Frankfurter Rundschau: Fahrlässig nicht über WoW als Ursache nachzudenken

(Frankfurter Rundschau) In der Frankfurter Rundschau sucht Hannes Gamillscheg die Ursachen für Breiviks Massaker. Fündig wird er unter anderem bei dem Onlinerollenspiel „World of Warcraft“:

Auch der Einfluss von gewaltbefördernden Computerspielen verlangt Aufmerksamkeit. Von der Branchenlobby wird dieses Thema zwar gerne als populistischer Unfug abgetan. Doch wenn sich ein harmloser Typ in sein Jungenzimmer zurückzieht, dort zwei Jahre lang nichts tut als „World of Warcraft“ zu spielen und dann mit Mörderpotenzial wieder herauskommt, dann wäre es fahrlässig, nicht über Ursache und Wirkung nachzudenken.“

Dabei ist interessant, dass die Aussagen Breiviks zu „World of Warcraft“ vom Autor offenbar komplett ausgeblendet werden. Breivik bezeichnete die Angabe „World of Warcraft“ zu Spielen als „Alibi“ um die für die Planung der Tat notwendige Isolation von seinem Umfeld herbeizuführen.

Present a ”credible project/alibi” to your friends, co-workers and family. […] For example, tell them that you have started to play World of Warcraft […]. This ”new project” can justify isolation and people will understand […]. No further questions will be raised if you present these arguments.“

Blaming“ WoW war seine Strategie, wobei diese auch von sozialen Ressentiments gegen (erwachsene) Gamer lebte:

Blaming WoW is also quite strategic due to another factor. It is usually considered ”tabu” or even shameful in our society today to be hooked on an MMO. By revealing ”this secret” to your close ones you are therefore (to them at least) entrusting them with your innermost secret. Usually they will ”contribute” to keeping this secret for you which can be very beneficial.

Breivik riet also „World of Warcraft“ gegenüber Freunden als Ursache für eine soziale Isolation anzugeben. Nicht weil es stimmt, sondern weil es geglaubt werde. Ähnlich dürfte es sich mit den Ausführungen von Hannes Gamillscheg verhalten, wenn er nun gegenüber den Leser der Frankfurter Rundschau „World of Warcraft“ als Ursache für die Tat anführt. Ob es stimmt ist ungewiss – doch der Großteil der Leser wird es glauben.

Zum Artikel

(Dank an gordon.)

16 Gedanken zu “Frankfurter Rundschau: Fahrlässig nicht über WoW als Ursache nachzudenken

  1. Naja…

    1) Der FR-Redakteur schlängt nur vor, mal darüber *nachzudenken*, wass WoW mit Breivik gemacht hat. Kann sicherlich nicht schaden.

    2) Breivik hat nach eigenen Aussagen tatsächlich sehr lange sehr viel WoW gespielt. Vielleicht zu lange und zu viel.

    3) Außerdem empfiehlt er das anderen Psychopathen als Alibi, ganz unabhängig davon, ob sie WoW spielen oder nicht.

    Ganz nebenbei finde ich es problematisch, die Äußerungen eines Irren wie B. wie hier geschehen als Beleg für oder gegen irgendwas zu verwenden.

    WoW macht sicher nicht aus harmlosen Spielern zwangsläuftig Massenmörder – wäre als These geradezu absurd. Aber dass soziale Isolation einen gewissen Anteil an Geisteskrankheiten hat, und dass WoW bei entsprechend disponierten Menschen in die soziale Isolation führen kann und in vielen Fällen führt, dürfte jeder Spieler wissen, der noch ein bisschen was von seiner Communty/Freundeskreis mitbekommt.

  2. Mir graut es immer, wenn Journalisten glauben, ihre Ansichten seien richtiger als die Anderer:
    „Es wird oft behauptet, dass die Auseinandersetzung mit Breiviks Triebkräften unter einem Unzurechnungsfähigkeit-Verdikt leiden würde, weil man ihn dann als Psychopathen einstufte statt als politischen Verbrecher. Das ist Unsinn. (…) Tatsache ist: Ohne die Inspiration durch andere Rechtsradikale, Islamhasser und Verschwörungstheoretiker wäre Anders Breivik nicht zum brutalsten Verbrecher der norwegischen Nachkriegsgeschichte geworden.“
    Sorry Herr Gamillscheg, aber warum glauben Sie, dass Sie Recht haben und jene, die etwa von der Unzurechnungsfähigkeit Breiviks überzeugt sind, wie Gerichtsgutachter, nicht? Sie als Außenstehender ohne Zugang zur gesamten Quellenlage – Polizeiprotokolle, Vernehmungen Breiviks, etc. – können doch wohl kaum behaupten, dass Sie Beweggründe eines Massenmörders besser einschätzen können, als jene Menschen, die sich über Monate persönlich mit dem Täter befasst haben und die in die Ermittlungen eingebunden waren.
    .
    Daneben sollten Sie sich fragen, warum sie so von der Rolle von WoW überzeugt sind. Ich lese Ihre Aussagen dazu so, als ob Sie gern möchten, dass das Spiel eine zentrale Rolle gespielt hat. Mögen Sie das Spiel nicht und suchen „Stoff“ für weitere Artikel?

  3. @Peter
    Sprachlich gibt es eine Menge Möglichkeiten Dinge zu implizieren ohne sie explizit zu nennen. Manche Journalisten ziehen es vielleicht als Stilmittel vor es bei scheinbaren Andeutungen zu belassen, doch hier wird es imho doch schon recht konkret. Am Ende des Artikels werden abschließend 2 Ursachen für die Tat genannt. Fremdenfeindliches Milieu („Tatsache ist: Ohne die Inspiration durch andere Rechtsradikale, Islamhasser und Verschwörungstheoretiker wäre Anders Breivik nicht zum brutalsten Verbrecher der norwegischen Nachkriegsgeschichte geworden.“) und Videospiele („Auch der Einfluss von gewaltbefördernden Computerspielen verlangt Aufmerksamkeit“). Dass hier eine ergebnisoffene Diskussion angestoßen werden soll halte ich nicht für gewollt und das wird auch nicht so verstanden werden. Die Wirkungen erscheinen dabei für mich vom Autor nicht einmal als unklar dargestellt: „Einfluss von gewaltbefördernden Computerspielen verlangt Aufmerksamkeit“. Nicht „könnte“ verlangen oder der „vermutete Einfluss“. Das ist eine feste Aussage. Als „Unfug“ abgetan werden diese Zusammenhänge dem Autor nach nur von der „Branchenlobby“. Wissenschaftler, Gamer und andere mit anderen Ansichten werden nicht genannt. Es erschein so, als ob bloß die böse Industrie um das Image ihres Produkts besorgt ist. Dass der Autor eine negative Wirkung annimmt wird dann auch aus der Formulierung deutlich, dass es fahrlässig wäre nicht über die Wirkungen nachzudenken. Er hält die Aspekte für einen solchen Effekt – den ja offenbar nur Lobbyisten der Branche bestreiten – für derart evident, dass man sich dafür rechtfertigen müsse die Schuld nicht bei Videospielen zu suchen. „Nachdenken“ mag für sich inhaltsneutral verwendet werden können. Für mich ist das in diesem Kontext aber nicht der Fall.
    Auch sage ich nicht – da bin ich jetzt derjenige, der sich gegen eine Fehlinterpretation wehrt – dass man den Ausführungen eines Irren blind trauen sollte. Ich spreche nur an, dass die Angaben von Breivik „offenbar komplett ausgeblendet“ wordne sind. Und da die in eine ganz andere Richtung gehen ist es imho fast ein Verstoß gegen die Wahrheitspflicht der Presse, da auch eine durch Weglassung relevanter Punkte zustande gekommene Berichterstattung eine falsche ist.

  4. Ach, World of Warcraft ist wiedereinmal am Massaker Schuld? Schnell verhaftet den Morhaim und den Kotik diese üblen Massakerverursacher! Und wenn ihr schon dabei seid liebe FR, verhaftet auch gleich sämtliche Frauen in Deutschland, laut den Vergewaltigern, so hat eine Blitzumfrage ergeben, sind die an nämlich Schuld an den Vergewaltigungen. Dann verhaftet bitte alle Kinder im Alter zwischen dem ersten und zwölften Lebensjahr, es gibt ein paar katholische Prieser die schwören können, die lieben kleinen haben sich ihnen in den Schoss geworfen. Als nächstes bitte sämtliche Grünen Parteimitglieder und Sympatisanten, da die Atomlobby hier eine tolle Studie herausgebracht hat das immer wenn die Grünen behaupten das Atomstrom unsicher wäre gibt es in AKWs Störfälle. Die lieben Autobauer lassen wir auch nicht ungeschoren davon kommen, auch alle bitte im Knast schnell eingesperren, da sie Autos bauen die Unfälle im Straßenverkehr verursachen behaupten die Raser und die Alkoholiker. Ach und die FDP möchte alle Leute verhaften lassen die sie nicht gewählt haben, weil sich die FDP dem „Dikat“ der Massen unterordnen musste, da kann man ja keine Lobbygelder mehr lukrieren. Tolle Denkweise das die FR hier verbreitet, ganz sicher eine wohldurchdachte Philosophie die eine bessere Gesellschaft herbeiführt. Wer die Ironie findet darf sie behalten.

  5. @Peter
    Einerseits wird nach Ursachen jenseits von dessen Persönlichkeit gesucht und wenn anders gelebt wird werden diese naturgemäß auch gefunden. Jedoch natürlich nicht etwa in religiöser Eremitage, denn von mordenden Mönchen hat schon länger niemand mehr etwas gehört. Andererseits sollen „Äußerungen eines Irren“ nicht berücksichtigt werden.
    Sehen Sie da keinen Widerspruch in ihren eigenen beiden Äußerungen so?

    Im Übrigen glaube ich dass so vielfach auf eben genau die Strategie eines solchen Täters hereingefallen wird, weil die eigenen (Ideal-)Vorstellungen von (gesunden) Menschen und (normalen) Leben halt (auch) bloß in kein Wanken geraten sollen (sic!) –
    Dabei habe ich zwar keine psychologische oder gar psychiatrische Ausbildung genossen, doch die Frage von Zurechnungsfähigkeit ist so sicher auch keine von „entweder oder“, sondern da wird es ebenfalls fließende Grenzen und unterschiedliche Auffassungen geben. Niemand ist entweder zurechnungsfähig oder nicht: so wird es nicht nur einen politischen Wahn wie in dem Fall geben, wonach Europa von Fremden erobert wird, sondern auch nicht unproblematische Sicherheitsvorstellungen bei Massen von welchen etwa das Geschäft von Versicherungen lebt. Von den (Zusatz-)Pensionen ganz zu schweigen.

  6. @Peter
    „Dass WoW bei entsprechend disponierten Menschen in die soziale Isolation führen kann und in vielen Fällen führt, dürfte jeder Spieler wissen, der noch ein bisschen was von seiner Communty/Freundeskreis mitbekommt.“

    Oder man verwechselt mal wieder Ursache und Wirkung, es ist nämlich genauso gut möglich das entsprechend disponierte Menschen sich mit Absicht derlei Spiele suchen um mit ihrer Disposition umzugehen zu versuchen.

    Es ist zB auch bekannt das Menschen mit einer autistischen Disposition ihre Mängel im sozialen Miteinander durch das aufbauen von Sozialkontakten im Internet kompensieren. Allerdings kommt hier niemand auf die Idee deswegen darauf zu schließen das virtuelle Sozialkonstrukte zu Autismus führen.

    Ganz nebenbei zu Nummer 3): Empfohlen wird hier nichts, Breivik beschreibt lediglich das die Stigmata die sich um WoW ranken ideal dafür sind dieses als Alibi zu nutzen. Das dies überhaupt funktioniert, ist indirekt auch das Resultat eben solcher Berichterstattung die Ressentiments bezüglich WoW fördern. Von daher kann sich der Autor da auch ein bisschen selbst auf die Schulter klopfen.

  7. Wiedermal jemand der sich mit dieser Tragödie profilieren will.

    Das WOW wiedermal als Sündenbock hinhalten muss war auch zu erwarten und zeigt das sich der schreiberling mal wieder nicht mit der Materie auseinander gesetzt hat.

    Ich würde sagen das beinahe jeder x-beliebige Singleplayer Shooter weit mehr Gewalt enthält als WOW und zudem auch mehr zu sozialer isolation beitragen könnte.

    Schließlich ist ein Hauptgrund warum WOW so beliebt ist die interaktion mit anderen echten Spielern in der ganzen Welt.

    Ich würde sogar sagen das MMOs und andere Multiplayer Online Spiele soziale interaktion eher fördern als vermindern.

  8. Alreech: Laut unserer (mit großem Abstand) ‚kompetentesten‘ Politikerin (Ursula von der Leyen), wird man vom möglicherweise zufällig im Netz gefunden KiPo auch pädophil. Das man im Netz zufällig mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine KiPos findet und darüber hinaus dadurch nicht pädophil wird, das sind Fakten, die eine Person mit dem enormen Bildungsgrad getrost ignorieren kann.

    Und so verhält es sich bei jedem Klischee. Es gibt immer Menschen, die sich für so unglaublich klug halten, dass sie das ‚Denken‘ schon vor Jahren oder Jahrzehnten aufgegeben haben…

  9. Ist hier eigentlich irgendjemand von dieser myteriösen „branchenlobby“ anwesend? Von der Spieleindustrie hört man zu diesem Thema doch eigentlich kaum was! Die, die sich öffentlich gegen journalistische Meisterstücke oder poiltische Hexenjagdkampagnen wehren, sind immer nur die Spieler! Seltsam ;)

  10. Dieser Gamillscheg ist ein „freischaffender“ Jounalist, als solcher ist darauf spezialisiert mit sehr wagen Aussagen polarisierende Artikel für sensationsgeile Käseblätter zu schreiben. Fundierte Wissenschaftliche Aussagen sucht man in den Massenmedien sowieso umsonst, da nur Kontroverse zählt, mit Fakten kann man keine Zeitungen verkaufen. Darum ist es besonders niederträchtig wenn man der Spieleindustrie unterstellt der Gesellschaft zu schaden wärend man als Zeitung jede journalistische Verantwortung ablehnt und jeden Blödsinn dem Leser als Wahrheit verkauft.

  11. also :
    klar videospieleKÖNNEN süchtig machen die meisten sind GEWALTVERHERRLICHEND;PERVERS;habenmit diskriminirung,alcohol und/oder drogenkonsum zu tun wer aber behauptet das videospiele generell schlecht sind deer hat meiner meinung nach ein großes problem denn es kommt noch auf weitere faktoren zu tun.
    z.b. ist mann als kind schon mit einem pc oder einer konsole aufgewachsen oder nicht hat man am arbeitsplatz einen pc wieviel freizeit hat jemand hat jemand freunde, wieviel geld steht einem zu verfügung usw…

  12. @Geist: wie viele Lobbyisten kennst du namentlich? Lass hören. Sicher nicht viele, denn gute Lobbyarbeit zeichnet sich eigentlich doch darin aus dass sie im Hintergrund bleibt, so bleibt die Presse und Öffentlichkeit still. Insofern kein Wunder ;-)

  13. @Mars
    Stimmt, Lobby-Arbeit wird in kleinen verrauchten Kämmerchen betrieben, alles halb-legale Geschichten wo niemand Namen nennt bzw. Transparenz nicht gegeben ist.

    Ach ne halt.. all diese Verbände müssen sich registrieren, was dann zu Listen wie dieser hier führt: http://www.bundestag.de/dokumente/parlamentsarchiv/sachgeb/lobbyliste/lobbylisteaktuell.pdf

    Dort findet man den BIU, das war es auch schon. Leider ist der BIU häufig mehr damit beschäftigt seine Lobby-Arbeit auf die Vertretung eigener Interessen (welche sich nicht zwangsläufig mit denen der Kunden decken) durchzusetzen als die seiner Kunden.

    Wenn es um öffentliche Konfliktthemen wie Jugendschutz oder Gewaltdarstellung geht so hält sich der BIU oft aus den Diskussionen raus, eben wegen dem Vorwurf der Parteilichkeit. Wenn es allerdings darum geht die nächste Runde Benachteiligung von Konsumenten durchzuboxen, im Zuge des Urheberrechts und der Piraterie -bekämpfung, so hat man offensichtlich kein Problem die eigenen Interessen still und heimlich durch zu boxen.

  14. @freeflight: ja schon, aber merkst du das Prinzip? Die meisten Lobbyisten vermeiden die direkte Öffentlichkeit, die sind erstaunlich wenig in den Medien, nur halt wenn sie müssen. Dieses Beobachtung meinte ich.

  15. Ich sag das mal ganz deutlich:
    Wer bei dem Massenmord von Breivik eine Killerspieldebatte auch nur ansatzweise loschlagen will, der will hier verharmlosen oder sogar vertuschen.

    Die Motivation hinter dem Anschlag war ganz klar, woher er die Ideen hatte war auch klar. Wer hier jetzt noch „Killerspiele“ mit rein ziehen will hat den Schuss nicht gehört, und es ist mir egal ob es ein Redakteur der FR ist, wär mir auch egal wenns der Papst persönlich wäre.

    Daher Schande über dich Peter, dass du auch noch in diese Kerbe schlagen willst. Ich finds widerlich.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.