achievement unlocked: Neologism

Der Begriff „Killerspiel“ mit seiner – offensichtlich – negativen Konnotation begleitet die Debatte über virtuelle Gewaltdarstellungen mittlerweile schon seit 20 Jahren. Erstmals dokumentiert wurde das Wort 1993 vom Spiegel im Zusammenhang mit Videospielen verwendet, während man es zuvor allein für Geländespiele wie Paintball gebraucht hatte. Mittlerweile hat sich heimlich, still und leise aber auch die dem Terminus „Ego-Shooter“ zugeschriebene Bedeutung verändert.

Ursprünglich ist „Ego-Shooter“ eine in Deutschland geläufige Genrebezeichnung für Videospiele gewesen, bei denen der Spieler den Protagonisten aus der „Ich“-Kameraperspektive durch ein überwiegend kampfbetontes Szenario lenkt. Diese hat sich sowohl in der Spielergemeinde als auch bei Behörden als Terminus eingebürgert. So findet sich bei Spielefachmagazinen wie selbstverständlich die Katgeorie „Ego-Shooter“ und auch in der offiziellen Prüfdatenbank der USK finden sich die „Ego-Shooter“ wieder.

Dabei war die Bezeichnung „Ego-Shooter“ vielen Gamern schon seit jeher ein Graus, da es sich bei ihr um einen sogenannten Scheinanglizismus handelt. Das heißt, dass er wie eine englische Bezeichnung klingt, ohne es tatsächlich zu sein, wie es auch bei den Worten „Handy“, „Oldtimer“ und „Beamer“ – drüben heißt es „mobil-“ bzw. „cell phone“, „vintage car“ und „projector“ – der Fall ist. Das, was hierzulande als „Ego-Shooter“ bezeichnet wird, heißt „richtig“ bzw. im Original „First Person Shooter“ oder kurz „FPS“.

Der Bedeutungswandel von „Ego-Shooter“ setzte dabei ausgerechnet deswegen ein, weil Journalisten sich um eine (scheinbar) sachlichere Berichterstattung bemühten. Anstatt auf das doch recht populistische „Killerspiel“ griff man in dem Glauben auf „Ego-Shooter“ zurück, dass es sich hierbei schlicht um ein Synonym handeln würde. Dies hatte zur Folge, dass – wie beispielsweise von dem Politmagazin „Panorama“ – schlicht alle gewaltdarstellenden Videospiele ohne Rücksicht darauf, ob sie den nun ein „Third Person Shooter“, „Beat’em up“ oder sonst etwas sind, pauschal als „Ego-Shooter“ geführt wurden. Ein Schicksal, vor dem man übrigens auch mit dem Begriff „First Person Shooter“ nicht gefeit ist.

Ein weiterer Bedeutungswandel geht wahrscheinlich auf die vermeintliche „1:1“-Übersetzung zurück: Es wird gemeinhin einfach angenommen, dass mit „Ego-Shooter“ nicht die Kameraposition, sondern der dem Spiel unterstellte Zweck gemeint ist. Die Titel würden dazu dienen das Selbstwertgefühl des jeweiligen Spielers, sein „Ego“, durch Schießen, aufzuwerten. Damit wird Spiel wie Spielern schließlich eine besonders rücksichtslose Gesinnung bzw. Egoismus unterstellt.

Wann diese Bedeutung begonnen hat sich ihren Weg zu bahnen kann nur schwer ermittelt werden. Besonders prägnant dürfte aber 2007 das Symposium für Medienethik in Stuttgart gewesen sein. Regine Pfeiffer, Pädagogin und Schwester des Kriminologen Christian Pfeiffer, sprach den GameStar-Redakteur Gunnar Lott auf die inhaltliche Richtigkeit einer Aussage an, mit der er im Spiegel zitiert worden war. Anstatt sich jedoch auf eine Diskussion einzulassen sagte er schlicht, dass er auf diesem Niveau nicht diskutieren werde. Schockiert über diesen Umgangston stieß Frau Pfeiffer ein „Sie, Sie, Sie sind ja ein richtiger Ego-Shooter!“ hervor.

Eine interessante Nuance: Der Begriff wird personifiziert. „Ego-Shooter“ ist hier nicht mehr (nur) das Spiel, sondern (auch) der Spieler wird mit dem Verdikt des „Ego-Shooters“ belegt. Weitere Beispiele, bei denen dem Begriff „Ego-Shooter“ ebenfalls diese Bedeutung zugewiesen wird, sind dabei jedoch schwer zu fassen, da es teilweise mehrere Interpretationsmöglichkeiten gibt. So liegt es beispielsweise bei dieser Zeile:

Dann schlüpft er in die Helden-Rolle von Ego-Shootern und taucht ein in die Welt des Krieges.

Ob hier mit der „Helden-Rolle von Ego-Shootern“ die von dem im jeweiligen Titel im Rahmen der Story angebotene Heldenrolle oder die einer Spielfigur – die des „Ego-Shooters“ – gemeint ist, wird allein der Autor wissen.

In manchen Fällen ist es dagegen klarer:

Man nennt die Gattung Ego-Shooter: Ich-Findung mit Hilfe von Gewaltfantasien im virtuellen Raum.

Hier können im Grunde keine Zweifel daran bestehen, dass mit der „Ich-Findung“ eine Interpretation von „Ego-Shootern“ vorliegt, die nicht im Sinne des Erfinders ist.

Oftmals verbietet sich eine Bewertung, da sich der eigentliche Sinngehalt nicht ermitteln lässt. So lässt sich beispielsweise kaum feststellen, ob derjenige, der den Begriff „Ego-Shooting“ verwendet, das Schießen zur Steigerung des Egos oder das Spielen eines Ego-Shooters meint. Dabei muss es auch gar nicht zwingend um Videospiele gehen. Schließlich wird der Begriff „Ego-Shooting“ teilweise für ein Foto-Shooting verwendet, dessen Zweck tatsächlich die Steigerung des Selbstbewusstseins ist (Jedoch nicht das des Shooters, sondern das des Geshooteten.). Selbst ein besserer Fotoautomat, bzw. das Fotoschießen per Selbstauslöser, wird schon als „Ego-Shooting“ bezeichnet.

Die neuste Herausforderung bietet ein Artikel bei Spiegel Online über das soziale Engagement Jugendlicher nach einem Erdbeben. Unvermittelt und wie selbstverständlich taucht der Begriff Ego-Shooter auf, der – wenn auch eindeutig negativ besetzt – nicht im Zusammenhang mit Videospielen genannt wird:

Mitmischen, anpacken, gestalten: Ein Erdbeben hat in Neuseeland eine Jugendbewegung in Gang gesetzt und einen neuen Gemeinsinn entfacht. Wir-Gefühl statt Ego-Shooter.“

Recherchen über den Hintergrund verlaufen im Sande und wegen des Umstands, dass als Autorin auch eine offenbar englischsprachige Journalisten genannt wird, muss das nächste Level als erreicht gelten: Die Ermittlungen der möglicherweise im englischen Sprachraum dem Begriff „Ego-Shooter“ zugedachten Bedeutung. Hier bietet es sich als letzten Ausweg an den Telefonjoker zu nehmen und schlicht bei Oliver Trenkamp, dem Redakteur, nachzufragen. Stumpf ist Trumpf. Dankenswerter Weise hat er umgehend geantwortet und Licht ins Dunkle gebracht:

Danke für Ihre Mail und Ihr Interesse. In diesem Text-Vorspann war „Ego-Shooter“ tatsächlich als Wortspiel für ichbezogene Jugendlich gemeint, wobei mir durchaus klar ist, dass es eigentlich als Bezeichnung für ein Spiel-Genre verwendet wird.

Ob nun – wie in hier – bewusst oder unbewusst im „falschen“ Kontext gebraucht: Wenn über „Ego-Shooter“ gesprochen wird, kann mittlerweile nicht mehr davon ausgegangen werden, dass das Spielgenre oder ein konkreter Titel gemeint ist. Möglich ist auch, dass schlicht eine Person oder ein Verhalten in ein schlechtes Licht gerückt werden soll. Diese Entwicklung wird nicht jeder begrüßen und darüber, wie man hierauf reagieren soll – z.B. pedantisch auf die korrektere Bezeichnung als „First Person Shooter“ zu bestehen – herrscht auch keine Einigkeit. Gewissheit besteht allein darüber, dass der Terminus „Ego-Shooter“ ein neues Level erreicht hat. Dafür Glückwünsche von uns.

7 Gedanken zu “achievement unlocked: Neologism

  1. Danke fuer diesen ausfuehrlichen Beitrag! Mir ist die Wandlung der Bedeutung des Begriffs Ego-Shooter auch erst so richtig ins Auge gefallen, als er in dem Spiegel Online Artikel so eindeutig „falsch“ verwendet wurde.
    Ausserdem wollte ich mal schreiben, dass ich deine Arbeit sehr gut und wichtig finde, gerade weil ich die Beitraege sonst nur in meinem Feedreader verfolge :D

  2. Die Definition für „Ego-Shooter“ ist doch denkbar einfach:
    „Was es genau ist weiß man nicht. Aber es muss verdammt böses sein!“

    Deutsche Sprache. Schwere Sprache.

  3. die Steigerungsform ist der neoliberale Ego-Shooter.
    Das sind dann schon vier schmutzige Wörter auf einmal (neo, liberal, Ego und Shooter). ;-)

    Der neoliberale Ego-Shooter leidet an einem übersteigerten Individualismus, etwas das von Journalisten die solche Begriffe verwenden gerne kritisiert wird.
    Diese Journalisten leiden natürlich selber nicht unter einem übersteigerten Individualismus, sonder sind gerne Teil der Masse, des Mobs. Schließlich entscheidet das Wir.
    Wer gibt seinen Individualismus – und damit sein individuelles Gewissen, seine Freiheit und seine Verantwortung nicht gerne an ein Kollektiv ab.

  4. Tatsächlich kann auch aus meiner Sicht nur ein ideologischer Kollektivismus einen solchen Neologismus gebären: eine Ideologie welche Wehrlosigkeit propagiert und sich (gerade damit) gegen Eigenverantwortung stellt, die Inhalten mit nichts anderem als Voreingenommenheit sowie überaus einseitigen Interpretationen begegnet, und die neben einer moralischen Überlegenheit der eigenen Gruppe nichts anderes mehr gelten lässt. Allem das von außen dieser Gruppe (zumindest scheinbar) widerstrebig entgegenläuft, wie etwa die Ego-Shooter-Videospiele. Wo „denken“ oder (wie ich unlängst in einer Rezension las) „lesen“ (sic) etwa zwei mit „schießen“ nicht oder nur wenig vereinbare Tätigkeiten wären, das heißt wo zum Beispiel so getan wird als ob nicht jedem Schuss auch ein Gedanke vorausgehen würde: schießen würden dabei nur jene die des Denken jedenfalls nicht ausreichend (vorher) mächtig (gewesen) wären – was dem eigenen Chauvinismus zufolge wiederum schade sein würde. Große DenkerInnen hätten damit jedenfalls nicht „geschossen“, wodurch die Vorstellung einer eigenen Friedfertigkeit belegt werden soll. Und erwünscht ist so nur jenes Andere das den eigenen Vorstellungen (zumindest vorgeblich) entspricht, also im Grunde genommen und eigentlich gar nichts anderes. Wo Unterdrückung eine vielleicht höchstens geleugnete Selbstverständlichkeit (wieder geworden) ist. Dass ein solches Denken letztlich vor allem Lippenbekenntnisse und schöne Fassaden befördert, welche im Endeffekt dann sowieso nichts wert sind, das heißt nicht einmal für die eigenen „Werte“ und Normen, und eine allgemeine Unehrlichkeit sowie ethische Hypokrisie in ein öffentliches Zentrum stellt, versteht sich dabei von selbst glaub ich –
    Problematischer als aus Deutschland kommend ist das für den Rest Europas momentan aber glaub ich bei der Politik welche David Cameron in Großbritannien fährt: etwa wenn ich beobachte wie dort gerade ein Begriff wie „Anstand“ verwendet wird. Zumal dann wenn ich mir das Bild ansehe welches der nächste junge, kräftige, gesunde Monarch in der Thronfolge abgibt – da kann mir schon schwummrig werden und das kann ich bereits bedrohlich für meine Vorstellung von „Freiheit“ und (Über-)Lebenschancen finden. Auch wir hier in Österreich haben Probleme damit, wenn ich da an manche äußerst zweifelhaften Äußerungen unseres sozialdemokratischen Bundespräsidenten denke, aber bei George Orwell war unanständig zu sein noch etwa das Sinnbild eines jeden Widerstandes in dessen Dystopie aus „1984“: hier, in diesem Europa des 21. Jahrhundert, wird das langsam aber sicher (wieder) komplett umgekehrt…

  5. @pyri
    Camerons Pornofilter für den Anstand findet auch schon Nachahmer in Deutschland. Norbert Geis von der CSU fordert sowas für Deutschland, um die Deutsche Jugend zu schützen.
    Wie jeder guter Jugendschützer zeichnet er sich durch besonderes Einfühlungsvermögen gegenüber Jugendlichen aus – das braucht er auch, schließlich ist er über siebzig.

    Ebenfalls erschreckend ist das, was der deutsche Kinderschutzbund herausgefunden hat.
    Jeder zwölfjährige der unbeaufsichtigt am PC sitzt kann sich mit der Kreditkarte der Eltern Zigaretten und Alkohol im Internet bestellen. Er muß dann nur noch den Paketboten der zwei bis drei Tage später klingelt davon abhalten das Paket den Eltern zu überreichen und ihm davon überzeugen es einem Minderjährigen auszuhändigen.
    Deswegen fordert der Deutsche Kinderschutzbund ebenfalls Netzsperren.

    Sollte die CSU und der Deutsche Kinderschutzbund jemals mitbekommen das Kinder am leichtesten an Pornos, Alkohol und Zigaretten kommen indem sie die Bestände ihrer Eltern abschöpfen (Muttis 50 Shades of Gray und Papis Restalkohol vom letzten Geburtstag) dann kommt wohl das komplette Verbot.

    Ein schönes deutsche Internet hätte auch andere Vorteile.
    Niemand müsste sich mehr Sorgen machen das die NSA alle Verbindungsdaten für eine Rasterverhandung verwendet, das macht dann der BND.
    Und bei Bedarf kann man auch den Zugang zu Ausländischen Medien sperren. Welcher Deutsche braucht schon Zugriff auf die Webseiten von New York Times, Weltwoche, Guardian oder Standard ?
    Wenn es erstmal heißt „Kein Panik Bürger, Alles ist unter Kontrolle“ dann können wir unsere Kinder wieder unbeaufsichtigt im Internet surfen lassen.

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