imv: Desinformation oder meinungsstark? (Update)

(imv) Die Medienpädagogin Dr. Sabine Schiffer – Leiterin des Instituts für Medienverantwortung – profiliert sich seit Jahren als Kritikerin von „Killerspielen“, wobei sie ab und an auch in den Medien als Expertin zu Wort kommt. So kritisierte sie in den Nürnberger Nachrichten die von der Bundeszentrale für politische Bildung angebotene Elternlan sowie die angebliche Inszenierung eines Wissenschaftsstreits und äußert in den Erlanger Nachrichten Verschwörungstheorien.

Dieses Jahr hat sie das Buch „Bildung und Medien: Was Eltern und Pädagogen wissen müssen“ veröffentlicht und einen begleitenden Blog eingerichtet um aktuelle Entwicklungen zu kommentieren. Dabei ist ihr selbstverständlich auch die „GamesCom 2013“ ein Dorn im Auge. In einem Beitrag kritisiert sie die Veranstaltung und gibt Ratschläge:

    „Kann bei Konsolen- oder Computerspielen mit einem kurzen Blick auf die Alterskennzeichen auf der Packung zumindest eine grobe Einordnung vorgenommen werden (von der allerdings immer noch einige Jahre abgezogen werden sollten – die Grenzen werden von den Herstellern selbst vergeben und sind entsprechend mit Vorsicht zu betrachten), gibt es das für die Onlinespiele nicht.“

Die Aussage, dass „die Grenzen […] von den Herstellern selbst vergeben“ würden, verdient etwas Aufmerksamkeit. Es ist bekannt, dass Spielegegner gerne das bei Videospielen bestehende Prüfverfahren wegen der Involvierung der Industrie kritisieren – Haderthauer: Man mache dem „Bock zum Gärtner“).

Doch die Anzahl dieser Vorwürfe macht sie nicht richtiger. Die Altersfreigaben werden nicht von den Herstellern, sondern vom Ständigen Vertreter der Obersten Landesjugendbehörden in Form eines staatlichen Verwaltungsaktes vergeben. Auch das Prüfgremium ist nicht durch Hersteller, sondern mit unabhängigen Pädagogen, Mitarbeitern von Jugendämtern, Journalisten und Medienwissenschaftlern besetzt. Allein die „Sichter“, welche die Prüfung durch das Gremium vorbereiten, werden von der durch die Wirtschaft getragenen „Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle“ (USK) gestellt. Das ist alles auch kein Geheimnis, sondern kann auf der Seite der usk nachgelesen werden.

Sicherlich ist die Bezeichnung „USK-Prüfsiegel“ sowie der Umstand, dass die Prüfung „erst“ seit 10 Jahren eine staatliche ist, etwas verwirrend – doch als Leiterin des „Instituts für Medienverantwortung“, Expertin, Medienpädagogin und Betreiberin eines Blog mit dem Namen „GenerationMedien“ konnte man das wissen. Möglicherweise weiß Frau Dr. Schiffer auch darum, dass die Kennzeichnungen das Ergebnis einer staatlichen Prüfung sind, und sieht in ihrer Darstellung, „die Grenzen werden von den Herstellern selbst vergeben“, nichtsdestotrotz eine zulässige – pointierte – Verkürzung der Tatsachen: Sie könnte in der Beteiligung der – natürlich nicht stimmberechtigten – Sichter eine derart starke Einflussnahme sehen, dass sie allein deshalb das Verfahren als Selbstbedienungsladen der Industrie betrachtet. Sicherlich ist dies eine zulässige Meinungsäußerung, doch nach derselben Logik könnte behauptet werden, dass sich Fahrschüler ihre Fahrerlaubnis selbst verleihen würden, weil der Fahrlehrer von ihnen bezahlt wird.

Schließlich hat sich – wahrscheinlich unbeabsichtigt – bei einer weiteren Behauptung ein Formulierungsfehler eingeschlichen, wodurch diese ironischerweise richtig wird. Frau Dr. Schiffer rät dazu, dass von den „Alterskennzeichen auf der Packung […] immer noch einige Jahre abgezogen werden sollten – die Grenzen werden von den Herstellern selbst vergeben und sind entsprechend mit Vorsicht zu betrachten […]“. Unterstellt wird offenbar, dass die Hersteller sich selbst „falsch“ kennzeichnen würden. Eine „zu hohe“ Kennzeichnung wäre für Frau Dr. Schiffer aller Voraussicht nach unbedenklich, da es unschädlich wäre, wenn ein 18-Jähriger ein „ab 18“ freigegebenes Spiel nutzt, das eigentlich „ab 16“ hätte freigegeben werden müssen. Anders herum wird ein Schuh daraus: Sie wird vermuten, dass die Kennzeichen tendenziell zu niedrig ausfallen, in dem beispielsweise Spiele „ab 16“ freigegeben werden, die tatsächlich erst „ab 18“ freizugeben wären. Wenn dies der Fall ist, müsste von der erteilten Kennzeichnung jedoch nicht etwas abgezogen, sondern etwas hinzuaddiert werden. Interessanterweise werden Eltern in der Regel tatsächlich etwas abziehen dürfen. Denn bei der Beurteilung der Wirkung von Medien wird nicht etwa auf ein durchschnittlich entwickeltes Kind, sondern auf das „Worst case“-Szenario abgestellt:

    „Als Maßstab für die Beurteilung wird dabei ein Rezipientenbild zugrunde gelegt, das sich nicht an sogenannten „normal sozialisierten“ Kindern und Jugendlichen […] orientiert, sondern vielmehr an Risikogruppen wie Heranwachsende aus sozial benachteiligten Lebenskontexten und mit geringerer Medienkompetenz.“ (VG München, Urt. v. 17.06.2009 – M 17 K 05.599, openJur 2009, 943.)

Wir haben uns zum ersten Punkt an das imv gewendet und um Aufklärung darüber geboten, ob es sich bei der Darstellung um einen Fehler handelt, oder ob sie beabsichtigt ist. Leider haben wir bisher keine Antwort erhalten und auch eine Korrektur ist zwischenzeitlich noch nicht erfolgt.

Update

Auch wenn wir immer noch keine Nachricht vom imv erhalten haben, hat es doch reagiert. Während immer noch die Hersteller für die Vergabe der Kennzeichen verantwortlich gemacht wurden, hat man die richtige Aussage durch eine falsche ersetzt: Anstatt zu empfehlen, dass auf die Alterfreigaben „noch einige Jahre abgezogen werden sollten“, sollen nun „noch einige Jahre addiert werden“.

    Zum Blogeintrag
    (Dank an hecterspecter.)

5 Gedanken zu “imv: Desinformation oder meinungsstark? (Update)

  1. Keine Überraschung!
    Der bayrische „Psychatrie und Pädagogensektor“ ist ein ganz besonders ekeliger, das dürfte seit dem Fall Molath in zwischen auch Deutschland-weit bekannt sein.

    Der Standort Erlangen fällt in der Hinsicht nicht nur mit komischen Vorstellungen in Sachen „Medienpädagogik“ auf, dort arbeitet man auch heute noch aktiv daran das Märchen der „Reefer’s Madness“ ins 21. Jahrhundert zu bringen, in moderner Form der „Kiffer Psychose“.

    Es bleibt halt immer die Frage: Ist das böse Absicht oder einfach nur simple Inkompetenz?

  2. Ok, „Reefer’s Madness“ kenne ich nur aus „L.A. Noire“. Und das spielt in den Vierzigern – ich würde sagen: eine Mischung aus beidem. Das Gesundheitsdispositiv hat Pathologisierungen schließlich auch zu einem guten Geschäft gemacht, selbst wenn sich da nebenbei für gewöhnlich noch höchst antikommerziell gegeben wird. Aber irgendwie wird sich diese „Medienverantwortung“ ja auch finanzieren lassen müssen, wobei ich in dem Fall weit eher von „Medienverantwortungslosigkeit“ sprechen würde…

  3. Aczh, die Schiffer. Manche Menschen müssen erst ein 1-Frau Institut gründen, damit zumindest die Hoffnung besteht, dass zumindest manch ein ungebildeter Mensch sie ernst nehmen könnte.

    Interessanter finde ich da mediengewalt.eu …
    Da werden Kinder nach Videospielen befragt und dann wird da einfach so geschlussfolgert:
    Zitat:
    dass es im Durchschnitt pro Klasse zwei Schüler gibt, die als spielabhängig bezeichnet werden können, weil sie täglich mehr als vier Stunden zocken
    Zitat ende.

    Vermutlich ist jeder, der über4h täglich irgendeiner Tätigkeit nachgeht … süchtig.

    Auch die Kritik dass viele Kinder mit derartigen Spielen ihre Freizeit verbringen kann ich nicht so ganz teilen. Denn: Wenn die Eltern das erlauben, dann geht das keinen Fanatiker bei mediengewalt.eu etwas an. Evt. haben die Kiddies das auch nur behauptet, weil sie cool sein wollten und dann natürlich ankreuzen, dass sie extrem harte Jungs sind.

    Ich bin auch dem link „komplette Studie“ gefolgt und muss sagen: Zu den Behauptungen am Ende finden sich in der kompletten Studie keinerlei Daten. Es sind einfach mal die Behauptungen eines primär alten Mannes, der kundtut, dass früher ja eh alles besser gewesen wäre.

    Ob oder warum Kinder sich für Anschlägen am anderen Ende der Welt interessieren fragt er weiter oben nirgends. Seine Schlussfolgerung, dass läge an Videospielen ist im übrigen absoluter Quark, der dümmer und entlarvender nicht sein könnte:
    Mich kratzt der Anschlag sowieso weit weit weg auch nicht. Warum? Weil diese Meldungen täglich durch die Medien kommen. Täglich steht irgendwo ein Reporter vor einem ausgebrannten Bus oder vor einer zerstörten Polizeistation… das alles hat bestimmt nichts mit Videospielen zu tun. Zumal ich Kriegsshooter seit Jahren mehr und mehr langweilig finde und somit auch meide.

    Da biegt sich ein alter Kauz die Welt so, wie es ihm gefällt. Und so jemand hat einen akademischen Abschluss selbst(?) erarbeitet. Schlimmer könnte man unser mangelhaftes Bildungswesen nicht entlarven. Pisa-Tests können da noch so negativ ausfallen, die „Studien“ dieser „Wissenschaftler“ dort sind weitaus peinlicher.

  4. Umfragen unter Kindern, wie niedlich da kommt ja auch Aussagekräftiges bei raus, Kinder übertreibenn sehr gerne um anzugeben, kenne solche Umfragebögen aus meiner eigenen Schulzeit. Da gab es dann so Sachen wie kennst du Doom-Antwort ja klar, Wahrheit – Nein, Wie lange spielst du-Antwort-Jeden Tag mindestens 8 Stunden-Wahrheit – 30Minuten bis Amximal 2 Stunden, oft gar nicht, Hast du Internet-Antwort Klar mit Flatrat, Wahrheit – Nein und ich habe nicht mal ein eigenes Handy oder TV im Zimmer und so ging es damals munter weiter.

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