Lesewarnung

(Google Books)

Erwachsen werden –
schwer gemacht:
Alte Seelen in einer neuen Zeit
von Andreas Kruber

Bei Amazon

Es gibt bekanntlich eine Reihe von Ressentiments, Vorurteilen und Verschwörungstheorien, die sich auf Entstehung und Hintergründe gewaltdarstellender Videospiele beziehen. Daneben gibt es auch schlicht falsche Vorstellungen darüber, was manche Spiele – zum Beispiel „Counter-Strike“ – zum Inhalt haben. Wo diese Mythen ursprünglich herkommen, ist nicht immer klar. Während manche Spielegegner offenbar schlicht der englischen Sprache nicht mächtig sind oder Publikationen wie die von Grossman missverstehen wollen, ist anderes kaum noch zu erklären.

So veröffentlicht eine stattliche Anzahl von mehr oder weniger qualifizierten Spielegegnern Bücher, in denen „Killerspiele“ kritisch beleuchtet werden. So unter anderem „Mega Buster. Kriegsgebiet Kinderzimmer“ von Interpixel und „Game Over!: Wie Killerspiele unsere Jugend manipulieren“ von Rudolf Hänsel. Meist genügen schon Rezensionen um festzustellen, dass hier wieder die üblichen Falschaussagen rezipiert wurden. Über den Inhalt solcher Bücher kann ich jedoch nicht viel sagen, da ich aus Rücksicht auf Geldbeutel und Gemüt auf den Kauf dankend verzichte. Auch wenn ich auf den ersten Blick fachfremden Personen nicht jede Kompetenz absprechen möchte, wirkt es nicht unbedingt überzeugend, wenn sich ein Industriekaufmann und Reiki-Lehrer mit Videospielen auseinandersetzt.

Dass so etwas passieren kann musste ich gestern erfahren, als mir Google bei einer Suche Ergebnisse von Google-Books ausspuckte. Ich weiß nicht, für wie ernst man solche Veröffentlichungen nehmen kann und ob es sich nicht doch um einen Fake handelt. Doch die Passagen möchte ich dann doch nicht unter den Tisch fallen lassen: Eröffnen sie doch interessante Einblick in Informationen, auf die sich womöglich der ein oder andere Spielegegner stützt. Im Übrigen bin ich dankbar dafür, dass die Ausführungen zu „Indigo-“ bzw. „Kristallkindern“ bei Google-Books fehlen.

Aber zurück zu den Videospielen, hier einige Kostproben:

„Bei dem Online-Computerspiel Counterstrike handelt es sich um einen so genannten „Ego-Shooter“, der im Internet über einen entsprechenden Account erworben werden kann. Gegen eine monatlich zu zahlende Gebühr stellt einem der Anbieter diesen Account zur Verfügung.“

Soweit ich weiß muss für den Steam-Account (noch) keine Gebühr gezahlt werden. Zumindest ich bin bisher auch ohne ausgekommen. Auch dürfte sich CS mit einer alten „Half-Life“-CD im LAN-Modus auch steamfrei spielen lassen.

„Während des Spiels muss permanent für Munitionsnachschub gesorgt werden, der in Gängen oder auf Wegen zu finden ist wie auch diverse weitere Waffen.“

In CS ist es typisch, dass man sich nur einmalig zu Beginn mit Munition eindeckt. In den Partien ist mir, sofern ich das Einkaufen von Munition nicht vergessen hatte, auch noch nicht die Munition ausgegangen. Zwischendurch wird ebenfalls nichts aufgesammelt – abgesehen von den Waffen erledigter Gegner gibt es dort auch nichts, was man mitnehmen könnte.

„Man kann sich beim Einwählen in das Spiel entscheiden, ob man Terrorist sein will oder gegen den Terrorismus kämpfen und Geiseln befreien möchte. Im Zeitalter des „Kampfes gegen den Terror“ recht verwunderlich, finden Sie nicht?“

Bei einem Spiel, das vor dem „Zeitalter des „Kampfes gegen den Terror““ entwickelt wurde, ist das eigentlich dann wieder doch nicht verwunderlich, finden Sie nicht?

„Es wird im Übrigen nicht nur auf Gegner geschossen, sondern nebenbei werden auch Fahrzeuge in die Luft gesprengt und Gebäude besetzt.“

Ich hätte in CS gerne Fahrzeuge gehabt. Aber außer dem APC in dieser einen Map ist mir noch nie ein fahrbarer Untersatz begegnet. Dass Fahrzeuge in die Luft gesprengt werden konnten muss mir auch entgangen sein. Auch meine ich CS nie durch das Besetzen eines Gebäudes gewonnen zu haben.

„Ein besonderer Unterschied von Counterstrike zu anderen Ego-Shootern ist, dass man nicht nur für jeden getöteten Gegner Punkte bekommt, sondern sich die Höhe der erzielten Punktzahl danach richtet, wo man den Gegner am Körper tödlich getroffen hat. Für Kopftreffer zum Beispiel gibt es höhere Punktzahlen als für Rumpftreffer, vermutlich weil Köpfe schwerer zu treffen sind.“

Für Abschüsse gibt es afaik unabhängig davon wo man trifft immer gleich viel Punkte bzw. Geld. Was dagegen stimmt ist, dass ein Schuss in den Kopf der Gesundheit weniger förderlich ist als einer in den Fuß, da er mehr „Schadenspunkte“ verursacht.

„Robert Steinhäuser spielte das Spiel Counterstrike nach Aussagen seiner Mitschüler stundenlang. Viele von Roberts Bekannten gehen davon aus, dass Counterstrike die Anleitung für seine Tat war, denn im Spiel werden ein Polizist, eine Schülerin und ein Zivilist erschossen, bevor der Attentäter getötet wird.“

Der Reihe nach: Nein, Steinhäuser spielte nicht „Counter-Strike“. Auch ist das Spiel interaktiv: Dort wird nicht zwingend „ein Polizist, eine Schülerin und ein Zivilist erschossen, bevor der Attentäter getötet wird“. Wäre für die Terroristen ja auch ziemlich frustrierend, wenn sie am Ende immer getötet werden würden. Abgesehen davon gibt es neben Terroristen und Antiterroreinheit nur noch Geiseln und auf manchen Karten eine zu eskortierende Person. Weitere Zivilisten – speziell Schülerinnen – gibt es nicht, wobei man letztendlich das Aussehen aller Figuren verändern kann.

„Das Spiel Doom wurde in seiner Ursprungsversion, bevor es auf den Markt kam, zu Übungszwecken als Tötungssimulator in den USA beim Militär und der Polizei eingesetzt. Soldaten und Polizisten trainieren damit, im Ernstfall auf Anhieb genauestens zu treffen, bevor der mutmaßliche Kriminelle ihnen zuvorkommt.“

In zweifacher Hinsicht falsch: Zum einen war „Doom“ schon als kommerzielles Spiel verfügbar, bevor mit „Marine Doom“ eine Modifikation für militärische Zwecke erstellt wurde. Zum anderen ist auch „Marine Doom“ nicht als Schusstraining verwendet worden: In dem Spiel kann nicht wirklich gezielt werden, da sich das Fadenkreuz nur in der Horizontalen bewegen lässt.

„Da das Töten von Artgenossen auf natürliche Weise gehemmt wird, werden in der US-Army sogenannte Tötungssimulatoren eingesetzt. […] Vorreiter solcher Simulationen waren — dreimal dürfen Sie raten — EGO-SHOOTER. Grossman erklärt, dass sich das Marine-Corps seinerzeit die Rechte an dem Ego-Shooter Doom sicherte, was seitdem als taktisches Übungsmittel Verwendung findet.“

Natürlich stimmt auch das nicht. Die von Grossman als Tötungssimulationen bezeichneten Schießübungen bestanden darin real auf Zielscheiben mit menschlicher Silhouette zu schießen, die bei Treffern umkippen. Das war vor dem Vietnamkrieg, als es Ego-Shooter noch gar nicht gab. Auch Videospiele, die später militärisch genutzt wurden, hatten nicht die Desensibilisierung der Soldaten zum Ziel (Andere Meinung Grossman).

„Die US-Army greift auf Super Nintendo zurück. Selbst auf den Spielsalon-Klassiker Entenjagd wird zurückgegriffen. Man tausche lediglich die Enten gegen Bilder von Menschen und die Plastikpistole gegen das M-16 Sturmgewehr — die Standardwaffe der US-Army.“

Stimmt nicht ganz: Die Ente wurden nicht durch Bilder von Menschen ersetzt sondern durch virtuelle Versionen der realen Schussziele: Also durch Platten, die bei Beschuss umkippen und die Umrisse eines Menschens haben. Im Übrigen war „Duck Hunt“ nicht für den SNES, sondern für den NES erschienen.

8 Gedanken zu “Lesewarnung

  1. Steinhäuser wird CS schonmal gespielt haben, das heißt nach dem Gutenberg-Bericht hat er es gekannt: darin heißt es lediglich ausdrücklich, anders als es solche Publikationen darstellen, dass er es nicht gemocht hatte. Dafür andere, „brutalere“ Spiele wie das indizierte „Soldier of Fortune“ von Raven (2000) lieber: er hat Videospiele dem Bericht zufolge gezielt danach ausgewählt wie explizit gewaltdarstellend sie sind.
    Seine Tat und andere Hinweise auf sein Leben und seine Gedankenwelt in dem Bericht legen dabei nahe, dass er dies nicht tat um sich mit Gewalt in Videospielen auseinander zu setzen, sondern dass er Gewalt in jeder Hinsicht mochte. Er war demnach vor allem an Gewalt interessiert.
    Daneben mag er schon auch an Videospiele interessiert gewesen sein, aber ein Videospielexperte war er meiner Einschätzung nach sicher nicht. Jedenfalls nicht nach dem Gutenberg-Bericht.
    So wie es für einen Menschen der sich einigermaßen mit Videospiel-Genres auskennt auch mehr als abstrus erscheinen muss, wenn der Herr aus Norwegen meinte, dass „Call of Duty“ eine realistische Militärsimulation sei: sowohl Steinhäuser als auch Breivik, von dem weiß man zumindest dass er auch gerne „World of Warcraft“ gespielt was nun zumindest kein typisches „Gewaltspiel“ ist, werden geschaut haben was populär ist, sie kriegen können und danach als Laien beurteilt. Um aus der Welt der Musik eine Analogie zu bemühen: seine Äußerung über „Call of Duty“ entspricht wohl am ehesten jemandem der behauptet, dass „Die Fledermaus“ eine Rockoper wäre.
    Gewissermaßen, und das ist das eigentlich Fatale an solchen Publikationen, genau so positiv wie die AutorInnen von solchen Büchern negativ: sie schauen auch nicht auf Qualität von Videospielen, oder auf deren substantielle Inhalte, sondern betrachten sie gewissermaßen genau so oberflächlich. Dahingehend welche Gewalt in ihnen vorhanden wäre, oder auch nicht, oder was sie mit einem Militär zu tun hätten, oder auch nicht. Sie haben beide, die GewaltverbrecherInnen wie die „KritikerInnen“, im Grunde genommen kaum eine Ahnung von dem was sie beurteilen. Nämlich Kunst. Sie verstehen schon die Produktion eines Videospiels teilweise evident nicht als kreativen Prozess, sondern glauben etwa dass das irgendein Militär bewerkstelligen könnte – was allein für sich eigentlich schon absurd ist. Nicht einmal ein Werbespiel für eine Armee, wie „America’s Army“, ist so entstanden wie es sich da teilweise scheinbar ausgemalt wird.
    Verwundern, dass Menschen vor den Taten sich medial Gewaltdarstellungen angesehen haben, sollte es wohl kaum: was die welche Kritik üben nicht wahr haben wollen ist, dass eine Affinität zu Gewaltdarstellungen noch lange keinen Willen zur Gewalt, kein Dafürhalten von Gewalt bedeutet. Es kann vielmehr auf eine gezielte Beschäftigung mit Körperbildern hindeuten, oder – wie etwa bei Pasolini – viel mit Politik zu tun haben. Meistens diskriminiert man dann gleich, wo es heißt, ja ein Tarantino sei (auch) gewaltverliebt, während der Pasolini ja als Einziger etwas nicht „konsumierbar“ gestalten wollte. Was einem wie den Pasolini schonmal unterstellt, dass er wie die Kritik (ebenfalls) moralische Gewalt ausüben wollte: selbst einem wie dem Herrmann Nitsch wurde hier in Österreich über sein Werk und seine Auswahl von Farben schonmal mit einem Interesse an Gewalt in Verbindung gebracht, obwohl der öffentlich noch dazu doch immer besonders konservativ, zurückhaltend und ruhig in Erscheinung trat. Fast wie ein Pfarrer oder Meister Yoda. Der weist sicher keinen politischen Extremismus auf, genau so wie viele Designer von „Gewaltspielen“ eher unpolitisch sein werden. Daneben wird es noch dazu so sein, dass es auch bei denen die Taten planen solche geben wird die gar kein Interesse an Inszenierungen haben – genau so wie ein echter Voyeur vielfach auch keine Inszenierungen mögen wird. Sondern, wieder ganz ähnlich wie die welche an Fiktionen Kritik üben, vor allem an „Realität“ interessiert sind.
    In dem Fall einer Realität der Tat, wozu die Kritik auch Videospiele stilisiert – als Medien der Tat. An kulturellen Äußerungen sind beide anscheinend nicht interessiert: die Kritik fürchtet sich vor Auswirkungen und gesellschaftlichen Konsequenzen einer Existenz dieser Medien, für Kinder, Jugendliche und normierte Familien. Und die welche Gewaltverbrechen verüben wollen wen umbringen, lehnen gerade eine Gesellschaft(sordnung) ab in der zum Beispiel Videospiele international hergestellt werden können, oder sind (vielleicht auch nur sexuell) an der Produktion von möglichst viel Leid interessiert.

  2. Ja, kennen wirs anders? Nein!

    Ich Denke, mit Fachwissen hat das nichts mehr am Hut, der Herr hat mal schlicht und ergreifend sich wohl sehr oberflächlich mit Ego-Shootern auseinander gesetzt und dann einfach gedacht:“Sind eh alle Killerspiele gleich also!“ Und aus diesem Schluss baute sich dann sein eigenes Regelbuch von Counter-Strike in seinem Kopf auf! Naja, wieder ein weiteres Buch, das höchstens im Kamin einen guten Eindruck macht! Schade um die Blätter Papier!

  3. Ich muss meine ZeitatDB mal Updaten damit man einfacher so was erfassen kann…

    Back to Topic: Genau sowas lässt einen verzweifeln… wie soll man mit jemanden ins Gespräch kommen wenn die Realität nur vom Hörensagen kennen…

    Happy Coding

  4. Naja, es ist das Erstlingswerk eines Menschen, der die folgenden Qualifikationen erlangt hat:

    -Zitat-
    Andreas Kruber, geboren 1975, ist gelernter Industriekaufmann und freier Reiki-Lehrer der Usui-Methode. Dank der spirituellen Arbeit seiner Mutter ist er schon früh mit grenzwissenschaftlichen Bereichen wie Geistheilung, Medialität und anderen Dingen in Berührung gekommen. „Erwachsen werden – schwer gemacht“ ist sein Erstlingswerk.
    -Zitatende-

    Et. hätte er lieber über Geistheilung schreiben sollen… ;)
    Fakt ist aber, dass da statt einer echten Recherche maximal Rainer Fromm gefragt wurde oder seine TV-Beiträge als Vorlage dienten. Gerade der Teil zur Musik ist ja noch um Welten abenteuerlicher als der Unfug über Videospiele.

    Witzig sind auch seine Ausführungen zur PISA Studie, denn schließlich zeigt sein Buch am deutlichsten, wie es um die Bildung in Deutschland steht… :/

  5. Das zeigt doch mal wieder das diese selbsternannten Experten nur das repetieren was sie in ihren Kreisen an Meinungen und Thesen über das was sie als „Killerspiele“ bezeichnen hören und lesen.

    Hätte sich der Author nur ein einziges mal ein Video von einem CS match angesehen, wären beinahe sämtliche seiner Behauptungen wiederlegt gewesen.
    Noch etwas Recherche und der Rest wäre auch entkräftet.

  6. @kraid
    „Hätte sich der Author nur ein einziges mal ein Video von einem CS match angesehen, wären beinahe sämtliche seiner Behauptungen wiederlegt gewesen.“
    Vorsicht: Das setzt voraus, das dem besagten Author der Unterschied zwischen interaktiven und rein audiovisuellen Medien (CS-Video) klar ist – und da habe ich bei Aussagen von beinahe allen Kritiern berechtigte Zweifel. ;)

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