Wirkung von Videospielen – Eine Glaubensfrage?

Genauso regelmäßig, wie nach Amokläufen gewaltdarstellende Videospiele als Erklärung herangezogen werden, verkünden (Online-) Medien, dass der Nachweis für die Gefährlichkeit von Videospielen erbracht wurde. So wurde 2001, 2004 und jetzt auch 2010 verbreitet, dass neue Studien endlich den fehlenden Beleg für eine schädliche Wirkung liefern. Aktuell finden sich bei Google zahllose Artikel mit der Schlagzeile, dass Gewaltspiele nachweislich aggressiver machen. Auch diese Meta-Studie stammt von Anderson, der bereits in der Vergangenheit den Einfluss von Videospielen kritisch untersuchte. So schloss er bereits 2001  mit der folgenden Feststellung:

„These results clearly support the hypothesis that exposure to violent video games poses a public-health threat to children and youths, including college-age individuals.“

Die festgestellten Effekte sind jedoch als „klein“ bis „mittel“ zu bewerten und fallen damit geringer als die Wirkung von Filmen aus. Damals fehlte es noch an Längsschnittstudien, deren Evaluation er nun nachgeliefert hat. Auch wenn die Pressemitteilung zur neuen Studie tatsächlich absolut ist, „ISU study proves conclusively that violent video game play makes more aggressive kids“ findet sich im Text auch die interessante Aussage zur Relevanz der Ergebnisse:

„These are not huge effects — not on the order of joining a gang vs. not joining a gang. But these effects are also not trivial in size.“

Diese Aussage widerspricht somit offenbar dem Ergebnis einer deutschen Studie des Schulpsychologen Hopf, der in gewaltdarstellenden Videospielen ein weitaus größeres Risiko sieht:

„Unsere Studie hat ganz klar bewiesen: Solche Computerspiele sind der stärkste Faktor, der Jugendgewalt beeinflusst – stärker noch als elterliche Gewalt, Gewalt an Schulen, die Zugehörigkeit zu Cliquen, Horrorfilme und Persönlichkeitsvariablen.“

Für den interessierten Leser sind allgemein die Frage nach den Auswirkungen medialer Gewaltdarstellungen betreffende Zeitungsberichte recht unergiebig: Während der Öffentlichkeit einerseits unter Titeln wie „Kinder suchen Spiele, die zu Ihnen passen“ (2008) Studien präsentiert werden, die nicht einmal bei Kindern einen Zusammenhang zwischen fiktiver und wirklicher Gewalt feststellen können, wird andererseits mit Schlagzeilen wie „Gewaltspiele verstärken die Aggression“ (ebenfalls 2008) Gegenteiliges behauptet.

Tendenziell wird unter Wissenschaftlern zwar ein Zusammenhang zwischen Spielen und Verhalten angenommen, doch welche Relevanz diesem zukommt, ist nicht unumstritten. So nehmen selbst manche Kritiker bei Videospielen einen schwächeren Effekt als bei (Fernseh-) Filmen an. Das „British Board of Film Classification“ kommt ebenfalls zu diesem Ergebnis. Auf einer anderen Ebene versucht man – wie aktuell Anderson – mittels Metastudien die Ergebnisse vorhandener Studien auch mit Rücksicht auf deren Qualität zu prüfen, was jedoch auch kein einheitliches Bild liefert. So konnte Anderson, als er Studien nach methodisch schwächeren und besseren sortierte, bei letzten einen größeren Zusammenhang als bei ersteren feststellen. Die Psychologen Ferguson und Kilburn kamen dagegen zu dem Ergebnis, dass Studien mit stärken Auswirkungen untaugliche Kenngrößen herangezogen hätten.

Auch sonst liefern die Meta-Analysen nicht selten unterschiedliche Ergebnisse, Robert Butts:

„This disagreement is evident in five recent analyses of videogame violence research listed on the PsycInfo and Ingentia journal databases: Dill and Dill, Griffiths, Sherry, Anderson and Bushman, and Bensley and Van Eenwyk (1, 6, 9 ,14, 15). All five overlap significantly in the studies they review, but arrive at widely varying conclusions. One finds a strong link between violent videogames and aggressive behavior (14); two suggest a weaker link between violent games and real-world aggression (6, 9); two conclude that present research doesn’t support a general causal link, but express separate concern about young children (11, 15). Anderson and Bushman’s review is the only one of the five to reach an assertive conclusion: “ […] Indeed, this effect of violent video games on aggression is as strong as the effect of condom use on risk of HIV infection […].” […] Sherry also performs statistical meta-analysis, also calculates a correlation, r = (.13, .16), between videogame violence and real-world aggression, but interprets this conclusion much differently than Anderson and Bushman (9). Where Anderson and Bushman highlight the positive correlation, Sherry describes it as relatively small, and notes that the correlation between TV violence and aggression is about twice as large.“

So ist es auch nicht überraschend, dass der (Mehr-) Wert von Meta-Studien u.a. von Kunczik und Zipfel hinterfragt wird:

„Diese auf den ersten Blick so bestechend klingende Schilderung der Vorteile von Meta-Analysen thematisiert allerdings nicht das zentrale Problem, dass schlechte und methodisch problematische Studien in ihrer Aussagekraft nicht dadurch besser werden, dass man sie in eine Meta-Analyse einbezieht. Kombiniert man viele Studien mit vielen verschiedenen Schwächen, so findet dabei nicht unbedingt der von Comstock und Scharrer postulierte Kompensationsmechanismus statt. Das Gesamtergebnis mag bestimmte Schlussfolgerungen über den Forschungsstand zum untersuchten Thema suggerieren, viele Artefakte bzw. unzutreffende Befunde addieren sich deshalb aber noch lange nicht zu einem zutreffenden Ergebnis.“

Des Weiteren sollte man auch nicht unterschlagen, dass zum Teil generell die Eignung der Medienwirkungsforschung zum Nachweis dieser Effekte in Frage gestellt wird. So schrieb Jeffrey Goldstein bereits 2001 unter Berufung auf John Dewey über den Forschungsstand: 

„Although these approaches may offer new insights into video games, they are still not likely to tell us whether violent video games cause real-life aggression.“ 

Ähnliches stellt jüngst Fritz fest: 

„Auf die klare Frage, ob denn bestimmte Video- und Computerspiele aggressiv, unsozial, unempathisch (oder dick, dumm und unglücklich) machen, gibt es nicht die gewünschte klare Antwort (und wird es auch nicht geben).” 

Was beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) auf wenig Gegenliebe stößt bzw. dieses offenbar auf eine tendenziöse Darstellung schließen lässt: 

„Diese Argumentation, die der Medienwirkungsforschung ihre Daseinsberechtigung abspricht, da sie angeblich zu keinen Ergebnissen führt, führen und sogar führen kann, wird öfters in diesem Buch wieder aufgegriffen und macht deutlich, welcher Aspekt bei der Darstellung des „Phänomens“ Computerspiele(r) in dieser Veröffentlichung ausgeklammert wird.“ 

Diese Deutlichkeit der Kritik überrascht dann aber doch, wo sich mit Matthias Kleimann ein Mitarbeiter des KFN gegenüber der Bundeszentrale für politische Bildung deutlich reservierter geäußert hat: 

„In einer perfekten Welt gäbe es perfekte Forschungsmethoden mit perfekten Forschungsbedingungen. Da es beides in unserer Welt nicht gibt, ist jede Forschung zu dieser Frage kritisierbar und somit bleibt es in gewisser Hinsicht eine Glaubensfrage.“

So verwundert es auch nicht, dass auch die neue Studie von Anderson nicht unwidersprochen bleibt:

„However, their current meta-analysis contains numerous flaws, all of which converge on overestimating and overinterpreting the influence of VVGs [violent video games] on aggression. Nonetheless, they find only weak effects. […] Psychology, too often, has lost its ability to put the weak (if any) effects found for VVGs on aggression into a proper perspective. In doing so, it does more to misinform than informpublic debates on this issue.“
 
Woraufhin von Anderson eine Replik veröffentlicht wurde, in der die Vorwürfe selbstverständlich zurückgewiesen werden. Abgesehen von Artikeln, die lediglich die Pressemitteilung von Anderson aufbereitet haben gibt es tatsächlich auch einen, der die Ergebnisse hinterfragt.

11 Gedanken zu “Wirkung von Videospielen – Eine Glaubensfrage?

  1. Glaubensfragen hin oder her – wer gerade bei einem Thema wie der Wirkungsanalyse von Medien von Eindeutigkeiten („proves conclusively“) oder „klaren Beweisen“ spricht, disqualifiziert sich selbst, denn jedes Individuum nimmt Spiele anders war und kein Individuum lässt nicht einfach mit anderen über einen statistischen Kamm scheren ohne das es zu Verfälschungen kommt. Von seltsamen Messverfahren potentieller Wirkungen, wie sie hier schon oft genannt wurden, mal ganz zu schweigen.

  2. Alleine für die Aussage: „Computerspiele haben stärkeren Einfluss als elterliche Gewalt“ gehört dieser Herr Hopf angezeigt. Eine Frechheit, [zensiert].

  3. Keine Glaubensfrage, eher ein Scheingefecht zur Unterhaltung der Massen.
    Würden Videospiele wirklich solch verheerende Effekte haben, würde sich das ganz leicht nachweisen lassen. Das würden wir schon sehr stark spüren.

    Die Realität beweist leider das Gegenteil, sodass es eigentlich keine Debatte gibt. Wie gesagt, dies dient eher als Unterhaltung der Massen.

  4. Der Witz ist ja, dass dieser verherrende Effekt sogar halb so groß wie die Wirkung von Filmen ist… Die Entwicklung des Fernsehgeräts fällt ja im Übrigen auch mit dem 2. WK zusammen. Und die des Kinos mit dem 1!

  5. Nun, es gab schon für alle mögliche Formen von Gewalt entsprechende Empirie – von Kosten-Nutzen-Rechnungen über Menschen selbst angefangen. Weshalb da etwas überhaupt ein „Argument“ sein soll entzieht sich so ohnehin völlig meinem Verständnis :-(

  6. bonedaddy muss ich aber zustimmen!
    ich finde es „gewaltverharmlosend“ von hopf, wenn er behauptet, elterliche gewalt sei harmloser als virtuelle gewalt.
    denn diese aussage würde bzw. hat sogar schon den einen oder anderen daddy den gedanken gebracht „wenn mein kind nicht parriert, gibs eins auf die omme, weil dies mein kind ja nicht schadet“.
    wohl gemerkt, so würde ich diese aussage des herrn hopf wahrnehmen und wenn ich diese schon so auffasse, ja wie würden dann andere diese auffassen?
    sicherlich nicht anders.
    ach ja, es ist (meine ich) bewiesen, dass eltern, die selbst als sie noch kinder waren oft von ihren eltern verprügelt worden, schneller auch ihre eigenen kinder gegenüber handgreiflich werden als eltern, die als kind nicht von ihren eigenen eltern misshandelt worden sind.
    ich meine dazu mal eine studie im courier gelesen haben zu wollen, dies liegt aber schon so einige zeit zurück.

  7. @Booomboy
    Ja das ist natürlich schon richtig und auch völlig verantwortungslos aus meiner Sicht: hier werden Kinder schließlich gefährdet elterlicher Gewalt ausgesetzt zu sein.

  8. Pingback: darktiger.org

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