Ein Verbot ist nicht genug

(bkz) Auch Rudolf Weiss hat mittlerweile eine Gelegenheit bekommen sich zu den Anschlägen in Norwegen zu äußern, wobei er natürlich maßgeblich auf Videospiele abstellt. Schon in der Einleitung wird auf das „Manifest“ des Täters verwiesen, der „Modern Warfare 2“ als „seine wichtigste Trainingshilfe“ bezeichnet habe. Ob das tatsächlich der Fall ist dürfte zweifelhaft sein: Auch wenn mein Englisch mittlerweile etwas eingerostet ist, erscheint die Übersetzung doch etwas verunglückt. So heißt es im Original:

„I played MW1 as well but I didn’t really like it as I’m generally more the fantasy RPG kind of person – Dragon Age Origins etc and not so much into first person shooters. I see MW2 more as a part of my training simulation than anything else.“

Die Formulierung „than anything else“ bezieht sich wohl eher darauf, dass der Täter „Modern Warfare 2“ spielerisch nicht viel abgewinnen kann, weshalb er es hauptsächlich als Bestandteil seines Trainings betrachtet und es dürfte dagegen nicht gemeint sein, dass das Spiel der wichtigste Teil seiner Vorbereitung gewesen sei – was wohl auch die Grammatik nicht mitmacht. So erscheint die Übersetzung von chip.de doch passender:

„Ich betrachte MW2 daher primär als Teil meiner Trainings-Simulation.“

Aber auch Weiss selbst argumentiert gewöhnungsbedürftig. So konstatiert er einerseits, dass „Modern Warfare 2“ in Deutschland „ab 18 Jahren freigegeben“ bzw. „die amerikanische Originalversion […] in Deutschland verboten“ ist und prangert andererseits an, dass wegen dem „freien Zugang zu Gewaltmedien“ zwei Drittel aller Jungen den Titel schon genutzt hätten. Die Gleichsetzung von „verboten“ und dem „freien Zugang“ wirkt doch etwas manipulativ: Schließlich würde man wohl kaum behaupten, dass Kinder und Jugendliche in Deutschland einen freien Zugang zu Zigaretten, hochprozentigen Alkohol und Marihuana hätten, obwohl hier ebenfalls Möglichkeiten bestehen die Verbote zu umgehen. So ist Weiss‘ eigentlicher Punkt wohl, dass verbotene Titel „auch von Kindern millionenfach aus dem Internet heruntergeladen“ werden können. Wenn er nun den Unwillen der Politik kritisiert etwas zu verändern, kann das nur als Ruf nach einem weltweiten Verbot von „Killerspielen“ oder als Plädoyer für die Einführung von Internetsperren verstanden werden.

16 Gedanken zu “Ein Verbot ist nicht genug

  1. Weiss? Muss man den kennen?
    Ich glaub die Welt hat gerade ernsthaftere Probleme als Computerspiele, erwarte keine Verbotsinitiativen im Bundestag in der nächsten Zeit.

  2. Es ist wirklich enttäuschend dass in vielen journalistischen oder politischen Äußerungen zu diesem Thema nicht viel mehr Sinn steckt als im oft zitierten Manifest des Herrn B. aus Norwegen. Es ist offenbar ohne eigene Erfahrung in Shootern und im Umgang mit echten Waffen – den meisten „Killerspiel“-Gegnern fehlt beides – schwer vorstellbar, dass das „Zocken“ eben *nicht* die Fähigkeiten an der Waffe verbessert. Je nachdem wie das Programm gemacht ist mag es sich vielleicht für die Übung im taktischen Sinn eignen – Schießen lernt man damit jedoch ganz sicher nicht.

  3. Wer braucht da noch die Pfeiffer(s), wenn wir auch solche Experten haben. *sarkasm*
    .
    @News:
    Nach meinem Sprachverständnis würde ich die Aussage ähnlich interpretieren und übersetzen, wobei ich dazu sagen muss, dass meine Englischkenntnisse vor allem auf englischsprachige Unterhaltungs- und Fachliteratur, Filme, Serie und Spiele zurückgehen. ;)

  4. Ihr (und Chip.de) übersetzt das richtig. Anders macht der Abschnitt in dem „Manifest“ auch wenig Sinn, weil der hier nicht mehr zitierte Teil wie abgebrochen wirken würde.

  5. Ach immer diese verwirrten Menschen.
    Solangsam habe ich das Gefühl, dass es Zufall war, ich könnte mir das ungefähr so vorstellen:

    Weiß stand wohl vor Jahrzehnten vor der wahl:

    1) Behaupte ich diese Kacke über Videospiele
    oder
    2) Behaupte ich, Aliens hätten mich entführt und mir komische Messgeräte in Körperöffnungen gesteckt

    Ich denke er hat eine Münze geworfen und wir hatten schlicht und ergreifend Pech. Hätte evt. auch anders kommen können und wir hätten Ruhe gehabt ;)

  6. Kurz vor Mitternacht schreibe ich euch ganz geschwind nach der Lektüre des Hexenhammer. Dass es niemals ein Verbot von Killerspielen geben wird, keine Angst. Das Volk und seine Politiker lieben Gewalt, so wie zu Hexen Zeiten, bis in alle Ewigkeit hinein!

  7. ich frage mich gerade, warum die wohl krasseste Aussage des Märchenprinzen gar nicht in der News erwähnt wird X_X

    Zitat:
    Der „virtuelle Faschismus“, der von solchen Killerspielen ausgehe, gepaart mit einem politisch und religiös motivierten Sendungsbewusstsein, die Gesellschaft verändern zu wollen, Helden- und Allmachtsfantasien seien der Nährboden für das unfassbare Massaker von Norwegen gewesen, sagt Weiß.
    Zitat Ende

    Finde das viel schlimmer, als die offen zur Schau gestellte Unfähigkeit, einen Text einigermaßen korrekt von Eng nach Dt zu übersetzen…

  8. Naja, wenn jemand mit der ganz großen Keule ankommt und behauptet, von „Killerspielen geht ein virtueller Faschismus aus“, dann ist das schon derbe O.o
    Und wenn dieser angebliche virtuelle Faschismus dann noch ein Nährboden für Massaker sind, dann … omg …

  9. @maSu
    Der neue Artikel um den es hier geht ist, was man auch schon an dessen Einleitung ablesen kann, wohl als Fortsetzung eines Älteren zu verstehen auf den ich hier schon sehr oft hingewiesen habe, bei dem vom „virtuellen Faschismus“ sogar in der Head die Rede ist.
    Das scheint nunmal ein Haus- und Hofjournalismus zu sein –

    Wieso die anderen Inhalte der News mehr Substanz hätten erschliesst sich mir dabei nicht: es war hier ja schon öfter Thema, aber ich finde es zum Beispiel nunmal noch immer nicht überzeugend, dass allein weil die BPjM es als strafrechtlich relevant ansieht „Modern Warfare 2“ deshalb bereits „verboten“ wäre in Deutschland. Die BPjM mag zwar eine Behörde sein, aber sie ist immer noch kein unabhängiges Gericht.
    Aus meiner Sicht kann man daran ein weiteres Mal eher ablesen, dass über die aktuelle Gesetzeslage bei diesen Leuten immer noch nicht mehr Bescheid gewusst wird.
    Gerade vorhin wurde ich darauf aufmerksam wie relativ Verbote überall sein können: so war in der historischen US-Alkoholprohibition der Konsum von Alkohol auch nicht untersagt.

  10. Es geht mir ja nicht um „mehr Substanz“… eine News um den guten Herrn Rudolf Weiß hat nie Substanz.
    Ich war ja nur verwundert, dass die schlechten Englichkenntnisse eines Menschen wichtiger sind, als solche Faschismusvorwürfe, die ich zu gerne mal genauer begründet sehen würde (von Herrn Weiß).
    Ich denk so bei einem Tässchen Tee würde ich von Herrn Weiß erst eine Definition von Faschismus einfordern und dann die Begründung, was das mit Videospielen zu tun habe O.o

  11. (1) Erinnern wir uns an das Papier „Schaffen Medien Helden“, von Weiß, in dem die These vertreten wird, daß Jugendliche durch Medienkonsum eine „Rechtsradikalisierung“ erfahren – das beginnt für Weiss schon bei „Bravo“, wo eine „direkte Schiene der Vermarktung“ beginne, die erst irgendwo bei „Neonazisongs von ‚Noie Werte‘ oder den ‚Bösen Onkels'“ (sic!) ende. Und auch dort, daß die Effekte eines Konsums von – bei Hopf/Huber/Weiß heißt die Kategorie „Horror-Gewalt-Medien“ stärker seien als der sozio-ökonomische Status oder die Arbeitslosigkeit (vgl. Weiß, Handout zum Landespsychologentag 18.6.05 Freiburg). Das ist eine These, die von ihm schon seit Jahrzehnten vertreten wird. Mir fällt dabei auf, daß die Aspekte, die er da aufreißt, auch Scheinkorrelate sein könnten: Wenn Eltern den Jugendlichen den Konsum nicht verbieten, dann könnte das eben auch daran liegen, daß sie selbst eher gewaltaffin und/oder rechtslastig sind oder einen bestimmten sozioökonomischen Status haben, der schon eigenständig eine Rechtsradikalisierung begünstigt.

    In „Schaffen Medien Helden“ finden wir desweiteren eine Aufstellung, mit denen er etwa „nachweisen“ wollte, daß die einzig „gesunde“ und „moralisch entwickelte“ Position, die man zu diesen Inhalten haben könne, die moralische Ablehnung sein müsse. Weiß setzt den Anteil der „gefährdeten“ Jugendlichen auf etwa 15% an, und er fragt anscheinend nicht nach, wie groß beispielsweise der Anteil der Erwachsenen mit latent fremdenfeindlichen Einstellungen ist: je nach Quelle und Frage stimmen etwa 20% der Deutschen fremdenfeindlichen und rechtsradikalen Thesen zu, wobei um so mehr, je geringer der Bildungsgrad ist. Und dabei stimmt auch ein großer Anteil der Anhänger der etablierten Parteien – bei CDU und SPD jeweils ein Viertel, bei der FDP sogar 31% (vgl. die These vom „Extremismus der Mitte“?) – ausländerfeindlichen Thesen zu (vgl. Decker/Brähler, „Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland“, 2006).

    Darin schließlich eine zweite Aufstellung, in der Fälle von extremer Gewalt aufgezählt – und natürlich auf Mediengewalt zurückgeführt wurden – und das Tollste daran: die Fälle sind größtenteils selbstbezüglich, die Berichterstattung hatte die Medienmythen und Thesen, die die Medienkritiker aufgebaut hatten, als Wahrheiten aufgenommen, das hat er als Beweis seiner Thesen gewertet.

    (2) Erinnern wir uns auch an sein „Gutachten“ zu „GTA IV“, in dem er lediglich nach Altersgruppen aufgelistet hatte, wer das denn und wie lange spiele. Daneben wurden aber ganz andere Schlüsse gezogen, natürlich die üblichen (also: Gewaltförderung, Abstumpfung u.ä.). Nur wurde das überhaupt an keiner Stelle von ihm nachgewiesen, nicht einmal mit Literaturangaben, so ich mich richtig erinnere.

  12. Das Argument des „Faschismus“ kann man auch als argumentative Keule werten: Sie wird üblicherweise als Totschlagargument eingesetzt, wenn die Argumente weitgehend ausgegangen sind. Sein Einsatz ist dabei auch unabhängig von tatsächlich belegbaren Parallelen, sondern man verfährt nach dem Grundsatz „semper aliquid haeret“ – „irgendetwas bleibt immer hängen“, weil schon der Vorwurf – zumal in Deutschland – anrüchig genug ist, um den Angegriffenen so auch zu belasten (http://de.pluspedia.org/wiki/Antisemitismuskeule).

    noch ein PS zu (1): Ich denke, man kann das auch darum nicht ernstnehmen, weil auch hier letztlich jedes Medium, das sich (siehe Spiele: angeblich) in irgendeiner Form an Jugendliche richtet oder von ihnen konsumiert wird, für verwerflich erklärt wird.

  13. Ich finde den vorwurf des „virtuellen faschismus“ durchaus zutreffend zu einem gewissen teil zumindest.

    Die videospiele industrie ist nunmal eine industrie die sehr stark durch US amerikanische entwickler geprägt wird. Und wie die meisten US amerikanischen mainstream medien erzeugnisse sind diese nunmal sehr „patriotisch“ angehaucht.

    Was in vielen fällen bedeutet: Araber/Turbanträger die bösen, US Marine Core die guten, god bless america. Niemand macht sich weder hier noch dort drüben gedanken über dieses stereotyping das nicht nur in spielen vorkommt sondern in allen medien, sogar in den nachrichten (zur erinnerung: in norwergen wusste niemand irgendwas, aber jeder wusste das es islamisten waren!!!)

    Das ist genau die art verwirrte schwarz/weiß malerei die extremistische imame benutzen um junge männer mit sprengwesten los zu schicken. Wir haben dafür unseren „War on Terror“ mit dem wir unsere Breivik’s züchten wie Imame ihre märtyrer züchten.

    Dieser kommentar soll nun auch kein US bashing sein oder dergleichen, aber ich finde wir verstecken uns zu oft hinter einer doppelmoral. Jedes jahr werden bestimmt ein dutzend spiele released in denen der spieler irgendwelche dunkelhäutigen turbantragenden gegner erschiesst, niemanden stört es.

    Wenn dann aber in einem arabischem land ein spiel entwickelt wird wo der spieler die umgekehrte rolle übernimmt und als turbantragender dunkelhäutiger plötzlich US Marines bekämpft, dann ist das „geschmacklos“ in der gaming presse. Von daher kann ich da schon eine gewisse art von virtuellem faschismus entdecken. Wenn ich auf turbantragende dunkelhäutige menschen schiessen darf, dann will ich auch auf dicke, cowboyhüte tragende amerikaner schiessen dürfen!

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