Was Breivik (nicht) schreibt

(faz) Im Zusammenhang mit den Anschlägen in Norwegen wurde die Rolle von Videospielen, abgesehen von einigen Ausnahmen, recht zurückhaltend thematisiert. Dies überraschte insbesondere deswegen, weil der Täter sich in einigen Absätzen seines 1500 Seiten umfassenden „Manifestes“ Computerspielen widmete und sie als Teil seiner Vorbereitung bezeichnete. Zu den angesprochenen Ausnahmen gehört unter anderem die FAZ, in der Nils Minkmar folgendes schrieb:

„Und ans Abknallen gewöhnte er sich mit Hilfe von Ego-Shooter-Spielen, deren Realismus er lobte. So blieb er körperlich fit und geistig gesund.“

Was hierbei ins Auge sticht: Der Täter gibt in den bekannten Passagen lediglich an, dass „Modern Warfare 2“ es erlaube Einsätze zu simulieren („simulate actual operations“) und er das Spiel als Alternative zum Schießtraining mit einer realen Waffe betrachte („train in marksmanship“). Eine Aussage, nach der Breivik in dem Titel eine Möglichkeit gesehen habe sich ans Abknallen zu gewöhnen, findet sich in den veröffentlichten Auszügen des Dokuments dagegen nicht. Angesichts des Umfangs des „Manifests“ wäre es nicht auszuschließen, dass Minkmar nichtsdestotrotz eine dahingehende Zeile finden konnte, doch auf eine Nachfrage hin teilte er uns anderes mit. Er stützt sich maßgeblich auf diesen Absatz, in dem Breivik unter anderem die Nutzung von „Modern Warfare 2“ thematisiert:

„I just bought Modern Warfare 2, the game. It is probably the best military simulator out there and it’s one of the hottest games this year. I played MW1 as well but I didn’t really like it as I’m generally more the fantasy RPG kind of person – Dragon Age Origins etc .and not so much into first person shooters. I see MW2 more as a part of my training simulation than anything else. I’ve still learned to love it though and especially the multiplayer part is amazing. You can more or less completely simulate actual operations.”

Minkmar entnimmt nun nach eigenen Angaben diesen Zeilen unter Berücksichtigung des Kontexts, dass der Täter sich mit Ego-Shootern „ans Abknallen gewöhnte“:

„Er nutzt es zum Training und zur Simulation des Tötens, und zwar obwohl er solche Spiele nicht besonders mag. Da er wiederholt die eigene psychische Konstitution als wesentliches Element seines Vorhabens bezeichnet, richtet sich dieses Training vor allem darauf.“

Der Schluss Minkmars, dass der Täter Shooter nutzte um seine Psyche zu beeinflussen, verwundert wegen der Passagen, in denen „Modern Warfare 2“ ausdrücklich als Alternative zum konventionellen Schießtraining angepriesen wird. Auch sonst werden militärische Simulatoren – obwohl das von Journalisten des Öfteren verbreitet wird – nicht zur Desensibilisierung, sondern zum taktischen Training verwendet.

7 Gedanken zu “Was Breivik (nicht) schreibt

  1. zu viel news sind mir leiber als zu wenig news. finde es ist auch ein interessanter einblick in die herangehensweise eines journalisten. so viel eigene interpretation mit einzubringen ist ja schon gewagt.
    (btw „Modern Warfare 2“, nicht „Mondern Warfare 2“)

  2. Und damit ist es eben ein Kernthema dieser Seite, seitdem ReyAlp seine erstes Youtube Videos veröffentlicht hat.
    Bleibt die Frage: wie kommt es dazu das Nils Minkmar behauptet Brevik habe sich mit Spielen „ans Abknallen gewöhnt“ wenn die Quellen das nicht hergeben ?

    Ist er zu inkompetent um den englischen Text zu verstehen, oder interpretiert er aufgrund seiner mangelhaften Kenntnissen im Bereich Egoshooter das Gelesene falsch ?

    Jeder der Shooter kennt weis, das Call of Duty Moderen Warfare II alles andere als realistisch ist.
    Auch zur Planung Simulation irgendwelcher Operationen taugt er nichts.
    Für das Spiel gibt es nämlich keinen Editor um eigene Levels zu erstellen.
    Und ob es Sinn macht, eine „Operation zu Simulieren“ wenn man dazu nur Levels hat, die vom modernen Actionkino inspiriert sind ?

    Ein Spiel mit dem man wirklich „Operationen simulieren kann“ wäre ARMA II.
    Das ist so realistisch, das für die meisten Spieler von Egoshootern kein Spielspaß aufkommt.
    Denn minutenlang durch den Wald zu schleichen, nur um dann von einen Gegner erschossen zu werden der getarnt in Wald liegt ist alles andere als spaßig.

    Die Spieler die an solchen Militärsimulationen Spaß haben schlüpfen dann auch meist in die Rolle eines Offiziers und kommandieren in der Simulation die Bots rum.
    Manchen macht es sogar Spaß in die Rolle eines Nachschuboffiziers zu schlüpfen und Flotten von Munitions- und Tanklaster durch den virtuellen Krieg zu führen, ohne auch nur einen Schuß abzufeuern.

    Sehr beliebt ist diese Simulation auch in der Modderszene die neue Levels und neue Fahrzeuge erstellt, zum Teil mit neuen Szenario (z.B. Bundeswehr und NVA in einem fiktiven heißen Krieg zwischen Ostblock und NATO) – allerdings sind das häufig Projekte die Monate und Jahre in Anspruch nehmen und sehr viel Teamwork erfordern.

    Teamwork erfordern auch Taktikshooter – also Spiele die mehr Wert auf Zusammenarbeit zwischen den Spieler legen.
    Wie Beispielsweise Battlefield 2 oder der Battlefieldmod Project Reality.

    Viele Spieler dieser Titel spielen mit ihren Freunden verbunden über VoiceToIp Tools wie Teamspeak, ganz einfach weil am allein keine Chance hat.

    Alles das müsste ein guter Journalist wissen, bevor er Breiviks Aussage bewertet.
    Wenn er es nicht weis, muß er sich bei Experten schlau machen.
    Nils Minkmar weis es wohl nicht, und hat sich wohl nicht schlau gemacht.
    Ist er ein guter Journalist ?

  3. @Alreech
    Ich glaube nicht, dass das mit dem Militär in dem Fall überhaupt gemeint war, sondern „No Russian“ und die Möglichkeit dort auf Zivilbevölkerung zu schiessen. Ähnlich wie er wahrscheinlich auch „Dogville“ wegen dem Massaker am Ende nannte. Sowohl „Dogville“ als auch „Modern Warfare 2“ geben für seine Tat ansonsten inhaltlich ja nur denkbar wenig her –
    Manche mögen „Call of Duty“ als ideologisch genehm für jemanden wie diesen Breivik sehen, aber bei näherer Betrachtung der Fiktion halte ich das für nicht mehr stichfest. Das Spiel geht doch wohl in eine ganz andere Richtung als es sich ein Breivik so wünschen würde.
    Ich glaube auch, dass es nicht von der Hand zu weisen ist, dass solche Szenen da problematisch sind. Die Frage ist bloß: wie soll man wissen wer wo wie was dementsprechend einmal für ein Verbrechen verwenden, ja missbrauchen würde.

  4. Ich finde die Versteifung der deutschen Medien auf die vergleichsweise kleine Variable Videospiel in Breiviks Manifest sehr interessant und überaus typisch. Die Rolle seines christlichen Fundamentalismus ist angesichts des Stammpublikums der öffentlich-rechtlichen sowie der Leserschaft einschlägiger Blätter wohl ein zu heißes Eisen. Man könnte ja jemanden verärgern. Sich stattdessen auf das unsymphatische Lieblingsmonster Videospiel zu stürzen ist da viel einfacher, zumal Breivik hier ja eine Steilvorlage liefert. Vieleicht mit Absicht? Man weiß es nicht. Was mir an der Erwähnung von MW2 und WOW in seinem Manifest ins Auge sticht, ist die unglaubliche, scheinbare Naivität mit der ein ehemaliger Soldat, Jäger und Sportschütze mit jahrelanger Schießerfahrung MW2 als „gutes Schießtraining“ bezeichnet, obwohl es dafür wohl kaum geeignet ist. Breivik kann nicht allen Ernstes geglaubt haben, dass er hiermit seine Treffsicherheit signifikant verbessern könnte. Natürlich ist die Gedankenwelt eines Menschen, der denkt er wäre gegen alle Krankheiten imun wenn er eine Grippe überlebt, nicht an logische Denkmuster gebunden. Auffällig ist das aber schon. Vieleicht haben Menschen wie Dr. Hänsel oder Dave Grossman ihre Theorien aber auch soweit verbreitet, dass sich Irre jetzt tatsächlich Ego-Shooter beschaffen, in der festen Überzeugung damit trainieren zu können. Man weiß es nicht.

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