BIU fordert echten „Deutschen Computerspielpreis“

(looki) Der „Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware“ (BIU) fordert nicht weniger als das Konzept des „Deutschen Computerspielpreises“ aufzugeben. 2008 wurde der Preis vom Bundestag initiiert, um gegen „Killerspiele“ vorzugehen bzw. Videospiele, die „kulturell und pädagogisch wertvoll“ sind, zu prämieren. Anstatt auf weitere Verbote zu setzen, sollte die Enwicklung unbedenklicher Videospiele durch die Schaffung positiver Anreize gefördert werden.

Dorothee Bär (CSU) machte damals klar, dass der Preis geschaffen werde, „weil wir eine klare Linie zwischen den schwarzen Schafen der Branche […] und den anerkannten Spieleproduzenten ziehen wollen„. Auch Monika Griefahn (SPD) betonte, dass mit dem Preis „positive Beispiele, die nicht nur ungefährlich, sondern vor allem gut gemacht und kulturell sowie pädagogisch wertvoll sind„, gefördert werden sollen. Der Kultusstaatsminister Bernd Neumann wählte drastische Worte und bedauerte, dass man die unerwünschten Spiele „nie […] völlig ausmerzen können“ werde. Deshalb sei es umso wichtiger, „nicht nur über das Schlechte zu reden, sondern das Gute anzubieten„. Von daher schloss er auch kategorisch aus, dass ein Ego-Shooter ausgezeichnet werden könnte.

Dass ein Erwachsenenspiel nicht als „Bestes Deutsches Spiel“ ausgezeichnet wird, sollte bereits durch die Regularien verhindert werden. Nach diesen konnten gar keine Vorschläge für das „Beste Deutsche Spiel“ eingereicht werden, sondern das „Beste Deutsche Spiel“ konnte allein aus den in den Unterkategorien eingereichten Vorschlägen, wie die des besten Kinder- oder Jugendspiels, ausgewählt werden.

Anfangs bestand dabei die Gefahr, dass in der Kategorie „Bestes internationales Spiel“ auch Shooter prämiert werden könnten, obwohl auch hier galt, dass das Spiel „pädagogisch wertvoll“ sein müsse. Bei der 2. Verleihung (2010) stellte sich die Problematik erstmals in der Praxis, da man sich gegen die Auszeichnung von „Uncharted 2“ bzw. „Grand Theft Auto IV“ drücken wollte. Als Lösung wurde schlicht das als „Beste Deutsche Spiel“ gewählte „Anno 1404“ unter dem Exportnamen „Dawn of Discovery“ auch als „Bestes internationales Spiel“ ausgezeichnet. Um nicht noch mal in eine solche Situation zu kommen, wurde ab 2011 die Kategorie „Bestes internationales Spiel“ gestrichen bzw. an den LARA-Award abgegeben. Hier konnte dann auch bedenkenlos „Assassin’s Creed: Brotherhood“ gewinnen.

Obwohl damit alles getan wurde, um sicherzustellen, dass keine gewaltdarstellenden Videospiele ausgezeichnet werden können, zeichnete die Jury 2012 „Crysis 2“ aus. Inwieweit sich das mit den Regularien vereinbaren lässt, kann nicht genau nachvollzogen werden, da die dahingehenden Informationen von der Webseite entfernt wurden. Nichtsdestotrotz erscheint es als fragwürdig, „Crysis 2“ als „pädagogisch wertvoll“ bewerten zu können, so dass die Auszeichnung des Titels Proteste bei der Politik hervorrief. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion distanzierte sich bereits von der Nominierung und dachte über eine „Neubesetzung der Jury“ nach.

Nach der diesjährigen Preiverleihung, die vorallem unauffällig verlief, zeigt sich der BIU mit dem Preis nicht zufrieden. Schon 2011 kritisierte der BIU, dass der Preis „einen absolut umfassenden Anspruch, auch für Erwachsenen-Spiel“ erhebe und demnach auch die Auszeichnung von Erwachsenenspielen ermöglichen müsse. Damals kündigte der BIU an sich dafür einzusetzen, dass auch „16er und 18er Titel aus Deutschland nominiert und ausgezeichnet werden können„. Bei der zweiten Bundestags-LAN hat der BIU nun bekräftigt, dass der Preis noch immer nicht seinen Vorstellungen entspreche:

Ich möchte den Bundestag dazu aufrufen, sich bei den Kriterien des Deutschen Computerspielpreises dahin zu bewegen, wo auch andere Kulturgüter sind. Momentan gibt es ein sehr enges, maximal restriktives Korsett an Kriterien, die darüber entscheiden, ob ein Spiel beim Deutschen Computerspielpreis gewinnen kann. Das ist ein so enges Korsett, wie ich es von keinem anderen Preis her kenne. Dieses Korsett ist geboren aus einer gewissen Angst gegenüber diesem Medium, die man mittlerweile überhaupt nicht mehr braucht und ich würde mich sehr freuen, wenn wir in der nächsten Legislaturperiode an die Kriterien des Deutschen Computerspielpreises herangehen können.“

Da die Ausgrenzung gewaltdarstellender Spiele kein unbeabsichtigter Nebeneffekt, sondern Intention des Bundestags war, erscheint als ambitioniert zu erwarten, dass sich der Bundestag dazu entscheidet, offiziell von der „Ächtung“ gewaltdarstellender Videospiele abzusehen und stattdessen eine „Adelung“ durch den Preis in Betracht zu ziehen.

Zur Meldung

7 Gedanken zu “BIU fordert echten „Deutschen Computerspielpreis“

  1. Das aus meiner Sicht besonders perfide Konzept nennt sich in der Medienwissenschaft etwa auch „Positivprädikatisierung“ und hat etwa hier in Österreich zur Gründung der BUPP als Gegenmodell zur BPjM in Deutschland geführt. Alles zusammen aber halt mit dem Ziel aus dem Markt einseitig zu selektieren und diesen damit sozusagen zumindest indirekt auch (kulturell) zu regulieren, wobei vor allem der pädagogische Blick aussperrt. Man stelle sich vor in Cannes würden gegenwärtig erstmal sozusagen „Jugendverträglichkeitsprüfungen“ eingeholt werden, bevor etwas für die Palme überhaupt in Frage käme, denn afaik darf ja auch kein Spiel nominiert werden das nicht zumindest schon seinen Erwachsenensegen durch die OLJB erhalten halt – falls ich mich da mittlerweile irre bitte ich um Korrektur.
    Also ich würde dazu tendieren den Preis in seiner jetzigen Form voll unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten: ich frage mich nur wie die Stellungnahme von Martin Lorber nun nach dieser BIU-Äußerung zu sehen ist, wozu es im hiesigen Forum ja eine kleine Debatte gab. Siehe auf dessen Blog hier: http://spielkultur.ea.de/kategorien/gesellschaft/deutscher-computerspielpreis-2013-und-der-gewinner-ist…das-medium-computerspiel
    Dort kann man den Lobbyisten aktuell übrigens im Bundestag beobachten, mit Frau Bär an „SimCity“, oder auch mit Herrn Jarzombek.

  2. Bei Lorbers Kommentar stört mich am meisten, dass er Kritikern die „Prämisse“ unterstellt, „dass das Medium Computerspiel und der Preis nur ernst genommen werden kann, wenn ein nominierter gewalthaltiger Ego-Shooter gewinnt“. Das hinterlässt bei mir den Eindruck, dass es bisher schwer fällt, auch fundierte Kritik ernst zu nehmen.

    Man stelle sich ähnliches beim Filmpreis vor vor: Da wird kritisiert, dass ein „WALL·E 2“ den Preis gewinnt statt einem „Apocalipse Now“, und dieser Kritik wird nun eine „Schere im Kopf“ unterstellt, dass man nur noch Actionfilme ausgezeichnet sehen wolle. Dass man sich traue Actionfilme auszuzeichnen, habe ja die Auszeichnung von „Stirb langsam“ gezeigt. (Im gleichen Jahr war übrigens auch „WALL·E” nominiert, hat die Auszeichnung aber nicht bekommen.)

  3. Vorsicht Sarkasmus:
    Bin dafür, dass der Preis beibehalten wird wie er ist. Immerhin haben die Damen und Herren (Volks)Vertreter nur das Wohl der armen Kinder im Sinn, die am Besten bis zur Volljährigkeit kein mediales Blut sehen sollten. Es könnte sie verwirren, dass das Zeug so aussieht, wie das aus ihrem Finger kommt, wenn sie sich schneiden.
    .
    Einzige Änderung, die ich einfügen würde, wäre eine Anpassung des Namens. Statt „Deutscher Computerspielpreis“ sollte es künftig einfach heißen:
    „Deutscher Computerspielpreis powered by Bundestag, denn wir wissen, was ein qualitativ hochwertiges Spiel ausmacht und auch wenn wir noch nie über Level 1 bei Tetris hinaus gekommen sind, halten wir uns doch für die einzig legitime, weil kompetente und nach Parteiideologie entscheidende Instanz für die Vergabe.“
    .
    Zugegen nicht ganz so griffig, daher würde ich alternativ auch die Abkürzung akzeptieren: DCPBBDWWWEQHSAUAWWNNÜL1BTHGSHWUDFDELWKUNPEIFDV

  4. Da würde man es am liebsten sehen, wenn die Computerspielbranche in Deutschland mit anderen Verbänden einen eigenen Preis sponsert und diesen einfach immer am selben Tag wie dem des „Deutschen Computerspielpreises“ verleiht.

  5. @Tig3r
    Es gibt ja den „Deutschen Entwicklerpreis“. Das Interesse der „Industrie“ an den „Deutschen Computerspielpreis“ kann ja eigentlich nur darauf zurückgeführt werden, dass man hier eine Chance sieht politische Anerkennung für die Branche zu gewinnen.

  6. @ patrick s: das hat mich auch damals gestört mit welcher begründung uncharted 2 den preis verdient hätte. Klar, den gegnern ging es ja in wieklichkeit darum, spiele ab 16 oder 18 pribzipiell auszuschließen, aber die befürwörter würden lieber das 10. Assassins creed als ein anno auszeichnen. Diw glauben, das medium kann nur ernst genommen werden, wenn dort summwn wie in hollywood reingesteckt werden.

  7. @Tig3r
    Das ist 2011 mit dem LARA-Award praktisch schon geschehen http://www.lara-award.de Da man sich bei der internationalen Kategorie für den „Deutschen Computerspielpreis“ nun noch am allerwenigsten einigen konnte und etwa 2010 „Anno 1404“ als Verlegenheitslösung gleich doppelt ausgezeichnet hat. 2011 kam es dann zum Intermezzo mit „A New Beginning“ als bestem deutschem UND Jugendspiel, bevor es 2012 zur Trotzreaktion mit Crytek (und wohl vor allem auch dem Aushängeschild der Cry-Engine) gekommen ist. 2011 hat der Preis wohl deshalb schonmal am allerwenigsten Aufmerksamkeit erregt…
    @Rey
    Das was der BIU da sagt erinnert mich an die Breitseiten mancher EA-Manager gegen die Situation mit USK, BPjM und dem Strafrecht. Die sind nunmal nicht sonderlich ernst zu nehmen: das Verhältnis der Industrie zu Politik ist, noch dazu über entsprechende Wissenschaft, ganz einfach von Arrangements gekennzeichnet. Ansonsten hätte man das „beste internationale Spiel“ nicht ausgelagert, sondern weit eher Widerspruch zu Interpretationen wie vom KJM-Chef gegen „Dragon Age“ damals angemeldet. Die Lobby hat zwar die Installation dieses Preises erreicht, die Bundestags-LANs etc., aber ihre Stellung ist damit von Rechtfertigungen, Verschweigungen und Beschönigungen geprägt. Sie redeten schon vor Jahren jetzt davon, dass Videospiele in der „Mitte“ einer Gesellschaft angekommen wären, aber sie sagen nicht dazu was sie damit eigentlich meinen. Welche Videospiele (als Übung etc.), was für akzeptable Inhalte allein, usw. Welche Anpassungen zumindest indirekt so alles gefordert werden, was für TäterInnenrollen etwa schon die Presse vielfach nicht (mehr) haben will, welche Darstellungen (etwa von Männern und Frauen) nicht mehr sehen.
    Und wenn ich mir diverse Stellungnahmen aus der „Indie“-Szene, von Warren Spector etc. so anhöre ist das „Stigma Videospiele“ international womöglich sogar noch schlimmer geworden als vor ein paar Jahren, wo es diverse Reife- und Überlegenheitsdünkel wenigstens aus der Branche selbst – unter dem Deckmantel von „Selbstkritik“ – noch deutlich weniger gab.
    Auch diese Veranstaltung wird in erster Linie dazu genutzt in die Kameras zu lächeln: früher kam wenigstens noch die Frage auf wer diese „LAN“ überhaupt besucht hat, und wer, welche – in dem Fall vielleicht nur mehr wirklich schweigende – Mehrheit immer noch nicht. Wahrscheinlich wird es diesmal zwar keine politische Protestnote von irgendwem dagegen geben, aber auch da die Frage: wieso das nicht (mehr)? Oder anders ausgedrückt: was sollen jemandem schon die biographischen Anekdoten des Wirtschaftsministers zur Heimcomputer-Ära interessieren der oder die gegenwärtig unter Einschränkungen wie Selbstzensur (durch Seiten dieser Industrie in Deutschland), unmöglich gemachten Aktivierungen im umliegenden Ausland legal erworbener Spiele, oder anderen (persönlichen) Ausgrenzungen im Land leidet?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *