wäre sehr sehr günstig selbst für Schwarzmarktverhältnisse, die Preise liegen hier eher bei 15 bis 35 Euro je nach Typ und Alter und der Preis für eine Ak 47 liegt je nach Alter ab 350 Euro aufwärts und das sind dann auch eher Preise die man in ärmeren Ländern zahlen muß und die Schwarzmärkte sehen zumindet in Europa auch nicht so aus wie ein typsicher Flohmarkt mit Waffen sowas ist einfach nur Quatsch.

    Eine Bunderwehrpatrone für das G3-Gewehr kostet allein schon 63 Cent wieviel hier eine Granate oder gar die G3 selbst kostet kann sich wohl jeder denken.

    PS: Nein ich bin KEIN GANGSTER aber sowas weiß man halt(oder auch nicht).

  18. Natürlich hat der Vater von Tim so ziemlich alles falsch gemacht was man als Sportschütze falsch machen kann. Waffe und Munition zugriffsbereit aufzubewahren ist leichtsinnig und unverantwortlich. Nicht ohne Grund befürworten Sportschützen regelmäßige Kontrollen. Wir sind aber nicht bereit nach jedem Amoklauf irgendeines Geistesgestörten weiteren unsinnigen Einschränkungen unserer Sportart zuzustimmen nur um in der Öffentlichkeit gut dazustehen. Das wäre reiner Populismus.

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