Breivik: 130 Stunden „Modern Warfare 2“ gespielt

Am 24.08.2012 wurde auf diversen Presseportalen eine dpa-Meldung veröffentlicht, in der ein Zusammenhang zwischen der Tat und der Nutzung von „Killerspielen“ suggeriert wurde:

 „Aber als er anfing, seine ungeheuerlichen Pläne zu schmieden, zog er sich zurück ins kleine Kinderzimmer, brach alle Kontakte ab, verbrachte Stunden vor dem Computer und spielte Killerspiele. Bis er zur echten Waffe griff.“

Diese Meldung war die erste, in der behauptet wurde, dass Breivik „Killerspiele“ über einen längeren Zeitraum nutze.

Nach den bisher vorliegenden Informationen hatte Breivik ausgiebig das MMORPG „World of Warcraft“ gespielt, das im Grunde nicht als „Killerspiel“ zählt. Mit „Modern Warfare 1“ und „Modern Warfare 2“ hat er zwar auch Shooter genutzt, an denen er jedoch spielerisch wenig Freude hatte.

Zu „Modern Warfare 1“ schrieb er, dass er es nicht wirklich gemocht habe, da „Ego-Shooter“ nicht sein bevorzugtes Genre seien:

I played MW1 as well but I didn’t really like it as I’m generally more the fantasy RPG kind of person – Dragon Age Origins etc. and not so much into first person shooters.

Dem zweiten Teil konnte er mehr abgewinnen, wobei der Grund hierfür wohl weniger Spaß am Spiel als die vom Breivik unterstellte Eignung zur Vorbereitung der Tat war. In seinem „Manifest“ schreibt er über „Modern Warfare 2“:

„I just bought Modern Warfare 2, the game. It is probably the best military simulator out there and it’s one of the hottest games this year. [….] I see MW2 more as a part of my training simulation than anything else. I’ve still learned to love it though and especially the multiplayer part is amazing. You can more or less completely simulate actual operations.”

Insoweit überraschte die dpa-Meldung, soweit mit dem „Killerspiel“ wirklich ein Ego-Shooter und nicht „World of Warcraft“ gemeint sein sollte. Eine Nachfrage bei der dpa ergab jedoch, dass die Formulierung tatsächlich auf „Modern Warfare 2“ abzielt. Als Quelle bezieht man sich auf die offizielle Urteilsbegründung:

„Das Wort „Killerspiel“ bezieht sich auf „Call of Duty, Modern Warfare II“ – also nicht auf das für Jugendliche freigegebene Rollenspiel „World of Warcraft“. Quelle für unsere Berichterstattung ist die Begründung des norwegischen Gerichtsurteils gegen Herrn Breivik, in der es – hier ins Englische übersetzt – heißt: Finally, the defendant explained that he played a violent computer game called “Call of Duty, Modern Warfare II” in the time leading up to the terrorist acts. He allegedly used the game to simulate combat with the police Delta force. Police investigation confirms that he played “Call of Duty” since 2010 for about 130 hours.“.“

Die Aussage, dass Breivik stundenlang „Killerspiele“ genutzt habe, erscheint somit als korrekt. Allein die Relation zwischen der Nutzung von „Modern Warfare 2“ und anderen Videospielen hätte man vielleicht noch ansprechen können.

Zumindest rechtlich wird für eine wahrheitsgemäße Berichterstattung verlangt, dass keine wesentlichen Informationen weggelassen werden. In der dpa-Meldung – z.B. hier bei N24 – taucht beispielsweise das Wort „World of Warcraft“ gar nicht auf. Es wird auch nicht erwähnt, dass Breivik andere Videospiele außer „Killerspiele“ genutzt habe. Vor dem Hintergrund der exzessiven Nutzung von „World of Warcraft“ wirkt das etwas fragwürdig.

Breivik spielte 2006 und 2007 auf dem Server Nordrassil zunächst den Level 77 Magier „Andersnordic“ und war dabei Mitglied der Gilden „Virtue“, „Unit“ und „Nevermore“. Später hatte er auf dem Server Silvermoon noch die Charaktere „Conservatism“ und „Conservativ“ (kotaku). Bereits um einen Charakter auf Level 70 zu bringen kann man mehr als 130 Stunden Spielzeit verwenden, wobei der Weltrekord zugegeben bei 24 Stunden liegt (pcgh). Allein bei der Gilde „Nevermore“ soll das Wochenpensum eines Spielers bei „40 – 50“ Stunden gelegen haben, so dass Breiviks Nutzung von „Modern Warfare 2“ hiernach etwa 3,25 Wochen „WoW“ entsprochen hätte. Tatsächlich spielte er in diesem Zeitraum aber 12 – 16 Stunden täglich, so dass er 130 Stunden Spielzeit in weniger als zwei Wochen zusammen bekam. Vor dem Hintergrund, dass Breivik „WoW“ auf diese Art „NONSTOPP zwei Jahre“ spielte, dürften 130 Stunden ein verschwindend geringer Anteil sein. Nach 2006 und 2007 pausierte Breivik zunächst, setzte das Spiel aber 2009 fort. Zuletzt spielte er „World of Warcraft“ vom 23.11.2010 – 23.02.2011. Für diesen Zeitraum wird als Schnitt eine tägliche Spielzeit 6 Stunden und 50 Minuten angegeben, so dass Breivik allein in diesen Monaten ca. 629 Stunden „World of Warcraft“ gespielt hat (Freitag). Sich bei der Darstellung der Videospielnutzung nichtsdestotrotz auf die Angabe der 130 Stunden „Modern Warfare 2“ seit 2010 zu beschränken wirkt dann doch etwas einseitig.

16 Gedanken zu “Breivik: 130 Stunden „Modern Warfare 2“ gespielt

  1. ‚(…) die Charaktere “Conservatism” und “Conservativ”‘: gibt es bei Blizzard denn keine Regelung die politische Charakternamen untersagt? Oder darf ich einen WOW-Chara auch „Socialism“ nennen?
    Die Zahlen sind für mich nebenbei bemerkt völlig unvorstellbar: ich habe sechs Jahre gebraucht um nur auf Level 25 zu kommen…

  2. @Pyri:
    Es gibt zwar ausführliche Namensrichtlinien, aber so wie ich das sehe, verstoßen die Namen nicht dagegen. https://eu.battle.net/support/de/article/namensgebungsbestimmungen

    Warum sind die Spielzeiten völlig unvorstellbar? Ein Großteil der Spieler verbringt eben nicht nur wenige Minuten mit einem Spiel. Möchte man zum Beispiel in WoW auch Raids spielen, sind Spielzeiten von über 10h pro Woche keine Seltenheit. Früher konnte ich auch problemlos den kompletten Nachmittag durchspielen. Als Fan von Spielen wie Baldur’s Gate und Final Fantasy verbringt man ja auch gerne mal über 100h mit dem gleichen Spiel. Das nicht Wenige auch wie im Text „exzessiv“ spielen, thematisieren wir vielleicht etwas zu selten.

  3. @ buzzti:
    Pyri wird wohl nicht generell „unvorstellbar“ gemeint haben, sondern nur für ihn, „unvorstellbar“; er selbst könnte in der Zeit im Rahmen seines idiosynkratischen Spielstils nie so „schnell“ im Spiel voranschreiten etc..

  4. Viel kritischer als die Auslassung des Hinweises, dass der Täter CoD im Vergleich zu WoW nur eine verschwindend kurze Zeit gespielt hat, finde ich die Formulierung, er habe sich „ins kleine Kinderzimmer“ zurückgezogen. Die ständige Assoziation von Videospielen mit Kindern ist eh schon deutlich übertrieben, aber in diesem Fall ist es wirklich total daneben.

  5. Hust, 130 h für ein gutes Computerspiel sind wirklich nicht viel, obwohl einige Casualgamer und Agenturen/Reporter das schon als exzessiv bezeichnen.
    +++
    Mein Origin-Account zeigt bereits über 140 h für Mass Effect 3 an, da kommen aber noch ein paar zusätzliche Stunden mehr darauf. Für das erste Durchspielen von Baldur’s Gate 1 und 2 plus Add-ons habe ich weitaus mehr gebraucht, ebenso wie für Open End-RPGs wie Morrowind und Oblivion. Und das ganze trotz Studium bzw. Berufstätigkeit.
    +++
    Die Aussage der dpa beweist nur, dass es viele Personen immer noch nicht schaffen, Computerspiele in einen richtigen Kontext einzuordnen.
    +++
    Ich hole jetzt mal Schild, Schwert, Brustpanzer sowie meine M-22 Eviscerator, um ein wenig um die Häuserblocks zu ziehen. :)

  6. @Stunden vor einen Spiel verbringen: Minecraft am VDVC Server hat der Spieler mit der meisten Spielzeit „4 Weeks, 2 Days, 1 Hour, 47 Seconds“ stehen -> 2354 Stunden Kann dass sein? Sicher.

    Persönlich habe ich eine Anno 2070 Endlosspielmap mit allein 100 Stunden Spielzeit (andere Maps oder die Story Maps nicht mitgezählt!) Es gibt Kollegen die haben >300 Stunden Spielzeit am BF Account stehen.

    Was hätte mit dieser Zeit sinnvoll angefangen werden können?
    Man hätte sich weiterbilden können und einen gesammten Studiengang belegen können.
    Man hätte eine Formel für Energie aus der Luft greifen entwickeln können.
    Man hätte den Welthunger bekämpfen können.

    Die meisten Spielegegner denken in den Fragen wie oben. Sie sehen die Zeit vor einen Computerspiel als nicht sinvoll verwendet an. Sind wir aber mal erlich die meisten würden die Zeit wenn sie nicht vor einen Computer sitzen mit Löcher in die Luft guggen verbringen.

    Für die Spielegegner ist es nunmal „Zeitverschwendung“ und da wird jede Stunde aufgebauscht.

    Happy Coding.

  7. Als ich Kind war (in den Achtzigern) gab es Eltern welche ihren Sprösslingen das Fernsehen nur minutengenau erlaubten. Da wurden Sendungen von 10 oder 15 Minuten berechnet. Die Gründe dafür lagen aber weniger in unerwünschten Inhalten als in bösen Strahlen welche aus dem Apparat kämen und den Kindern die Augen verderben würden.
    Mir wurde zwar bereits früh ein Fernseher ins Kinderzimmer gestellt, dennoch brauche ich heute noch keine Brille –

  8. @The_Real_Black
    Besagte Spielegegner verbringen die Zeit dafür damit sich neue krude Behauptungen auszudenken – wer verschwendet da seine Zeit?! ;)
    .
    Gibt so viele Titel mit seeeehr langer Spielzeit, auch jenseits von Onlinegaming. Nenne einfach mal (je Durchgang) Empire: Total War (160+ Std.), Anno / Oblivion / Skyrim (100+ Std.), Fallout 3 / NV (80+ Std.),…

  9. Jop, also in der Tat, 130 Stunden sind nicht so viel wie mancher denkt.
    Insbesondere ist der Zeitraum entscheidend, ich habe vom Guild Wars 2 Release bis jetzt schon gut über 130 Stunden gespielt trotz Vollzeitjob, und dieser Release war vor ca. einem Monat. Wenn ein Spieler also 130 Stunden gespielt hat in einem Monat dann sind das ein wenig mehr als 4 Stunden täglich im Schnitt. Wenn man wie ich wenig bis gar nicht vor dem Fernseher sitzt und gerne mal am Wochenende länger spielt während die bessere Hälfte arbeitet dann finde ich das ganz ok. An manchen Tagen kommt man heim um 18:00h und dann spielt man halt bis der Rest heimkommt, sind schon mal 2 Stunden. Danach hat man keine Lust fernzusehen und spielt während andere 2-3 Folgen von TV-Serien sehen auch nochmal, schon ist man bei vier Stunden. Am Wochenende spielt man ein bisschen mehr weil es eben ein Hobby ist das Spaß macht und endlich auch die RL-Freunde ein wenig gemeinsame Zeit haben, die man normalerweise immer verpasst.

    Wenn jemand 130 Stunden in 2 Monaten spielt dann würde ich das als normal bezeichnen, das ist kein Wenigspieler aber auch vermutlich keiner der Gaming als Hobby betreibt (obwohl letzteres auch durchaus sein kann, je nach Spiel und so, und wie viele andere Hobbies derjenige hat).

    130 Stunden in 3 Monaten ist für mich ein Wenigspieler, ein „casual gamer“. Vermutlich spielt er keine MMOs und keine Rollenspiele. Shooter oder Rennspiele eignen sich besser denke ich. Selbst meine bessere Hälfte spielt mehr, wenn man ihre Handygames mitrechnet wo sie irgendwelche Häuschen baut.

    Welchen Fehler die Leute immer machen ist der:
    WAAS der hat ja quasi X Tage im Monat Zeit verschwendet!??!!
    -> nein, hat er nicht. Wenn man rechnet wie viele Monate mein Bruder Modellbau gemacht hat, und wie viele Monate meine Oma gestrickt oder Frauenzeitschriften gelesen oder Karten gespielt hat dann ist das nichts worüber man sich aufregen muss. Wenn es das Haupthobby ist steckt kan halt Zeit rein. Und die ist nicht verschwendet. Siehe Lennons Zitat.

    Gruß
    Aginor

  10. Man kann sich echt künstlich aufregen. Also die News und die ganzen Kommentare für so eine Meldung. Klar ist die N24 Meldung tendenziös, aber so ein Radau? *kopfschüttel*

  11. @Mars, dafür ist eine Kommentarfunktion schließlich da. Sonst könnte die ja auch weggelassen werden.
    Ich sehe das hier nicht als Radau an, sonst als Richtigstellung aus den eigenen Gamingerfahrungen.

  12. @Mars
    Ich hatte in vorherigen Meldungen gezeigt, dass ähnliche Berichte falsch waren. Entweder war das „Killerspiel“ erfunden oder es war WoW. Ich hatte hier auch etwas anderes erwartet, dann aber wider meiner Erwartungen erfahren, dass die News richtig ist. Vor diesem Hintergrund wollte ich nicht davon zurückschrecken diesen Fall einer Recherche mit negtaiven (bzw. für die dpa positiven) Ausgang zu verschweigen, sondern im Gegenteil betonen, dass diese Meldung überraschenderweise richtig war. Das mit der Zeitspanne ist ein etwas unwichtiger Annex, den ich aber ebenfalls nicht verschweigen wollte.

  13. Hallo,

    wenn ich mal hochrechne, von 20:15 Uhr bis etwa 22 Uhr spiele ich. Früher war das der Abend vorm Fernseher….Also, ich habe nur das Medium gewechselt. Mitglied bei Steam seit sieben Jahren. Da kommt schon was an Stunden zusammen. TF2 über tausend Stunden.^^ Ob das wohl Nebenwirkungen hat?

  14. @Rey: joa, ich weiß. Aber du weißt wie sehr man hier teils in alles reinsteigert wo man andere fertig machen kann (wirkt echt so), dass du oft deeskalierst rechne ich dir hoch an. Ich persönlich finde die Rechnung halt irgendwie übertrieben.

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