Klatsche für Spitzer?

Über die Diskussion bei Jauch wird sich sicherlich auch der eine oder andere Gamer freuen können. Dass bereits im Vorfeld u.a. Nilz Bokelberg und Marina Weisband abgesagt haben, ist auch der Presse nicht entgangen. SPON stellt fest: „Unter 50-Jährige kommen nicht zu Wort„. Im Übrigen dürfte sich Spitzer mit seinen Thesen recht weit ins Abseits geschossen haben: Nicht einmal Ranga Yogeshwar, der „World of Warcraft“ als „Killerspiel“ einordnet, wollte Spitzer zur Seite stehen. Selbst das Echo in der Presse erscheint vernichtend. Sogar die Bild konstatiert: „Der Erkenntnisgewinn der Talkshow tendierte gegen null, das Internet-Bashing war völlig überzogen“ und spricht von „Prügel für den Internet-Hasser Manfred Spitzer„.

Eine Aussage, die Klaus Peter Jantke sogar Szenenapplaus bescherte, war eine gnadenlose Abrechnung mit Spitzers Kompetenz:

Herr Spitzer, Sie haben mal ein Buch mit dem Titel „Lernen“ geschrieben. Ab Seite 207 – können Sie mal selbst nachschauen – nennen Sie 17 oder 18 Computerspiele. Es ist nicht ganz klar, ob Sie 17 oder 18 nennen, weil da kommen solche Namen vor wie „Areana“ – das gibt’s gar nicht. Es gibt „Quake III“, es gibt „Quake III Arena“ und es gibt „Quake III: Team Arena“ – das ist eine Erweiterung. Also es ist nicht ganz klar, was Sie meinen. Von den 18 Spielen, die Sie nennen, gibt es 9 nicht. Entweder haben Sie die Titel falsch geschrieben oder falsch abgeschrieben. Wer nachkucken will: Ab S. 207 ff. Sie wissen nicht was Computerspiele sind und ich finde es unverantwortlich, dass Sie darüber reden.“

Das „sitzt“ und scheint angesichts der Reaktion Spitzers auch voll ins Schwarze getroffen zu haben. Denn eine Qualifikation damit begründen zu wollen, dass man im Rahmen eines Gerichtsverfahrens Spielszenen gesehen habe, ist in der Tat dürftig.

Doch stimmt der Vorwurf von Jantke? Hat Spitzer sich 9 Videospieltitel „ausgedacht“?

Die Recherche hat sich hier etwas schwerer gestaltet, als es zunächst zu erwarten war. Denn auch wenn von Spitzers „Lernen“ noch ein Exemplar in der Universitätsbibliothek verfügbar war (1. Auflage 2006), hat dieses Buch nur wenig weitergeholfen. Auf den S. 207 ff. steht entgegen den Angaben Jantkes nichts über Videospiele. Stattdessen führt Spitzer aus, weshalb er den Jungen von Eulen nicht die Nutzung digitaler Medien empfehle (Fragt nicht.). In dem ganzen Buch konnte ich nach zweimaligen Durchlesen allein die folgenden Nennungen von Videospieltiteln finden:

01. „Ping Pong“
02. „Tetris“
03. „Pacman“
04. „Mortal Kombat“
05. „Wolfenstein 3D“
06. „Myst“
07. „Doom“.

Von einem „Areana“ keine Spur. Auch dürften diese Spieltitel alle existieren – ich habe sie schließlich schon gespielt („Myst“ ist wirklich grausam.). Allein mit „Ping Pong“ wird wahrscheinlich „Pong“ gemeint sein, doch dieser Schreibfehler dürfte nicht wirklich gravierend sein. Auch wenn ich das Buch zugegeben mehr überflogen als gelesen habe, bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass dies nicht die von Jantke gemeinte Publikation sein kann, weshalb ich mir auch andere Veröffentlichungen Spitzers angesehen habe. In „Digitale Demenz“ war auf den S. 207 ff. leider auch nichts zu finden, doch Patrik – vielen Dank für die Hilfe – wurde in „Vorsicht Bildschirm“ fündig.

Explizit genannt wurden dort die folgenden Titel:

01. „Ping Pong“
02. „Tetris“
03. „Pacman“
04. „Doom“
05. „Wolfenstein 3D“
06. „Soldier of Fortune“
07. „Duke Nukem 3D“
08. „Mortal Combat“
09. „Dark Forces“
10. „Quake III“
11. „Areana“
12. „Resident Evil“
13. „Half Life“
14. „Gunman“
15. „Americas Army“
16. „Counterstrike“
17. „Myst“
18. „Everquest“
19. „Medal of Honor“
20. „Duke Nukem“

Es dürfte sich hierbei um die von Jankte erwähnte Auflistung – S. 207 ff. und „Areana“ – handeln, wobei ich anstatt auf 17/18 auf 19/20 Spiele komme. Hinsichtlich der Quellenangabe war allein das Buch falsch. Er meinte nicht Spitzers „Lernen“ sondern „Vorsicht Bildschirm!“. Doch auf den ersten Blick scheint es so, als ob man hier kaum auf die Nennung von 9 nicht existenten Videospielen kommen kann. Wenn man etwas kleinlich ist – ein Vorwurf, den ich mir auch ab und an gefallen lassen muss – kommt man bei der Schreibweise der Titel aber auf eine interessante Fehlerzahl.

Mit „Ping Pong“ ist bekanntlich „Pong“ gemeint, „Mortal Combat“ wird mit „K“ geschrieben, „Dark Forces“ heißt komplett „Star Wars: Dark Forces“, mit „Quake III“ und „Areana“ dürfte tatsächlich „Quake III Arena“ gemeint sein, bei „Half Life“ fehlt der Bindestrich, bei „Gunman“ der Zusatz „Chronicels“, bei „Americas Army“ der Apostroph, „Counterstrike“ muss auseinander, mit Bindestrich und großem C geschrieben werden und das „q“ bei „Everquest“ ist ebenfalls groß zu schreiben.

Dies wären insgesamt 9 „falsch“ geschriebene Videospieltitel. Also Videospiele, die es „so“ nicht gibt. Dies deckt sich mit den 9 Nennungen von Jankte.

Jankte mag mit seinem Vorwurf also genaugenommen Recht haben, doch inhaltlich und vor dem Hintergrund, wie er diesen in der Sendung präsentiert hat, erscheint dass dann doch selbst einen Spitzer gegenüber nicht als ganz fair. Insbesondere, da Jantke offenbar selbst nicht den Maßstäben gerecht wird, die er bei Spitzer anlegt. In der Sendung sagt er nämlich folgendes:

Es gibt „Quake III“, es gibt „Quake III Arena“ und es gibt „Quake III: Team Arena.

Tatsächlich gibt es jedoch nicht ein „Quake III“. Neben der Erweiterung „Quake III: Team Arena“ gibt es allein das Grundspiel „Quake III Arena“, so dass wir nach dem von Jantke entwickelten Maßstab konstatieren müssten, dass er hier mit „Quake III“ von einem Videospiel spricht, dass es gar nicht gibt.

Abgesehen davon sollte man sich über den Verlauf der Sendung nicht allzu sehr freuen. Günther Jauch nannte den Konsum von Tabak und Heroin unwidersprochen in einer Reihe mit der exzessiven Nutzung digitaler Medien. Eine verhaltensgebundene „Sucht“ mit stoffgebundenen Süchten gleichzusetzen zeugt nicht von einer sachlichen Auseinandersetzung mit der Thematik. Auch ist es etwas fragwürdig konsequent von „Sucht“ zu sprechen, wo „Computerspielsucht“ bisher nicht als Krankheit anerkannt ist.

11 Gedanken zu “Klatsche für Spitzer?

  1. Ich würde vorschlagen statt „Sucht“ von „exzessiver Nutzung“ zu sprechen, selbst in solchen Talkshows: und was „exzessiv“ ist, ist halt auch relativ – der durchschnittliche deutsche Mensch schaut laut Media Control täglich fast vier Stunden fern http://www.zeit.de/kultur/film/2011-01/fernsehen-sehdauer-internet
    Wie ich aus Deutschland so höre sieht die Bundesdrogenbeauftragte beim Internet da quantitativ schon eine Abhängigkeit für gegeben an – als Nicht-Mediziner kann ich da auch immer wieder nur auf ein ganz bestimmtes Prinzip aus der Medizin verweisen und vor solchen kulturellen Pathologisierungen ausdrücklich warnen: es sollte um den Leidensdruck von einzelnen Menschen gehen, deren Befindlichkeiten, nicht um Zahlen. Und auch nicht um eine Rede über „Rollenspielsucht“ von Verwandten auch nur vielleicht Betroffener im Fernsehen –
    Darüber hinaus kann ich schließlich nur davor warnen sozusagen zu glauben dass alles was etwa die WHO als Krankheit ansieht auch für sich selbst eine Krankheit ist: viele gesellschaftlich unerwünschte Lebensweisen oder Körperzustände mögen dort immer noch als „krank“ gelten. Bis 1992 war das etwa auch noch die Homosexualität –

  2. @Pyri, das sehe ich auch so. Abgesehen davon ist das mit dem Begriff so eine Sache, wenn jemand 4 Stunden am Tag zockt wird von trauriger Abhängigkeit gesprochen, wenn jemand 4 Stunden am Tag liest ist das vorbildlicher Bildungseifer. Damit wird gleich ein Wertung eingebracht, wird Lesen als grundsätzlich positiv und anderer Medienkonsum wie z.B. Fernsehen oder eben Computerspiele als negativ bewertet…

  3. Mir gefällt dieser Spruch aus dem Spon Artikel:
    „Wir müssen die Schüler auf ihre Zukunft und nicht auf unsere Vergangenheit vorbereiten“
    Von Jens Haase.

    Was mir auffällt:
    Selbst wenn man Spitzers Meinung, das Netz verblödete uns, unbenommen lässt, so ist das Netz nun einmal schlichte Realität. Es ist da. Ganz egal, wie sehr das manchen missfällt.
    Was denken die sich?

  4. @MaxSchmerz
    Stimmt. Patrik, du weißt nicht zufälligerweise, ob sich aus dem Kontext ergibt, ob mit „Areana“ eher „Quake III Arena“ oder das TES „Arena“ gemeint sein könnte?

  5. Es ist definitiv Q3 Arena gemeint. Wenn man von der falschen Schreibweise absieht, steht zwischen beiden Wörtern nur ein Komma zu viel. Hatte im Forum auch extra mit der Zitierweise klar gemacht, ob ich Wörter ausgelassen habe. Quake III und Areana stehen in einer längeren Aufzählung direkt hintereinander.

  6. Ich finde das schon hart, dass er die Titel en masse falsch schreibt, zeigt es doch, dass er sich kaum mit der Materie auseinander gesetzt, oder sich nicht wirklich darum gekümmert hat.
    Es mag kleinkariert wirken, aber mich ärgert so etwas immer.

  7. @Rey Alp
    Sehe das in dem und einigen anderen Fällen ähnlich, wobei diese persönliche Wahrnehmung bzw. gängige Schreibpraxis unter Gamern dann in wissenschaftlichen Arbeiten problematisch wird, wenn man ein Spieleverzeichnis einfügt. Das nötigt einen dann doch Titel wieder wie vom Hersteller verwendet zu schreiben. ;)

  8. Eiheiheih, also ich schließe mich dem Autor des Artikels an, dass – unter diesen sauber recherchierten bzw. dargestellten Umständen (danke für den Faktencheck) – der Einwand von Jantke inhaltlich fehl am Platz ist. Ich gehe sogar soweit, ihn als peinlich zu bezeichnen (sogar von dem Fehler abgesehen, die falsche Literaturquelle genannt zu haben).

    Klar, Spitzers Schreibfehler sind unschön, aber dienen nicht wirklich der Aufklärung darüber, ob Spitzer denn genug über Computerspiele wisse, um die als vermisst kundgegebene wissenschaftlich-fundierte, differenzierte Perspektive einnehmen zu können.

    Vielleicht kann Patrik als offensichtlicher Inhaber des Buches mehr Licht ins Dunkel bringen.
    In welchem Kontext werden die Spiele genannt? Wie werden sie inhaltlich dargestellt? Vlt. gibts ja auch einen aussagekräftigen Textabschnitt, der sich gut zitieren lässt.

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