Bert te Wildt in der taz: Shooter bereiten „ganz gut“ auf Massaker vor

(taz) Bert te Wildt, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Suchtmedizin an der Medizinische Hochschule Hannover, wurde von der taz als Experte über die Wirkung von Videospielen befragt. Anknüpfungspunkt sind dabei die Ausführungen des Täters der Anschläge in Norwegen, der den Ego-Shooter „Modern Warfare 2“ als Teil seines Trainings bezeichnete. Anders, als es in vielen anderen Formaten der Fall war, wurden dessen Angaben somit von der taz nicht unkritisch weitergegeben, sondern hinterfragt.

Dass könnte man zumindest glauben, doch tatsächlich stellt sich die Situation etwas komplizierter dar. So gab der Täter hinsichtlich der von ihm gesehenen Trainingsmöglichkeiten an, dass der Mehrspielermodus von „Modern Warfare 2“ es erlaube Operationen zu simulieren:

„You can more or less completely simulate actual operations.“

Während ein gemeinschaftliches Vorgehen sowie Koordination und Kommunikation mit den Teammitgliedern tatsächlich geübt werden könnte, dürften sich diese Aspekte bei einem Einzeltäter dagegen weitgehend erübrigen. Auch sonst erscheint der Mehrspielermodus von „Modern Warfare 2“, in dem sich bewaffnete Kontrahenten Duellieren, nicht mit einem Massaker an unbewaffneten Menschen vergleichbar. Als zweiten Einsatzweck von „Modern Warfare 2“ führt der Täter das Schusstraining an. Angesichts der eingeschränkten Möglichkeiten sich in Westeuropa mit einer Waffe vertraut zu machen, stelle der Shooter eine Alternative zum Training mit echten Waffen dar, wobei dieses nichtsdetotrotz vorzuziehen sei:

„Target practise is likely going to be a problem for many people in certain countries […]. Simulation by playing Call of Duty, Modern Warfare is a good alternative as well but you should try to get some practise with a real assault rifle (with red point optic) if possible.”

Trotz der eindeutigen Aussage des Täters erscheint es doch gewagt anzunehmen, dass jemand durch Mausschubsen den Umgang mit einer realen Waffe erlernt. Wie ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe, werden Waffen in Videospielen meist nur optisch, aber nicht auch deren Handhabung dargestellt. So ist es fürs militärische Training erforderlich und üblich, dass Soldaten anstatt Maus und Tastatur modifizierte reale Waffen oder diesen nachgebildete Attrappen bedienen, bei denen nicht nur ein Rückstoß und „Hardware“ vorhanden ist, sondern mit Ausrichtung, Nachladen und Feuern die tatsächliche Handhabung der Waffe trainiert werden kann.

Von daher erscheint es trotz der eindeutigen Aussagen des Täters doch mehr als zweifelhaft, dass sich Videospiele für die von ihm angeführten Zwecke missbrauchen lassen. Umso mehr war ich darauf gespannt, was der erste hierzu befragte Experte angeben wird, wurde von der taz dabei aber enttäuscht. So wird zwar vorgegeben sich an den Ausführungen des Täters zu orientieren bzw. sich mit diesen auseinander zusetzen:

„Anders Behring Breivik schreibt in seinem Manifest, er habe mit einem Ego-Shooter für seine Tat geübt. Geht das überhaupt?“

Doch inhaltlich ist dies nur bedingt der Fall. Bei der Frage, inwieweit Ego-Shooter wie „Modern Warfare 2“ als Vorbereitung für ein Massaker dienen können, wird nämlich nur zum Schein an den Äußerungen des Täters angeknüpft. Der befragte Bert te Wildt gibt an, dass Ego-Shooter wie „Modern Warfare 2“ dazu verwendet werden könnten sich „wirkungsvoll auf Kriegsszenarien einstimmen“ sowie sich eignen würden um „die Hemmschwelle gegen das Töten zu senken“. Hierbei beruft er sich auf Ausführungen Grossmans über „Kriegssimulationen“.

Die Einstimmung auf die Tat und die Senkung der Tötungshemmung sind jedoch andere Ziele als die, welche der Täter durch die Nutzung von Videospielen erreichen wollte. Er hatte es allein auf die Simulation von Operationen sowie auf ein Schusstraining abgesehen. Der taz-Artikel verschweigt dem Leser jedoch diesen Umstand und erweckt den Anschein, dass auch der Täter angegeben habe Ego-Shooter zur Einstimmung und Desensibilisierung genutzt zu haben. Entgegen diesem Eindruck plante der Täter jedoch weder sich mit Shootern auf die Tat einzustimmen noch seine Hemmschwelle zu senken. Zur Einstimmung („moral bost“ – als „Essentiell“ markiert) plante er vielmehr „Lux Aeterna“ auf seinem mp3-Player zu hören während die Einnahme von Drogen die Tatausführung mental erleichtern sollte.

Die taz hat somit die Angaben des Täters gekapert und in ihrem Sinne umgedeutet. Darüber hinaus ist aber auch die Auseinandersetzung mit der dem Täter unterstellten Nutzung von „Modern Warfare 2“ zweifelhaft. So wird durch te Wildt eindeutig und auch ausdrücklich auf Grossman Bezug genommen:

„Der amerikanische Militärpsychologe David Grossmann und auch dessen KollegInnen haben in Untersuchungen festgestellt, dass amerikanische Soldaten anfangs noch systematisch danebenschießen. Die Kriegssimulationen unterstützen sie dabei, sich gegen das durch das Töten entstehende Leid zu wappnen und es irgendwann zu ignorieren.“

Bert te Wildt ist in dieser Hinsicht Wiederholungstäter. Schon 2007 sagte te Wildt ähnliches über den Hintergrund von Videospielen:

„Man bekommt den Eindruck, dass diese jungen Männer wie „Kampfmaschinen“ funktionierten. Das haben ihnen letztlich die Computerspiele beigebracht. Ego-Shooter basieren ja ursprünglich auf Computersimulationen für das Militär. Diese wurden insbesondere dazu geschaffen, die Hemmung, andere Menschen zu töten, abzutrainieren.“

2009 wurde er mit einer ähnlichen Aussage im UniSpiegel indirekt wiedergegeben (2007, 2009, 2011 – ich erkenne ein Muster!):

„Egoshooter-Spiele könnten durchaus die Persönlichkeit junger Menschen verändern; dazu seien sie sogar ursprünglich erfunden worden: Militärs hätten Killerspiele eingesetzt, um Soldaten die Tötungshemmung abzutrainieren.“

Die Quelle, auf die derartige Behauptungen üblicherweise gestützt werden ist Grossmans „Wer hat unseren Kindern das Töten beigebracht?“. Auf S. 87 steht dort:

„Die Einführung von Simulatoren ist unbestreitbar verantwortlich für den Anstieg der erfolgreich tötenden Soldaten von 15 bis 20 Prozent im Zweiten Weltkrieg auf 95 Prozent im Vietnamkrieg. Im Falklandkrieg lag dieser Wert für die argentinischen Soldaten, die mir zivilen Zielscheiben übten, bei 10 bis 15 Prozent. Dagegen erreichten die mit modernen Methoden trainierten britischen Soldaten über 90 Prozent. Daher wissen wir, dass – unter ansonsten gleichen Umständen – 75 bis 80 Prozent aller tödlichen Schüsse auf dem modernen Schlachtfeld eine unmittelbare Folge des Einsatzes von Simulatoren sind. Inzwischen haben diese Simulatoren in unseren Haushalten und Spielhallen in Form gewaltverherrlichender Videospiele Einzug gehalten.“

Nun fand der Vietnamkrieg 1972 statt, weshalb abgesehen von Pong kaum ein Videospiel existiert hätte, mit denen Soldaten hätten trainiert werden können. Bei den Simulationen, die 1972 vom US-Militär verwendet worden sein sollen um die Tötungshemmung von Soldaten zu senken, kann es sich daher nicht um Ego-Shooter handeln. Das wird von Grossman übrigens auch gar nicht behauptet. Auf der gleichen Seite schreibt er, dass er unter Simulationen reale Schiessübungen versteht, bei denen Soldaten „auf realistische Zielscheiben mit menschlichen Umrissen“ feuern. Er ist allein der Meinung, dass die in der zivilen Welt weitaus später entwickelten Ego-Shooter dem Prinzip nach dem realen Schusstraining ähneln würden. Schließlich wird in beiden Fällen auf Papp- bzw. Pixelkameraden geschossen. Abgesehen von einer möglichen Vergleichbarkeit bleibt es jedoch dabei, dass die Aussage Wildts, wonach das Militär es Soldaten durch „Kriegssimulationen“ abgewöhnt habe „systematisch danebenschießen“, irreführend ist, da Grossman mit Simulatoren hier echtes Schusstraining und keine Videospiele meinte. Als kleiner Hinweis an die taz. Vielleicht das nächste mal einfach jemanden Fragen, der sich auskennt, oder den eigenen Redaktionsblog lesen: Unter dem Titel „Die Legende von Counter Strike als Amokhelfer“ findet sich ein Eintrag, in dem auf Ausführungen von Michael Wagner verwiesen wird, der die von Journalisten vorgebrachten Zusammenhänge als „Mythos“ bezeichnet. Selbst Wildt hat stigma gegenüber schon eingeräumt, dass „es nicht im engeren Sinne bewiesen werden kann, mit welchem Ziel das Militär virtuelle Simulationen eingesetzt hat“.

Auch abgesehen von der Senkung der Tötungshemmung zeigt sich Wildt von der Bedeutung der Videospiele für den Terroranschlag überzeugt: So könne man sich mit Ego-Shootern “ganz gut vorbereiten“, die im Übrigen kein vernachlässigbarer Faktor unter vielen seien. So würde die Hinrichtung von Jugendlichen Parallelen zur Spielmechanik gängiger Shooter aufweisen:

“Diese Jugendlichen waren ganz klar Gegner für Breivik und er wollte möglichst große Wirkung erzielen. Und bei diesen Spielen geht es darum, möglichst schnell und ohne Nachzudenken – also ohne das eigene Handeln zu reflektieren – die Feinde auszuschalten. Diese Parallele lässt sich nicht leugnen. Aber es gibt natürlich Unterschiede, na klar.”

Auf der anderen Seite räumt er jedoch ein, dass “die Fähigkeit eine reale Waffe zu bedienen […] in diesem Fall eine viel größere Rolle als das Spiel” spiele, sowie dass die Forschungsergebnisse zu der Wirkung von Videospielen uneinheitlich sind:

„Aber es gibt natürlich das Problem – und ich fürchte, das werde ich hier auch nicht lösen können – dass Medienpädagogen, Psychologen, die klinische Psychiatrie und Kriminologen hier zu recht verschiedenen Ergebnissen kommen. Nun ist die Welt jedoch nicht schwarz-weiß, es gibt nun mal Widersprüche. Und es ärgert mich, dass viele Medien heute schreiben, kausale Zusammenhänge zwischen Spielen und Gewalt seien nie nachgewiesen worden.“

Schlussendlich äußert er sich auch zur Rolle von “World of Warcraft”:

“Nein, ich finde auch Begriffe wie “Killerspiel” ohnehin unnötig abwertend. Andererseits hat World of Warcraft inzwischen einen Grad an Gewalt erreicht, den ich angesichts der Altersfreigabe von 12 Jahren durchaus bedenklich finde.”

Zum Interview

34 Gedanken zu “Bert te Wildt in der taz: Shooter bereiten „ganz gut“ auf Massaker vor

  1. Und wieder das Ammenmärchen vom fröhlich, freundlichen Nerd der durch die ach so bösen „Killerspiele“ zum Terminator wird *roll eyes*

  2. Das dachte ich auch aber leider glauben doch verflucht viele dieses Märchen vom unbescholtenen Bürger der durch Computerspiele zum verrückten Kindermörder und Terroristen wird.

  3. Naja du weißt ja, wenn mans nur genügend oft wiederholt (und das wurde es alleine von Pfeiffer schon) wirds schon irgendwie stimmen. Wir als Gamer kommen kaum in dem Medien vor und selbst wenn wird man recht leicht als Lügner hingestellt, weil unsere Gegner Medienerfahren sind und wir nicht.

  4. Also was WoW geht stimme ich als WoW-Spieler ihm sogar zu. Das Spiel sollte meines Erachtens auch nicht ab 12 sein. Aus verschiedenen Gründen.

    Gruß
    Aginor

  5. So schlecht ist das Interview gar nicht, auch wenn es ruhig etwas kritischer hätte sein können.
    WoW steht in Sachen Brutalität den meisten Fantasyspielen die Ab 16 sind in nichts nach.

  6. @ ABC:
    Das ist schwierig zu beantworten. Ich finde generell, dass Jugendliche und Kinder Gewalt in Videospielen verarbeiten können und nicht auf das echte Leben übertragen, bis zu einer gewissen Grenze natürlich.
    Ich hätte z.B. Sorge, dass bestimmte Bilder eines Mortal Kombat 9 einem Kind großen Schrecken zufügen können und noch lange im Gedächtnis bleiben.

    Aber wenn man WoW mit anderen Spielen vergleicht, wie etwa Shootern etc., dann kann man schon davon sprechen, das gewisse Inhalte in WoW, gewisse Aufgaben, die man dort erhält, recht grausam sind, auch wenn die Graik nach Comic aussieht, das tut dem Inhalt ja nichts zur Sache.

    Also ja, ich glaube WoW ist nicht uneingeschränkt für 12 jährige zu empfehlen, wenn man denn schon empfehlen möchte und es nicht den Eltern überlässt, ihr Kind selbst einzuschätzen.
    Und ich finde, so eine Art der Sprache, wie die te Wildt am Ende dieses Artikels nutzt, also nicht nur verdammend, aber eben nachdenklich und zum nachdenken anregend, das ist genau die Basis, auf der Spieler und sagen wir mal… „spilkritische“ Menschen miteinander umgehen und sich auch zuhören könnten. Abe leider bleiben sowas ja immer Ausnahmen…

  7. Und weider der dümmliche Grossman-Mythos.
    Bert te Wildt ist doch eigentlich dafür zu bemitleiden, dass er solche Mythen glaubt und es nicht für nötig hält, nach Quellen zu suchen bzw. das zu hinterfragen. Die Behauptungen wurden 1. von Grossmann so nie getätigt und 2. hat Grossman das, woraus der Dummfug entstand vor 1996 geschrieben. Was für Videospiele gab es damals? Wie waren die zu steuern? Wie realistisch waren die Darstellungen?
    So und dann ist die Frage auf welche Kriege sich Grossman bezogen hat wenn er die Effektivität von Soldaten vergleicht?! Okay, es müssen kriege mit Amerikanischer Beteiligung gewesen sein und ich meine da kam irgendwas mit Vietnam vor in der Textstelle.
    D.h. wenn Bert te Wildt nicht ein völliger Idiot ist, dann will er es wohl einfach nicht besser wissen und das macht mich einfach wütend. Wenn solch ignorante Menschen durch die Medien tingeln dann erzeugen sie nur Angst und Panik und leisten niemals aufklärerische Arbeit.

  8. Im Zusammenhang mit Grossmans Engagement gegen Videospiele ist übrigens interessant, dass dieser NRA-Mitglied ist und sich seine Vorträge und Seminare gerne von Waffenherstellern wie Buckeye-Firearms bezahlen lässt. Das ist vor Allem interessant, weil Grossman nach dem Schoolshooting von Jonesboro zum erklärten Gegner von Videospielen wurde. Denn nach dieser Tragödie wurden in den USA erstmals Rufe nach einer Verschärfung der laschen Waffengesetze laut, was der NRA und den Herstellern gar nicht gefallen hätte. Deshalb brauchte man einen Sündenbock, den Grossman als vermeintlicher Experte gerne in Form eines neuen unsympathischen Mediums lieferte. Was bei grossman immer direkt auffällt, ist dessen falsche Darstellung der Verwendung virtueller Simulationen beim Militär. Dass er DOOM als effektiven Schießsimulator bezeichnet, spricht an sich schon für seine Ahnungslosigkeit.

  9. @abc:
    Ja, ich finde bestimmte Dinge unnötig brutal.
    z.B. Teile der Todesritter-Startquests (ok, da ist man der Böse, aber trotzdem)
    Aber auch der Quest im Heulenden Fjord „Grausam aber notwendig“ heißt er glaube ich, wo man in einem Dorf der Vrykul Leichen zerstückeln muss.
    Das Wurm-Sprengen (in der Drachenöde) fand ich zwar ein wenig eklig aber nicht ganz so schlimm, während das Mammut-Sprengen für mich übertriben war. Ich finde das unangebracht in einem Spiel ab 12.
    Genauso das foltern des Zombies (in der Festung in der Drachenöde war das glaube ich). Ok, nur ein Zombie. Aber ich finde Folter unter allen Umständen widerlich. Dieser Quest ging zu weit meines Erachtens.

    Also ja, es ist AUCH die Gewalt, vor allem seit WotLK. Davor war es eigentlich noch ok.
    Aber es ist auch aus anderen Gründen. WoW ist ein Zeitfresser sondersgleichen, und macht so viel Spaß dass es nunmal einen gewissen Sog erzeugt. Das ist auch ok, es macht eben Spaß, aber ich finde dass 12-jährige dieses gesunde Mittelmaß zwischen WoW, anderen Freizeitaktivitäten und der Schule einfach schwer finden können und leider deswegen Gefahr laufen, alles andere zu vernachlässigen.
    Natürlich können die Eltern die Spielzeit regeln. Aber es ist eben für die Eltern u.U. auch schwer zu erkennen. Dazu kommt dann noch dass sie oft keine Ahnung haben aber das ist keine Ausrede an sich.
    Dazu kommt dass sich die meisten 12-jährigen einfach nicht zu benehmen wissen und die anderen Spieler stören. Ich habe zwei Ausnahmen getroffen, ok, aber ich stehe dennoch hinter der Aussage.
    Ich wäre für eine Einstufung ab 16. Und selbst eine Einstufung ab 18 könnte man durchaus begründen, auch wenn ich das für übertrieben halten würde.

    Gruß
    Aginor

  10. Die Definition eines Amoklaufes lautet meines Wissens so, dass eine kleine Gruppe von Menschen oder jemand allein mit Waffengewalt in kurzer Zeit eine grössere Gruppe von Menschen tötet und dabei selten darauf schaut, wen aus dieser Gruppe er jetzt genau umbringt. Dass Waffen dafür nötig sind – ein Amoklauf ist wohl schwer zu bewerkstelligen, wenn man alle Opfer erwürgen will -, ist in meinen Augen logischer Part. Wenn ich dann sowas lese:
    Der Zugang zu Waffen und die Fähigkeit, sie zu bedienen, sind wichtige Faktoren für Amokläufe. Das weiß man durch kriminologische Studien.
    … dann geht dem Mann für mich jede weitere Glaubwürdigkeit ab.

  11. Ein Amoklauf in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes bedeutet einen plötzlichen, unkontrollierten Gewaltausbruch. Vorfälle wie jetzt in Norwegen aber auch Winnenden, Erfurt etc. fallen streng genommen alleine dadurch schon aus der Definition, dass sie von den Tätern lange im Voraus geplant wurden. Deswegen wird im Englischsprachigen Raum für sowas auch eher der Begriff „school shooting“ verwendet.

  12. Waffen sind keine Voraussetzung, ein Amokläufer kann auch mit improvisierten Waffen wie Stühlen, Ästen, Küchenmessern etc. seiner Umgebung erheblichen Schaden zufügen, zur Not sogar mit den Fäusten.

    Als Überbegriff für Winnenden, Columbine usw. ist „school shooting“ verbreitet, klingt im Deutschen aber blöde, weswegen man inzwischen „Schulamoklauf“ vielerorts akzeptiert, auch wenn Amok es nicht wirklich trifft. Ich persönlich finde „Schulmassaker“ besser. Es wird aber je nach Sprachempfinden als reißerisch empfunden, etwa wenn es nur wenige Tote gab.

    Jedoch finde ich nicht dass das Massaker das auf Utöya stattgefunden hat damit so wirklich vergleichbar ist. Es war kein junger Mann sondern der Typ ist über 30, es sind keine Schüler und es ist auch keine Schule. Diese Leute haben ihn nicht gemobbt und er hat auch keinen Hass auf die Gesellschaft etc, sondern er ist jemand der einen Hass auf bestimmte Gruppen (das Norwegische SPD-Pendant und die Werte die es vertritt sowie Ausländer, insbesondere Muslime) hat und sie niedergemetzelt hat. Aus politischen Gründen und mit dem Zweck auf die Politik Einfluss zu nehmen.
    Das ist ein Terrorakt. Ein Anschlag. Ein Massaker. Er ist mit dem Oklahoma-Bomber viel eher vergleichbar. Mit einem Amokläufer hingegen noch weniger als mit jemandem der ein Schulmassaker verübt.

    Gruß
    Aginor

  13. Grad kam im Heute Journal ein zweifelhafter Ausspruch zu Norwegen in dem der Täter als eine Art Ego-Shooter bezeichnet wurde. Mal gucken der entsprechende Teil in der Mediathek landet, aktuell ist’s noch nicht drin. Ja, ja das liebe ZDF…

  14. @ Crusader
    jup das habe ich gestern abend auch gesehen. Die Nachrichtensprecherin hat etwas gesagt der Täter wolle sich wichtig machen, er wäre wahrlcih ein „Ego-Shooter“. Da konnte ich nur mit dem Kopf schütteln. Die Aussage kam so unmittelbar und zusammenhangslos, völlig unnötig.

  15. Jetzt steht der Beitrag im Netz (Aussage beginnt bei 14:05):
    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/nachrichten#/beitrag/video/1398844/ZDF-heute-journal-vom-29-Juli-2011
    .
    Genau sagte Slomka:
    „Insgesamt 77 solcher Begräbnisse wird es geben [Anm.: Bestattung 1. Opfer]. 77 Menschen getötet, meist Jugendliche, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten. 77 Trauergesellschaften müssen sich nun über Norwegens Friedhöfe schleppen. Entsetzt. Verzweifelt. Familien, die mit der größtmöglichen Katastrophe geschlagen sind: Dem plötzlichen und grausamen Tod eines geliebten Menschen. Und alle starben sie, weil ein einziger sich WICHTIG FÜHLEN WOLLTE [Anm.: besonders betont]. Ein Ego-Shooter – im wahrsten Sinne des Wortes.“
    .
    Nicht nur der sinnfreie Bezug zum Genre, sondern gleich noch emotionale Beschreibungen des Gefühlszustandes der Hinterbliebenen und eine Andeutung, dass Spiele womöglich das Geltungsbedürfnis bedienen, Mitgefühl mindern und Tötungshemmungen abbauen. Als Gamer muss man das ZDF einfach lieben! :(

  16. War das denn die selbe Frau die damals sagte als es hieß die Gesetze sollten für Videospiele noch strenger werden: „…hat die Industrie angekündigt abzuwandern, na dann“. (Schnippiges Kopfnicken und hämmiges Grinsen dabei). Die haßt nämlich Videospiele mindestens genauso wie Rainer Fromm es tut.

  17. Weiß zufällig jemand wie detailliert die Teleprompter Texte sind? Frage mich immer, ob dort eher Stichpunkte stehen, die der Sprecher dann zu ganzen Sätzen bastelt oder ob die Aussagen bereits vollständig da sind, vielleicht sogar micht mit Hinweisen zu Betonung.
    Habe mir auch mal den Spaß gemacht und das ZDF um Stellungnahme gebeten, warum Nachrichten so fragwürdig präsentiert werden.

  18. Auf dem Teleprompter läuft der komplette Text durch, in reiner schriftlicher Form. Marietta Slomka muss also nicht zwangsläufig wissen, was ein Ego-Shooter ist.
    Ich frage mich, wie die Bilder wohl aussehen würden, wenn ein Islamist das Verbrechen begangen hätte. Dann wären wir Gamer sicherlich aus der Sache raus. Dafür hätten es die Moslems in Norwegen schwer bei ihrer Beteiligung an der Trauer – oder ich tu den Skandinaviern hier Unrecht und sie sind weitaus toleranter, als ich es mir hier vorstellen kann. Die Berichterstattung im ZDF wäre dann aber bestimmt eine andere.
    Die Bemerkungen von Christopher Ferguson sind dagegen sehr interessant.

  19. @Crusader
    Betonung, Mimik und Gestik sind sehr wichtig wenn man Botschaften und Meinungen übermitteln will (manipulieren), wie man sich vor der Kamera zu verhalten hat kann man in Seminare etc. erlernen.
    Ihr müßt einfach alle mal auf das Verhalten, Mimik und Gestik der Sprecher achten wenn ihr Nachrichten guckt, besonders wenn negative Meinungen und Gefühle geweckt werden sollen, ist sehr interessant.

  20. @Trask
    Tue ich schon länger. Habe mich im Studium mal mit NS-Propaganda beschäftigt und mit welchen Mitteln und Zielen scheinbar harmlos klingende Aussagen dem Volk präsentiert wurden. Sehr spannedes Thema, von dem man einiges auf die Gegenwart übertragen kann, auch wenn heute (meist) andere Themen präsentiert werden als damals. Dafür können heute „dank“ modernerer technischer Mittel wesentlich mehr Aspekte in einen entsprechenden Beitrag integriert werden, um die Wahrnehmung der Zuschauer noch gezielter zu steuern.

  21. @Crusader
    Das ist richtig. Es gibt ja soviele Möglichkeiten allein in einem heutigen Verhältnis zwischen Moderation und den eigentlichen Inhalten. Ich glaub Bill O’Reilly ist in den USA dafür ein sehr gutes Beispiel – und da kommt es halt darauf an ob man dem (auch) grundsätzlich schon zustimmt oder nicht, wie vorgebildet, vor-eingestellt man da schon ist: ich würde da aber auch die Form „Kolumne“ aus Tageszeitungen nicht unterschätzen.
    Zum Beispiel hier in Österreich früher Richard Nimmerrichter und vielleicht in der heutigen Bild noch Franz Josef Wagner – der wohl eher bei Boulevardthemen als sozusagen knallharter Politik.
    Aber auch Linksorientierte können so ein meiner Meinung nach gefährliches Potential der Vereinnahmung von Personengruppen aufweisen, negative Eindrücke nach dem Motto „wir sind wir“ und die Anderen, das sind das Böse welches dann so läuft, schaffen: aktuell regte mich zum Beispiel dieser populäre Mensch hier auf, quasi ein österreichischer Michael Moore, dabei was er einem hiesigen Rechtspopulisten wegen der Anschläge ausrichten wollte: http://www.misik.at/sonstige/strache-einfach-mal-die-klappe-halten.php

  22. hannover, und wo liegt das?
    genau!
    niedersachsen.
    und wer arbeitet in niedersachsen?
    richtig!
    schünemann!
    würde mich also nicht wundern, wenn dieser „doktor“ (man sollte seine doktorarbeit überprüfen lassen) nicht dem wirklichen „industriellen-militärischen-schützenlobby-komplex“ angehört.

  23. „Genau sagte Slomka:“

    Ich fand diesen Wortwitz tatsächlich sogar sehr gut, weil er eben das tatsächliche Problem gekonnt und sarkastisch auf den Punkt bringt, während die Bezeichnung gleichzeitig ironisch-spöttelnd auf die üblichen Verdächtigungen blickt.

    Den Fehler, diesen Ego-Shooter wörtlich auf Spiele zu beziehen und nicht nur als ironische Anspielung zu verstehen, kann man doch eigentlich nur machen, wenn man entweder besonders radikal gegen Spiele ist oder ein besonders empfindliches Spielergemüt hat, oder?

    Leider sind wohl sehr viele Spieler mittlerweile überempfindlich bei diesem Thema.

  24. Eigentlich müssten wir Slomka bzw. ZDF mal anfragen, was es mit dem „Ego-Shooter – im wahrsten Sinne des Wortes“ auf sich hat.

  25. Naja jetzt über eine Woche nach dem Anschlag ist man an der Shooter Front eigentlich verschont geblieben von den üblichen Verdächtigungen. Was aber auch sicherlich an der Diskussion um rechte Gruppierungen liegt die grade im Fokus stehn.

    Achja, hab hier bei Bild noch was gefunden:
    http://www.bild.de/politik/inland/umfrage/nach-norwegen-massaker-deutsche-gegen-schusswaffen-in-privat-haushalten-19141612.bild.html

    Ich zitiere: Computerspiele
    64 Prozent der Deutschen sprechen sich für ein generelles Verbot von Killerspielen (sogenannte „Ego-Shooter“) aus. 33 Prozent sind dagegen. Während 89 Prozent der Rentner für ein Verbot sind (8 Prozent dagegen), ist es bei den 14-29-Jährigen umgekehrt: Von den Jungen sind nur 32 Prozent dafür, die Killerspiele zu verbieten, 58 Prozent sind dagegen.

  26. @ Pyri
    Aber O´Reilly betont immer selbst, dass es einen Unterschied gibt zwischen den „News guys“ und den „opinion guys“.
    Das Nacht Journal ist mMn eher eine Nachrichten Sendung und sollte so objektiv und sachlich wie möglich sein (klappt natürlich nicht immer, sind ja auch nur Menschen).
    O`Reilly zählt sich zu den „opinion guys“, den politischen Kommentatoren, und die dürfen doch Meinungsmache betreiben. In der Hinsicht kann man Big Daddy O´Dog O´Reilly nicht so viel vorwerfen. Aber er ist trotzdem ein ziemlicher Kotzbrocken ^^

  27. @Sunstar
    „Den Fehler, diesen Ego-Shooter wörtlich auf Spiele zu beziehen und nicht nur als ironische Anspielung zu verstehen, kann man doch eigentlich nur machen, wenn man entweder besonders radikal gegen Spiele ist oder ein besonders empfindliches Spielergemüt hat, oder?
    Leider sind wohl sehr viele Spieler mittlerweile überempfindlich bei diesem Thema.“
    .
    Für Ironie bin ich immer zu haben. Allerdings funktioniert sie in diesem Fall -wenn es wirklich ironisch gemeint sein sollte- einfach nicht, denn a) ist der Bezug auf Spiele bei dem Beitrag gänzlich sinnfrei, b) ist die Betonung der entsprechenden Stelle auffällig, weil ein angebliches Motiv des Täters hervorgehoben wird (töten um sich wichtig zu fühlen) und c) ist eine Nachrichtensendung eben keine Kolumne oder ein Kommentar, so dass die möglichst sachliche und unzweideutige Präsentation wichtig ist. Zunächst ein dramatisches zu Bild zeichnen und dann bei einem Erklärungsversuch einen Bezug zu Spielen zu machen, zählt da imo nicht zu.

  28. @lanzelotz
    Ja stimmt schon, das ist richtig, und dort scheint die politische Kultur so gesehen auch weiter gediegen zu sein – ich meinte das eher in Hinblick auf Sprüche wie „fair and balanced“, was zugegeben wohl weniger auf ihn selbst, als auf die Auswahl seiner Gäste oder halt einen Umgang mit denen zu beziehen ist – welchen ich dann wiederum eben kritisch sehe.

  29. @ Pyri
    absolut, gebe ich dir recht. „Fair and balanced“ ist der Slogan vom ganzen Sender Fox. Der Slogan seiner Show „The O´Reilly Factor“ ist „no spin zone“. Beide Slogans haben natürlich nicht viel mit der Realität zu tun.

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