Lesehinweis

(spielkultur.ea)

Dr. Murad Erdemir, „Ist das Kunst oder kann das weg?“ – Kunstvorbehalt und Altersfreigabe durch die USK, spielkultur.ea.de v. 14.11.2012.

Der Autor plädiert dafür bei als Kunst geltenden Videospielen eine Kennzeichnung mit „Keine Jugendfreigabe“/“ab 18“ auch dann vorzunehmen, wenn diese (bloß) zu indizieren wären.

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3 Gedanken zu “Lesehinweis

  1. Pingback: Neuer Kommentar zur Menschenwürde bei “Stigma Videospiele” | Der Almrausch. Verbesserererlich*

  2. Ich habe es bereits unter den Artikel gesetzt, aber der Vollständigkeit halber muss ich auch hier Folgendem vehement widersprechen:

    “Bereits aus dem staatlichen Gebot der Neutralität und Toleranz gegenüber der Kunst folgt eine ‘gewisse Unmöglichkeit’, so bereits das Bundesverfassungsgericht, ‘Kunst generell zu definieren’. Ein einheitlicher Konsens über objektive Maßstäbe würde dem eigentlichen Wesen der Kunst völlig widersprechen. Denn zu den typischen Eigenheiten des Lebensbereichs Kunst gehört, dass sie über das hinausweist, was sie zeigt (sog. offener Kunstbegriff). In der Konsequenz verbietet sich auch eine pauschale Zuweisung ganzer Werkstypen, sodass Computerspiele – ebenso wie Spielfilme – zwar nicht per se der Kunst zuzurechnen sind. Gleichermaßen unzulässig ist es aber, bestimmte Gattungen bzw. Genres von Computerspielen generell aus dem Kunstbegriff auszuklammern oder die Anerkennung als Kunst gar von einer Stil-, Niveau- oder „Geschmackskontrolle“ abhängig zu machen. Und dass selbst pornografische Medieninhalte Kunst sein können, daran hat die Rechtsprechung seit Josefine Mutzenbacher und Opus Pistorum keinen Zweifel gelassen.”

    – Einerseits ist gem. des auch zulässigen, sog. formalen, typologischen Kunstbegriffs des BVerfG das Wesentliche eines Kunstwerkes, “daß bei formaler, typologischer Betrachtung die Gattungsanforderungen eines bestimmten Werktyps erfüllt sind […].” Das Gericht exemplifiziert die “Tätigkeit und die Ergebnisse etwa des Malens, Bildhauens, Dichtens” [E 67, 213 (226f.)]. I.d.S. verbietet sich eine Kunstzuweisung ganzer Werkstypen nicht: Computerspiele sind nicht nur ein Konglomerat diverser klassischer Kunstformen/-gattung, wie der bildenden Kunst (Graphik), der Musik, der darstellenden Kunst etc., sondern müssen m.E. gar, wie auch die Oper (als Verbindung aller Künste) als intrinsische Kunstform/-gattung gelten!

    – Andererseits ist gem. dem sog. offenen Kunstbegriff des BVerfG das Wesentliche eines Kunstwerks, dass es kontinuierlich interpretierbar ist, “so daß sich eine praktisch unerschöpfliche, vielstufige Informationsvermittlung ergibt […].” [E 67, 213 (227)] Das ist aber (aus medienwissenschaftlicher Perspektive) im Lichte der Polymorphie und -semie der Medieninhalte/-texte, resp. der Multidechiffrierbarkeit derselben i.V.m. mit der Produktivität des Rezipienten* bzgl. Computerspielinhalten generell der Fall

    – Letztlich dürfte auch i.d.S. der sog. materielle Kunstbegriff des BVerfG keine Zweifel evozieren, dass Computerspiele per se Kunstwerke sind: “Das Wesentliche der künstlerischen Betätigung ist die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden. Alle künstlerische Tätigkeit ist ein Ineinander von bewussten und unbewussten Vorgängen, die rational nicht aufzulösen sind. Beim künstlerischen Schaffen wirken Intuition, Phantasie und Kunstverstand zusammen; es ist primär nicht Mitteilung, sondern Ausdruck und zwar unmittelbarster Ausdruck der individuellen Persönlichkeit des Künstlers.” [E 30, 173 (188f.)]

    Summa summarum sind Computerspiele eine (intrinsische) Kunstform/-gattung und die Differenzierung in künstlerisch gestaltete und nicht künstlerisch gestaltete Computerspiele nicht strapazierbar. Computerspiele werden gem. dem Motto in dubio pro arte i.d.R. und nicht nur im Einzelfall Kunst sein; nichtkünstlerische Computerspiele sind die Ausnahme (dgl. gilt natürlich z.B. auch für Spielfilme)… und de facto wüsste ich – trotz einer Spielerkarriere von über 2 ½ Jahrzehnten und einer privaten Spielesammlung von über 1000 Spielen, wie auch dem doppelten bis dreifachen gespielter Spiele – auch nicht, welches Computerspiel bereits aus juristischer Perspektive kein Kunstwerk sein sollte. Dgl. auch das diesbzgl. Resümee meiner Doktorarbeit.

    * Winter, Rainer (1995): Der produktive Zuschauer. Medienaneignung als kultureller und ästhetischer Prozeß. München.

  3. @Vicarocha
    “Das Wesentliche der künstlerischen Betätigung ist die freie schöpferische Gestaltung, in der Eindrücke, Erfahrungen, Erlebnisse des Künstlers durch das Medium einer bestimmten Formensprache zu unmittelbarer Anschauung gebracht werden. …“
    Sehr gut. Ich habe für die abschließenden Betrachtungen meiner Dissertation erst vor kurzem Richter Antonin Scalia nach dem SCOTUS letztes Jahr in den USA mit ganz ähnlichen Worten zitiert –

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