Wie Paintball zum Computerspiel wird (Update)

(focus/dailymail) Von Verlegern wird regelmäßig betont, dass auch in Zeiten des Internets auf den konventionellen Journalismus nicht verzichtet werden könne. Schließlich seien hier Fachleute am Werk, die mit ihrem Handwerkszeugs vertraut seien. Auch der Focus unterstreicht seinen Anspruch mit dem eingängigen Slogan „Fakten, Fakten, Fakten„. Den Anforderungen des Presserats, „zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik […] mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen„, will man natürlich auch nachkommen. Wie dies in der Praxis aussehen kann, zeigt das folgende Beispiel:

Natürlich berichtet auch der Focus über den Amoklauf, der hier mit einer exklusiven Information aufwarten kann. Obwohl bisher lediglich bekannt gewesen ist, dass der Täter „Guitar Hero“ und Rollenspiele wie „World of Warcraft“ nutzte, soll er nun unter anderem auch „Ballerspiele“ gespielt haben:

Das Zitat des Freundes gibt im Originalartikel bei der Daily Mail jedoch nicht soviel her. Dort ist von „Ballerspielen“ nämlich keine Rede:

„The classmate told the Daily Mail: ‚James was obsessed with computer games and was always playing role-playing games. ‚I can’t remember which one but it was something like World of Warcraft, one of those where you compete against people on the internet.'“

An einer anderen Stelle ist zwar von einem Videospiel Namens „Soldiers of Misfortune“ die Rede, doch es wird nicht behauptet, dass der Täter es genutzt habe. Es wird allein gesagt, dass ein entsprechendes Poster in der Wohnung des Täters zu sehen gewesen sei:

A poster for a video game called Soldiers of Misfortune is visible- and fitting considering both Holmes‘ interest in video games and his maniacal course of destruction that has torn Aurora apart.

Das Poster ist bei der Daily Mail auch mehrfach abgebildet. Einmal das folgende Foto und einmal bildschirmfüllend:

Untertitelt ist das zweite Bild mit den folgenden Worten:

Interests: Glimpses into Holmes‘ apartment show that he had a poster of the video game Soldiers of Misfortune.

Wie die Daily Mail aber auf die Idee kommt, dass das Poster ein Videospiel zeigt, ist ihr Geheimnis. Auf dem Poster sind Bilder realer Paintballspieler in voller Montur zu sehen. Auch finden sich auf dem Poster Aufschriften wie “Canadian Paintball” und „Paintball Central“. „Soldiers of Misfortune“ ist darüber hinaus der Titel einer DVD, die Paintballspieler vorstellt (Amazon). Zusammenfassend könnte man also sagen: Es sieht wie Paintball aus, es fässt sich wie Paintball an und es schmeckt wie Paintball – also ist es ein Videospiel weil … ?

Und nebenbei: Auf der Seite, die unter anderem die DVD „Soldiers of Misfortune“ anbietet, kann auch das Poster erworben werden, das in der Wohnung des Täters zu sehen ist:

Der Focus-Autor hat also offenbar den wohlgemerkt bei der Daily Mail gemachten Fehler übernommen, wobei auch diese Übernahme kritisch gesehen werden muss. „Abschreiben“ ist nicht Journalismus, weshalb er den Inhalt hätte prüfen müssen. Dass manche Journalisten Paintball nicht von Videospielen unterscheiden können und angesichts immer besserer Grafik auch Schwierigkeiten haben reale und virtuelle Darstellungen auseinanderzuhalten glaube ich sofort, doch allein das Googeln nach „Soldiers of Misfortune“ hätte nur Sekunden gedauert und die Sache aufgeklärt. Es gibt nämlich tatsächlich ein Videospiel Namens „Soldiers of Misfortune“ (Amazon). Und das sieht so aus:

Update:

Focus hat den Artikel mittlerweile geändert und dabei den Verweis auf die „Ballerspiele“ gestrichen. Dort heißt es jetzt:

Neben der Arbeit habe es für ihn nur noch Video- und Rollenspiele gegeben.“

Auch bei der Daily Mail wurden zwischenzeitlich Bild und Textstellen zu dem Videospiel „Soldiers of Misfortune“ entfernt – womöglich wegen der Leserkommentare:

That poster is not from a video game. Do your homework!

17 Gedanken zu “Wie Paintball zum Computerspiel wird (Update)

  1. Naja ist ja nicht anders zu erwarten! Machen unsere Medien überall so! ein Paar wörter ersetzt durch ein anderes ergibt gleich ein besseren populistischen satz!

    Bestes Beispiel:“Das Regime, das Jerusalem besetzt hält, muss aus den Annalen der Geschichte getilgt werden!
    – Zitat Ahmadinedschad
    Die Medien machen daraus:“ Jerusalem muss von der Landkarte getilgt werden!“

    Hört sich doch gleich viel besser (bedrohlicher) an! Da kann man schimpfen, meckern und vielleicht auch einen Krieg beginnen! Super dann gibts noch mehr zu berichten!

  2. Es gibt in Deutschland so gut wie keinen investigativen (untersuchenden) Journalismus mehr. Da schreiben doch alle den Müll von dpa/afp/dapd und gegenseitig ab und wundern sich dann, daß keiner mehr für den Mist bezahlen will.

    Investigativen „Journalismus“ findet man doch nur noch im Web, wie z.B. bei den Nachdenkseiten.de

    Springer, Burda, Bertelsmann, Mohn und die ganzen anderen Käseblattproduzenten sparen an den Journalisten, am Inhalt, am Tiefgang, setzen nur noch auf grelle Schlagzeilen aus dem Schlagzeilengenerator und kopieren ansonsten Müll zusammen.

    http://www.bildblog.de/schlagzeilomat.html

    Gruß

  3. Wäre das nicht so unsäglich peinlich, würde ich über dieses „guttenbergen“ lachen…
    Kann man ja schon mal gespannt sein, was erst zu lesen ist, wenn der Rechner gesichtet wurde:
    -Es fanden sich zwei Pornobilder – Er ist ein potentieller Vergewaltiger!
    -Es fand sich eine Raubkopie – Er ist ein Meisterhacker!
    -Im Browsercache ist ein Bild von Obama – Er plante ein Attentant und ist zudem Rassist!
    -Es gibt einen WoW Account – Er ist ein onlinesüchtiger Einzelgänger ohne Freunde!
    -Es gibt einen Facebook Account – s.o.

  4. Völlig egal ob er FPS oder Paintball Spieler ist. Beide Aktivitäten kann man nicht mit Schusswaffentraining gleichsetzen. Diese Mutmaßungsdiarrhö seitens der Medien ist typisch, genausogut kann man sagen: „Auf dem ABC-Video wollte er eine Slurpee Maschine haben, also hat deshalb im Kino herumgeschossen.“ Hauptsache wir stilisieren den Mörder wieder zum Antihelden in den Boulevardzeitschriften hoch, damit wir ein wenig die Auflage steigern, damit auch noch die letze Oma die den Mist liest. Journalistische Verantwortung, nein danke damit können wir kein Geld machen! Möglicherweise orientieren sich die nächsten Amokläufer an Breihirn und den Killerpumukel und versuchen deren Taten auch noch zu übertreffen, um universale Aufmerksamkeit von den Schmierfinken der sogenannenten „Presse“ zu bekommen.

  5. „und angesichts immer besserer Grafik auch Schwierigkeiten haben reale und virtuelle Darstellungen auseinanderzuhalten glauche ich sofort“
    .
    glauche…

  6. @Crusader:
    „Es gibt einen Facebook Account“

    So wie ich das sehe ist es eher ein problem das es keinen gibt, siehe: http://www.cbsnews.com/8301-501465_162-57477129-501465/the-mystery-of-james-holmes-missing-facebook-account/

    „““It’s certainly unusual. Data suggests that 95 to 98 percent of people Holmes‘ age are on social media,“ Dr. Megan A. Moreno, of University of Wisconsin-Madison School of Medicine and Public Health, told CBS News. As for that other 5- to 2 percent, Moreno, who has no connection to the case, highlighted a link between extreme Internet use – or lack of use – and depression.“

  7. „Wie die Daily Mail aber auf die Idee kommt, dass das Poster ein Videospiel zeigt, ist ihr Geheimnis.“
    Das ist ein freudscher Versprecher im weiten Sinne.
    Bei der Daily Mail dachte man wahrscheinlich an Soldiers of Fortune. http://de.wikipedia.org/wiki/Soldier_of_Fortune
    Soldiers of Fortune ist für seine Gewaltdarstellung bekannt und ich musst ehrlich gesagt bei Soldiers of Misfortune dran denken und hielt es für einen Teil oder Relaunch der Serie.
    Gleicher Gedanke wird wahrscheinlich beim Focus aufgekommen sein, aber natürlich sollten die das nicht einfach so runterschreiben.

  8. Vielleicht hat sich der Redakteur an seine Vergangenheit erinnert und ihm ist Soldier of Fortune von Raven Software eingefallen. Und von Fortune zu Misfortune ist es ja nicht weit.

  9. Es sieht so aus, als würde stigma-videospiele dem deutschen Journalismus zeigen, wie Journalismus funktioniert. Das Beklemmende – und das kann man gar nicht oft genug wiederholen – dies ist ein Fall, wo jeder von uns den Fehler sofort bemerkt, an anderen Stellen sind wir nicht so firm. Das macht Angst.

  10. @ purchaser dafür gibt es ja auch noch bildblog. Aber das schlimme an solchen Journalismus sind ja die Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Politik. Ich denke da wird es noch ein böses Erwachen geben.

  11. Die Passage mit den „__Video-__ und Rollenspiele[n]“ wurde zwar berichtigt, ein expliziter Hinweis auf die Änderung ist allerdings nicht erfolgt.
    Die Kommentarfelder scheinen auch nach dem Belieben der Redaktion gefüllt und wieder geleert zu werden. So sind Kommentare, die auf Fehler im Bericht aufmerksam machen, wohl nicht so gern gesehen. Ebenso scheint ein Kommentar, auf den Bezug genommen wurde, zu fehlen. Oder habe ich nur den Aufbau der Kommentare mit Antworten etc. nicht verstanden?

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