Ohne Worte 2.0

(tagesspiegel) Malte Lehming, Autor beim Tagesspiegel und somit wahrscheinlich auch noch Journalist, hat eine besondere Begabung. Seine Artikel machen mich schlicht und einfach sprachlos. Jeder Satz schmerzt beim Lesen und man muss sich überwinden das nächste Wort zu lesen. Nicht weil es – wie in den Kommentaren unterstellt wird – wahr wäre, sondern weil es abstruse Behauptungen sind, die ihresgleichen suchen. Als er nach Winnenden darüber schrieb, dass „Depressionen allein […] noch keinen Massenmörder“ produzieren, war die Marschrichtung schon vorgegeben.

Es folgt der Einwurf, dass Jugendliche durch Spiele Gewalt als etwas Gutes empfinden würden, um den vermeintlichen Höhepunkt einzuleiten: 

Derart konditioniert verhalten sich die späteren Amokläufer bei ihrer Tat.“

Hier würde natürlich der Hinweis hilfreich sein, dass nach einer Studie des SSI gerade einmal 12 % der Amokläufer Interesse an gewaltdarstellenden Videospielen hatten. Auch hierzulande hat mit nur 4 von 7 Tätern nicht jeder Amokläufer große Teile seiner Freizeit mit derartigen Spielen verbracht. Bei Ansbach war sogar, genauso wie bei dem blutigsten Amoklauf in Blacksburg, überhaupt gar kein Interesse der Täter an gewaltdarstellenden Videospielen festzustellen. Wer meint, an dieser Stelle das Schlimmste überstanden zu haben, irrt. Es folgt das Fanal:

„Es ist kein Zufall, dass Killerspiele ursprünglich in Militärkreisen entwickelt wurden, um Soldaten emotionsloser, sprich: effektiver, zu machen.“

Herrgott, nein! Weder wurden „Killerspiele“ vom US-Militär noch von sonst jemanden dazu entwickelt um Soldaten „emotionsloser“ zu machen. Der erste Ego-Shooter wurde von einem Studenten geschrieben und später auf dem Macintosh unter dem Titel „Maze War“ veröffentlicht. Wer die ganze Geschichte lesen möchte kann das hier tun.

Ebenfalls zum Haare raufen ist der abschließende Appell:

„Was spricht für solche Spiele, abgesehen von dem “Kick”? Nichts, rein gar nichts. Jugendliche dürfen nicht wählen, keinen Joint rauchen, keinen Wodka trinken, aber sie dürfen am Computer lernen, wie man wehrlose Menschen hinrichtet? Das darf nicht sein, das darf nicht länger wahr sein!“

Gewaltbeherrschte Spiele sind bereits heute nicht nur erst „ab 18“ erhältlich sondern darüber hinaus auch noch indiziert, also faktisch verboten. Gewaltverherrlichende sind es auch rechtlich. An dieser Stelle dürfte ich darum Bitten doch zwei der drei Vergleiche zu streichen. Spricht sich Herr Lehming hier dafür aus auch Erwachsenen das Wählen sowie den Genuss von hochprozentigen Alkoholika zu untersagen, oder hält er die (Nicht-) Kennzeichnung der USK für unverbindlich?

Nun, was ist aber der Anlass für diesen Eintrag? Ein neuer Text von Lehming, mit dem er mich – insbesondere nach diesem Newseintrag von mir – wieder sprachlos zurücklässt. Wer weiß, vielleicht finde ich in einem Jahr die Muße diese Ergüsse zu kommentieren:

„Die Killerspiel-Lobby

An diesem Donnerstag jährt sich der Amoklauf von Winnenden. Am 11. März 2009 erschoss der 17-jährige Tim K., ein Waffennarr, insgesamt 15 Menschen. Tim war auch ein Fan von interaktiven gewaltlastigen Computerspielen. Dennoch war der erste Reflex nach der Tat: Bloß kein Verbot dieser Spiele!

Mit einer Vehemenz, die an Heroin-Junkies erinnert, denen gerade die Spritze entzweigebrochen ist, während das Dope über der Kerze brodelt, wurde zum immergleichen Counterstrike ausgeholt: Sind doch bloß Spiele, macht doch jeder, Verbote bringen nichts, Zusammenhang mit erhöhter Gewaltneigung ist nicht einwandfrei nachgewiesen.

Die aggressive Leidenschaft der Killerspiel-Gemeinde überrascht nicht. Denn diese Gemeinde ist groß, gut organisiert und als Lobby fast ebenso stark wie die Pharmaindustrie, die Automobilbranche oder der so genannte militärisch-industrielle Komplex. Seit dem Erfolg der Piratenpartei schließlich und der erfolgreichen Kampagne gegen „Zensursula“ von der Leyens Kinderschänder-Webseiten-Sperrungs-Initiative ist klar: Die Politik hat vor dieser Macht kapituliert. Keine geistig-politische Wende wird daran etwas ändern…. „

Wer sich den Rest geben möchte, kann ihn hier finden.

54 Gedanken zu “Ohne Worte 2.0

  1. Ich soll als Jugendlicher also eher Joints rauchen und Wodka trinken, anstatt zu spielen? Okay….

    Ist der Typ eigentlich Real? Also ich würde jetzt spontan Troll! rufen.
    So viele Klishe’s eines Spielekillers kann eine einzelne Person doch nicht in sich haben?

  2. Dafür, „Recht“ zu behalten, ist wohl auch jedes Mittel recht. In diesem unappetitlichen Sermon finde ich kein Argument, sondern lediglich Versuche einer moralischen Abwertung des Meinungsgegners. Um einen anderen Nutzer sinngemäß zu zitieren: Interessantes Konzept von „Meinungsfreiheit“. Und auch andere Werte, die man da demonstrativ vor sich herschwenkt, etwa den „gegenseitigen Respekt“, sehe ich da nicht.

    Für seine „Argumentation“ greift man nicht mehr nur auf von US-pressure groups finanzierte Studien (Beispiele: Anderson, Gentile etc.) und auf den üblichen Katalog von Kritikerargumenten und suggestiven Halbwahrheiten zurück, sondern man bemüht mittlerweile sogar Seiten von Verschwörungstheoretikern. Ganz großes Kino, also muß ich wohl auch glauben, daß die US-Regierung mittels Grippe-Impfungen in Wahrheit Bevölkerungskontrolle betreibe und das World Trade Center gesprengt worden sei. Von der angeblichen Rolle des Mossad dabei will ich erst gar nichts wissen… (steht nämlich auch alles auf jener Seite).

    Zu der Behauptung, daß es eine „Gamerlobby“ gebe: Die wäre ja nur relevant, wenn sie überhaupt Einfluß auf die Politik nehmen könnte. Schützenvereine und Schießclubs müssen zum Beispiel gar nicht erst gegen diese Hetze demonstrieren, weil sie ja ihre Lobby haben (wie gesagt, geht es nicht darum, dort die Schuld festzumachen, aber das sind Leute, die eben viel besser politisch verankert sind und auch ihre Position leichter vermitteln können). Deren Verteidigung übernimmt dann auch schon mal der jeweilige Innenminister. Während er im nächsten Satz wieder auf die „bösen, perversen, abartigen Killerspiele(r)“ einprügelt.

    Und schließlich brauchen Zeitungsmacher sich auch nicht darüber zu beklagen, daß für junge Menschen das Medium Zeitung immer weniger attraktiv ist. Denn wer will sich permanent beleidigen lassen und seine Meinung aus derartigen Artikeln beziehen?

  3. Pingback: Gaming since 198x » Blog Archive » La parole à l’accusation : Malte Lehming contre le “lobby des killerspiele”

  4. I just forgot to tell you that the Lehming article had been translated in French. Here too, the reaction is „ohne worte“.

    Except one word from the founder of the blog I write in : „let’s be coherent : if you want a pertinent, intelligent, well-argumented comment, you cannot ask a Lemming. Oh no !“

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