„Killerspiele“-Vernichtung wird fortgesetzt

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Die Veranstaltung des „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ (AAW), bei der am vergangenen Samstag bestimmte Videospiele gesammelt wurden um sie später in der Müllverbrennungsanlage zu vernichten, hat Symbolcharakter. Es wurden zwar bereits nach Erfurt unter dem Motto Macht kaputt, was euch kaputt macht! gewaltdarstellende Videospiele gesammelt, doch die jüngste Veranstaltung zeigt in ihrem Gesamtbild was bei der Debatte um „Killerspiele“ falsch läuft.

Allein die Verwendung des Begriffs der „Killerspiele“ hat der Aktion wenig Glaubwürdigkeit verliehen, wobei die folgenden Definitionsversuche ein noch größeres Maß an Unkenntnis offenbart haben, als man es im Vorfeld befürchten müsste. Während anfangs dazu aufgerufen wurde solche Spiele abzugeben, „die das Töten von Menschen simulieren“, grenzte man das Profil nachträglich ein. So schloss man Schachspiele von der Aktion aus, da hier „nur Bauernfiguren und keine Bauern getötet werden“. Möchte man damit unterstellen, dass in Videospielen anderes der Fall ist? Auch die abschließende Klarstellung wirft mehr Fragen auf als sie beantwortet. So sammele man ausschließlich „solche Spiele, die vom amerikanischen Militär entwickelt wurden, um die Gewaltschwelle zu senken“. Abgesehen davon, dass mir nur ein Fall bekannt ist, in dem das US-Militär ein Videospiel entwickelt hat – „America’s Army“ zu Werbezwecken und nicht zur Senkung der Gewaltschwelle – sind mir auch sonst keine Spiele bekannt die vom Militär zum genannten Zweck eingesetzt werden. Das AAW hat mit dieser Erklärung ein erschreckendes Maß an Unkenntnis offenbart. Wenn man die Verbrennung von etwas plant wäre es nicht zu viel verlangt sich im Vorfeld versichern zu lassen, dass das Gesuchte überhaupt existiert.

Symptomatisch ist auch die Äußerung von Herrn Schober, mit der er sich gegen die Kritik des VDVC verteidigen wollte. Dieser habe die Aktion falsch verstanden, man gehe „nur gegen Killerspiele vor“. Angesichts seiner Feststellung, dass der Intellekt der Spieler nicht sehr hoch sei, fragt man sich wie er die Zeit während seines Geschichtsunterrichts verbracht hat. Mich würde seine Antwort auf die Frage interessieren, ob er auch seiner Meinung nach schlechte Bücher öffentlich sammeln und anschließend verbrennen würde. Ich hoffe, dass man hier ein „Nein“ von ihm hören würde, auch wenn dies eine wohl weitverbreitete Einstellung gegen Videospiele widerspiegelt. Diese werden offenbar immer noch als „Kinder“-spiel aufgefasst und als Kulturgüter nicht ernst genommen. In den Kommentaren mancher Seiten findet sich sogar der Vorwurf, dass jemand, der die Verbrennung von Büchern mit der von Videospielen vergleichen würde, schon lange kein gutes Buch mehr gelesen habe. Ich selbst muss eingestehen, dass viele Bücher, sicherlich auch in Anbetracht dessen, dass sie als Medium einen Tick länger als Videospiele existieren, mehr Anspruch als die meisten Videospiele haben. Trotzdem muss aber zwischen Medium und Inhalt unterschieden werden. Genauso wenig wie man auf die Idee kommen sollte Bücher zu vernichten sollte man Videospiele verbrennen. Hier sagt der Ausspruch von Herrn Schober in Bezug auf die Kritik der Gamer, dass „betroffene Hunde“ bellen, viel aus. Schober meinte sicherlich „getroffene Hunde“ in Bezug auf die Verantwortlichkeit bei Amokläufen, tatsächlich wird man mit „Betroffenheit“ als Motiv den wahren Beweggründen viel näher kommen. In Anbetracht dessen, dass Videospiele nicht nur faktisch ein Teil der (Jugend-) Kultur sind, sondern die Spielebranche auch im Deutschen Kulturrat vertreten ist, kann bei der Verbrennung von Videospielen offiziell von der organisierten Vernichtung von Kunst- und Kulturgütern gesprochen werden. Besonders erschreckend: Die Aktion findet nicht nur vor der Stuttgarter Staatsoper statt sondern mit Anneliese Hermes ist auch noch eine Künstlerin an der Aktion beteiligt, die den Container bei einem Straßenfest gestaltet hat. Ich weiß nicht welch ein Verhältnis das AAW zu Kunst- und Kulturgütern pflegt, aber mich würde es betroffen machen, wenn angesichts der Verbrennung von Medien, egal ob es sich bei ihnen um Bücher (Harry Potter), Musik-CDs (Heavy-Metal), Filme oder Videospiele handelt, kein Aufschrei durch die Gesellschaft geht. Hier wird offenbar versucht den eigenen Anspruch auf die kulturelle Deutungshoheit zu demonstrieren.

Erst während der Berichterstattung über die anlaufende Aktion hat sich noch ein weiteres Details herauskristallisiert. Lange Zeit blieb offen, was mit den gesammelten Videospielen geschehen soll. Erst später tauchte die Information auf, dass die Videospiele tatsächlich im MHKW Göppingen bei Temperaturen von mehr als 850 °C verbannt werden sollen. Während also von den Eigentümern abgegebene Waffen an Sammler weitergegeben oder von den Kommunen schlicht wieder verkauft werden landen Videospiele tatsächlich auf dem Scheiterhaufen. Bereits bei vielen Berichten über Amokläufe hat man den Eindruck, dass die Täter den Umgang mit ihrer Waffe nicht im Schützenverein sondern am PC erlernt haben sollen. Diese merkwürdige Gewichtung spiegelt sich offenbar auch bei der Entsorgung der jeweils gesammelten Gegenstände wieder.

Aber auch in den Presseberichten der Printmedien zeigt sich eine gewisse Schieflage. Von wenigen Ausnahmen abgesehen wurde der Schwerpunkt nicht auf die geplante Vernichtung von Kulturgut sondern auf die in einigen Fällen wohl auch etwas zu weitgehende Kritik der Gamer gelegt. So wurde von Bedrohung der Angehörigen gesprochen, die sogar das Engagieren einer privaten Sicherheitsfirma notwendig gemacht habe. Angesichts von mehr als 500 Mails habe Schober Übergriffe befürchtet. Während nun diese Bedrohung in nahezu epischer Breite geschildert wurde rückte die Veranstaltung soweit in den Hintergrund, dass z.B. die Leser der Berliner Morgenpost lediglich erfuhren, dass es um einen Container gehe, „in dem Material gesammelt“ werden soll. Auch bei der Aktion selbst wurde ausführlich über ein etwas misslungenes Plakat – „Stoppt den Trauer-Terror“ – berichtet, wohingegen die Aussage von Schober, wonach man Spiele sammeln würde, die vom Militär zur Senkung der Tötungshemmung hergestellt worden seien, unkommentiert und somit für den Zuschauer und –hörer als „wahr“ im Raum stehen blieb. Beim SWR stellte man es sogar so dar, als ob die Spieler hier auf dem Holzweg wären. Aber auch die üblichen Fehler kann man wieder zahlreich finden. So ist davon die Rede, „dass der Amokläufer von Winnenden auch regelmäßig Gewalt verherrlichende Spiele“ genutzt habe. Soweit bekannt hat Tim K. keine nach § 131 StGB verbotenen und somit auch keine „gewaltverherrlichenden Spiele“ gespielt. An anderer Stelle spricht man von „gewalttätigen Spielen“, was ebenfalls nicht ganz den Kern der Sache trifft. Oder sind Sie schon einmal von einem Spiel angegriffen worden? Auch wird mit der Aussage, dass der Spieler versucht „so viele Gegner wie möglich töten, bevor es ihn selbst erwischt“, das Spielziel von vielen Ego-Shootern nicht zutreffend wiedergegeben.

Aber auch inhaltlich gibt es Zweifel an einer in den Presseartikeln weit verbreiteten Aussage:

„In den aufgestellten Müllcontainer hatten bis zum frühen Nachmittag vor allem Jugendliche bei der Aktion der „Familien gegen Killerspiele“ etwa zwei Dutzend Computerspiele wie das umstrittene Counter-Strike weggeworfen.“

Nach Berichten, Fotos und Videos von bei der Aktion anwesenden Gamern brach das AAW die Aktion gegen 16:30 Uhr ab. Bis dahin hatten lediglich 4 und keine zwei Dutzend Videospiele ihren Weg in den Container gefunden. Bei diesen soll es sich um die „Playstation 2“-Titel „GTA: San Andreas“ und „Def Jam Fight for New York“, ein Gameboy-Modul von „Small Soldiers“ und um das auf einen Rohling gebrannte und mit ausgedrucktem Cover versehene kostenlose Spiel „Open Arena“ gehandelt haben. Während die ersten beiden Titel noch in Plastikfolie eingeschweißt waren bzw. man noch das Preisschild erkennen konnte, soll das AAW von „Open Arena“ mindestens drei Rohlinge als Requisite genutzt haben. Mit diesen Scheiben wurde, ebenso wie mit den Playstation-Titeln, wiederholt das Einwerfen in den Container nachgestellt. Quelle von „Open Arena“ war offenbar die Piratenpartei. Man hatte die Spiele dem AAW übergeben, damit sie sich einmal ein „Killerspiel“ anschauen können. Ein Bild-Reporter soll nach Berichten von Anwesenden auch selbst ein Spiel mitgebracht sowie versucht haben, von stigma-Lesern ein Statement für die Aktion zu bekommen – natürlich erfolgslos. Inwieweit die 4 Spiele tatsächlich von Jugendlichen aus eigenem Antrieb in den Container geworfen worden ist unsicher. Bei Filmaufnahmen wurden meist Kinder gesehen, die die wohl extra für diesen Zweck gekauften „Playstation 2“-Spiele in den Containern helfen. Selbst Mitglieder der Piratenpartei wurden angesprochen, ob sie nicht für ein Foto Videospiele in den Container werfen könnten. Angesichts dieser Vorgänge sprachen auch Mitglieder des AAW davon, dass die Aktion inszeniert sei. Im Endeffekt ist abgesehen von zwei offenbar extra für die Aktion gekauften Spielen und dem von der Piratenpartei zu einem anderen Zweck an das AAW übergebene Titel nur ein einziges Objekt mit ungeklärter Herkunft im Container gelandet: Das von der USK ohne Altersbeschränkung freigegebene Gameboy-Spiel „Small Soldiers“.

Zusammenfassend ist die Aktion eine erstklassige Parabel auf die aktuelle Diskussion um „Killerspiele“. Eine Hand voll Leute geriert sich als Retter der Menschheit, in dem sie für die Medien die Vernichtung nicht existierender Videospiele fordert und durch geläuterte Kinder nachstellen lässt. Stuttgart ist nun frei von „Killerspielen“ und die Welt ein Stück besser. In dieses Bild passt auch, dass die Aktion vom AAW als sehr erfolgreich gewertet wird und in weiteren Städten wiederholt werden soll.

159 Gedanken zu “„Killerspiele“-Vernichtung wird fortgesetzt

  1. @ eMCe: „Der programmierte/gewollte Skandal.“
    .
    Das brauchst Du einem AAW – Mitglied eigentlich nicht extra erklären, wie sowas funktioniert. Die können das auch so.

  2. @Cyclonos
    Ist mir da etwas entgangen? Bis auf Deutschland kenne ich kein europäisches Land in dem es nicht erscheinen konnte. Die britische BBFC Hat ihm schließlich doch auch noch ein Kennzeichen erteilt, von der PEGI Hätts ja sowieso eines bekommen – auch im komplett unzensierten Zustand wie es am PC Aussehen soll…

  3. Pingback: Container bleibt leer: Killerspielsammlung in Stuttgart floppt - Supernature-Forum

  4. Ein wirklich wundervoller Artikel, leider mit einem bitteren Nachgeschmack. Zumindest für mich.
    Es tat mir sehr leid herauslesen zu müssen das untergründig wieder der Schwarze Peter den Schützenvereinen und Sportschützen zugeschoben wurde, die seit Jahren durch immer schärfere Gesetze faktisch enteignet werden, oder teure (und problemlos umgehbare) Sicherheitssysteme kaufen müssen. Ganz nebenbei wird noch das Grundgesetz ausgehebelt und Schützen ebenso wie Computerspieler unter Generalverdacht gestellt.

    Eine Frage und eine bitte hätte ich da, ebenso als (Sport-)Schütze, als auch als Computerspieler:
    1. Sollten wir nicht eher zusammenarbeiten, anstatt bei dem jeweils anderen Thema solche wie bei dieser Aktion unterstützen? In mindestens drei Waffenforen wurde das bekanntgemacht und dazu aufgerufen, die Gegenaktion zu unterstützen. Um hier jetzt zu lesen Schützenvereine sind die eigentlichen bösen? Finde ich unsinnig.
    2. Bitte, ihr wollt das nur über Computerspiele schreibt wer Ahnung davon hat und sich erst informiert wird: Bei den Sportschützen ist es genau das gleiche. Wenn jemand von euch in der Nähe von Hamburg wohnt kann ich ihn gerne mal zu einer Schnupperrunde Softairtraining einladen, in der Berliner Umgebung finden gelegentlich Armbrusttourniere Stadt, bei München ist manchmal Großkaliberschnupperschießen und ansonsten kann man euch zB. bei co2air.de sicherlich etwas vermitteln.
    wenn dann immernoch Schützenvereine die bösen sind in Ordnung. Aber bitte erst dann.

  5. @SKA!man
    Ich bin ja schon seit Jahren dafür das sich Gamer, Schützen und Paintballer zusammentun denn wir alle sitzen letztlich im gleichen Boot.

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  8. Man versucht mit solchen Aktionen doch lediglich, Ursachen für die gesteigerte Gewaltbereitschaft der heutigen Jugend zu finden. M. E. läuft das vollkommen in die falsche Richtung. Es liegt natürlich in der Natur des Menschen, für jeden Effekt und jedes Ereignis eine Ursache zu finden. Dass die bisherigen Amokschützen Fans von gewaltdarstellenden Computerspielen waren, ist doch kein Zufall. Ich denke, fast jeder Mensch zwischen 15 und 30 Jahren hat ein Spiel zu Hause liegen, dass Gewaltdarstellungen enthält.
    Man sollte das Augenmerk lieber auf offensichtliche Problematiken wie z. B. gesellschaftlicher Wandel, Erfolgsdruck von Jugendlichen, Vernachlässigung dieser durch die Eltern oder Perspekttivlosigkeit lenken.

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