Offener Brief an Frontal21

Diese Woche, genau genommen am 06.12.2011, feierte das Politmagazin Frontal21, dass es seit 10 Jahren besteht. In einem Rückblick kam es auch zur Darstellung der Proteste von Gamern gegen den von Rainer Fromm erstellten Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“, wobei deren Anlass kurzerhand austauscht wurde: Während der Stein des Anstoßes tatsächlich die Verbreitung unwahrer Tatsachen war, wird seitens der Redaktion nun der Anschein erweckt, dass die Spieler an der Thematisierung der Suchtgefahr Anstoß nahmen. Diese wurde in dem Beitrag jedoch gar nicht angesprochen. stigma-videospiele.de hat gemeinsam mit dem VDVC einen offenen Brief verfasst, in dem diese erneute Manipulation verurteilt wird. 

Offener Brief an Frontal21:

Sehr geehrte Damen und Herren,

im Beitrag „Zehn Jahre Frontal21“ werden Reaktionen auf Ihre Berichterstattung vom 09.11.2004 über sogenannte  „Killerspiele“ thematisiert. Anknüpfungspunkt der Redaktion war hierbei ein möglicher Zusammenhang zwischen der Nutzung von Videospielen und Gewalttaten sowie der Umstand, dass einige Videospiele nicht indiziert, sondern „ab 18“ freigegeben wurden. Frontal21 sah sich daraufhin Kritik ausgesetzt, weil durch Auslassungen sowie schlicht unwahre Tatsachenbehauptungen unzutreffende Zusammenhänge suggeriert wurden.

So wurde – wir belassen es bei einem Beispiel – selbst noch in der offiziellen Stellungnahme behauptet, dass es in der Mission „Nachspiel im Sanatorium“ des Spiels „Hitman: Contracts“ darum ginge „Figuren, die an Behinderte erinnern, zu töten“. Tatsächlich ist der Protagonist selbst einer der Frontal21 „an Behinderte“ erinnernden Klone. Er hält sich in dem gezeigten Spielabschnitt in einer Einrichtung auf, die von Spezialeinheiten gestürmt werden soll. Ziel des Spielers ist es gerade nicht, sich und die anderen Insassen zu töten, sondern den Einsatzkräften zu entkommen. Der Spieler ist also Opfer und nicht Täter. Des Weiteren kann die höchste Punktzahl nur durch eine friedliche Spielweise, die auf Schleichen und Verstecken setzt, erreicht werden. Ein Umstand, der durch zahlreiche Youtube-Videos belegt wird.

In dem Rückblick gelingt Ihnen hinsichtlich der Empörung der Gamer eine „Korrektur”: Es wird verschwiegen, dass der Protest der inhaltlich unzutreffenden Berichterstattung galt, sondern stattdessen wird der Anschein erweckt, dass die Reaktionen auf die erst durch spätere Sendungen erfolgte Thematisierung der Suchtgefahr abzielen würden:

2004 – die digitale Gemeinde in Aufruhr: Frontal21 berichtet über Killerspiele. „Das macht süchtig“, sagten wir – und kassierten jede Menge Widerspruch und Parodien.“

Ein Vorgehen, das bei den Öffentlich-Rechtlichen offenbar System hat: Das Politmagazin Panorama behauptete anlässlich der Sendung „Killerspiele im Internet“, dass in „GTA: San Andreas“ derjenige gewinne, der „möglichst viele Frauen vergewaltigen“ würde – obwohl der Protagonist nach der Installation einer Mod von Frauen tatsächlich allein „auf eine Tasse Kaffe“ zu einvernehmlichen Geschlechtsverkehr eingeladen werden konnte. Die hierauf folgenden Proteste wurden ebenfalls umgedeutet: Auch hier war plötzlich nicht mehr die Bestürzung über die Verbreitung von Unwahrheiten, sondern die Angst, dass die Spiele verboten werden könnten, das maßgebliche Motiv der Spieler.

Bereits die von Ihnen an den Tag gelegte Arroganz, offenkundige Mängel der Berichterstattung zu leugnen, war einer Nachrichtensendung unwürdig. Dass Sie nunmehr die Kritik selbst aus den Kontext reißen und für Ihre Selbstdarstellung missbrauchen, spottet jeder Beschreibung. Wir fordern Sie hiermit auf gemäß § 6 des ZDF-Staatsvertrags, nach dem eine Berichterstattung „wahrheitsgetreu“ erfolgen muss, das weitere Verfälschen von Zusammenhängen zu unterlassen sowie die vorgenommenen Manipulation, wie es nach den gemäß § 10 RStV geltenden „anerkannten journalistischen Grundsätzen“ geboten ist, zu berichtigen.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Dittmayer, stigma-videospiele.de.
Patrik Schönfeldt, Verband für Deutschlands Video- und Computerspieler.

Links:

Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“
Stellungnahme Claus Richters zu „Videogemetzel im Kinderzimmer“
Jubiläumsvideo
ZDF-Staatsvertrag
Rundfunkstaatsvertrag

44 Gedanken zu “Offener Brief an Frontal21

  1. man sieht ja viel mist im fernsehen, bezüglich der thematik videospiele, aber glaube niemand war so dreist wie die redakteure bei frontal21, sich nach massiver und vollkommen berechtigter kritik nicht nur nicht zu entschuldigen, sondern sich die empörung noch einmal zu nutze zu machen, um für die quote auf vorurteilen rumzutanzen, gleichzeitig noch unwahrheiten zu verbreiten und dann nach jahren noch einmal den finger in die wunde zu legen. da hätten sie die kritik doch lieber einfach ignoriert.

  2. Aber jetzt mal ernsthaft, wie kann man so einen Brief bekommen und sich nicht bei der Berufsehre gefasst fühlen? Da muss jemand der sich selbst für einen Journalisten hält doch anfangen nachzudenken und zu reflektieren. Vielleicht bin ich ja naiv, aber das gesamte präsentierte Verhalten von F-21 lässt für mich nur den Schluss zu das das Menschen ohne jede moralische Konstante sind. Schlechte Menschen .

  3. @Martin
    Das hat mit Moral nichts zu tun! Beim Journalismus überlebt nur der dreisteste und der der das nachplappert, was Politisch korrekt ist. Denke nur mal daran, als man einen positiven Bericht über killerspiele rausbringen wollte, wo man mal erklärt, was denn nun was ist! Durfte der nicht. Dementsprechend ist eigentlich alles was du siehst auch ARD, ZDF… Meinungsmache und Propaganda, worauf Göbbels bestimmt stolz wäre, würde ers noch miterleben! Es ist ein nahezu perfektes Propaganda system, denn viele leute glauben ernsthaft, (siehe die Rotes Kreuz Idioten) dass diese neutral sind und ehrlichen Journalismus betreiben, weil sie ja soooooo unabhängig sind weils der Steuerzahler zahlt. Der ehrliche Journalismus ist leider zu 98% ausgestorben. Selten, dass noch mal wirklich recherchiert wird. Aber da kann man nicht viel machen.

  4. Jop, gute Arbeit wieder einmal.
    Hoffen wir dass der Brief bei ein paar Stellen gelesen wird und wenigstens ein kleines Echo bekommt.

    Gruß
    Aginor

  5. Schöner Brief, ein paar kleine Fehler nur drin.
    „Tatsächlich ist der Protagonist selbst einer der Frontal21 „an Behinderte“ erinnernden Klone.“ -> laut Frontal21
    „Ziel ist des Spielers ist es gerade nicht,“ -ist

    Ansonsten wunderbar und ich wünsche mir, dass auf den Brief aufmerksam gemacht wird in der Medienlandschaft. Hey, man wird doch wohl träumen dürfen, oder?

  6. @Dave
    Danke, habe das „ist“ entfernt. Ich denke es geht auch ohne „laut“. So erinnernt es eben nicht andere laut fFrontal21 an Behinderte, sondern frontal21 fühlt sich eben selbst an diese erinnert.

  7. guter brief, aber da der ach so tolle medienrat, der doch die aufgabe hat darauf zu achten das alles im rahmen der regeln und des kodex verarbeitet wird, sich aufführt wie putin und medwedew, sprich „alles scheiss egal, wir machen was wir wollen“ wird der brief leider nichts ausrichten.

  8. Grad in der ZDF Mediathek gelesen zum Satirischen Jahresrückblick:
    „Die Frontal21-Satireautoren Werner Doyé und Andreas Wiemers blicken für „Menschen 2011″ auf das politische Jahr 2011 zurück.“
    .
    Also keine Panik Leute, die meinen’s gar nicht böse, wie wollen ein paar Späßchen machen, quasi „pfeiffern“. :D

  9. Mit dem Beitrag hat Frontal21 seinen Ruf bei mir erneut schwer geschädigt.

    Ob die anderen Beiträge auch so herbeigeschludert sind, nur dass man es nicht merkt?

  10. Solch‘ Brief ist richtig und notwendig, aber leider schwach und teilweise unschön, manchmal sogar un- oder missverständlich formuliert. Vielleicht sollten Sie das nächste Mal jemanden schreiben lassen, der sich besser schriftlich ausdrücken kann und die Regeln & Kniffe guter Argumentation kennt. Beispiel:
    „Es wird verschwiegen, dass …, sondern stattdessen wird der Anschein erweckt, dass die Reaktionen auf die erst durch spätere Sendungen erfolgte Thematisierung der Suchtgefahr abzielen würden:…“
    Besser:
    „Sie verschweigen, dass…“ (aktiv statt passiv)
    „; stattdessen erwecken Sie“ (doppelt gemoppelt und unschön. Also ohne „sondern“. Und aktiv anstat passiv)
    usw…

  11. @Klaus
    Danke für den Hinweis. Leider hat man solch eine Person bei recht kurzfristigen Aktionen nicht immer zur Hand – ich bin bereits froh, dass nicht dutzende Rechtschreibfehler ans Tageslicht gezerrt werden (vielleicht wurden sie auch nur noch nicht gefunden^^).

  12. @Klaus:
    Jeder hat so seine Schwächen, sicherlich ist nicht alles was die beiden da geschrieben haben perfekt formuliert, aber ich persönlich finde es auch z.T. Ansichtssache. So klingt z.B. die von Ihnen kritisierte Passivform für mich einfach freundlicher, das aktive ist so… aggressiv. Und genau das wird ja bei den Gamern immer so kritisiert. Sowohl VDVC als auch Stigma-Videospiele fahren ja in aller Regel den sachlichen, deeskalierenden Kurs. Und dazu gehört oftmals dass man etwas höflicher ist als man sein müsste. Ich kann da nichts entdecken was so schlecht wäre dass es als qualitativ unangemessen betrachtet werden könnte, und auch un- oder missverständliche Stellen kann ich ehrlich gesagt auf Anhieb keine Entdecken.
    Angesichts der Tatsache dass der Breif vermutlich sowieso nicht von dem Personenkreis gelesen wird an den er gerichtet ist finde ich ihn durchaus angemessen.

    Im Übrigen leben sowohl Stigma-Videospiele als auch der VDVC vom mitmachen, wenn Sie also beitragen wollen, die Texte der beiden zu verbessern melden Sie sich einfach in einem der beiden Foren an (oder in beiden), es existieren immer mal wieder Threads zur Bearbeitung solcher Texte. :)

    Gruß
    Aginor

  13. Der Text wird weiter hinten doch noch leicht angreifend und wird damit wahrscheinlich eine leichte Abwehrreaktion bei den Redakteuren aufbauen. Das ist nicht unbedingt falsch, nur wird man nicht auf den Großmut der Redaktion hoffen können (falls das überhaupt eine Option gewesen wäre…). Der Vorwurfs-Kurs geht bei ausreichender Öffentlichkeit bestimmt besser, braucht aber eben eine gewisse Öffentlichkeit, damit Frontal das nicht einfach aussitzen kann. Kann man das noch irgendwie weiter verbreiten?

  14. @Icarus
    Wir könnten alternativ auch an das Anstandsgefühl Claus Richters appellieren. Nach der von ihm verfassten Stellungnahme wird er es jedoch verlegt haben. Abgesehen von Bildblog fällt mir im Moment nicht mehr ein. Sonst schreibt Frontal21 doch ebenfalls sachlich, was ihr von dem Beitrag haltet.

  15. Mmh, klar, das geht immer.

    Kriegen wir alternativ nochmal so einen Sturm auf Programmbeschwerde o. ä. hin, dass von allein eine gewisse Aufmerksamkeit entsteht?

  16. @Icarus
    Auch wenn es zugegebenermaßen recht öffentlichkeitswirskam ist und einen symbolischen Wert hat, halte ich von solchen „Massenaktionen“ recht wenig. Für den Fall, dass sich Frontal21 stur stellt, habe ich im VDVC-Forum aber in der Tat schon die Option einer Beschwerde ins Gespräch gebacht.

  17. wenn ich mich recht entsinne, konnte man in „GTA san andreas“ auch ohne installation einer mod zum einvernehmlichen „kaffeetrinken“ eingeladen werden. der „hot coffee-mod“ visualisierte diesen vorgang lediglich, den man im ungemoddeten spiel nur akustisch mitverfolgen konnte, bzw. fügte diesem aspekt einige gameplay-komponenten hinzu (sprich die einflussnahme auf den geschlechtsakt via controller)

  18. @hybridgenom
    Stimmt – ist auch so gemeint – kommt aber leider nicht ganz raus. In GTA IV ist es ja auch so mit fehlender Visualisierung drinnen.

  19. http://communications.medicine.iu.edu/newsroom/stories/2011/violent-video-games-alter-brain-function-in-young-men/

    Die fMRT-Aufnahmen der beiden Gruppen belegen einen Rückgang der Hirnaktivität durch exzessives Spielen gewaltverherrlichender Videospiele (s. Abb. m. u.). Klicken Sie auf die Abbildung, um zu einer vergrößerten Darstellung zu gelangen. | Copyright/Quelle: medicine.iu.edu

    Indianapolis/ USA – Nach einer Woche intensiven Spielens gewaltverherrlichender Videospiele konnten US-Neurologen bei jungen Männern verstärkt neurologische Veränderungen von Aktivitäten in jenen Hirnregionen nachweisen, die mit kognitiven Funktionen und emotionaler Kontrolle assoziiert werden.

    Wie die Wissenschaftler um Dr. Yang Wang von der University School of Medicine auf dem Jahrestreffen der Radiological Society of North America berichteten, untersuchen sie schon seit rund zehn Jahren in experimentellen Studien die Auswirkungen gewaltverherrlichender Video- und Computerspiele und glauben nun belegen zu können, dass die Spiele tatsächlich anhaltende negative neurologische Auswirkungen auf Vielspieler haben.

    „Zum ersten Mal haben wir anhand einer Gruppe zufällig ausgewählter junger Erwachsener zeigen, dass bestimmte frontale Hirnregionen nach einer Woche des Spielens entsprechender Videospiele deutlich weniger Aktivität aufweisen“, so Wang. „Die auf diese Weise beeinflussten Hirnregionen sind für die Kontrolle von Emotionen und aggressivem Verhalten verantwortlich.“

    Für die Studie wurden 29 gesunde junge männliche Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren mit keiner oder nur geringer Spielerfahrung bezüglich gewaltverherrlichender Videospiele ausgewählt und nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen zu jeweils 14 Personen aufgeteilt. Dann wurden die Mitglieder der einen Gruppe dazu angehalten eine Woche lang jeden Tag mindestens 10 Stunden mit dem Spielen eines sogenannten Ego-Shooter-Spiels zu verbringen und daraufhin eine Woche lang nicht mehr zu spielen. Die zweite Gruppe, die Vergleichsgruppe, wurde angehalten während der ganzen zwei Wochen keinerlei Videospiele zu spielen.

    Jeder der 28 Probanden wurde jeweils zu Beginn, dann nach der ersten Woche und wiederum nach Ablauf der zweiten Woche der „Spielphase“ einer fMRT-Untersuchung unterzogen, während derer sie durch Drücken einen Knopfes Wörter, die auf einem Bildschirm in einer bestimmten Farbe dargestellt wurden, zu bestätigen. Bei dieser Aufgabe wurden immer wieder Wörter mit gewalttätigem Inhalt unter nicht-gewalttätige Wörter gemischt. Zusätzlich mussten die Probanden einem kognitiven Hemmschwellentest unterzogen.

    Die Ergebnisse nach der ersten Woche zeigten, dass die Mitglieder der Spieler-Gruppe im Vergleich zur Kontrollgruppe deutlich weniger Aktivitäten während der Tests im linken inneren Frontallappen und wenige Aktivität im präfrontalen Cortex aufwiesen. Nachdem die Gruppe der Spieler danach eine Woche den „Ballerspielen“ entsagt hatten, näherten sich die Aktivitätsmuster in den entsprechenden Regionen wieder denen der Mitglieder der Kontrollgruppe an.

    Ein wichtiger Punkt, der die aktuelle Studie von früheren Untersuchungen unterscheidet, ist der Umstand, dass die Testphase nicht in einem Labor, sondern von den Spielern in ihrer „natürlichen Umgebung“ (vornehmlich zuhause) stattfand.

    „Diese Ergebnisse“, so zeigt sich Wang besorgt, „legen Langzeiteffekte (durch das Spielen entsprechender ‚Games‘) auf die Hirnfunktion nahe. Diese Effekte könnten sich bei dauerhaftem Spielen auch in Form von Verhaltensveränderungen auswirken.“

    Ob eine vergleichbare Auswirkung auch durch das exzessive Spielen gewaltfreier Videospiele ausgelöst wird, geht indes aus der Studie von Wang und Kollegen nicht hervor.

  20. Wenigstens sagen Wang und Co. dazu in wessen Auftrag die Studie gemacht wurde. Entsprechend viel Bedeutung kann man ihr leider beimessen. Sowas ärgert mich. Als könnte man die ganzen anderen Einflüsse so einfach ausschließen, besonders wenn die Leute auch noch zuhause sind…
    Ich lese überall hätte, könnte, sollte. Die Lücken in der Studie wurden auch schon erwähnt, mal abgesehen von den Implikationen die hier einfach hineingelesen werden auf Basis eines fMRT gemacht, allein die Ergebnisse dieser Technik sind schon etwas unsicheres, daran gibt es genug Kritik.

    Gruß
    Aginor

  21. @Carl:

    Kleine thematische Abweichung, oder? Oder was hat das mit Frontal21 zu tun?

    Davon abgesehen: Langzeiteffekte nur vermutet, Autofahren oder Anblick von Geld hat in ähnlichen Studien vergleichbare Folgen gehabt, Gewöhnung evtl. nur an die Darstellung von Gewalt anstatt an Gewalt etc. pp., das ganze übliche Programm wie bei normalen Studien dieser Art.

  22. @Carl: welche Aussagekraft soll das haben? Das wiederholte Auseinandersetzen mit Thematiken jeglicher Art verringert die zur Verarbeitung notwendige Hirnaktivität. IMHO basiert die Studie auf der Unterstellung, man könne „Lerneffekt“ mit „Abstumpfung“ gleichsetzen. Auch das angesprochene „Entsagung stellt Aktivitätsmuster wieder her“ ist als „use it or lose it“ alles andere als eine neue Erkenntnis in Sachen Hirnforschung.

    Meiner Meinung nach hätte die intensive Beschäftigung mit dem ungeschönten Alltagsleben von Pflegekräften im sozialen Dienst ebenfalls deutlich wahrnehmbare Effekte in den (selben) Hirnaktivitäten ausgelöst, A*rsch abwischen, Wickeln und Waschen hilfloser (erwachsener) Menschen erfordert ähnlich „intensive Hirnarbeit“ sensorische Informationen, emotionale Bewertung und hypothetische Handlungsschemata „abzuwägen“. Auch hier führt der daraus resultierende „bewußte, weil vertraute Umgang“ _zwangsläufig_ zu einer ebenso gelagerten „verringerten Hirnaktivität“, denn je vertrauter die Situation desto weniger Aktivität des präfrontalen Cortex ist zur Einschätzung und Bewertung „erneut erforderlich“. Lässt sich aus diesem Umstand also extraplieren, die Minderaktivität reflektiere die drohende Verwahrlosung und schwindende persönliche Hygiene der Pflegekräfte, ausgelöst durch Abstumpfung durch den wiederholten Umgang mit Fäkalien? Wohl kaum. Letztlich spiegelt diese Studie nur eins wider: Wiederholungen senken zur die Verarbeitung notwendige Hirnaktivität, alles andere ist Meinungsmache und dient lediglich dem Steigern der Hirnaktivität bei geistig Armen.

  23. Lieber Carl,

    unpublizierte Studien ohne Datenbasis sagen genau nichts aus, unpublizierte Studien ohne Datenbasis die von einer Organisation finanziert werden, die sich offen als Videospiel- und Videofilmkritisch positioniert sagen eine Menge aus – nämlich dass die Ergebnisse offenbar nicht ausreichen um in einem vernünftigen Journal publiziert zu werden, da sie vermutlich kein peer review überstehen dürften.

    Erste Kritikpunkte an ihrer Studie:
    1. emotional stroop task. Das Verfahren ist alles andere als ein Standard-Verfahren (auch wenn der Autor möglicherweise den Anschein erwecken möchte, aber das ist eben genau kein üblicher Stoop Test.) Ohne Hintergründe zur Validität dieses Verfahrens zu kennen halte ich es erstmal für…. naja, spekulativ es so zu interpretieren.

    2. Keine Angabe zu Signifikanzniveaus. Bildbeweise sagen nichts aus, die Statistik ist gefragt. Die Erfahrung im Umgang mit solchen medienverbreiteten Studien zeigt, dass idR. eine Angabe der Signifikanzschwellen genau dann nicht erfolgt, wenn eben auch keine oder keine aussagekräftige erreicht wurden. Das würde auch die Vermutung zu 1. unterstützen (wo nichts signifikant wird wird nix vernünftig publiziert).

    3. kleines N. Ohne Power Berechnung kann man die Studien wiederum in die Tonne kloppen, mit einer Handvoll Probanden kann jeder forschen, aber gerade im Bereich der Psychologie kommt man mit zwei Gruppen á 14 Probanden vielleicht mit Mühe durchs Vordiplom. In der Medizin wird das teilweise anders gehandhabt, ich weiß, aber peinlich finde ich das dennoch.

    4. Reisserische Formulierungen „long-term effect on brain function“. Soso, 1 Woche sind „long-term“? Na dann werd ich demnächst meine Patienten auch sagen, wenn sie mal eine gute Woche hatten „Carl und die Uni von Indianapolis sagen, das ist jetzt langzeitstabil, ich streiche ab sofort alle Termine mit mir.“ Mal sehen ob das bei den Patienten und Krankenkassen so auf Zustimmung stößt. Sowas hinterlässt immer gleich ein „Gschmäckle“, wenn die Ergebnisse wirklich so bahnbrechend wären bräuchte man sie ja nicht anpreisen wie sauer Bier.

    Ich halte ja Forschung über genau diese Effekte für wichtig und nützlich, aber es tut sich doch niemand einen Gefallen damit, wenn wir irgendwelche Auswirkungen herbeischreiben. Egal, ob es da um die Auswirkung von Gewaltdarstellung oder Suchtverhalten geht. Der Grundsatz „wo kein Leiden da keine Behandlung nötig“ sollte doch bitte gewahrt werden, sonst sind nämlich die Psychatrien so schnell mit Leuten mit unangenehmer politischer Einstellung voll.

    DISCLAIMER: Der Autor dieser Zeilen ist Diplom-Psychologe und hat keinerlei finanzielle Verflechtungen zur Spiele- oder sonstigen Industrie sondern arbeitet mit ambulanten Patienten. Er spielt aber gerne mal eine Runde Plants vs Zombies.

  24. Hmm eine gruppe soll 10h am Tag Videospiele spielen, die andere Gruppe nicht? Dann wird die Gruppe, die keine Videospiele spielt verunreinigst durch tonnenweise Einflüsse, die sich durch die freie freizeitgestaltung ergeben, die bei der gamergruppe nicht vorliegen kann. D.h. das Kontrollgruppenprinzip wird hier eher schädlich sein, da die Gruppen sich durch erheblich mehr unterscheiden als das Spielen von Videospielen. Die Videospieler haben so gar keine Chance die gleichen Reize wie die Nichtspieler in der Freizeit zu erhalten, da bei 10h am Tag keine / kaum Freizeit übrig bleibt. D.h. durch die Kontrollgruppe erhält man bei dem Versuchsaufbau keine hilfreichen Daten, man hätte sie so auch gleich weglassen können.

    Dann ist auch die Frage, wie die Messergebnisse zu deuten sind, wenn die Messergebnisse so gut sind, wie die eines toten Fisches, wie Rey es erwähnte, kann man sie auch knicken.

    Vor allen Dingen ist dann aber die Gesamtdeutung interessant:
    Langzeiteffekte würden nahegelegt und das will man anhand von 3 einzelnen Messungen binnen 2 Wochen deutlich machen? Wo ist da die Messung nach Monaten oder Jahren?

    Insgesamt ist der ganze Versuchsaufbau zusätzlich auch noch fraglich, da sich die Lebensstile der beiden Gruppen durch wesentlich mehr als nur Videospiele unterscheiden und eben die Problematik besteht, dass die Kontrollgruppe keine solche ist durch den versuchsaufbau (s.o.). Desweiteren ist ja noch nichteinmal klar, welche Spiele gespielt wurden bzw. wie festgemacht wurde, dass die Spiele ausreichend viel gewalt zeigen. Zudem ist der Zusammenhang zwischen Worten, egal ob sie einen Bezug zu Gewalt haben oder nicht, und den gespielten Spielen auch zumindest fragwürdig. Ich könnte Star Wars Spiele spielen (auch da gibt es EgoShooter) und das dürfte keinen Effekt auf das Wort „Waterboarding“ haben. Spiele ich dagegen ein Spiel, dass mit aktuellen Konflikten zu tun hat, verknüpfe ich (evt. unbewusst) das Spiel mit aktuellen Nachrichten, die auch immer wieder von Folterungen usw handeln mit dem Spiel. Das muss auch wieder keinen Zusammenhang mit der Gewalt haben, die im Spiel enthalten ist, sondern kann einfach auf eine intensive emotionale Beschäftigung mit der Thematik, also dem Konflikt und den dortigen Menschenrechtsverletzungen, zurückzuführen sein.

    Praktisch ist die Studie (sofern der Bericht sowie die Übersetzung)korrekt sind, ein tolles Beispiel für Defizite der Medienwirkungsforschung, da die Studie fast schon eine reine Sammlung von Fehlern ist.

  25. Bzgl. der mangelhaften Bekanntgabe der Daten/Statistiken usw. fügt sich die Studie auch toll in den Bereich Medienwirkungsforschung ein, dort gibt man sich gerne nebulös und erzählt von skandalösen Ergebnissen, die schockierend sind, bleibt mit den echten Zahlen und Fakten aber gerne hinter dem Berg. So auch schon bei einer Studie die behauptete, personen, die gewalthaltige Kinofilme sahen 25% weniger Hilfsbereit wären als die Kontrollgruppe. 25% klingt riesig, als die Hintergrundinformationen dazu rauskamen, da sah man mal, wie bescheuert man rechnen kann, um aus einem Unterschied von Sekundenbruchteilen, der eigentlich im „Rauschen“ untergehen würde, eine so große Zahl machen kann!

  26. Guter Brief. Ich wunder mich immer wieder, dass die vom Fernsehen immer noch nicht gelernt haben, dass sich Gamer bei falscher Berichterstattung effektiv wehren. Wahrscheinlich glauben die ihre eigene Schulmassaker-Berichterstattung und erwarten, dass Spieler keinen ganzen Satz formulieren können. Das Gehirn ist ja kaputt.

    Eine Möglichkeit zum Unterschreiben könnte dem Brief mehr Gewicht verleihen.

  27. @Klaus
    Ich halte nur wenig von solchen Aktivierungen immer, sowohl stilistisch als auch inhaltlich – “Sie verschweigen, dass…” mag hier etwa unterstellen, dass etwas bewusst verschwiegen wird. Das kann man so nicht sagen denke ich.

  28. Um aufs eigentliche Thema zurück zu kommen:

    Mich würde interessieren was in so manchen Gehirnregionen eines Frontal21 Redakteurs vorgeht. Denn wiederholt, bewusst Lügen und Unwahrheiten zu verbreiten hat bestimmt keinen förderlichen Effekt auf das Hirn. Und sich damit dann Jahre später auch noch zu rühmen lässt für mich nur den Schluss zu, dass diese Redakteure nun endgültig alle Moral (falls sie denn je eine hatten) über Bord geworfen haben.

    Guter Brief! Weiter so!

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