taz-fail: „Alle Täter […] haben Ego-Shooter gespielt“ (Update)

(taz) Wir haben uns jüngst – genaugenommen vor vier Tagen – dazu durchgerungen die „Tipps für die Presse“ zu überarbeiten, obwohl sich die Begeisterung darüber in Grenzen hielt. Schließlich haben wir weitgehend auf recht offensichtliche Irrtümer verwiesen, die innerhalb von Sekunden mit einer Google-Suche aufgeklärt werden können. Beispielsweise, dass Steinhäuser nicht Fan von „Counter-Strike“ war und „Counter-Strike“ nicht vom US-Militär entwickelt wurde. Auch wurde vorsichtig angedeutet, dass die Presse mittlerweile sachlicher berichten würde. Ich möchte an dieser Stelle nun den Kollegen von der taz dafür danken, dass sie sich erbarmt haben uns ein aktuelles Beispiel zu liefern:

In einem Interview fragt die taz:

Frau Pannen, Herr Pfeiffer, alle Täter bei Schulmassakern haben Ego-Shooter gespielt, meistens exzessiv. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Killerspielen im Netz und dem Morden in der Realität?

Der taz-Redaktion war natürlich bekannt, dass – wie wir in unseren „Tipps für Journalisten“ erläutern (Punkt 13) – dies nicht der Wahrheit entspricht. Bei einer im Auftrag des United States Secret Services und des United States Department of Education durchgeführten Studie wurden 37 School Shootings von männlichen Jugendlichen an amerikanischen Schulen zwischen 1974 und 2001 untersucht. Videospiele betreffend wird hier ausgeführt:

„One-eighth of the attackers exhibited an interest in violent video games (12 percent, n=5).“

Also 12 % – nicht alle. Diese Erkenntnis beschränkt sich auch nicht auf ältere Fälle: So hielt sich der Videospielkonsum des Amokläufers von Blacksburg (2007) ebenfalls in Grenzen. Im offiziellen Bericht zu der Tat wird festgestellt, dass er nur in seiner Kindheit Videospiele genutzt hat, jedoch keine gewalthaltigen. Später hat er schließlich überhaupt nicht mehr gespielt:

„He was enrolled in a Tae Kwon Do program for awhile, watched TV, and played video games like Sonic the Hedgehog. None of the video games were war games or had violent themes.“

„Cho’s roommate never saw him play video games.“

„The only activities Cho engaged in were studying, sleeping, and downloading music. He never saw him play a video game, which he thought strange since he and most other students play them.“

Für Deutschland kann hier beispielsweise auf den Amoklauf von Ansbach (2009) verwiesen werden, über den SPON folgendes zu berichten weiß:

Die Ermittler betonten ausdrücklich, im Besitz des Amokläufers hätten sich nach bisherigem Erkenntnisstand keine sogenannten Killerspiele oder indizierten Horrorfilme befunden.“

Oder auch auf die Tat von Sankt Augustin – ebenfalls 2009:

„Hinweise auf einen Konsum von gewaltverherrlichenden Computerspielen, wie es bei anderen Amoktätern der Fall war, habe der erste Verhandlungstag vor dem Bonner Landgericht nicht ergeben, sagte ein Gerichtssprecher.“

Nichtsdestotrotz wurde uns zu Liebe der kleine Fehler in das Interview geschmuggelt, damit wir auch wieder was zu tun haben. Wir sind der taz für diesen Freundschaftsdienst äußerst dankbar und hoffen auch weiterhin auf eine fruchtbare Zusammenarbeit.

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Update

Eine weitere Kleinigkeit haben wir zunächst leider nicht bemerkt: Pfeiffer wird von der taz als „Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts an der Uni Hannover“ vorgestellt, was jedoch nicht ganz der Wahrheit entspricht. Das KFN ist weder eine staatliche noch eine universitäre Einrichtung, sondern schlicht ein privater Verein. Dies ist auch anhand des Logos auf der offiziellen Webseite erkennbar, bei dem sich hinter der Bezeichnung das „e.V.“ für „eingetragener Verein“ befindet. Institut kann sich dieser Verein daher nennen, weil das quasi jeder darf: Ähnlich wie bei der Bezeichnung „Journalist“ ist auch die Verwendung des Begriffs „Institut“ rechtlich weitgehend nicht geschützt. Hier hätte auch schon ein Blick in Wikipedia genügt. Demnach ist das KFN „ein außeruniversitäres Forschungsinstitut in Trägerschaft eines eingetragenen Vereins„.

9 Gedanken zu “taz-fail: „Alle Täter […] haben Ego-Shooter gespielt“ (Update)

  1. Interessanter Artikel, vor allem die Verdrehung der Wahrheit seitens der TAZ und Hr. Pfeiffer, der anscheinend ein wenig dazu gelernt hat. Auch das Fr. Pannen so ziemlich jede Aussage von Pfeiffer und TAZ zerlegt finde ich sehr interessant. Was in diesem Artikel betrieben wurde mit den reißerischen Fragen und Aussagen hat ja schon fast Bild Nivea…
    Ein anderer Teil des Artikels befasst sich ja mit der Medienunfähigkeit der meisten Lehrer in D und das hier extremer handlungsbedarf nötig ist. Auch die Idee des kollaborativen Lernen’s finde ich gut, wird aber bei uns wohl nie ausgeführt werden, da wir Schüler ja in einen Raum zwängen müssen und Ihnen den Kopf mit unnützem Wissen vollstopfen müssen.

    Ich würde aber diesem Artikel keine weitere Beachtung schenken.

  2. Ja, ja der Pfeiffer pfeiffert wieder einmal…
    .
    Bei der Aussage zur Entlarvung von Mythen durch kurzes googlen wäre ich etwas vorsichtiger. Ich vermute (bin auf dem Gebiet kein Experte), dass die Redakteure sowas durchaus tun. Allerdings finden sie dabei eben nicht nur Aussagen, die über Mythen aufklären, sondern eben auch vielfach die Mythen selbst. Welcher Aussage dann ein größerer Wahrheitsgehalt beigemessen wird, liegt nicht nur an der Bewertung der Seriösität einer Quelle, sondern gerade auch der vorherrschenden Meinung des Redakteurs zum Thema. So ungern ich es zugebe: Ein Pfeiffer genießt in gewissen Kreisen einen guten Ruf, ein ReyAlp, DoktorTrask oder auch ein Crusader jedoch nicht, so dass unsere Aussagen zum Thema weniger Gewicht haben, als die des Pfeiffer(er)s.

  3. In den Kommentaren wird auch darauf hingewiesen, dass das Pfeiifer als „Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts an der Uni Hannover“ beschrieben wird. Das ist aber kein Institut der Uni Hnnover sondern schlicht ein profaner eingetragener Verein.

  4. Twitter ist übrigens gerade ganz unterhaltsam:

    Killerspiele: Die @TAZgezwitscher hat immernoch nicht verstanden, dass bei weitem nicht alle Amokläufer auch Spieler waren: http://tinyurl.com/6593224

    tazgezwitscher: @zsis_de @Killerspiele doch, doch, haben wir.

    Killerspiele: @tazgezwitscher @zsis_de das sah in dem Artikel aber anders aus…

  5. Kann die taz nicht weiter Lobeslieder auf Mao und Lenin singen, statt sich mit Themen zu beschäftigen, mit denen sie sich offensichtlich nicht auskennt?

  6. vor kurzem in den nachrichten gesehen: offenbar will sich dieser massenmörder breivik für seine tat damit herausreden, dass er behauptet nicht mehr zwischen realer und virtueller welt unterscheiden zu können.
    sein anwalt meint sogar, dass der breivikmeist nur mit der sprache der zocker (lol,rofl usw.) unterhält.
    ein gefundenes fressen für das kfn und alle gameshasser.
    aber hoffen wir mal, dass die justiz in norwegen nicht so dämlich ist und diesen scheiss glaubt den er und sein anwalt erzählt.

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