Petition: Gewaltmedien nach Spitzer besteuern

(Stuttgarter Zeitung) Der Hirnforscher Manfred Spitzer wirbt seit Jahren dafür zweifelhafte Medien durch eine „Gewaltsteuer“ zu verteuern, wie sie es bei Arcade-Automaten schon gibt. Hierdurch soll der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen beschränkt werden. Die Politik plant derzeit nichts Vergleichbares, obwohl eine solche Steuer rechtlich wahrscheinlich machbar wäre (siehe unser Interview). Das möchte nach der Stuttgarter Zeitung ein Mitglied des „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“ (AAW) ändern.

Während das AAW nach Schober aktuell andere Prioritäten hat:

Wir haben das Ziel nicht aufgegeben, konzentrieren uns aktiv aber erst einmal auf die Waffen.““

Hat ein Mitglied des AAW eine Petition erstellt, mit der explizit der Vorschlag Manfred Spitzers zur Besteuerung von Gewaltmedien umgesetzt werden soll. Weil die negative Wirkung von Videospielen wissenschaftlich „zweifelsfrei bewiesen“ sei, „Amokläufer der neuen Generation […] alle ein intensives Training mit Computer-Killerspielen absolviert“ hätten und die Politik auf die Gefahr der Medien bisher nicht reagiere, sei es nötig eine „empfindlichen Besteuerung von Gewaltdarstellungen in Unterhaltungsmedien auf den Weg zu bringen„.

Was der genaue wissenschaftliche Erkenntnisstand bezüglich der Wirkung gewaltdarstellender Videospielen ist, vermag ich derzeit nicht zu beurteilen. Doch die Bezugnahme auf „Manfred Spitzer und Joachim Bauer“ wirkt hier doch etwas einseitig.

Eindeutig falsch ist dagegen die Aussage, dass alle „Amokläufer der neuen Generation“ sich mit „Killerspielen“ auf ihre Taten vorbereitet hätten. So sind u.a. die Täter von Blacksburg (2007), Ansbach (2009) und St. Augustin (2009) ohne ausgekommen.

Von einer Untätigkeit der Politik zu sprechen ist ebenfalls etwas gewagt: 2003 wurden Altersfreigaben auch bei Videospielen für verbindlich erklärt, 2004 wurde das Verbot gewaltverherrlichender Medien explizit auf Videospiele ausgeweitet und 2008 im Rahmen des Sofortprogramms die Indizierung ausgeweitet und verschärft.

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23 Gedanken zu “Petition: Gewaltmedien nach Spitzer besteuern

  1. Interessanterweise habe ich mich erst vor ein paar Tagen dem Thema der Besteuerung von fiktionalen Gewaltdarstellungen im Rahmen meiner Dissertation gewidmet… nicht überraschend mit dem Schluss, dass eine solche Steuer natürlich blanker Unsinn wäre. Zu ähnlichen besteuerungsideen empfehle ich übrigens folgende Kommentare:
    – Bartsch, Michael (1996): Sollten Gewaltdarstellungen besteuert werden? In: Zeitschrift für Rechtspolitik; Nr. 9/1996, S.370.
    – Rosenstingl, Herbert (2008): Positivprädakatisierung als Strategie. In: Mitgutsch, Konstantin / Rosenstingl, Herbert (Hg.) (2008): Faszination Computerspielen. Theorie – Kultur – Erleben. Wien, S.163-171.
    Im gleichen Rahmen habe ich übrigens auch die Argumentation des BVerfG bzgl. der Rechtmäßigkeit der Extrabesteuerung von „Gewaltspielautomaten“ auseinandergenommen, die ist nämlich bereits m.M.n. rechtlich nicht haltbar.
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    „Die Gehirnforschung hat über Studien zweifelsfrei bewiesen, dass intensiver Gewaltkonsum von Gewaltdarstellungen in Unterhaltungsmedien, sowie Computer-Killerspiele die Gewaltbereitschaft von Menschen in Konflikt- und Krisensituationen fördern.“
    … mir rollen sich da nicht nur als Wissenschaftler die Zehennägel auf; ein derartiger Mangel an Wissenschaftsverständnis, speziell auch dieser fehlende Überblick über das, was die „Gehirnforschung“ eigentlich überhaupt leisten kann und was nicht, auch noch von einer Person formuliert, die so ihre eigene akademische Qualifikation (aber ja eben nicht in diesem Bereich) exponiert, bereitet mir physische Schmerzen. Da muss man erst gar nicht damit anfangen, dass man Mediengewaltwirkungsstudien, die z.B. auf neurologische bildgebende Verfahren abstellen, an weniger als einer halben Hand abzählen kann und davon, dass – aus so unfassbar naheliegenden Gründen – keine davon auch nur Indizien einer Förderung einer „Gewaltbereitschaft von Menschen in Konflikt- und Krisensituationen“ demonstrieren, geschweige denn eine derartige Wirkung „zweifelsfrei“ nachweisen konnte oder je könnte (bzw. überhaupt untersucht hätte… wie auch?). Man sieht schon, auf was für eine Art von Stimmenfang diese Person aus ist, bzw. wie weit her es mit irher Expertise ist. Ich frage mich ja, was die glaubt, was so ein fMRT z.B. eigentlich macht, ja machen kann, was für ein Wunderapparat das sei?

    … und diese Stilblüten: „Gewaltkonsum von Gewaltmedien“… jetzt ungeachtet der Diffamierung von gewaltdarstellenden Medien als „Gewaltmedien“: ist „Gewaltkonsum“ sowas, wie ein „Gewaltmarsch“? Meine Fresse…
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    „Als Mutter, Großmutter und Naturwissenschaftlerin (Meteorologie) habe ich mit Sorge erlebt, wie die Gewaltdarstellungen in den letzten Jahrzehnten in den Medien immer häufiger und immer brutaler wurden. Wenn man sich abends durch die Fernsehsender zappt, kann man jederzeit an Morden und Vergewaltigungen teilnehmen, die nur zur ‚Unterhaltung‘ ausgestrahlt werden.“
    Die Mär von der Brtualisierung der Medien… belegt durch den pornographischen Blick einer sich empörenden „Mutter, Großmutter und Naturwissenschaftlerin“, an Ignoranz, Indifferenz und Moral schwer zu überbieten…

    BTW: „[…] 2004 wurde das Verbot gewaltverherrlichender Medien explizit auf Videospiele ausgeweitet […].“ Eigentlich galt § 131 StGB spätestens seit seiner Reform 1985 schon immer medienübergreifend, da wurden nicht erst 2004 Spiele mit ins Boot geholt und von einer expliziten Ausweitung auf Computerspiele im Rahmend er letzten Reform durch das SexÄndG 2004 kann auch nicht die Rede sein (s. BT-Drs. 15/1311).

  2. @Vica
    Mit dem Einfügen von „menschenähnliche Wesen“ sollte u.a. klargetsellt werden, dass auch virtuelle Menschenbilder (Computerspiele) unter die Vorschrift fallen. Davor war er natürlich auch anwendbar. Ich wollte mit dem „explizit […] ausgeweitet“ gerade deutlich machen, dass sie davor zwar auch schon erfasst waren, man es hier aber nochmal deutlich gemacht hat.

  3. @ Rey Alp:
    Ok, in BT-Drs. 15/1311 findet sich tatsächlich folgende Formulierung: „[…] weil es nicht darauf ankommen kann, ob die Opfer der wiedergegebenen Gewalttätigkeiten als ‚Androide‘, ‚künstliche Menschen‘, ‚Außerirdische‘, ‚Untote‘, als Verkörperung übersinnlicher Wesen oder ähnliche Wesen dargestellt werden. Entscheidend ist vielmehr, ob sie nach objektiven Maßstäben ihrer äußeren Gestalt nach Ähnlichkeit mit dem Menschen aufweisen. Die Ergänzung stellt zudem klar, dass auch gezeichnete Menschen oder in Form elektronischer Spezialeffekte dargestellte Menschen vom Tatbestand erfasst werden.“ (S.22)
    Habe ich tatsächlich in meiner Diss. auch so zitiert; eine explizite Ausweitung speziell auf Computerspiele ist das aber auch nicht wirklich; das natürlich primär Computerspiele gemeint waren, wird nur aus dem Rahmen deutlich, in dem die Novelle entstand. Letztlich ist aber die Fomrulierung oben im Text so nicht korrekt und m.M.n. ebena uch missverständlich, weil entgegen deienr intention man auch meinen könnte, dass Computerspiele eben zuvor nicht erfasst worden wären. ;-)
    … und ungeachtet dessen möchte ich anmerken, dass der Zitierte Absatz natürlich auch eigentlich keine Begründung einer Novelle sein kann, was soll denn so eine Phrase wie „weil es nicht darauf ankommen kann“… ja, der Gesetzgeber und seine „Argumente“.

  4. Tja, wie schon der Bismarck gesagt hat:
    „Je weniger die Leute wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie!“
    Und ich finde, dass mit der Betonung auf explizit dar doch richtig ist. Im Übrigen geht es ja auch darum, ob der Gesetzgeber etwas getan hat. Und zumundest den Drucksachen nach geben sie an reagiert zu haben. Ob das nötig war oder was geändert hat ist dann zweitrangig. Eine explizite Ausweitung ist eben überflüssig, wenn es davor auch – aber eben nicht explizit – erfasst war.

  5. Vor dem Hintergrund der Kommentierung ist es explizit ausgeweitet worden. Ob man das dem Gesetzestext allein ansieht und ob es nötig war ist eine andere Sache^^.

  6. Gruselig, was da wieder für eine News bei Stigma zu lesen ist. Nicht nur, dass die Zeitung solche kruden, einseitigen und unreflektierten Aussagen unwiderspruchen druckt, nein, auch das die zu Ende gedachten Konsequenzen, die mit einer solchen Steuer einhergehen, fehlen:
    .
    Wer soll entscheiden, welche Spiele darunter fallen? Wohl eine neue (staatliche?) Stelle.
    Wie ist die besetzt? Wohl mit Experten wie Spitzer, Schober und anderen – immerhin scheinen sich die mit dem Thema auszukennen – so die Andeutung in der Berichterstattung.
    Nach welchen Kriterien wird entschieden? Entwickeln sich diese über Jahre weiter? Gibt es ein Widerspruchsrecht? Welche Höhe soll die Steuer haben und warum? TBC
    .
    Ziemlicher Blödsinn so eine Forderung, denn offenbar hat keiner der Befürworter das kleine Detail bedacht, dass Deutschland eben keine Insel ist, denn ein höherer Kaufpreis heißt ja nicht, dass Spiele nicht weiterhin genutzt werden dürfen. Die Nutzung ist also damit nicht wirklich zu kontrollieren, sondern bestenfalls der Erwerb, was allerdings v.a. den heimischen Einzelhandel schädigt.
    Mal abgesehen davon finde ich das Weltbild der Befürworter amüsant: Wer gegen eine Steuer o.ä. ist, ist ein böser Lobbist, der die armen rechtschaffenden und besorgten Menschen unterdrückt. :D

  7. Hallo allerseits.

    Ich mache es kurz: Googelt mal folgendes: „angefixt und abgeschmiert“.
    Ihr müsstet bei der Ostsee-Zeitung landen, die in der heutigen Ausgabe ein Interview mit dem Medien-Spitz veröffentlicht hat (Interview ist Online einsehbar).

    (Ich verzichte hier aber auf irgendwelche Links.)

  8. Zunächst sollte man feststellen, das man nicht wissenschaftlich nachweisen kann was Spitzer behauptet, was er in seinen Publikationen schreibt ist Meinung und kein wissenschaftlicher Fakt. Videospiele sind wie alle anderen Produkte schon besteuert. Da der Verkauf in Ladengeschäften zugunsten des Onlinehandels sich ständig reduziert und eine Menge spezieller Händler im Ausland sitzen sollte es kaum einen Effekt geben. Wie willst du einen legalen Onlineshop besteuern der mir Keys schickt, wie ist es mit F2P, da wird kein Spiel mehr verkauft, nur Vorteile und Abkürzungen oder Kickstarter wo ich quasi dem Entwickler spende und im Gegenzug günstig und DRM frei an mein Produkt komme. Spitzers Forderung ist nicht neu, und wurde bereits verworfen. Warscheinlich weil der Deutsche Staat nicht besteuern kann, was ohnehin kaum verkauft wird, da STGB §131 bereits genau das verhindert. Von der administrativen Seite kaum zu schweigen, wie soll das überwacht werden? Bei Zigaretten funktioniert es, allerdings werden ja auch nicht willkürlich bestimmte Markten besteuert und andere nicht. Von Konsumentenseite auch nicht wird zum Beispiel in Österreich gekauft, zahlt man ja auch 20% MwSt, also ohnehin mehr als Deutschland, oder Versandkosten per Post usw… Was ist wenn ich als Entwickler sagen wir ein Produkt auf den Markt bringe das zuerst nur 20 Stunden Roboter abschiessen drinnen hat und ich dann einen Level einbaue bei denen ich dann auf Menschen schiesse, wie ist es bei DLC? Was ist wenn die Behörde die das regelt mehr kostet als die Steuer überhaupt einbringt? Wäre es nicht einfacher die Mwst auf Ösi Niveau zu erhöhen und den §131 komplett zu streichen, dann hätten wir weniger Ausgaben und mehr Einahmen. Was ist wenn es einen Mod gibt der unblutige Spiele blutig macht? Ach der liebe Spitzer sollte vielleicht noch zehn weitere Bücher schreiben die niemand liest.

  9. Bei den Automaten spielt glaub ich vor allem deren Materialisierung im öffentlichen Raum eine große Rolle: Städten und Kommunen werden dabei auch Kompetenzen zugesprochen welche sie woanders eben nicht haben.
    Ein gewisser Populismus hat in Wien so etwa auch das „Kleine Glücksspiel“ eigenhändig aus der Welt schaffen können, obwohl das der Stadt einen Millionenverlust an Einnahmen kostete – die kulturelle Sauberkeit war einer Mehrheit lieber.

  10. Ausgerechnet Spitzer.
    Spätestens nach seiner Forderung per Gentest festzulegen ob ein Kind auf die Hauptschule oder das Gymnasium kommt sollte eine ernsthafte Diskussion seiner Theorien nicht mehr nötig sein.

  11. So viel zu diesen Narren, die den Vorurtelien der Öffentlichkeit folgen und durch ihre Taten versuchen, die Entwicklung der digitalen Unterhaltung auf die schiefe Bahn zu kriegen. Die erreichen kaum an Einfluss und selbst nach drei Jahren, als ihre Kinder mit Blei durchsiebt wurden und das zeitliche segneten, geben sie immer noch nicht auf. Wenn die daran wirklich was ändern wollen, dann sollen sie doch mal zur nächsten Gamescom vorbeikommen mit ihren SINNLOSEN Parolen und wie sehr sie die Gamer blossstellen wollen. Gewalt liegt in unserer Nautur und in der Unterhaltung ist das eine Sache für sich. Die die anderen böses zufügen wollen verdienen wohl eher bestrafung als das.

  12. Also wenn die nicht noch einen Aufmerksamkeitsschub bekommen, verhungert die Petition in den Paarhunderten. Damit dürfte das auch erstmal erledigt sein. Solange wir nicht den nächsten Amoklauf kriegen…

  13. Bei den Kommentaren auf der SZ ist jetzt dieser zu finden:
    „Stigma-Videospiele ist eine der vielen Interessenvertretungen der Gamer und indirekt der betroffenen Unternehmen. Dass von dieser Seite etwas kritisch (selbstkritisch ?) bzw. unparteiisch betrachtet wird, möchte ich bezweifeln. Dies gilt für zahlreiche „wissenschaftliche Studien“, auf die sich die Spieleindustrie beruft und verlässt und die mit absoluter Zuverlässigkeit keinerlei negative Wirkungen erkennen lassen. Mit derartigen Studien beruhigten schon Chemie-, Tabak- und Atomindustrie jahrzehntelang erfolgreich. EAmen“

    wer mag ;-)?

  14. „Stigma“ wurde schon zuvor als Hersteller von Videospielen bezeichnet und ein taz-Autor hatte uns ebenfalls als bezahlte Lobbyplattform „enttarnt“. Zu meinen Bedauern habe ich bisher aber noch kein Geld bekommen und Videospiele ebenfalls noch nicht umgesetzt.

  15. Wobei dies hier ja noch sogar einer der wenigen Orte ist wo offen Kritik an zum Beispiel den Selbstzensurmaßnahmen der Industrie, Indizierungen und Beschlagnahmen durch den Staat, aber auch eine unkritische Haltung der Industrie dazu geübt wird. In der Spielpresse, die als Anzeigenkundin tatsächlich von ihr abhängig ist, ist das ja längst nicht der Fall
    Es ist regelrecht absurd: von einer „Interessenvertretung“ für Menschen die Musik hören oder Bücher lesen wird ja auch nicht ausgegangen, das wie selbstverständlich betrachtet in diesen Gesellschaften. Auch Ausdruck eines kulturellen Grabens diesbezüglich –

  16. Frei nach Streisand würde ich den Kommentar jetzt lieber ignorieren, angesichts seines Alters. Allerdings war ich derjenige, der diese Seite hier vorher erwähnt hat (zwei Kommentare vorher). Ich bin mitunter noch der naiven Annahme, dann würden sich die Leute mit den genannten Punkten auseinandersetzen, anstatt einen einfach als „unwürdigen Diskussionspartner“ zu bezeichnen und der Diskussion auszuweichen. Und ich hatte einfach keine Lust, schon wieder selbst die ganzen Punkte zu formulieren.

    Bin mir jetzt aber nicht sicher, ob ich solche Verweise in Zukunft unterlassen soll. Hat sonst noch wer mal in Kommentaren auf Stigma gelinkt und wie ging das aus?

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