Frontal21: Inkompetent und Stolz drauf!

(zdf) Der Journalist Rainer Fromm widmete sich am 09.11.2004 in „Frontal21“ – die älteren werden sich erinnern – gewaltdarstellenden Videospielen. Unter dem Titel „Videogemetzel im Kinderzimmer“ wurden falsche Zusammenhänge suggeriert, Tatsachen verfälscht und schlicht Unwahrheiten verbreitet. Während man angesichts der Sendung noch davon ausgehen konnte, dass hier einfach Ahnungslose am Werk gewesen sind, war nach dem Inhalt der später veröffentlichten Stellungnahme ein Ausversehen nur noch schwer denkbar.

Selektives wie sinnentstellendes Zitieren

So wurde beispielsweise versucht den im Beitrag erweckten Eindruck, dass der Umgang mit Videospielen ein probates Schießtraining darstellen würde, mit Belegen zu untermauern:

„Wie soll man beim Spielen Zielen trainieren? Genau das ist die Grundlage beim Training der US-Armee mit Egoshootern. Im derzeit renommiertesten Sachbuch zum Thema „Der virtuelle Krieg“ des CT-Redakteurs Hartmut Gieselmann (Hannover 2002) heißt es:„Doch das Militär setzt tatsächlich Computerspiele zur Ausbildung ein […]“.“

Wer sich die Mühe macht einen Blick in das angesprochene Werk zu werfen, wird sein blaues Wunder erleben. Tatsächlich werden Videospiele vom US-Militär, genutzt – beispielsweise zum Einüben von Taktiken – doch hinsichtlich des Schusstrainings gibt es in „Der virtuelle Krieg“ eindeutige Aussagen, bei denen man schon recht aufmerksam wegschauen muss, um sie nicht versehentlich zu lesen:

„Jedoch diente diese Version […] nicht […] für Zielübungen und zur Desensibilisierung der Rekruten […].“ (S. 24)

Mit Hartmut Gieselmann hatte sich sogar der Autor persönlich im ZDF-Forum zu Wort gemeldet, wobei man nicht nur zwischen den Zeilen eine gewisse Verärgerung über die Kreativität Claus Richters bei dem Verfassen der Stellungnahme herauslesen kann:

„Sehr geehrter Herr Dr. Claus Richter, in Ihrer Stellungnahme [..] zitieren Sie aus meinem Buch […], dass man in Computerspielen das Zielen mit einer Waffe trainieren könnte. Dieser Aussage habe ich stets widersprochen.”

Dreiste Lügen

Das Videospiel „Hitman“ hat Übrigens eines mit der Kompetenz von Frontal21 gemein: In der Sendung kommt es besser weg als in der Stellungnahme der Redaktion. Während im TV lediglich behauptet wurde, dass „sinnloses Morden im Sanatorium […] Spielinhalt“ sei, unterstellt Claus Richter im Text dass es bei „Hitman“ darum ginge, „Figuren, die an Behinderte erinnern, zu töten“. Am tatsächlichen Hintergrund ist das nah dran, aber dann doch nicht ganz zutreffend. In dem dargestellten Spielabschnitt befindet sich der Spieler – ein Klon unter vielen – in einer Einrichtung, die von Spezialeinheiten gestürmt und „gesäubert“ werden soll. Ziel des Spielers ist es gerade nicht seine Leidesgenossen zu töten, sondern dem Massaker zu entgehen. Es geht in dem Level also wirklich darum, dass die „Frontal21“ offenbar „an Behinderte“ erinnernde Klone vernichtet werden sollen, doch der Spieler ist als einer von diesen Opfer und nicht Täter. Obwohl in einer solchen Situation bewaffneter Widerstand durchaus angebracht sein könnte, kann die höchste Punktzahl nur durch eine friedliche Spielweise, die auf Schleichen und Verstecken setzt, erreicht werden. Ein Umstand, der durch zahlreiche Youtube-Videos belegt wird.

Ausweg: Manipulation

Diese und andere Punkte sind durch Unkenntnis kaum noch erklärbar gewesen, was uns nun zu der Frage führt, wie mit solch einer Sendung – Berichterstattung wollen wir es lieber nicht nennen – umzugehen ist. Wenn jemand Fehler macht, könnte beispielsweise eine Korrektur angemessen sein, wie es nicht nur das journalistische Berufsethos verlangt. Eine solche ist bis heute nicht erfolgt – man ziert sich eben. Ansonsten hätte zumindest angenommen werden können, dass den Beteiligten der Beitrag unangenehm sein könnte und von daher dessen erneute Thematisierung vermieden werden würde. Aber auch das ist ein Irrtum.

Anlässlich des 10-Jahres Jubiläums von Frontal21 ist die Vergangenheitsbewältigung nun durch ein Mittel gelöst worden, mit den man offenbar vertraut ist: Manipulation. In einem Clip werden die Highlights des Formats herausgestellt, zu denen die Agitation im Zusammenhang mit gewaltdarstellenden Videospielen gezählt wird. Auch wenn visuell der Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“ sowie die dagegen gerichtete Empörung der Gamer gezeigt wird, gelingt inhaltlich eine „Korrektur“. Es wird verschwiegen, dass der Protest einer inhaltlich unzutreffenden Berichterstattung galt, sondern stattdessen der Anschein erweckt, dass die Reaktionen auf die erst durch spätere Sendungen erfolgte Thematisierung der Suchtgefahr abzielen würden:

“2004 – die digitale Gemeinde in Aufruhr: Frontal21 berichtet über Killerspiele. „Das macht süchtig“, sagten wir – und kassierten jede Menge Widerspruch und Parodien.“

Man besitzt gar die Unverfrorenheit das Fazit eines Spieles als Überleitung zu Prämierungen des Formats zu missbrauchen:

Spieler: „Und die Moral aus der Geschichte: Leute, die noch nie ein Computerspiel gespielt haben, sollten mal die Schnauze halten.“

Sprecherin: „Dafür, dass Frontal21 eben nicht die Schnauze hält, bekommen Redaktionsleiter Claus Richter und Moderator Theo Koll stellvertretend für die Redaktion 2006 den Hanns-Joachims-Friedrich Preis.“

Eines muss man „Frontal21“ lassen – die haben Eier: Der Stern hat nicht den Mut seine journalistischen Qualitäten an den Hitler-Tagebüchern festzumachen.

Zum Video (ab 4:50)

(Dank an arbol01.)

19 Gedanken zu “Frontal21: Inkompetent und Stolz drauf!

  1. Oh ja, der Vergleich ist wirklich herrlich. Wenn es nicht so armseelig-krampfhafte Rechthaberei wäre, dann könnte ich über das Selbstlob dieser Gesellen schon lachen. Wirklich schade, dass niemand von den Sender-Verantwortlichen mal etwas kritischer hinterfragt, was für Dünnschiss dort produziert wird.

  2. „Auch wenn visuell der Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“ sowie die dagegen gerichtete Empörung der Gamer gezeigt wird, gelingt inhaltlich eine “Korrektur”.“

    Müsste es nicht vielmehr heissen „keine Korrektur“?

  3. Wie oft hab ich gesagt, dass das bewusstes lügen und Propaganda sind? Wie oft? Und die meisten sagen:“ Ja die wissen es ja nicht besser!“ Und das ist ja nicht nur bei Killerspielen so! Ab jetzt solltet ihr 2 mal darüber nachdenken, ob das was im Fernsehen gesagt wird stimmt (z.B. über den Iran, Horn in Afrika, …)! Vielleicht solltet ihr euch (und das empfehle ich allen hier) mal über Propaganda mechanismen informieren! Wie fälsche ich Filmmaterial, sodass man aus Opfern täter macht und umgekehrt, was ist Desinformation,…! Ich will jetzt nicht, dass ihr euch in verschwörungstheorien witmet, bloß dass ihr wirklich wisst, wies geht! (im Grunde seit ihr alle Verschwörungstheoretiker denn ihr glaubt nicht, an die ausgehende gefahr von Killerspielen sondern wisst, was wirklich los ist)

  4. @Aginor:

    Ich meinte jetzt eigentlich beim ARD. Ich will ja auch, das die Verursacher von dem Unmut etwas mitbekommen. Analog zum Programmbeschwerde-Sturm wegen RTL.

  5. @Soldat-Hans
    „Ab jetzt solltet ihr 2 mal darüber nachdenken, ob das was im Fernsehen gesagt wird stimmt“
    Das sollte doch hoffentlich nicht erst ab jetzt stattfinden. ;)
    .
    „Wie fälsche ich Filmmaterial, sodass man aus Opfern täter macht und umgekehrt, was ist Desinformation,…!“
    Sehr spannendes Thema, zumal aber auch berücksichtigt werden muss, dass es zu nahezu allem verschiedene Lesarten gibt, auch wenn keine bewusste Propaganda dabei ist, wodurch die eigene Sicht nicht zwangsläufig die einzig Wahre ist. Hier ist die persönliche Einstellung zum Thema sehr wichtig, die bei einer differenzierten Betrachung möglichst neutral bleiben sollte. Nur dann kann man wirklich verstehen, welche Intentionen die Produzenten entsprechender Filme (u.a. Medien) hatten und wie sie vorgegangen sind, um diese umzusetzen.

  6. Hey, ich wollte euch nur sagen, ich habe heute Morgen ein echt schickes Ding ins Klo gesetzt! Ich bin ziemlich stolz darauf und habe auch ein Foto gemacht, damit ich es an meinem 50ten Geburtstag allen zeigen kann. Ob ich dafür auch den World Press Photo-Award bekomme?

  7. Frontal 21 hat schon lange jede jounalistische Glaubwürdigkeit verloren, das dieser Mist immer noch läuft ist bei der heutigen deutschen Fernsehlandschaft, die ohne Niveau, ohne Intelligenz, ohne Anspruch und ohne Kreativität auskommt leider völlig normal. Öffentlichrechtliche sowie Private Formate ob es nun Akte, Frontal 21, Panorama, RTL Explosiv usw… sind das traurige Testament der Volkverdummung und Fehlinformation, und diese zu kritisieren ist ungefähr so als würde man bei der Behindertenolympiade buhen. Fernsehen wird über kurz oder lang aussterben, im Moment hält sich dieses Medium durch besagte Nivealosigkeit, vermehrte Prositution gegenüber der Politik, verstärkes Produktplacement und zweifelhafter Werbeaussagen souffliert durch Konzerne noch über Wasser.

  8. Ein interessanter Gedanke am Rande: Auch die Sendung „Panorama“ hat sich da ja nicht mit Ruhm bekleckert. Beklagt an deren Berichten wurden ja auch mangelnde Sachlichkeit, Manipulation von Bildern, gestellte Szenen, Werbung für Unternehmen, oder auch das „Nachtreten“ gegen Kritiker. Es gibt da noch ein anderes Magazin, nennt sich „Zapp“ – und eine der Moderatoren ist dieselbe Frau wie bei „Panorama“. Und dort wird beklagt, wenn Medienberichte „suggestiv statt sachlich“ seien, wenn Interviews so zurechtgeschnitten werden, daß die von den Machern gewünschte Aussage herauskommt, et cetera. Und „Panorama“ selbst hat ja dieses Jahr auch eine Reportage über die „scripted reality“-Shows von RTL und Konsorten abgeliefert.

    Ich fühlte mich bei irgendeinem gespielten Familienstreit natürlich an einen „Panorama-Bericht“ erinnert, in dem der – selbstverständlich/vermeintlich geradezu körperlich vom Computerspielen abhängige – Sohn in der Wohnung zu randalieren begann, weil die Mutter ihm den Rechner weggeschlossen hatte. Ist das also nun ein Hauch von journalistischer Selbstkritik? Es gibt ja durchaus Beispiele von neueren Berichten, die auch nicht besser sind. Oder ist den Leuten in Wirklichkeit schlichtweg egal, worüber sie jetzt gerade „betroffen“ sind, worüber sie in möglichst zynischem und geradezu selbstgerechtem Tonfall herziehen? Oder geht es da – wie in den Berichten – nicht auch wieder nur um „Andere“, um „Fremde“, „die nicht dazugehören“, und will man dadurch, daß man Inhalte von Anderen kritisiert, erreichen, daß die Zuschauer ihnen selbst einen Vertrauensbonus geben (denn wenn man den Mist bei Anderen beklage, dann könnten ihre eigenen Verlautbarungen ja nur besser sein)…

  9. Zapp ist eigentlich recht sachlich, bin mir sicher, dass die Redaktion nicht für Panorama verantwortlich ist. Und das Moderatoren Portfolio ist beim NDR scheinbar nicht so groß.

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