Figaro: Geiselnahme wegen "Super Mario 2"

Nachdem wir mit LiquidSnakE einen Ausflug nach Österreich unternommen haben, hat mich Shane_Fenton auf die französische Presse aufmerksam gemacht. Bereits 1993, dem Erscheinungsjahr des Ego-Shooters „Doom“, wurde zwischen Videospielen und einer Geiselnahme eine Verbindung hergestellt. Der geistig verwirrte Érick Schmitt hatte mit Sprengstoff 21 Schüler in seine Gewalt gebracht, konnte aber von der französischen Polizei erschossen werden. Noch während die Geiselnahme andauerte, also über den Täter wenig bekannt war, wurde im „Figaro“ ein Artikel veröffentlicht. Er basiert auf der Aussage eines Polizisten, wonach es sich bei Schmitt um einen „Computer-Wahnsinnigen“ handelt, der „zweifellos seine Tat nach den Prinzipien der Rollenspiele entworfen hat„:

Die Geiselnahme der Vorschule in Neuilly-sur-Seine ist aus zwei Gründen völlig neuartig. Zum einen gibt es keinen Präzedenzfall in den Annalen des französischen Schulwesens, und zum anderen könnte der Fall das erste dramatische Eindringen der Welt der Videospiele in die Wirklichkeit sein. Das psychologische Profil des Geiselnehmers, so wie es von den Verantworlichen der Kriminalpolizei beschrieben wird, scheint wahrhaftig das seines Suechtigen von “Super Mario”, „Megamania“, „Zelda“ und anderen Spielen zu sein. Diese “Videospiele” sind aktuell der Renner und faszinieren sowohl Kinder als auch Erwachsene. […] Wie in Rollenspielen sprechen die Teilnehmer in einer Geheimsprache. Sie bedeutet, dass sie dem von einem Geiselnehmer vorgeschriebenen Schema entsprechen. Wie in “Super Mario 2” schützt sich der Täter bei seinem Plan durch “Leben” – die der Kinder – und “Superkräfte” – die seiner Sprengkörper – und versucht, Goldstücke zu gewinnen.

Französischer Artikel

Und für alle, deren Französisch etwas eingerostet ist, die Übersetzung (Dank an Shane_Fenton):

SuperPower – Leserbriefe

Nicolas Durand hatte die extreme Geistesgegenwart, uns eine Seite des Figaro zu schicken, die wärend der Geiselnahme der Schule « Commandant Charcot » in Neuilly erschienen ist. Um sich zeitlich zurechtzufinden : der Artikel wuerde von Thierry Oberlé zu dem Zeitpunkt geschrieben, als der Geiselnehmer noch lebte, einige Kinder festhielt, und man absolut nichts über ihn wusste. Man erfuhr erst viel späeter, als das Einsatzkommando eingriff, dass er Eric Smidt hiess und einst Informatiker war – doch nun Arbeitsloser, denn seine Firma ging drei Jahre zuvor pleite. Sie werden sagen, dass dieser tragische Fall nicht viel mit der Welt der Videospiele und insbesondere mit Nintendo zu tun hat. Nun, Thierry Oberlé scheint da anderer Meinung zu sein. Hier sind einige Auszuege aus seinem Artikel:

“… Die Geiselnahme der Vorschule in Neuilly-sur-Seine ist aus zwei Gründen völlig neuartig. Zum einen gibt es keinen Präzedenzfall in den Annalen des französischen Schulwesens, und zum anderen könnte der Fall das erste dramatische Eindringen der Welt der Videospiele in die Wirklichkeit sein. Das psychologische Profil des Geiselnehmers, so wie es von den Verantworlichen der Kriminalpolizei beschrieben wird, scheint wahrhaftig das seines Suechtigen von “Super Mario”, Megamania, Zelda und anderen Spielen zu sein. Diese “Videospiele” sind aktuell der Renner und faszinieren sowohl Kinder als auch Erwachsene.”

Nun kommen die Einschätzungen eines der Chefs der Anti-Terror-Bekämpfung:

“… Wir haben es mit einer sehr verwirrten Person zu tun, die aber gleichzeitig sehr intelligent ist. Einer Art Computer-Wahnsinnigen, der zweifellos seine Tat nach den Prinzipien der Rollenspiele entworfen hat. »

Etwas weiter unten im Artikel kann man lesen:

“… Wie in Rollenspielen sprechen die Teilnehmer in einer Geheimsprache. Sie bedeutet, dass sie dem von einem Geiselnehmer vorgeschriebenen Schema entsprechen. Wie in “Super Mario 2” schützt sich der Täter bei seinem Plan durch “Leben” – die der Kinder – und “Superkräfte” – die seiner Sprengkörper – und versucht, Goldstücke zu gewinnen.”

Es war unsere Pflicht, gegenüber einer solchen Flut von Albernheiten zu reagieren. Sobald der Brief unsere zitternden Hände erreichte, riefen wir den Figaro an und fragten nach Thierry Oberlé. Letzterer war trotz seiner vielen Arbeit (vergessen wir nicht, dass der Figaro eine Tageszeitung ist) einverstanden, mit uns zu sprechen. Unseren Fragen gegenüber zeigter er sich jedoch wesentlich weniger cool. Herr Oberlé versicherte uns, die Welt der Videospiele zu kennen. Wenn dem so ist, dann ist sein Wissen aber sehr, sehr begrenzt (siehe Artikel). Der Autor behauptete auch, bereits Rollenspiele gespielt zu haben, jedoch war er unfähig, uns auch nur den Namen eines einzigen Rollenspiels zu nennen.

Es scheint also, dass der “Journalist” die Gelegenheit interessant gefunden hat, die ihm gewährte Zeitungsseite zu beenden, indem er die Aussagen des Anti-Terror-Bekämpfers ausnutzt und das Thema der Gefährlichkeit der Videospiele anspricht. Nach der Epilepsie (30 Fälle in Frankreich), nun also die Geiselnahmen. Es ist offensichtlich, dass Eric Smidt Super Mario 2 spielte, als er seine Geiselnahme plante. Er entwickelte seine Reaktionen gegenüber der Polizei, wahrend er Ganon in Zelda 3 tötete. Was für ein Irrsinn. Falls Herr Thierry Oberlé sich einmal die Mühe machen sollte, eines der Meisterwerke von Nintendo anzuspielen, wird er sehen, dass ein Videospiel ganz schön weit von dem entfernt ist, was Eric Smidt zu tun versuchte.

In einem Videospiel kommt man nämlich durch Fehler vorwärts, bei denen man Leben verliert. Man hat Erfolg erst nach tastenden Versuchen. Eric Smidt hatte nur ein Leben, um seine Wahnsinnstat zu verwirklichen: sein eigenes. Das macht bereits einen großen Unterschied. Falls Thierry Oberlé eines Tages ein echtes Rollenspiel spielt, wird er sehen, dass es keine Geheimformel zu sprechen gibt. Jedes Spiel besitzt zwar gewisse Fachbegriffe, aber so ist es in jedem Gebiet, sobald man ein wenig genau werden will. Zum Beispiel, wenn ein Musiker einen anderen Musiker bittet, sein Instrument auf 430Hz statt 440Hz zu stimmen, dann handelt es sich sicher nicht um einen Geheimcode, sondern um einen präzisen Begriff, der nur Fachleuten bekannt ist.

Zuguterletzt waere es angebracht, einen jeden daran zu erinnern, dass man nicht über Dinge sprechen sollte, von denen man nichts versteht, und dass man nicht Themen vermischen sollte, die absolut nichts miteinander zu tun haben (ich denke hier bestimmt an keine spezielle Person). Jedenfalls beruhigen wir Sie: trotz der vielen Stunden, die wir mit Videospielen verbringen, ist uns eine Geiselnahme nicht in den Sinn gekommen. Es ist für uns viel lustiger, die letzten Neuheiten auszuprobieren, und es ist auch wesentlich weniger riskant.

Um nicht einfach hierbei zu verbleiben, verweisen wir in diesem Zusammenhang auf die Sendung von Guillaume Durand namens “Bei Nacht”, die den Videospielen gewidmet ist, und die im September stattfinden wird. Wir werden im Publikum sein und versuchen, uns einzubringen, zum Beispiel indem wir von diesem Artikel berichten, oder erst recht, wenn ein anderer Witzbold anfängt, live während der Sendung Unsinn zu erzählen. […]

Sumo, der Weltverbesserer

16 Gedanken zu “Figaro: Geiselnahme wegen "Super Mario 2"

  1. Ich dachte es geht nicht mehr schlimmer und dann das.
    Der Typ hat echt ein Rad ab.
    Ich vermute mal das war kein missglückter Versuch lustig zu sein oder was zu Parodieren.
    Uns kanns nur recht sein, ein Beispiel mehr für die grob fahrlässige bis verleumnderische Berichterstattung über Videospiele.

  2. Hat der keine hobbys oder was?
    ich meine wie blöd muss man eigentlich sein um so was zu schreiben?
    Ich denke das grösste Problem dabei ist, das sich das bis heute nicht verändert hat.
    Die politiker(die meisten) informieren sich heutzutage kein bisschen über die sachen die
    sie von sich geben. Die sind alle nur am Profit interessiert und daran ein paar letzte
    eingestaubte Wähler zu mobilisieren.
    Meiner meinung nach wird sich das ändern, wenn mal alle unzufriedenen Generationen zur
    Wahl gehen bzw. etwas dagegen tuen.

  3. Eins muss man schon sagen: Eine Geiselnahem mit Super Mario oder Zelda zu vergleichen oder gar eine Verbindung herzustellen, zeigt die Absurdität solcher Aussagen in ihrem vollstem Umfang.

  4. Loool. Erinnert mich irgendwie an eine Sache aus GTA III, wo eine Mutter bei Lazlo (Chatterbox) anrief und sich aufregt, dass ihr Sohn nur noch das Haus rennt und Goldmünzen sucht, seit er „Pogo the Monkey“ spielt. Nach Ansicht der Mutter ein schreckliches Vorbild, weil sich alles nur um Geld drehen würde.
    .
    Geiselnahmen habe ich in SM noch nie wahrgenommen, eher Geiselbefreiung (Prinzessin), die Animierung zu Gewalt gegen Tiere (Schildkröten), die Fixierung auf das Erlangung von Reichtümern (wie oben) und die Verharmlosung von Drogen (Wachtumspilze).
    .
    P.S.: Ja, das ist Ironisch gemeint. ;)

  5. Pingback: Tweets die Stigma Videospiele » Blog Archive » Figaro: Geiselnahme wegen “Super Mario 2? erwähnt -- Topsy.com

  6. Davon habe ich doch mal erzählt, ich erinnere mich noch an die damaligen Artikel in diversen Gamerzeitungen die schon zu jener Zeit nicht gerade selten die Hände über den Kopf zusammenschlugen ob des ganzen Blödsinns der verbreitet wurde (was sie auch heute noch regelmäßig tun weil sich an der Situation nichts gebessert hat) nur hatte ich den Artikel nicht mehr um zu beweißen das es solch einen Artikel gab. Danke für das Veröffentlichen des alten Artikels.

    PS: Es gibt noch viel viel viel… (ungefähr noch hundert x mal viel) mehr solcher herrlich absurden Artikel und Theorien die leider allesamt ernst gemeint sind/waren.

  7. und noch mario 2 (game boy) wo schon im menü man sich mit einer bombe „selbst in die luft jagt “ (savegame löschen).^^ lol

    Hoffen mir mal nicht das er die Wario Reihe ab Super Mario 3 endeckt. ;)

  8. Ich habe noch nie im Leben Super Mario gespielt, hatte da nie lust zu…
    …ich hatte nur Turtles und Kirby !!! Da hatte ich ja nochmal glück xD

  9. Pingback: Andere Dinge, die so gefährlich sind wie brutale Killerspiele « Caupanos Welt

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