Anspruch und Wirklichkeit

Wir hatten bereits darüber berichtet, dass Manfred Spitzers Beschreibung eines typischen „Killerspieles“ auch für Kenner des Genres etwas grotesk anmutet:

“Wenn man Punkte dafür bekommt, dass man nackte Frauen, die von der Decke hängen, in einer ganz bestimmten Weise die Arme wegschießt. Das ist ja in den Ballerspielen der Fall. Und dann belohnt wird: Je brutaler man vorgeht, desto mehr Belohnung bekommt man.”

Solche Inhalte dürften weder allgemein noch im Einzelfall Gegenstand eines „Ego-Shooters“ sein, zumindest ist uns kein Spiel bekannt, das diesen Schilderung entspricht. Der Versuch, durch eine Anfrage bei Spitzer den Namen des fraglichen Spieles in Erfahrung zu bringen, blieb leider erfolgslos, weshalb wir etwas recherchieren mussten. Das Szenario scheint für Spitzer zumindest allgemein interessant zu sein: So äußerste er sich in einem Interview in einer ähnlichen Art und Weise:

Diese Spiele, wo, da hängen nackte Frauen von der Decke und je nachdem, wo man die abschießt und wo man sie trifft, stöhnen sie auf andere Weise.“

Spitzer, Manfred, dradio v. 24.11.2006.

Den Namen des Spieles blieb er jedoch auch hier schuldig. Anders sieht es dagegen in einem Beitrag der Zeitschrift Nervenheilkunde aus, in dem Spitzer ebenfalls die besagte Szene thematisiert:

„Der Täter hat eine Leidenschaft für Computer und vor allem für verbotene Spiele wie Duke Nukem 3D, das […] „alleine das Ziel, Fun-Erlebnisse zu vermitteln“ verfolgt, wie es in der Begründung für die Indizierung […] heißt. Dort heißt es zudem: „Das gnadenlose Abknallen nackter Frauen, die wehrlos gefesselt an der Decke hängen, finde ich, gelinde gesagt, daneben“.“

Spitzer, Manfred, Milliarden für Tötungstrainingssoftware, Nervenheilkunde 1/2005, S. 1, 1 f.

Spitzer dürfte demnach regelmäßig von „Duke Nukem 3D“ gesprochen haben, das seiner letzten Beschreibung jedoch nur begrenzt entspricht:

1. Punkte

Wenn man Punkte dafür bekommt […].“

In dem Spiel „Duke Nukem 3D“ gibt es überhaupt keine Punkte, die der Spieler für Handlungen erhalten könnte. Am Ende eines jeden Abschnitts erscheint lediglich eine Statistik, in der die Spielzeit, die Anzahl der ausgeschalteten sowie der verschonten Gegner und die der (nicht) gefundenen „Secrets“ angezeigt wird. Welchen Wert man diesen Zahlen beimisst, bleibt jedem selbst überlassen. Beliebte „Speedruns“ zeigen jedoch, dass viele Spieler offenbar nicht danach streben möglichst viele Gegner zu erledigen, sondern die Levels mit der besten Zeit absolvieren wollen.

2. Abtrennbare Gliedmaßen

[…] In einer ganz bestimmten Weise die Arme wegschießt.“

Beim Töten der besagten Frauen ist es nicht möglich einzelne Körperteile, wie z.B. Arme, abzuschießen. Das Spiel unterscheidet darüber hinaus auch nicht danach, wie die Frauen zu Tode kommen, so dass auch nicht an das Töten auf einer „ganz bestimmten Weise“ irgendwelche Folgen geknüpft werden könnten.

3. Brutalität

„Je brutaler man vorgeht, desto mehr Belohnung bekommt man.“

Die Brutalität ist im Spiel irrelevant und wird weder erfasst noch belohnt.

4. Kontext

Spitzer spart bei seiner Beschreibung den Kontext der Szene aus und erweckt den Anschein, dass es das Ziel des Spieles sei die Frauen allein zum Spaß zu erschießen. Tatsächlich handelt es sich um eine Anspielung auf die Aliens-Filme, bei denen Aliens menschliche Körper in ihre Nester einspinnen, um diese ihren Nachwuchs ausbrüten zu lassen. Der Parasit reift im Körper heran um seinen Wirt beim Schlüpfen schließlich äußerst schmerzsam zu töten. Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass der Protagonist in „Duke Nukem 3D“ von den Frauen selbst angefleht wird („Kill me!“) sie zu erschießen.

23 Gedanken zu “Anspruch und Wirklichkeit

  1. Erinnert sehr an die Spielebeschreibung Bosbachs zu den Konsolen und PC-Spiel Prey, dort wurde auch mehr hinzugedichtet als in Wirklichkeit vorhanden war.

  2. Nein, nein, nein, nein, nein! Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Experten De-Kontextualisierung von Spielinhalten nachweisen?! Wo bleibt denn da der öffentlichkeitswirksame Splatter-Shock-Effekt, der nach dem allseits beliebten Reiz-Reaktions-Schema („AIDA“) die besorgte Öffentlichkeit wachrüttelt? Darf dann wohl auch Frau Pfeiffer keine Vorträge mehr mit Screenshots aus Bioshock garnieren (Little Sister und Schrotflinte)?! Oder der Herr Näf nicht mehr von Vergewaltigungen phantasieren? Am Ende zweifelst Du sogar die Daseinsberechtigung dieser Experten überhaupt an! Pfui, wie menschenverachtend! Du Ego-Shooter!

  3. Bin zwar nicht der Dr., aber:
    „Es gibt Spiele, keine Sorge den Namen will ich gar nicht nennen, da fliehen Menschen vor Foltermaschinen, rufen halbnackt um Hilfe und jetzt ist es Aufgabe des Spielers zu töten, aber nicht die Angreifer, sondern die ihn um Hilfe anflehen. Je mehr Hilfesuchende er tötet, desto höher steigt er im Level, desto erfolgreicher ist er in Anführungszeichen.“
    .
    So bereits in der Zitatdatenbank enthalten.

  4. Argh, das ist ja schon fast peinlich. Einen Newseintrag, welches Spiel da möglicherweise hinter steckt, habe ich aber noch nicht geschrieben, oder?

  5. @Roland_9
    Genau das, in einen späteren TV-Beitrag wird das Game ja auch mal gezeigt (Bosbach war da aber dann auch kein Gast mehr) und ja man kann an einer Stelle des Spieles einen der gefangenen Menschen töten (relativ unwissend), es gibt ganz am Anfang des Spieles einen Knopf, diesen drücken der zuvor von den Rebellen (Im Raumschiff gibt es ja welche die gegen die Aliens kämpfen,durch einen Anschlag auf die Monster wird man ja selbst befreit) abgeschalteten Maschine zur „Menschenschlachtung“ wieder kurz einschaltet und den festgeschnallten Mann auf der „Metallpritsche“ umbringt.

  6. @Roland_09
    Oha. Hast du irgendwie eine bessere Suchfunktion auf dieser Webseite als ich? ; ) Ich muss den Beitrag irgendwie übersehen haben. Aber danke, offenbar war das damals eine Sackgasse.

    edit:
    @Doktor Trask
    Hast du da einen Link?

  7. … das ist ja bereits eine Perversion des Stille-Post-Prinzips, dass von den Fanatikern sonst praktiziert wird, wenn ein orientierungsloser „Experte“ seinem Vertrauenspolitiker eine dekontextualisierte Gewaltdarstellung präsentiert, bzw. beschreibt (die er selbst nur Auszugsweise kennt) und irgendeinen pseudowissenschaftlichen, moralinsauren Müll souffliert. Hier hat sich die Vorstellungskraft von SPITZER (abermals) verselbständigt. Was wohl bei der nächsten Inkarnation dazu gedichtet wird?

  8. @ Vica
    Na, was wird wohl noch hinzugedichtet, die obligatorische Vergewaltigungsorgie natürlich, dazu kommen noch die splicing-artigen Drogenexzesse, die einem neue und bessere Fähigkeiten, wie Kettenspritzen und Dauermeucheln, liefern. Was alles so aus dem kranken Gehirn eines Gehirnforschers sprudelt, davon können manche Horrorspiele-Designer nur (feucht) träumen, wie etwa aus dem Rückrat der Opfer Knochensäbel herstellen, oder reihenweise Kleinkinder mit dem Exekutions-Truck hinrichten. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wenn man weiß, wie solch ein Hirn funktioniert und wie es richtig einzusetzen ist. Und Spitzer ist auf diesem Gebiet vom Fach.

    (Vorsicht: Dieser Comment enthält eine gesundheitsschädliche Dosis Ironie, zu ernster Gebrauch kann zu Verwirrtheit und unter Umständen auch zu verletzten Gefühlen führen)

    Rest in Space

  9. Noch dazu: (5.) Duke Nukem 3D ist in Deutschland nicht „verboten“ (es geht nämlich hier nicht um den „Index Librorum Prohibitorum“, der Katholiken bei Strafe der Exkommunikation die Lektüre vieler der wichtigsten und einflußreichsten Autoren der europäischen Geistesgeschichte verbot und übrigens abgeschafft wurde, weil man meinte, es sei besser, sich mit Medien konstruktiv auseinanderzusetzen und Medienkompetenz zu entwickeln und auch seinen Kindern zu vermitteln) — sondern „indiziert“. Das heißt, daß es Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich gemacht werden darf, aber man konnte es käuflich erwerben. Und selbst wenn es „beschlagnahmt“ worden wäre und damit generell nicht angeboten werden dürfte, wäre der private Besitz nicht verboten. (Aber man weiß ja, daß man es auch da nicht so genau nimmt.)

  10. jA… in den Massenmedien, bei den „Experten“ und gewissen Politikern, den Laien also insg., wird i.d.R. nicht in in Jugendverbote (das Verbot des Zugänglichmachens in der öffentlichkeit, wie es z.B. für „USK 18“- oder nicht gekennziechnete Spiele gilt), Indizierungen und der Beschlagnahme differenziert. Die Vermischung ist z.T. so extrem, dass die eigenen Forderungen (eben die nach „Verboten“ – was auch immer das dann im Einzelfall sein soll) ad absurdum geführt wird und man nicht versteht, was diese PErsonen da eigentlich absondern.

  11. @Stefan
    Na mit dem eDuke-Mod wird aber aus dem 2D-Bitmap-Model ein 3D-Polygon-Model, da ginge es dann, in der Theorie, in der Praxis klappt das aber in dem Fall von eDuke nicht.

  12. Das hat nicht wirklich etwas mit der verwendeten Technologie zu tun; theoretisch könnte man auch Sprites so animieren, daß Körperteile (in 2D) fliegen gehen. In Duke Nukem 3D fliegt doch manchmal auch ein Gebiss durch die Gegend. Nur halt keine Arme nackter Frauen, soweit ich mich erinnere.

  13. Die Auflistung erinnert auch an die „legendäre“ Hart aber Fair Runde mit dem Pfeiffer, der WoW erklären wollte („WoW ist ein Strategiespiel, wo man Rollen spielt. Man ist Unteroffizier oder Offizier oder General. Man denkt sich Strategien aus, ist Arzt oder Sanitäter. In einem sehr komplexen Gebilde wirkt man gemeinsam darauf hin, dass man kriegerisch Erfolg hat.“)

  14. Herr Spitzer hat auf der AAW-Veranstaltung auch wieder die Einführung einer besonderen Steuer auf gewalthaltige Spiele gefordert. Und er warf der Politik vor, sich bei Medien dem Jugendschutz zu verschließen. Ach ja, virtuelle Gewalt hat für ihn direkte Auswirkungen auf die reale Gewaltbereitschaft.

    Das Übliche also.

  15. @ Ash
    Obwohl es diese „Gewaltsteuer“ ja bereits indirekt gibt. Wenn man Spiele für Erwachsene online ordert, wollen die Händler meist einen Alternachweis machen, und der kostet was extra.

  16. @hecter specter
    Auf Automanten gibt es das wirklich, Spiele die nur für Erwachsene geeignet sind werden höher besteuert als die anderen Titel, ob es das auch für normale PC und Videospiele gibt weiß ich allerdings auch nicht.

  17. Je brutaler man vorgeht, desto mehr PUnkte bekommt man …
    Das gibt bzw. gab es durchaus, und zwar in dem Spiel DER PATE.
    In der ersten Variante und der Don-Edition. Die nächsten habe ich nciht mehr verfolgt.

    In Der PATE gibt es die berüchtigte Druck-Anzeige, die die Angst der Opfer misst.
    Je mehr man diese schikaniert, um so mehr Punkte bzw. Erpressungsgeld kriegt man.

    ZUR EHRE der Spieler muss man hier immer dazu sagen: Diese Spiele waren ein FLOP.
    EA hat versucht GTA zu imitieren, aber sie haben nur Langeweile produziert und
    die gesellschaftskritischen ‚Elemente – die es in GTA ja gibt – weggelassen.

    Ansonsten finde ich Ihre Kritik höchst kleinkariert, auch was die sachlichen Fehler meines Bruders betrifft. Wie wäre es denn, wenn Sie mal die Zahlen zum Thema
    Computerspielen und Schulleistung, bzw. „Leistungskrise der Jungen“ zitieren würden,oder die Zahlen zur Spielesuchtforschung.
    Als Chefredakteur von Gamestar hat Gunnar Lott über diese Zahlen im Spiegel gesagt,
    man müsste sie ernst nehmen, natürlich vor dem Hintergrund der Konkurrenz zu den Konsolenspielen.
    Heute ist er bei Gameforge und vertreibt selber Suchtspiele wie Metin2. Da will er zu dem Thema natürlich nichts mehr sagen.
    Diese Art von Kritik ist, als würde man die Beiträge in StigmaVideospiele nach der Rechtschreibung beurteilen. Wenn ich das seinerzeit gemacht hätte, als ich hier mit diskutierte, hätte ich genau so hämische Kommentare schreiben können. Habe ich aber nicht getan.

  18. @Regine Pfeiffer
    Bei „Der Pate“ mag das stimmen – jedoch nicht in „Duke Nukem 3D“. Allgemein: Ich habe nichts gegen Kritik an Spielen, aber wenn man Sie schon kritisiert, dann doch bitte auf der Grundlage von Tatsachen. Nicht zuletzt weil der „Duke“ Kult ist, dürfen da Spieler m.E. völlig zu Recht darauf pochen, dass er nicht die ihm von Spitzer zugeschriebenen Handlungen tun konnte. Und wie „Der Pate“ und z.B. „Bulletstorm“ zeigen gäbe es auch genug echte Beispiele für Gewalt, so dass man gar nicht erst Schauermärchen erfinden müsste.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.