BPjM, FSK, WTF?

Anlässlich der wohl nicht ganz regelkonformen Auszeichnung von „Crysis 2“ bei dem „Deutschen Computerspielpreis“ konnte Wolfgang Börnsen – der Medienpolitischer Sprecher Union – nicht schweigen: Beinahe in jedem TV-Nachrichtenformat war er mit seiner Kritik an der Auszeichnung dieses Spiels vertreten. Als Beispiel:

Einen Preis zu fördern, der schon von den Jugendschützern auf den Index gesetzt worden ist – dieses Spiel darf erst für Menschen „ab 18“ freigegeben werden – ist doch mehr als problematisch.“

Dieser Kommentar offenbart einige Defizite: Nur die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) kann jugendgefährdende Titel indizieren bzw. „auf den Index“ setzen, wohingegen lediglich nicht jugendgefährdende Titel eine Altersfreigabe – wie „ab 18“ – durch den Vertreter der „Obersten Landesjugendbehörden“ (OLJB) erhalten können. Ein Spiel kann also (seit 2003) nicht indiziert und gleichzeitig „ab 18“ freigegeben sein. Darüber hinaus erlauben die Regularien des „Deutschen Computerspielpreis“ nicht die Nominierung indizierter Spiele:

Bildträger mit Spielprogrammen müssen vor der Preisvergabe gemäß § 14 Jugendschutzgesetz gekennzeichnet sein […]. Ein zur Preisvergabe vorgesehenes Spiel darf nicht gegen die Bestimmungen des Strafrechts verstoßen und es dürfen nicht die Voraussetzungen für eine Aufnahme in die Liste jugendgefährdender Medien nach § 18 Jugendschutzgesetz vorliegen.“

Von daher überrascht es auch nicht, dass „Crysis 2“ entgegen der Aussage von Herrn Börnsen nicht indiziert, sondern mit dem USK-Siegel „ab 18“ gekennzeichnet worden ist.

Aber nicht nur bei der Union wird der Jugendschutz etwas unscharf dargestellt. Auch bei der taz ist man nicht ganz im Bilde, bei der der folgende Satz gefunden werden kann:

Mit dem Titel des Frankfurter Entwicklers Crytek ist damit erstmals ein Spiel ausgezeichnet worden, das die Selbstkontrolleinrichtung FSK nur für über 18-Jährige empfiehlt.“

An der Kennzeichnung von Videospielen ist nicht die FSK, die „Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft“, sondern die USK, die „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ beteiligt. Darüber hinaus werden die Kennzeichen, auch wenn sie FSK- bzw. USK-Prüfsiegel genannt werden, nicht von diesen Institutionen vergeben, sondern nach Bewertung durch ein Expertengremium vom Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden in Form eines staatlichen Verwaltungsaktes ausgestellt. Letztendlich wirkt auch die Wortwahl etwas befremdlich: Die Kennzeichnungen waren nur bis 2003 bloße Empfehlungen, so dass aktuell nicht mehr davon gesprochen werden kann, dass eine  Kennzeichnung einen Titel für eine Altersgruppe „empfiehlt„. Es handelt sich bei dieser vielmehr um eine verbindliche Auszeichnungen, bei deren Missachtung unter Umständen Strafen drohen.

Um die Sache noch etwas abzurunden: Beim Berliner Kurier wird der Inhalt von „Crysis 2“ mit diesen Worten wiedergegeben:

Der brutale Ego-Shooter „Crysis 2“ gewann den deutschen Computerspielepreis. Im Spiel wird hemmungslos aufeinander gefeuert, Blut spritzt und Leichenteile fliegen.“

Soweit wir das recherchieren konnten sind in „Crysis 2“ zwar tatsächlich derbe Splattereffekte enthalten, doch abtrennbare/herumfliegende Körperteile sollen in dem Titel nicht enthalten sein. Hier scheint mit dem Autoren die Fantasy durchgegangen zu sein.

7 Gedanken zu “BPjM, FSK, WTF?

  1. Auch witzig, dass der Berliner Kurier im vorherigen Artikel dazu („Crysis 2: Staatsknete für Killerspiele“) ein Bild aus dem noch gar nicht erschienenen Crysis 3 verwendet.

  2. Was mir am meisten Sorgen bereitet: Wird über die Themen, mit denen wir uns nicht so gut auskennen, auch ähnlich katastrophal berichtet? Wenn es um Videospiele und deren Einstufungen geht, dann fallen derartige Mängel in der Berichterstattung ja sofort auf. Aber was, wenn z.B. über andere Regionen der Erde und die dort vorherrschenden Probleme (Krieg, Armut,…) berichtet wird? Muss ich das dann auch alles anzweifeln?

  3. Schon um 2005 konnte man in der Süddeutschen als Begründung weshalb Doom3 indiziert werden sollte lesen, dass die Vorgänger auch indiziert waren: eine inhaltliche Veränderung wird da oft schonmal scheinbar überhaupt nicht gesehen. Das wird materiell im Gegenteil eher so wie bei Autos sein, und einem Unterschied zwischen dem Golf von 1995 und dem, der zehn Jahre später gebaut wurde. „Brutal“ ist schließlich auch eine negative Zuschreibung wie positiv „schön“. Ein Werturteil das als Sachverhalt ausgegeben wird, wie „neu“, wobei so im Handel ja noch zwischen „neu“, „neuwertig“ und „wie neu“ häufig unterschieden wird. Bleibt die Frage: was ist davon alles tatsächlich gebraucht?

  4. Viele Spieler sagen auch FSK und nicht USK auf Gamingseiten und auch hier in den Kommentaren ,habe ich es auch schon gesehen das man mit FSK ankommt obwohl man davon ausgehen müsste das Gamer ,es besser wissen müssten.

  5. Naja, immerhin erfahren so noch mehr Leute, dass die Auszeichnung erfolgt ist. Das übliche negative Blabla ist zwar auch dabei, aber es dürfte auch hängen bleiben, dass ein „Killerspiel“ einen Kulturpreis erhalten hat. Vor allem da sich die Juroren und andere ja auch zu Wort melden.

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