Stellungnahme der taz

(taz) Wir hatten bereits letzte Woche auf ein Streitgespräch zwischen Ute Pannen und dem Kriminologen Christian Pfeiffer hingewiesen, das auf taz.de abgerufen werden kann. Auch wenn es erfreulich ist, dass selbst nach Pfeiffer Ego-Shooter kein Auslöser für Amokläufe sind, sondern Hass vielmehr im realen Leben entstünde, gibt es einen kleinen Wermutstropfen: Die Autoren des Interviews bringen in einer Frage eine Tatsachenbehauptung unter, die nicht ganz der Wahrheit entspricht:

“Frau Pannen, Herr Pfeiffer, alle Täter bei Schulmassakern haben Ego-Shooter gespielt, meistens exzessiv. Gibt es einen Zusammenhang zwischen Killerspielen im Netz und dem Morden in der Realität?“

Diese Aussage, dass ausnahmslos alle Täter von Schulmassakern Ego-Shooter genutzt hätten, ist in dieser Absolutheit nicht korrekt. Tatsächlich sind Amokläufe an Schulen kein neues Phänomen, sondern finden bereits seit 1973 statt. Sie begannen also schon zu einem Zeitpunkt, als es das Genre der Ego-Shooter noch gar nicht gab.

Eine Studie des United States Secret Services kann ebenfalls nicht als Beleg für die Behauptung angeführt werden, dass alle Täter von Schulmassakern Ego-Shooter genutzt hätten. Von 37 untersuchten School-Shootings fanden 26 nach 1992 und somit in der Zeit statt, in der mit „Wolfenstein 3D“ Ego-Shooter an Popularität gewannen. Nichtsdestotrotz konnte nur bezüglich 12 % der Täter ein Interesse an gewaltdarstellenden Videospielen festgestellt werden. Auch nach 2001 hat bei weitem nicht jeder Täter gewaltdarstellende Videospiele genutzt, wie Blacksburg (2007), Ansbach und St. Augustin (beide 2009) zeigen, obwohl dies angesichts der Verbreitung der Spiele nicht weiter verwundern würde. So haben nach einer Untersuchung von Hopf schon 60 % der männlichen 9. Klässler den „ab 18“ freigegebenen Shooter „Modern Warfare 2“ gespielt.

Bei der taz ist man sich indessen keiner Schuld bewusst und scheint bei der falschen Behauptung bereits kein Problem festzustellen. So hinterließ bereits ein kurzer Dialog per Twitter den Eindruck, dass es nach Ansicht der Redaktion allein auf den (tatsächlich) nicht behaupteten Zusammenhang zwischen der Nutzung von Ego-Shootern und School-Shootings ankomme:

Killerspiele: Die @TAZgezwitscher hat immernoch nicht verstanden, dass bei weitem nicht alle Amokläufer auch Spieler waren: http://tinyurl.com/6593224

tazgezwitscher: @zsis_de @Killerspiele doch, doch, haben wir.

Killerspiele: @tazgezwitscher @zsis_de das sah in dem Artikel aber anders aus…

Dieser Eindruck wurde uns nun mit Christian Füller durch einen der für das Streitgespräch verantwortlichen Autoren bestätigt:

„Sie zitieren eine Studie, die Shootings zwischen 1974 und 2001 auflistet. […] 37 an der Zahl. Seitdem gab es ein Vielzahl. Warum verschweigen Sie, was seitdem geschah – seit einer Zeit mithin, als die Ego Shooter ihren eigentlichen Boom erlebten. Wir haben leider keine Zeit, die Literatur so akribisch wie einseitig zu verfolgen wie Sie. Aber wir verwiesen […] auf den wesentlichsten Fakt: An keiner Stelle in dem Streitgespräch wird das behauptet, was sie insinuieren: Dass es ein 1:1-Ursache-Wirk-verhältnis Zwischen Ego Shootern und ausgeführten Massakern gebe.“

Eine Korrektur der falschen Behauptung, dass alle Täter Ego-Shooter genutzt hätten, ist (Stand: 01.11.2011 – 18 Uhr) noch nicht erfolgt.

Eine weitere Kleinigkeit: Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen wurde in dem Artikel als Einrichtung „an der“ Universität Hannover bezeichnet, obwohl es tatsächlich ein außeruniversitäres Institut in Form eines privatrechtlichen Vereins ist. Auch hier pocht Füller darauf, dass die Formulierung zumindest für Eingeweihte eindeutig sei:

„Wir schreiben ausdrücklich, dass das KFN ein Institut „an“ der Uni Hannover ist – das ist ein übliche Bezeichnung, die jeder aus der Szene versteht.“

Der Universität Hannover ist er damit jedoch voraus: Nach Auskunft der Pressestelle gibt es zwar „in der Tat […] den Status eines An-Instituts der Leibniz Universität Hannover“. Das KFN habe „jedoch nicht den Antrag auf ein An-Institut gestellt“, so dass es wahrscheinlich nicht als solches bezeichnet werden kann.

4 Gedanken zu “Stellungnahme der taz

  1. Sich in Kinospots über BILD-Leser lustig machen und selber keinen Deut besser als BILD-Redakteure recherchieren.
    Aber ich les sowieso nur noch französische Tageszeitungen, da stimmt die journalistische Qualität wenigstens noch.

  2. taz ist – und war schon immer – nur die Bild für die Bionaden-Bourgeoisie.
    Wer wirklich radikal linke Kritik lesen will sollte sich eher die Jungle World durchlesen.

  3. „[…]Warum verschweigen Sie, was seitdem geschah – seit einer Zeit mithin, als die Ego Shooter ihren eigentlichen Boom erlebten.“

    Der sog. Boom der Ego-Shooter begann mit Doom (92) und wurde mit der Doom und Quake-Reihe fortgesetzt und hatte eine weitere Hochzeit mit Half-Life (1998). Auch Unreal Tournament und Counterstrike beflügelten das Genre (beide 2000). Das die „Boomzeit“ also nach 2001 sein soll ist nicht ganz richtig, da eben gerade alle/viele maßgeblichen Spiele, welche diesen Boom (mit-)begründeten VOR 2001 erschienen.

    Mal abgesehen davon, dass du auch auf Blacksburg (2007) eingegangen bist (einer der schlimmsten School.Shootings in den USA bisher), gibt es auch Untersuchungen für nach 2001. Etwa zum Amoklauf in Winnenden wurde eine Frau zu einigen Fernsehsendern eingeladen, welche zusammen mit anderen alle bisherigen „Amokläufe“ in Deutschland untersuchten. Dort kam man auch nur auf ein Zahl von 40%. Leider ist mir der Name der Studie entfallen, „Amok-Studie Deutschland“ oder so ähnlich. Die Frau verschwand auch schnell wieder nach einigen Fernsehauftritten … mglw. waren 40% einfach nicht genug.

  4. Das Problem ist hierbei auch die Kritikfähigkeit vieler Menschen. Immerhin bedeutet der Nachweis von Falschaussagen letztlich, dass die Person schlecht recherchiert hat. Das wollen sich die wenigsten nachsagen lassen und fangen deswegen an, fleißig mit Wörtern zu jonglieren und „Klarstellungen“ zu schreiben. Journalisten sind hierbei berufsbedingt besonders betroffen, weil Glaubwürdigkeit und Ruf grundlegend notwendige Werte sind, die, wenn sie verloren gehen, die Bedeutung des Journalisten und der Zeitung entwerten.

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