„3500 Studien weisen […] nach“ – Wirklich?

Wenn es um die Frage geht, ob mediale Gewaltdarstellungen beziehungsweise gewaltdarstellende Videospiele Agressionen hervorrufen können, wird oftmals auf 3500 Studien verwiesen, die einen solchen Zusammenhang belegen würden. Aber stimmt das überhaupt? Urheber dieser Aussage ist die American Academy of Pediatricians (AAP), die im November 2001 zum Forschungsstand wie folgt Stellung nahm:

Mehr als 3500 wissenschaftliche Studien haben den Zusammenhang zwischen Mediengewalt und gewalttätigem Verhalten untersucht [und] außer 18 haben alle einen positiven Zusammenhang gefunden.”

Original:

„More than 3500 research studies have examined the association between media violence and violence behavior [and] all but 18 have shown a positive releationship.“ (S. 9)

Prof. Jonathan L. Freedman hat sich indem Buch „Media Violence and Its Effect on Agression: Assessing the Scientific Evidence“ (2002) der Thematik angenommen und stellte hierbei fest, dass bereits die Anzahl der Studien von der AAP etwas zu hoch angesetzt wurde: Tatsächlich hätten sich wohl etwas mehr als 200 und nicht 3500 Studien mit der Thematik auseinandergesetzt, wobei der Schwerpunkt im Übrigen auf Gewalt im TV zu liegen scheint: So findet sich beispielsweise schon bei den Längsschnittstudien nur eine einzige Studie, die nicht nur von „early television violence„, sondern allgemein von „media violence“ spricht.

Darüber hinaus seien die Ergebnisse auch weniger eindeutig, als es die AAP darstellt. So ist das Verhältnis von 3482 zu 18 Studien nach Freedman kaum zu halten. Er kommt vielmehr zu dem Ergebnis, dass es mehr Studien gibt, welche die vermuteten Zusammenhänge nicht bestätigen können, als solche, die einen Beleg liefern. Aber selbst bei diesen bestehen Probleme: So wurde beispielsweise in Polen ein Zusammenhang festgestellt, jedoch nicht in Finnland – In den USA bei Mädchen, aber nicht bei Jungs. Auch ist es bei manchen Studien lediglich gelungen hinsichtlich einer Messgröße relevante Zahlen zu finden, während bei der Mehrzahl der anderen kein Effekt festgestellt werden konnte. So kommt Freedman hinsichtlich der Längsschnittsstudien zu einem klaren Fazit:

Mit anderen Worten, die drei Studien welche einige [die Hypothese] unterstützende Resultate enthielten fanden auch erheblich mehr gegenteilige Resultate.“

Original:

„In other Words, the three studies that obtained some supportive results also found substantially more non-supportive results.“ (S. 129)

Auch das abschließende Fazit Freedmans ist insoweit eindeutig:

„Die Ergebnisse dieser Forschungsrichtung wurden teilweise als überwältigend bestätigend für die kausale Hypothese dargestellt. Dies ist nicht korrekt. Stattdessen sprechen die Studien gegen die Hypothese, da der Großteil der Studien diese nicht stützt. Zusammenfassend stelle ich fest dass die wissenschaftliche Forschung die Hypothese, dass das Ausgesetztsein gegenüber medialer Gewalt aggressives Verhalten erzeugt, nicht bestätigt.”

Original:

The results of this research have sometimes been discribed as overwhelmingly supportive of the causal hypothesis. That is not correct. Rather, the research is discouraging for the hypothesis, with most of the research not supporting it. I conclude that the scientific research does not support the hypothesis that exposure to violent media causes aggression.“ (S. 200)

Auch wenn dieses Ergebnis manchen ins Konzept passen mag sollte man bedenken, dass Freedman einen Forschungsstand untersucht hat, der mittlerweile 10 Jahre zurückliegt. Es ist darüber hinaus auch nicht meine Intention Videospiele angesichts der aktuellen Forschungsergebnisse zu exkulpieren, sondern lediglich die Hintergründe der „3500-Studien“-Aussage aufzuhellen. Ich kann auch nicht garantieren, dass Freedman richtig liegt, sondern wollte der Einschätzung der AAP lediglich eine andere Meinung gegenüberstellen.

27 Gedanken zu “„3500 Studien weisen […] nach“ – Wirklich?

  1. Alles schon bekannt, kommt so auch in meiner Diss. vor… der „3500-Studien“-Mythos hat aber tatsächlich weite Verbreitung gefunden, wobei die Gesamtzahl an Publikationen, wenn man Betroffenheits- und Traktätchenliteratur hinzuzählt (wie die Ausflüsse eines Manfred SPITZER z.B.), natürlich extrem hoch sein kann, aber das sind ja eben keine Studien. Jetzt kommt aber noch das Problem des Publikationsbias hinzu, sowie das Phänomen, dass viele Studien im interpretativen Teil zwar feststellen, negative Wirkungen entdeckt zu haben, dies aber entweder nicht von der eigentlichen Studie (z.B. dank der immer wieder von mir vorgetragenen methodischen Defizite) getragen wird (und z.T. ganz eindeutig das Gegenteil plausibler ist) oder sich die Ergebnisse nach Reanalysen verflüchtigen. Die Mediengewaltwirkungsforschung ist ein ganz großer Haufen Unsinn und m.E. größtenteils autopoietisch; immerhin garantiert das geringe Akzeptanzniveau bei Fachjournalen und der noch geringere Aufwand bei der Erstellung entsprechender Studien einer Reihe von Wissenschaftlern ein gewisses Maß an nicht abflauender Präsenz, ein Craig ANDERSON lebt ja quasi nur von solchem Unsinn (überspitzt gesagt).

  2. @Vica
    Freedman gibt auch an die Studien nach den hervorgebrachten Zahlen und nicht nach der Meinung der jeweiligen Autoren beurteilt haben, die zum Teil divergieren. Besonders interessant finde ich auch „Ausrutscher“ bei denen durch Studien hinsichtlich von medialen Gewaltdarstellungen nicht die Nutzung sondern die Präferenz erfragt wurde.

  3. Ich bin gerade nicht daheim und kann nicht nachgucken… meinst du mit „hervorgebrachten Zahlen“ Effektstärken?

    Aber das ist ja genau das, was ich meine, dann dürfte sich das Gewicht noch mehr gegen(!) negative Wirkungen verlagern, wenn man noch die Qualität der Studien mit einbezieht (so die Argumentation in meiner Diss.), wobei ich persönlich die Defizite so gravierend finde, dass ich da fast schon diplomatisch anbieten müßte, davon zu sprechen, dass die „Mediengewaltfrage“ noch gar nicht richtig untersucht worden ist.

    Der von dir skizzierte „Ausrutscher“ ist übrigens gar nicht selten, die Mediengewaltexpositionsmaße sind insg. mehr als dubios; aber das trifft sich ja gut mit der dämlichen Stimuluswahl in Experimenten.

  4. @Vica
    Ich meine einfach nur die Ergebnisse der Studie: Also wenn der Autor schreibt xy is an evidence, die Zahlen das aber nicht hergeben, hat Freedman es eben nicht als evidence betrachtet.

  5. Ah… ja, ich glaube, ich erinnere mich. ^^
    Naja, m.M.n. ist das Projekt „Mediengewaltwirkungsforschung“ schon vor langer Zeit gescheitert (wir dürfen da schon von „vor Jahrzehnten“ sprechen). Ungeachtet der Menge der Studien, die ohnehin kein Argument für oder gegen eine negative Wirkung sein können.

  6. @Steffen
    Dann wäre das hier afaik ein kommerzielles Angebot und die Seite würde wegen fehlender Impressumsangaben etc. noch illegaler werden, als sie es ohnehin schon ist^^.

  7. Lustig finde ich hierbei eigentlich nur dass die 3500-Zahl so große Wellen angenommen hat. Ich kenne kein so enges Forschungsgebiet das auch nur einen Bruchteil der Studien hätte, die Zahl ist imho einfach nur unrealistisch.

  8. Pingback: Medienwirkungsforschung kann als solche gar nicht scheitern | Der Almrausch

  9. Wäre es vielleicht möglich die Zitate zusätzlich noch zu übersetzen damit Leute die hier zu Besuch kommen und des Englischen nicht mächtig sind unter die Arme gegriffen wird.

  10. Meine Vorschläge:
    1. „Mehr als 3500 wissenschaftliche Studien haben den Zusammenhang zwischen Mediengewalt und gewalttätigem Verhalten untersucht [und] außer 18 haben alle einen positiven Zusammenhang gefunden.“
    2. „Mit anderen Worten, die drei Studien welche einige [die Hypothese] unterstützende Resultate enthielten fanden auch erheblich mehr gegenteilige Resultate.“
    3.“Die Ergebnisse dieser Forschungsrichtung wurden teilweise als überwältigend bestätigend für die kausale Hypothese dargestellt. Dies ist nicht korrekt. Stattdessen sprechen die Studien gegen die Hypothese, da der Großteil der Studien diese nicht stützt. Zusammenfassend stelle ich fest dass die wissenschaftliche Forschung die Hypothese, dass das Ausgesetztsein gegenüber medialer Gewalt aggressives Verhalten erzeugt, nicht bestätigt.“

  11. Hmm, also wenn da eine so große Diskrepanz besteht, dann kann mit einer der beiden Zahlen etwas nicht stimmen. Und in dem Fall würde ich eher zu der moderateren der beiden als diejenige, die am ehesten der Wahrheit entspricht, tendieren. Es kann kaum sein dass Freedman da über 3000 der angeblich geschaffenen Studien einfach nicht gefunden hat.

  12. Danke wegen den Übersetzungen, ich habe zwar selbst kein Problem mit Englisch aber man sollte nicht vergessen das es vielen da anders geht und wir wollen ja mit dieser Seite aufklären und unterstützen, wenn die Leute auch wissen um was es geht kommt uns das allen zu Gute.

  13. Thx. Freedman himself write in his book:
    „In 1999 I was approchaed by the MPAA and asked whether I would consider conducting a comprehensive review of all the research on media violence. Until then I had never received any support from any organisation for this work. On the one hand, I was a little nervous because I knew there was a danger that my work would be tainted by a connection with the MPAA. On the other hand, I thought it was time for a complete review of the research, and I knew I could not do it without support. After some soul searching and consultation with a lawyer, I agreed as long as it was made absolutely clear that I was free to do and say what I wanted in teh review. The MPAA would have no input into the review, would see it only after it was complete, and exceot for editorial suggestions, would be forbidden to alter what I wrote.“
    because of the link: It is an interesting article but I have no skills to judge who is right. Imho it is just interesting that in the linked paper the „knowing majority“ seems alwys to be Bushman^^.

  14. Sehr amüsant dieser 3500 Studien Mythos. Stelle mal eine Theorie zum Ursprung auf:
    Forscher fangen vor Jahrzehnten an Ursachen von gewaltätigem Verhalten zu untersuchen. Irgendwann kommen Musik, Film, Bücher, Comics und TV dazu. Viel später dann Spiele. Irgendjemand sucht für einen Artikel oder eine Abschlussarbeit einen knappen Überblick zum Umfang der Forschung. Er gibt in den Katalog der Zentralbibliothek ein: „Gewalt Ursachen“ und hatte 3500 Treffer. Er guckt sich die aktuellsten 10 Treffer an und sieht verstärkt Spielebezüge, weil die grad populär in der Forschung waren (was er jedoch nicht weiß). Schlussfolgerung des besagten Autors: „Aha! Es gibt 3500 Studien.“ Andere lesen die Zahl und denken „Toll, eine Zahl, endlich mal! Das schreibe ich gleich ab und wenn jemand fragt, verweise ich auf den Autor.“
    ;)

  15. A bad… a very, very, very bad article by Huesman and Taylor. There is so much wrong with the article, I wouldn’t even know where I should begin with…
    „The best-known social scientiest who deny there are any effects generally have never done any empricial research on the topic.“ What kind of argument could that be? Nonsense! But you shouldn’t be surprised, as Huesman is one of the more „active“ authors who flooded the public with bad studies for decades.

  16. … also im dt. Sprachraum würde ich ja Michael KUNCZIK als Verantwortlichen identifizeren, der den Mythos hierzulande verbreitete. Jedenfalls bezog sich das Gros der deutschrpachigen Literatur, dass ich so im Laufe der Jahre gelesen habe und das diese Zahl ins Feld führt, auf dessen Publikationen (da hatte LUKESCH auch seinen einzien Treffer gegen die Arbeiten von KUNCZIK – die beiden hegen seit langem eine Privatfehde, deren argumentatives Gewicht aber deutlich bei KUNCZIK liegt -, als er kosntatierte, dass es sich bei der Zahl wohl nur um einen „Mythos“ handelt).

  17. @Vica
    In solchen Momenten tut es mir Leid von der Materie keine Ahnung zu haben. Ich kann allein bemerken, dass:
    – die Kritik bei jeder Gelegenheit daran festgemacht wird, dass die Studie von der MPAA stamme (Gab es nichts handfesteres?)
    – er selbst keine Experimente durchgeführt hat (Sagt mir auch nichts über die Qualifikation.)
    – Freedman Polemik und das herauspicken von Einzelfällen vorgeworfen wird, also genau das, was Huesman und Taylor ihrerseits wiederum tun.
    Zumindest nett dass zugegeben wird, dass viele Studien Schwächen haben und Ergebnisse gern überinterpretiert werden.

  18. Aaah… I’ve searched for this (nonsense) article as soon as you posted your last link, but I couldn’t remember neither its title nor its author. Of course HUESMANN doesn’t present any substantial arguments against the massive criticism expressed towards the ANDERSON et al. 2010 meta-analysis regarding its (obvious!) methodological flaws etc.. Rather it is a simple argumentum ad verecundiam and ad hominem; e.g.: „Among those scholars with a vested interest in video games, either because playing these games is an important part of their identity (e.g., Ferguson; Jenkins) […].“ It isn’t just an (unproved) assumption, it shall per se exclude a whole generation of scientists from expressing criticism. In Germany we would say to the moral entrepreneur like HUESMANN: „Sie sehen ihre Felle davon schwimmen…“

  19. At last – is this related to the 3500?
    „Some of these critics have made valuable contributions in
    pointing out weaknesses in studies and exaggerations in statements
    of policy groups (Freedman, 2002).“

  20. Der „3500-Studien“-Mythosist auch noch aus einem ganz pragmatischen Grund absurd: Wenn es schon 1000 Studien gäbe, die eine Wirkung belegen und nur 18, die das Gegenteil sagen, wer bitte würde die Forschungsgelder für die weiteren 2500 Studien genehmigen? Studien sind schließlich dazu da, etwas _neues_ herauszufinden oder einen _unklaren_ Zusammenhang zu belegen.

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