Mit Volldampf in die Unmündigkeit?

Steam kommt für Linux, Nutzer des alternativen Betriebssystems dürfen sich damit auf mehr Spiele freuen. Bisher müssen Spielefans vor allem neidisch auf Windowsrechner schielen oder sich eine Spielkonsole anschaffen. Einige Linuxuser werden somit gegen Ende des Jahres vielleicht ihre erste EULA zu Gesicht bekommen. Solche Softwarelizenzverträge kennen die Freunde freier Software bisher vor allem vom Höhrensagen.

Friss oder stirb!
Auch gewöhnen muss man sich dann an unverhoffte Konditonsänderungen. So hat Valve, die Firma hinter Steam, vor einigen Tagen das „Steam Subscriber Agreement“ geändert. Zumindest wird hier im Gegensatz zur Konkurrenz, die eine solche „Vertragsanpassungen“ auch mal heimlich unterschiebt, um Zustimmung gebeten. Eine harte Entscheidung, hat man doch die Wahl zwischen

  • „Ja, ich bin einverstanden.“ und
  • „Nehmt mir alle meine Spiele weg!“

Diese angebotenen Optionen machen sehr deutlich, wer die Entscheidungen trifft. Als Nutzer kann man nur hoffen, dass man einem wohlwollenden Diktator gegenübersteht.

Penguin with Valve

Den meisten schmeckt das.
Mit solchen indes haben Linuxnutzer Erfahrung. Mark Shuttleworth zum Beispiel, Weltraumtourist und Ubutugründer, führt ein autoritäres Regiment. Im Sechs-Monats-Zyklus stöhnt die Nutzerschaft über neue Features, die sie eigentlich gar nicht haben wollte. Und selbst der innerste Kern des Linux-Systems ist dem Diktat einer einzelnen Person unterworfen: Linus Torvalds entscheidet persönlich, welche Funktionen in Linux aufgenommen werden und welche hinaus fliegen.

Die Linux-Obersten werden aufgrund dieser fast absolutistischen Macht innerhalb ihrer Projekte oft als „wohlwollende Diktatoren auf Lebenszeit“ bezeichnet. Doch selbst wenn sie nie zum Projektleiter gewählt wurden, freie Abstimmungen würden sie in ihrer Position bestätigen. Ist Valve-Chef Gabe Newell in einer vergleichbaren Position? Er gehört außer Zweifel zu den beliebtesten Personen der Spieleindustrie. Wenn alle Nutzer aufgerufen wären, einen Anführer für die Branche zu wählen, würde er mindestens nominiert.

Freie Software
Ein Unterschied bleibt: Steam ist keine freie Software. Kostenlos ja, aber nicht „frei wie in Freiheit“, wie es Linux-Fans angeblich so wichtig finden. Da man den Quellcode bekommt, bleibt man unabhängig – bei freier Software wählt man nämlich nicht den Projektleiter sondern das Projekt. Jeder kann sich selbst zum Diktator ernennen. Wenn einem OpenOffice nicht mehr gefällt, macht man eben LibreOffice daraus. Und so unterschiedet sich Newell doch von den Linux-Diktatoren Shuttleworth und Torvalds. Diese lassen einem die Wahl zwischen

  • „Ja, ich bin einverstanden.“ und
  • „Ich mach jetzt mein eigenes Ding.“

Nichtsdestotrotz freut sich die sonst so auf ihre Freiheit bedachte Linux-Community auf Steam. Es besteht gigantisches Vertrauen – wahrscheinlich auch deshalb, weil Valve noch nie den Support für auch nur ein einziges Spiel eingestellt hat. Sogar für das schon im Erscheinungsjahr 2000 kaum gespielte Ricochet stehen weiterhin Server bereit. So kann selbst der Freie-Software-Fundamentalist Richard Stallman kann Gutes in der Fremdbestimmungssoftware erkennen. Zu Recht? Als unterworfener Nutzer muss hoffen, dass Valve seinem Ruf treu bleibt.

Links

Ein Gedanke zu “Mit Volldampf in die Unmündigkeit?

  1. Pingback: Steam: Würden Nutzer AGB-Änderung ablehnen? | VDVC

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *