Ettlingen – Nachlese

Auch wenn das in Ettlingen angedachte Verbot von „öffentlichen LAN-Partys mit Killerspielen“ zunächst gestoppt werden konnte, bieten Antrag und die Beschlussvorlage zur Ablehnung des Antrags Grund zur Sorge. So kann man dem Antrag nur schwer entnehmen, dass sich das geplante Verbot – wie es zwischenzeitlich hieß – auf Veranstaltungen in Hallen der Stadt beschränken sollte, im Gegenteil:

„Da in diesen Spielen, neben den unübersehbaren möglichen Schäden für die Psyche der jungen Leute, auch eindeutig Gewalt verherrlicht und evtl. sogar provoziert wird, beantragten wir öffentliche LAN-Partys mit Killerspielen, bzw. mit sämtlichen Spielen mit einer Altersfreigabe ab 18-Jahren (fast ausschließlich Gewaltspiele), in Ettlingen zukünftig zu verbieten.“

Eine Einschränkung, dass nur LAN-Parties in Gebäuden der Stadt untersagt werden sollen, ist nicht erkennbar. Es wird lediglich einmal darauf hingewiesen, dass in der Bürgerhalle bereits LAN-Parties stattgefunden haben. Auch in der Ablehnung findet sich nur der Hinweis, dass die Vermietung öffentlicher Gebäude nicht ohne weiteres verweigert werden könne, wenn keine rechtswidrigen Aktivitäten geplant sind. Es hat also den Anschein, dass hier tatsächlich versucht wurde öffentliche LAN-Parties mit Erwachsenen vorbehaltenen Videospielen zu verbieten.

Auch sonst gibt der Text nicht viel Grund zur Freude. So werden als Beispiel für die zu verbietenden „Killerspiele“ die nach dem Antrag „eindeutig“ gewaltverherrlichenden Ego-Shooter „CounterStrike“ und „FarCry 2“ genannt. Wenn dies der Fall würde, würden beide Spiele nach § 131 StGB verboten und nicht ab 18- bzw. 16 Jahren erhältlich sein. Des Weiteren wird von jungen Leuten gesprochen, obwohl viele LAN-Parties ohnehin nur für Volljährige zugänglich sind. Bei Erwachsenen sollte eine Bevormundung aus Gründen der Erziehung nicht mehr im Sinne des Erfinders sein. Mit einem Durchschnittsalter von mehr als 30 Jahren kann bei Gamern auch nicht pauschal von jungen Leuten gesprochen werden.

Erschreckend ist auch die Begründung des Antrages, in der krude Behauptungen zitiert werden:

„[…] Nicht erst seit dem Amoklauf in Winnenden mit 15 Toten und zahlreichen Verletzten gehen Experten davon aus, dass sogenannte Killerspiele bei zahlreichen Gewaltausbrüchen von Jugendlichen und Heranwachsenden einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Tatentschluss und die Tatsausführung hatten. Im Fall von Winnenden geht der psychatrische Gutachter, Reinmar du Bois, davon aus, dass der Täter zunächst seine Erfahrungen aus dem Spiel „Counter Strike“ in die Realität umsetzte. Seine Flucht und die Geiselnahme glichen darüber hinaus dem Handlungsschema aus seinem Killerspiel „Far Cry 2″.“

In der ablehnenden Beschlussvorlage werden diese Ausführungen nicht etwa widersprochen sondern bekräftigt.

„Killerspiele am PC stehen zu Recht in der kritischen öffentlichen Diskussion. Diese Spiele
verharmlosen und verherrlichen Gewalt und können damit negative Auswirkungen auf die
Menschen haben, die damit umgehen. Die vom Antragsteller zitierten Ausführungen der
Gutachter der Geiselnahme aus Winnenden geben hierfür deutliche Hinweise.“

Das Verbot sollte offenbar allein deswegen nicht umgesetzt werden, weil gegen die (noch) erlaubten Videospiele keine rechtliche Handhabe besteht. Dies zu ändern wird bereits vom Karlsruher Bürgermeister Fenrich vorangetrieben:

Aber wer solche Spiele für Jugend gefährdend hält – und dafür gibt es sicherlich ernst zu nehmende Gründe -, der muss entsprechende rechtliche Grundlagen schaffen und kann nicht von den Kommunen verlangen, juristisch für unbedenklich erklärte Spiele und deren Spieler willkürlich in die Illegalität zu verdrängen. Bereits am 07. Mai habe ich daher schriftlich an den baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech appelliert, „dringend die notwendigen Verfahrensschritte voran zu bringen, damit wir als Kommunen zeitnah verbindliche, rechtlich abgesicherte Maßnahmen zur Verfügung haben.

(Dank an Patrick.)

20 Gedanken zu “Ettlingen – Nachlese

  1. Es sagte einst Albert Einstein (sinngemäß):
    .
    „Es gibt zwei Dinge, die unendlich sind. Zum einen das Universum und zum anderen die Dummheit der Menschen. Aber beim Universum bin ich mir nicht so ganz sicher.“
    .
    Politiker sind auch nur Menschen… oder?

  2. @Admin: Wenn dies der Fall würde, würden beide Spiele nach § 131 StGB verboten und nicht „am“ 18- bzw. 16 Jahren erhältlich sein.
    da muss ein b hin
    @Topic: ich reg mich langsam nicht mehr auf…man könnte meinen die sind enwteder nicht lernfähig oder fanatisch…vielleicht auch beides.
    Gruß

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  4. Dann machen die Veranstalter das ganze eben offiziell „nicht-öffentlich“. Die Teilnehmer werden geladen. Z.B. indem man sich auf der Webseite der Veranstalter anmeldet. So könnte man das umgehen.
    .
    Dennoch: Das ganze ist eine Frechheit, und die Beweisführund schreit zum Himmel.
    .
    Gruß
    Aginor

  5. Und wiedereinmal ein Sammelsorium von Lügen bzw. Aussagen vor denen sich der Redner nicht richtig informiert hat.

    Wenn die NPD DVU oder weiß der Geier wie sich diese Faschovereine nennen da eine Versammlung machen wollen würden wäre die bestimmt ruckzuck genehmigt.

    Ich habe langsam Angst dass mich nach solchen Aussagen bald jeder Unwissende dem gegenüber ich mich als Gamer zu erkennen gebe für einen Psychpathen hält.

  6. Haben die Damen und Herren Politiker irgendwo eine Datei abgelegt, damit sie diesen Quatsch sofort immer parat haben?

    Dieselben unwahren Aussagen haben wir in unzähligen Varianten in den vergangenen Monaten doch oft genug gehört!

  7. Ob es da überhaupt noch Hoffnung auf eine positive Entwicklung gibt? Die Situation in Baden-Württemberg scheint aktuell in Deutschland tatsächlich am schlimmsten zu sein bei der politischen Verfolgung von Verboten oder Untersagungen. Wenn jetzt ein Verzicht darauf schon scheinbar allein damit begründet wird, dagegen, also gegen die Ausdrucksform und ihre RezipientInnen, NOCH keine praktisch ausreichende Handhabe zu haben – die Etablierung einer solchen zusätzlich noch anregt… Schon sehr arg und beängstigend. Wenn man sich das so durchdenkt bedeutet das doch, dass auf die Drängung in eine Illegaltiät bloß gewartet wird!? Und zwar noch dazu offenbar ziemlich ungeduldig… Furchtbare Lage. Noch vor Bayern und Niedersachsen…

  8. Nachtrag: @Sandra
    Erst einmal setzt sich „Far Cry 2“ kritisch mit aktuellen politischen Situationen in Afrika (!) auseinander, spielt größtenteils in Steppenlandschaften, wobei es um Diamanten und Waffenhandel geht. Da fangen die Probleme etwa schon an: bevor die Kultur anderer Menschen und diese selbst diskreditiert werden sollte man sich tatsächlich einmal über die Inhalte und Zusammenhänge informieren. Bevor diese in Abrede gestellt oder diffamiert werden. Gefallen müssen diese dabei nicht, doch mir gefällt vermutlich auch vieles nicht woran andere Freude haben. So etwas nennt sich innerhalb einer Demokratie plural
    Ich maße mir darüber keine Urteile an oder verbinde den konsensual geschaffenen Ausdruck Kreativer pauschal mit Gewaltverbrechen. Das sollte in keinem Deutschland des 21. Jahrhunderts auch nur den geringsten Platz haben. Leider scheint es im Gegenteil an der Tagesordnung zu stehen, und zwar heutzutage. Gegenwärtig. Mitten in Europa! Langsam muss ich mich ernsthaft fragen, ob hier aus der Geschichte gar keine kulturpolitischen Lehren gezogen wurden?

    Jürgen Mayer, aus Österreich

  9. Pingback: Demokratische Bankrotterklärungen « Jürgen Mayer

  10. „Seine Flucht und die Geiselnahme glichen darüber hinaus dem Handlungsschema aus seinem Killerspiel “Far Cry 2?.”

    So hat sich der Präsident des Weißen Rings, Hans Dieter Schwind einen halben Tag nach dem Amoklauf von Winnenden geäußert.
    Der Mann ist Experte. So ist er ein anerkannter Kriminologe, und zudem Gründer des Kriminologischen Institutes Niedersachsen KFN.

    Ein Jahr vor der Gründung dieses Instituts ist er als Justizminister des Landes Niedersachsen in die Organisation des Sprengstoffanschlages auf die Justizvollzugsanstalt Celle eingebunden gewesen.
    Er hat angeblich den Direktor des Gefängnisses über den bevorstehenden Anschlag informiert.

    Wieso die Opferhilfsorganisation Weißer Ring so einen Menschen zum Präsidenten macht, ist sicherlich eine Frage wert.

  11. politiker beschweren sich darüber, dass sich junge leute über ihren beruf auslassen und sie diskreditieren obwohl sie von diesem keine ahnung haben. irgendwie muss ich da doch sehr stark an gewisse glashäuser denken. ich sehe die forderung jedoch nicht als allzu große gefahr. schließlich sprach man von geltendem recht. zumindest in diesem fall scheint jemanden zu kümmern, dass unser hobby nicht illegal ist.

  12. Achje, mal wieder ne Baden-Würtembergische Gemeinde.

    Ich weiß schon warum mir alles südlich der hessischen Grenze suspekt vorkommt.
    Und das sage ich als jemand, der in einem Bundesland lebt, das den Koch abgewählt hat und sich ein Jahr später dachte „Ach, die alte Verbrecherfresse vermissen wir so sehr, den wollen wir wieder“.

    Da wollen sich mal wieder ein paar Leute profilieren. Wenns gerade Trend wäre Hexen für die saisonale Grippe verantwortlich zu machen, gäbe es bestimmt genug Menschen, die medial bezeugen würden wie die Rothaarige von nebenan auf einem Besen geritten ist.

    Aber der Text ist schon teilweise lustig zu lesen:

    „“Killerspiele am PC stehen zu Recht in der kritischen öffentlichen Diskussion“. Man muss erstmal betonen, dass die Debatte zu recht existiert. Glaubt der Verfasser vielleicht selbst nicht so ganz dran? Oder merkt er dass immernoch mehr als genug Leute an der Beweisführung auf Kindergartenniveau zweifeln?

    “Aber wer solche Spiele für Jugend gefährdend hält – und dafür gibt es sicherlich ernst zu nehmende Gründe -…“

    Ich frage mich gerade ob sich der Autor selbst erst noch einreden muss, ob es ernst zu nehmende Gründe gibt. Muss das extra erwähnt werden? Wenns doch so ernste Gründe sind, erklärt sich das doch von selbst, das braucht doch nicht extra erwähnt werden.
    Wahrscheinlich halten zuviele Leute die ganze Chose für lächerlich.

    Wohl wieder nur dummes Geblubber aus einem baden-würtembergischen Gemeindeparlament. Ist ja nicht so dass sowas so selten vorkommen würde (auch außerhalb BaWüs).

  13. Achja, Ettlingen … Die Stadtverwaltung hat gerade von mir eins auf den Deckel bekommen, bloß dem Gemeinderat hat sie es noch nicht erzählt (siehe verlinktes Blog).

  14. …wie so oft wird planlos und dilettantisch an Symptomen herumgedoktert, anstatt sich um die Ursachen zu kümmern. „Volksvertreter“, die längst keine mehr sind und hauptzeitlich nur als verlängerter Arm von Lobbyisten fungieren, zeigen bei Themen wie diesen, bei denen sie relativ „frei“ und eigenständig agieren können, Ihre speziellen Qualitäten: Kleingeistigkeit, totale(!) Inkompetenz und fehlenden Weitblick. Sporadisch vorhandene Weitsicht und analytische Objektivität wird lieber dem jeweils parteispezifischem Populismus und dem Schlagzeilen- Journalismus geopfert. Altersgruppen-und dem gesamten Volkskonsens entsprechende Gesetze, besonnene und wohlüberdachte Meinungsäußerungen – oder gar kompromissfähige Berücksichtigung unter Einbeziehung ALLER Interessengruppen – komplette Fehlanzeige.

    Es gibt genug Beispiele a la Frau von der Leyen, die bis auf Ihr „Stopp-Schild“ ansonsten nichts entscheidendes in der Familienpolitik erreicht hat bis zu Helmut Kohls legendärer Antwort zum Datenhighway auf einer Pressekonferenz – aber solche „Spitzenkräfte“ gibt es in jeder Partei -und davon reichlich. Nicht, dass diese „Volksvertreter“ gar nichts könnten, sie tun aber wohl oft nicht das, „was“ (auch immer) sie können.

    …In der freien Wirtschaft hätte es wohl nur zum Firmen- oder Konzernsprecher gereicht, aber dort hat man halt nicht die Möglichkeiten zur Machtausübung und multimedialer Selbstdarstellung. Dafür wäre aber für die Bürger die Zuordnung einfacher: Ein Firmensprecher ist Jemand, der nicht seine Meinung, sondern ausschließlich die Direktive (Meinung) der Firmenführung öffentlich vertritt, ohne Rücksicht auf andere Meinungen -sozusagen ein offizieller Lobbyist einer namentlich bekannten Firma. Politiker arbeiten oft als „verdeckte Lobbyisten“, dass erschwert die Zuordnung erheblich.

    Schlimm wird es, wenn gewisse „Provinzpolitiker“ dieses vorgelebte Verhalten vom Berliner Politik- Adel kopieren – und meistens wird es dann noch schlimmer, da die Kompetenz hier selten höher ist.

    Richtig schlimm wird es aber, wenn die latent Gewalttätigen unter uns, zumindest die, die Lan Partys und Ego Shooter mögen, Ihr Ventil verlieren und dann erst recht mit echter Waffe auf Mensch und Tier losgehen.
    …wobei allein schon auffällt, das viele der Täter Einzelgänger sind, die erst recht nicht auf Lan- Partys gehen – trotzdem wird hier „blind und blöd“ auf die Gamer- Gemeinde eingeschlagen.
    Ein gewisses Aggressions- Potential haben wir nämlich Alle, jeder Einzelne in dieser Gesellschaft. In anderen Bereichen ist es längst Anerkannt und ausgeübtes Mittel, Gewalt spielerisch zu verarbeiten bzw. sich abzureagieren – oder warum werden dann für Menschen, die Ihr Gewaltpotential nicht im Griff haben, Boxkurse angeboten? Wieso gibt es Schützenvereine, und wer kontrolliert, an was die Schützen denken, wenn Sie auf die Scheiben schießen?

    Zweifelsohne gibt es Kontrolle und Regeln beim Boxen sowie im Schützenverein – die aber gut durchdacht und sinnreich sind. Ich kann auch den Sinn einer gewissen Regelbedürftigkeit im Videospielbereich erkennen, aber ich sehe nur Sinnloses von Schwachsinnigen – „Beim Boxen darf nicht geschlagen werden“, wird hier ernsthaft und mit lehrerhaftem Getue in den 20:00 Nachrichten erbrochen.

    Schlussendlich sind die Täter ein Produkt der Gesellschaft, diese wiederum ist ein Produkt der Verhaltensweisen, Gesetze und Regeln, die nicht zuletzt von – unseren Politikern festgelegt werden. Aber das zu analysieren ist nicht von Interesse – man könnte ja feststellen, das die eigene Partei vor etlichen Jahren selbst an den Ursachen mitgewirkt hat? Außerdem ist so etwas wesentlich aufwendiger, ja sogar mit Nachdenken verbunden – und vor allem unpopulär.

    Ich für meinen Teil hoffe, das sich so grausige Vorfälle wie Amokläufe nicht wiederholen. Und wenn doch, so hoffe ich das nicht die Schule das Ziel ist, sondern der Bahnhof…

    …Um ein Ticket nach Berlin zu kaufen. Denn darin gleichen sich Täter und Politiker: Es werden immer viele Unschuldige getroffen.

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