AAW stellt Niveau ab

(AAW) Als das „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ (AAW) seine Stellungnahme zum offenen Brief von Piraten (Gaming) und vdvc von „Amokbündis schafft sich neue Gegner“ in „Das Amokbündnis nimmt Stellung“ umbenannte, hätte man dies noch als Deeskalation werten können. Denn scheinbar hatte man erkannt, dass es im Grunde nicht besonders positiv ist, sich darüber zu freuen „Gegner“ geschaffen zu haben. Dafür sprach auch der Umstand, dass die betreffende Meldung nicht mehr in den News sondern nur im Archiv aufzufinden war. Doch das ist offenbar ein Irrtum gewesen.

Auf der Seite des AAW werden dem Leser nun Stellungnahmen von Rudolf Weiß und Werner Hopf präsentiert, an deren Inhalt man offenbar gefallen findet.

Weiß

Von den 369 Worten seines Textes verwendet Weiß ganze 277 um „abhängige Gamer“ als „bedauernswerte Menschen„, die am Ende „gescheiterte Existenzen“ werden könnten, zu skizzieren. Hier fragt man sich zunächst, was dieses Pamphlet mit dem offenen Brief zu tun haben sollen, auf den es sich ja beziehen soll. Weder wurde in dem offenen Brief die Problematik exzessiven Spielens angesprochen noch diesselbige verharmlost. Und Weiß wird die Verfasser des Briefes doch nicht pauschal als „abhängige Gamer“ diffamieren wollen? Leider doch.

Nach Weiß will:

„Niemand […] die Betroffenen stigmatisieren oder gar kriminalisieren. […] Schon gar nicht, wenn es sich um Erwachsene handelt. Wenn die sich aber betroffen fühlen, nur weil wir verhindern wollen, dass immer mehr Jugendliche und auch Kinder in diesen Abhängigkeitssog von Gewaltspielen geraten, hat das schon etwas mit einem Realitätsverlust zu tun.“

Weiß unterstellt somit, dass es sich bei den Verfassern des offenen Briefes um dediziert „abhängige Gamer“ handelt, die sich irrig durch Vorstöße der Spielegegner „betroffen fühlen„. An welche Adresse seine Ausführungen gerichtet sind wird im Übrigen auch durch den Titel klar, der von einer „Erwiderung“ spricht. Auch wenn eine inhaltliche Auseindersetzung hier wohl kaum erwartet wird, sollte man diese vielleicht gerade deswegen nicht scheuen. So finden sich ja tatsächlich auch zwei die Debatte beinahe treffende Aussagen in dem Text. Zum einem wird die Videospielkultur, wie sie von vdvc und Pirate Gaming gepflegt wird, als „Sucht“ bezeichnet. Zum anderen würden Erwachsene völlig unberechtigt ihre Interessen durch die Forderungen des AAW tangiert sehen – hier wurde von „Realitätsverlust“ gesprochen.

Zu Beginn sollte man feststellen, dass zumindest in wissenschaftlichen Kreisen nur zurückhaltend von „Sucht“ in Zusammenhang mit Videospielen gesprochen wird. Aus dem einfachen Grund, weil exzessives Spielen nicht als „Sucht“ (-erkrankung) anerkannt ist. 2007 kam die „American Medical Association“ zu dem Schluss, dass es hierfür noch weiterer Forschungen bedürfe. Abgesehen davon hat sich der vdvc überwiegend aus eSportlern gebildet – Personen, die gemeinsam wettkampfmäßig spielen. Hier geschieht genau das Gegenteil von dem durch Weiß beschriebenen Szenario: Durch gemeinsame Aktivitäten werden bestehen Freundschaften vertieft und neue geschlossen. Auch die Wissenschaftlerin Cheryl K. Olson stellte zu einer von ihr durchgeführten Studie fest:

„Die Menschen sollten aufhören, sich über Kinder, die viele Games spielen, Sorgen zu machen. Im Gegenteil: Unseren Ergebnissen zufolge besitzen Kinder, die keinen Kontakt zu Videospielen haben, mehr Probleme in der Schule oder im Elternhaus. Nicht dass Games per se glücklich machen – aber da die meisten Titel gemeinsam gespielt werden, ist ein Nichtspielen heutzutage ein Zeichen von fehlender Sozialkompetenz.“

Der nächste Punkt ist der unterhaltsamere: Dadurch, dass das AAW ein (generelles) Verbot von u.A. Egoshootern fordert, sollen Erwachsene, die Ego-Shooter sportsvereinsähnlich organisiert in ihrer Freizeit spielen, nicht betroffen sein? Es mag sein, dass das Verbot nur zum Schutz von Kindern und Jugendlichen fordert. Aber solange man dieses Verbot nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für volljährige Gamer aussprechen will, dürften das Verbot auch für diese gelten.

Abschließend kann hierzu nur gesagt werden, dass sich durch die Veröffentlichung dieses Schreibens durch das AAW eine sachliche Diskussion erledigt haben wird. Man hat unmissverständlich seine Nichtachtung zum Ausdruck gebracht.

Hopf

Der Text von Hopf weist ebenfalls einen gewissen Unterhaltungswert auf. In 12 Punkten äußert er sich zu bestimmten Umständen. Sich mit jedem einzeln zu beschäftigen wäre zuviel der Anerkennung, weshalb hier nur einige angesprochen werden sollen.

So sei derjenige, der die Ergebnisse der Forschung leugnet, „unsachlich und ignorant„. Hier wird doch etwas zu sehr vereinfacht. Nicht nur Hopf und co forschen zu Videospielen. Ferguson tut es zum Beispiel auch, aber mit solchen Ergebnissen:

It probably won’t come to a surprise to gamers that playing games may reduce stress, although others have been skeptical of this idea. This is the first study that explores this idea, however. It does seem that playing violent games may help reduce stress and make people less depressed and hostile.

Ist Hopf jetzt seinerseits „unsachlich und ignorant„, weil er die Ergebnisse von Ferguson leugnet?

Die Inkonsistenz der weiteren Argumentation sollte hier schon beim erstmaligen Lesen ins Auge springen:

„50 % der Eltern kümmern sich nicht um den Medienkonsum ihrer Kinder und Jugendlichen […]. Allein sie zu schützen und den Eltern ein klares Signal zu geben – dafür ist ein Verbot notwendig. Weder ist der heutige Verkauf im Einzelhandel kontrollierbar noch das Internet. Jeder Jugendliche bekommt das Gewaltspiel, das er will, weil das Angebot und der Vertrieb ohne wirksame Begrenzung sind. Nur ein Verbot kann eine Grenze setzen.“

Eine Entgegnung erübrigt sich zu weiten Teilen, da sich der Verfasser selbst zerlegt. Es bleibt abzuwarten, ob und wie diese Schreiben von den Medien aufgenommen werden. Überwiegend bewegt es sich auf dem selben Niveau, wie die von den Verfassern ebenfalls und zu Recht beklagten „hasserfüllten Reaktionen“ einiger Gamer auf Kritik an ihrem Hobby.

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218 Gedanken zu “AAW stellt Niveau ab

  1. Die Unterschriften waren bereits einmal Thema im Bundestag, direkt am Tag der Abgabe. Die Grünen stellten einen Antrag bezüglich der Waffen, der sich aber im Sande verlief. Bezüglich der Spiele wurde kein Antrag gestellt.

    Ich würde mir aber auch keine Sorgen um ein „weitreichendes“ Verbot von Spielen machen. Verfassungsrechtlich ist dieses kaum bis gar nicht möglich. Ein Blick in den Fischer-Kommentar zum StGB lohnt sich hier, da dort auch der Fall des §131 angesprochen wird, in dem es keiner Gewaltverherrlichung / -verharmlosung bedarf. Ich habe den Kommentar leider nicht hier, sonst könnte ich es zitieren.

    Der von Herrn Beckstein gewünschte §131a StGB war damit praktisch von Anfang an zum scheitern verurteilt.

  2. @ James
    Wie meinst du das mit “ es bedarf keiner Gewaltverherrlichung/-verharmlosung? Erläutere mal. Denn so sehe ich durchaus die Möglichkeit, ein weitreichendes Verbot einzuführen, sogar ohne Gesetzesänderung. Poste auch mal den Fischer-Kommentar, wenn du ihn zur Hand hast.

  3. @billi: Ich kenne auch bereits diese „Verschwörungstheorien“, aber das sind dennoch ziemlich harte Vorwürfe!
    Trotzdem scheint es doch ziemlich große Wiedersprüche beim AWW zu geben. – Es gibt natürlich keine Beweise, aber anders kann ich mir den Rücktritt von G. Mayer nicht erklären.
    Sie hat am Anfang betont, dass die Gründung des Vereins für eine „andere gewaltfreiere Welt“ und Opferhilfe sei. Und war mMn. auch für Diskussionen mit Schützenvereinen und Gamer bereit und fragte verständlicherweise nach den „Sinn für Waffen“ (real/virtuell) und hat was ohnehin gegen Computer, ist aber dabei nie so offensiv gegangen, wie ihre Nachfolger.
    Über Hilfen ist merkwürdigerweise leider nicht viel zu hören. Ich glaube sogar in einem Interview gehört zu haben, dass ein hinterbliebender Vater nicht gerade viel vom Verein verspricht – welches auch zu den Meldungen des AWW passt, dass nicht alle Angehörigen beigetreten sind. (Im Moment ist außer Hardy Schober mir auch zurzeit kein anderer bekannt.)

    Seit dem Rücktritt und der „Neuauflage“ der Webseite des AWWs scheinen auch deren News anders zu sein. Nicht mehr so…

    Deine Frage ist eigentlich einfach zu beantworten: Medien… (weshalb auch immer)
    Anders kann ich mir dieses nachträgliche „Rumflicken“ an ihren Webseiten (Änderungen der Ziele, Titeländerungen, Abschiebungen ins Archiv, 404 beim Vortrags von Hartmut Warkus) sowie deren Aktionen und viele weitere „Kleinigkeiten“ (Das Trikot des DFB zweckentfremden [sehr sogar…] und bei der Container-Aktion verlosen.)

    So viel zum Thema AWW…
    Aber genau hier liegt der Punkt, warum dieser offene Brief dem AWW gerade zurecht kommt und nun die 4-fache Dosis zurück geschickt wird. So etwas wird gerne an alle als „Angriff gegen das AWW“ verkauft und nochmals darauf berufen, wie wichtig „es“ anscheinend sei.
    Druck erzeugt gegen Druck!
    Und aus diesem Grund finde ich es absolut wichtig NICHT zu antworten. Sondern, wie es in dem Fall auch das AWW über die Presse getan hat, über indirektem Wege sich zu äußern und an dem Punkt sind das VDVC und wir hoffentlich ganz dabei.

  4. @hecter specter

    Ich kann jetzt nur das aufschreiben, an was ich mich noch erinnere, daher ist es nicht ausgeschlossen, dass nicht alles zu 100% korrekt ist. Jedenfalls ist es so, dass Gewaltdarstellungen auch dann verboten sind, wenn das virtuelle Opfer auf den Gewaltakt reduziert wird. So soll auch die Menschenwürde geschützt werden. „Menschenverachtende“ Gewaltspiele sind also bereits strafrechtlich (!) verboten. Die Sache mit dem §131 StGB ist jedoch die, dass der Anwendungsbereich der Norm bei verfassungskonformer (!) Auslegung weitgehend leer läuft, wenn auf „Gewaltverherrlichung“ verzichtet wird. Das liegt nicht daran, dass man nicht weiß, was man unter den Tatbestand subsumieren kann, sondern daran, dass das jeweilige Ergebnis nicht mit der Verfassung vereinbar ist. Und das lässt sich nicht vermeiden, wenn man einen 131a bastelt – dieser würde an genau denselben „Problemen“ scheitern.

    Egal wie sehr sich das manche Leute wünschen: Umfassende Verbote sind in dieser Hinsicht mit der Verfassung nicht vereinbar. Grundrechte lassen sich nicht nach Lust und Laune einschränken, auch nicht wenn 99,999999% der Bevölkerung das wollen. Das Interessante an Grundrechten ist ja auch, dass sie nicht nur die eigenen, sondern auch die Rechte Fremder schützen.

    „Ethische Bedenken“, wie sie von einigen geäußert werden, sind hier ebenfalls absolut belanglos. Die Moral der Mehrheit darf nicht die Moral einer Minderheit bestimmen. Und da ist es egal, ob diese Minderheit eine Million, Hunderttausend oder nur einige einzige Person darstellt.

    Die Bundesregierung, der Bundesrat, das HBI und selbst das KFN hatten in Bezug auf ein „Killerspielverbot“ bereits verfassungsrechtliche Bedenken angemeldet. Dass ein solches trotzdem immer wieder gepredigt wird beweist, wie wenig Interesse solche Politiker in Wirklichkeit am Jugendschutz haben.

  5. James: das Problem ist erstmal, dass viele Dinge einfach mal als Gesetz verabschiedet werden und dann im Nachhinein merkt man: „oh verdammt… das geht ja gar nicht so“. Siehe Sicherungsverwahrung, siehe Zensursulas Stoppschild, … ;)

    Politiker regieren aus dem fetten Wanst heraus, der trotz Diätengeilheit irgendwie nicht dünner wird und hoffen, dass das BVG es im schlimmsten Falle schon richten wird. Das BVG ist aber, wie jedes Gericht träge.

  6. „(1) Wer in einer Weise, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören,
    1. zum Haß gegen Teile der Bevölkerung aufstachelt oder zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen gegen sie auffordert oder
    2. die Menschenwürde anderer dadurch angreift, daß er Teile der Bevölkerung beschimpft, böswillig verächtlich macht oder verleumdet,“

    Ich glaube, es sollte wirklich Anzeige erstattet werden.
    Denn genau gegen diesen Paragraph 130 des Strafgesetzbuches haben die AAW Herren verstoßen!

  7. @Christian

    Nein eben nicht. Weder sind Gamer ein Bevölkerungsteil im Sinne der Norm noch sind die Beleidigungen von der erforderlichen Qualität.

  8. @Rey: was heißt überhaupt: den öffentlichen Frieden stören? Was muss da geschehen? Ich hab ehrlich gesagt keine Ahnung wie ich das verstehen soll.

  9. „Weder sind Gamer ein Bevölkerungsteil im Sinne der Norm “
    Was sind wir dann? Unbevölkerung? Sind wir es nicht wert eine Gruppe zu sein? Wenn man schützen beleidigen würde dann wäre sicher mehr los als wenn man gegen uns so wie oben schreibt.
    Denke hier sollte der VDVC mal anfangen zu arbeiten… „Früher“ waren bestimmte andere Personengruppen auch nicht anerkannt (nein nicht WW2 später), komisch, dass man immer diesen Kampf besteriten muss… Wann stellt sich mal ein Politiker auf die Bühne und brüllt „Ich bin Gamer und dass ist gut so!“?

    Happy Coding.

  10. Wieso sind Gamer kein Bevölkerungsteil?
    Raucher sind ein Bevölkerungsteil, Fußballer, Weiße, Schwarze, Kinder, Obdachlose, Autisten, …
    Alle Leute, die irgendetwas gemeinsam haben.
    Und der AAW will uns Gamer anscheinend „ächten“ lassen, auch wenn sie das nicht wörtlich gesagt haben.

  11. @Real_Black
    Ich glaube, dass wird nie geschehen, denn heutzutage muss man anscheinend einen extrem niedrigen IQ haben, um an die Macht zu kommen.
    Höchstens ein Mitglied der Piratenpartei würde soetwas vielleicht tun.

  12. @Christian

    Erfasst sind – zahlenmäßig nicht unerhebliche – Personenmehrheiten, die aufgrund gemeinsamer äußerer und innerer Merkmale als unterscheidbarer Teil von der Gesamtheit der Bevölkerung abgrenzbar sind. (Fischer § 130 Rn. 3)

  13. zahlenmäßig nicht unerhebliche – ok
    äußerer Merkmale – man man sich so Bilder von Gamer ansieht… Zottelig, Komischer Blick
    ok ;-P
    innerer Merkmale – Wir mögen alle Killerspiele! ok
    als unterscheidbarer Teil von der Gesamtheit der Bevölkerung abgrenzbar – die anderen mögen keine Killerspiele – ok ^^

    Wir sind eine Personengruppe, ganz Objektiv festgestellt!

    Happy Coding.

  14. Ihr müsst immer dran denken dass es hier nur um Personengruppe im Sinne des §130 geht, nicht darum ob jemand überhaupt Personengruppe ist. Soweit sollte man schon differenzieren können.

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