Beschwerde zurückgewiesen: Fernsehrat flüchtet sich in Scheinwelt

„Frontal 21“ strahlte am 09.11.2004 den Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“ aus, in dem sich der Journalist Rainer Fromm mit „Killerspielen“ auseinandersetzte. Im Zusammenhang mit Amokläufen – es wurde in Bild und Ton auf Erfurt Bezug genommen – wurde der deutsche Jugendschutz als unzureichend kritisiert. Auch im Beitrag „Gewalt ohne Grenzen“ vom 26.04.2005 wurden die Folgen brutaler Videospiele thematisiert. Die Spieler waren von den Beiträgen wenig begeistert, da Gegenpositionen kaum zu Wort kamen, weshalb schließlich 50 000 Gamer in einer Petition eine „ausgewogene Darstellung der Sachverhalte“ einforderten. Dachten wir …

Im Beitrag „Jubiläum! Zehn Jahre Frontal21“ werden wir von „Frontal 21“eines besseren belehrt. Man habe sich tatsächlich der Suchtproblematik gewidmet, an deren Thematisierung die Spieler Anstoß genommen hätten:

„2004 – die digitale Gemeinde in Aufruhre: Frontal21 berichtet über Killerspiele. „Das macht süchtig“, sagten wir – und kassierten jede Menge Widerspruch und Parodien.“

Wir meinten hier eine nicht ganz zutreffende Berichterstattung zu erkennen und legten Beschwerde beim Fernsehrat ein (Wir berichteten: 1, 2, 3.). Diese wurde zunächst dem Intendanten zugeleitet, der sich in eine alternative Realität flüchtete, indem er angab, dass im Beitrag „Jubiläum! Zehn Jahre Frontal21“ gar nicht behauptet worden sei, dass „Frontal 21“ 2004 Suchtgefahren von „Killerspielen“ erwähnte. Hier bringt er im Wesentlichen zwei Argumente vor:

1. So markiere „das eingeblendete Datum „2004“ […] lediglich den Beginn der Berichterstattung zu dem Thema“, so dass der Beitrag “nicht im direkten Bezug zu dem Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“ aus dem Jahr 2004” stehe.

2. Auch wären in den „33 Sekunden […] mehrere Beiträge zusammengefasst, die in einem Zeitraum von mehreren Jahren gesendet worden waren“.

Hierzu eine kurze Entgegnung:

1. Der Intendant unterschlägt hier eine Kleinigkeit. Wenn „Frontal 21“ wirklich nur die Jahreszahl 2004 eingeblendet hätte, wäre es vielleicht etwas schwierig zu begründen, dass unbedingt der Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“ vom 09.11.2004 gemeint sei. Das versuchen wir aber auch gar nicht. Wir meinen eher, dass die eingeblendete Bauchbinde „Frontal21 vom 9.11.2004“ ein Indiz dafür sein könnte, dass die „Frontal 21“-Sendung vom 09.11.2004 gemeint sein könnte:

2. Auch die zweite Angabe, dass „mehrere Beiträge zusammengefasst“ worden sein, die in „einem Zeitraum von mehreren Jahren gesendet“ worden wären, ist falsch. Ausnahmslos alle gezeigten Szenen entstammen dem Beitrag „Videogemetzel im Kinderzimmer“ vom 09.11.2004, wie die folgende Gegenüberstellung zeigt. Es wurde nur bedingt durch das Widescreen-Format etwas reingezoomt.

Der Fernsehrat musste nun entscheiden, ob er sich in einer Welt befindet, in der „Frontal 21“ vorgeworfen wurde unsachlich zu berichten und die Redaktion im Nachhinein versuchte diesen Umstand zu beschönigen, oder ob er sich in einer Welt befindet, in der „Frontal 21“ den Programmgrundsätzen entsprochen hat. Zu diesen zählt unter anderem eine Wahrheitspflicht:

Die Berichterstattung soll umfassend, wahrheitsgetreu und sachlich sein.“ (§ 6 des ZDF-Staatsvertrags)

Der Fernsehrat entschied sich am 06.07.2012 für Letzteres:

Der Fernsehrat hat ebenso wie sein Beschwerdeausschuss keinen Verstoß gegen die für das ZDF geltenden Rechtsvorschriften festgestellt.“

Vielleicht wäre es mal an der Zeit, über eine Wahrheitspflicht für den Fernsehrat nachzudenken?

Quellen:

– „Frontal 21“-Beitrag „Videogemetzel im Kinder“ vom 09.11.2004.
– „Frontal 21“-Beitrag „Jubiläum! Zehn Jahre Frontal21“ vom 06.12.2011.

5 Gedanken zu “Beschwerde zurückgewiesen: Fernsehrat flüchtet sich in Scheinwelt

  1. Hast du denn etwas anderes erwartet Rey? Auf die Gefahr hin böse zu verallgemeinern, behaupte ich mal, dass die Entscheidungsträger in TV, Presse, Politik und den jeweiligen Kontrollinstitutionen derart miteinander verzahnt sind, das es keiner wagt am Ast zu rütteln, auf dem sie alle sitzen – sofern es nicht extrem eklatante Verstöße sind, die einen Shitstorm von Lobbygruppen nach sich ziehen könnten. Etwa Pornografie in der Sesamstraße – wobei…warum hat Samson eigentlich keine Hose an? *Ironie*

  2. Vielleicht ist es auch mal an der Zeit, darüber nachzudenken warum man den öffentlich-rechtlichen Medien für diese offensichtlichen Lügen auch noch Geld in den Rachen werfen soll ?
    Wenn sie uns beim Thema Killerspiele belügen dann liegt es auch nahe das sie bei anderen Themenfeldern nicht wahrheitsgemäß, umfassend und sachlich berichten.
    Nur bemerken wir das nicht, weil uns anders als bei Computer und Videospielen die eigenen Erfahrung mit dem Thema fehlt.

    Für mich ist die Konsequenz aus der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien klar: Ich werde ab 2013 die Haushaltsabgabe verweigern.

  3. Pingback: Poster

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