Jauch und die „objektiven Zahlen“ (Update 2)

(ard) Letzten Sonntag diskutierte „Günther Jauch“ – u.a. mit den Innenminister Hans-Peter Friedrich – über die Hintergründe von Jugendgewalt. Gemeinschaftlich zeichneten Moderator und Politiker ein beängstigendes Bild über die Entwicklung der Jugendgewalt, dessen Realitätsbezug jedoch fraglich ist. Dabei ist jedoch anzumerken, dass es auf diesem Gebiet wenig „sicheres“ Wissen gibt, so dass viele Ansätze nicht einfach als „richtig“ oder „falsch“ angetan werden können. Aber wegen dieser Unsicherheiten ist es ebenfalls problematisch, seine eigene Interpretation als gewiss darzustellen.

Das Zusammenspiel beginnt mit einer Frage von Jauch, in der bereits die maßgebliche Aussage versteckt ist: Es habe hinsichtlich der Jugendgewalt „die Brutalität in den letzten Jahren so massiv zugenommen“. Friedrich nimmt dies dankbar auf und beruft sich auf einen Einspieler: „Aber der Kommissar sagt ja in diesen Film auch: Früher war es so, dass man aufgehört hat zu schlagen oder zu treten, wenn der andere am Boden lag“. Anschließend resümiert er: Es „scheint sich qualitativ etwas verändert“ zu haben. Nun steigt Jauch wieder ein und verweist auf die „Statistik der Jugendgewalt und die objektiven Zahlen“. Die Aussage des Sprechers über die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS):

    „Die Zahl aller Gewalttaten von Jugendlichen ist in den vergangenen zwanzig Jahren zunächst massiv gestiegen, zuletzt aber zurückgegangen. – Beispiel gefährliche und schwere Körperverletzung: Seit den 90ern ebenfalls stark gestiegen. In den vergangen 5 Jahren ist aber auch sie gesunken.”

Diese Darstellung ist aus einigen Gründen fragwürdig.

1. Selektive Betrachtung

Zunächst – von uns dargestellt – die Zahlen aus der PKS:

gj05

Bei dieser Grafik kann sich dem Betrachter offensichtlich nur eine Frage aufdrängen:

    Warum steigt die Anzahl der Tatverdächtigen bis 21 Jahre, anders als die Anzahl der ab 21 Jahre, seit 2008 nicht mehr an, sondern sinkt?
    – Warum ist die Anzahl der Tatverdächtigen im Alter von unter 21 Jahren für die gefährliche und schwere Körperverletzung „seit den 90ern […] stark gestiegen“ und „in den vergangen 5 Jahren […] gesunken“?

Damit die isolierte Betrachtung – allein die Beschäftigung mit der Frage, was zum Anstieg der Jugendgewalt geführt hat – auch klappt, hat „Günther Jauch“ einfach Zahlen für die Tatverdächtigen ab 21 Jahren ausgeblendet und den Zuschauern allein die Zahlen für die Tatverdächtigen bis 21 Jahren präsentiert. Hierdurch wird – ohne die restlichen Zahlen zum Vergleich zu haben – der falsche Eindruck erweckt, dass solche Zahlen nur für die Jugendgewalt vorliegen, obwohl es – zumindest bis 2008 – ja einen ähnliche Trend auch bei den Tatverdächtigen ab 21 gab:

gj06

2. Wiedervereinigung verpennt

Der nächste Fehler: „Günther Jauch“ beginnt die Statistik mit „25.000“ Tatverdächtigen für das Jahr 1992. Von 1992 zu 1993 springt die Anzahl der erfassten Tatverdächtigen von 24.705 auf 30.057. Diese Zunahme um 21,67 % kann jedoch nicht nur durch eine Zunahme der Jugendgewalt erklärt werden. Wenn der betreffende Mitarbeiter es nicht gekonnt vermieden hätte auf den Header der beim Bundesinnenminsterium angebotenen Excel-Tabelle zu schauen, hätte er dort einen interessanten Hinweis lesen können. Bis auf Ost-Berlin, das bereits ab 1991 gezählt wurde, hat man ab 1993 erstmals auch die neuen Bundesländer mitgezählt. 1992 darf also eigentlich nicht auftauchen, wenn man halbwegs vergleichbare Zahlen erhalten möchte. Hierauf macht das Bundeskriminalamt auch auf der Webseite in den „Allgemeinen Hinweisen zur PKS“ aufmerksam:

    „Die Zeitreihen beginnen mit dem Basisjahr 1993, nicht mit dem Berichtsjahr 1991. Dies ist dem Umstand geschuldet, dass wegen erheblicher Anlaufschwierigkeiten die PKS-Zahlen für die neuen Länder in den Berichtsjahren 1991 und 1992 umstellungsbedingt viel zu niedrig ausgefallen waren, sodass sie keine brauchbare Basis für den Vergleich mit den Daten der Folgejahre bildeten. Ab 1993 hat sich die Erfassung in den neuen Ländern weitgehend normalisiert.“

gj02

3. Manipulativer Bildausschnitt

Es wird – leicht manipulativ – nicht das komplette Diagramm, sondern nur ein Ausschnitt dargestellt. Dadurch, dass die Grafik erst bei ca. 10.000 und nicht bei „0“ beginnt, wirkt die Zunahme größer. Den Effekt sieht man, wenn man die „Günther Jauch“-Grafik über die vollständige legt. Da auf eine Beschriftung der Achsen verzichtet wurde, ist dieser Umstand für den Zuschauer nicht erkennbar.

gj01

4. Keine Entwicklung oder „RTFM

Die von Jauch erwähnten „objektiven Zahlen“ sind für sich allein genommen recht wenig wert. Denn ihr Aussagegehalt ist nicht so einfach zu beurteilen. Brauchbar werden sie erst dann, wenn man ihnen eine Bedeutung zuschreibt und beispielsweise eine Entwicklung an ihnen abzulesen versucht. Dies hat das Format „Günther Jauch“ hier eindeutig getan:

Jauch:

    „Weil die einen sagen: Hüa das ist ja insgesamt weniger geworden, andere sagen, naja – schlag ja mal die Zeitung auf, es ist alles viel schlimmer geworden, werfen wir mal einen Blick auf die Statistik der Jugendgewalt und die objektiven Zahlen.“

Sprecher:

    „Die Zahl aller Gewalttaten von Jugendlichen ist in den vergangenen zwanzig Jahren zunächst massiv gestiegen, zuletzt aber zurückgegangen. – Beispiel gefährliche und schwere Körperverletzung: Seit den 90ern ebenfalls stark gestiegen. In den vergangen 5 Jahren ist aber auch sie gesunken.“

Eine Entwicklung kann an der PKS aber nur bedingt abgelesen werden: Eine gleichbleibende Anzahl von Taten kann beispielsweise auch Ausdruck einer tatsächlichen Zunahme der Delinquenz sein, weil infolge der demographischen Entwicklung immer weniger Kinder immer mehr Straftaten begehen müssen, um das Niveau der vorherigen – geburtenstärkeren – Jahrgänge zu „halten“. Auch wird vermutet, dass wegen mancher Ereignisse – beispielsweise der Wirtschaftskrise – sich die Anzahl der Straftaten insgesamt ändert. Hier könnte es für die Beurteilung der Entwicklung der Jugendgewalt erhellender sein, nicht isoliert auf die Entwicklung der von Jugendlichen begangenen Taten, sondern auf deren Abweichung von der übrigen Entwicklung abzustellen. Tatsächlich zeigt die PKS auch nicht „die Zahl aller Gewalttaten von Jugendlichen“. Das, was sie zeigt, ist vielmehr die Anzahl der jugendlichen Tatverdächtigen hinsichtlich der angezeigten Straftaten, das sogenannte „Hellfeld“. Die Kriminalität besteht jedoch auch aus dem „Dunkelfeld“, den Straftaten, von denen die Polizei nichts mitkommt.

Das Bundeskriminalamt weist auch ausdrücklich hin, dass man die PKS mit der tatsächlichen Entwicklung nicht gleichsetzen darf. Interessanterweise nennt es bei den Einflussfaktoren an erster Stelle das Anzeigeverhalten und erst an letzter die „echte Kriminalitätsänderung“:

gj07

Insbesondere vor dem Hintergrund der Anzeigenbereitschaft die Aussage, dass Gewalttaten „massiv gestiegen“ oder (seit 2008) „zurückgegangen“ seien, mit Vorsicht zu genießen. So kam bereits 2006 der zweite periodische Sicherheitsbericht des – Überraschung – Bundesinnenministeriums (pdf) zu dem Ergebnis, dass die tatsächliche Jugendgewalt – entgegen dem Anstieg in der PKS – nicht zunehme:

    „Mehrere unabhängig voneinander durchgeführte Dunkelfeldstudien aus verschiedenen Städten und Landkreisen bieten jedoch deutliche Hinweise darauf, dass die Anstiege im Hellfeld das Ergebnis veränderter Bewertungen und einer gestiegenen Anzeigebereitschaft bzw. erhöhter Aufmerksamkeit sind. Weder für die Gewalt an Schulen noch für die Gewalt junger Menschen im öffentlichen Raum sind Zuwächse zu erkennen. Dies wird bestätigt durch Daten der Versicherungswirtschaft.“

Zu diesem Ergebnis kommt selbst das Kriminalistische Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. in einer im Auftrag des Bundesinnenministeriums durchgeführten Studie (pdf):

    „Zusammenfassend kann damit festgehalten werden, dass Jugendliche heute erheblich häufiger in der PKS als Tatverdächtige von Gewalttaten registriert werden als Jugendliche vor 15 Jahren. Dieser Effekt könnte allerdings in hohem Maß Resultat eines veränderten Umgangs mit Jugenddelinquenz sein, falls entsprechende Verhaltensweisen mittlerweile weniger toleriert und stattdessen häufiger zur Anzeige gebracht werden.“ (Jugendliche in Deutschland als Opfer und Täter von Gewalt : Erster Forschungsbericht zum gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesministeriums des Innern und des KFN, S. 25.).

In einem Punkt widerspricht Pfeiffer Friedrich sogar höchst persönlich. 2011 schrieb er in der Süddeutschen:

    „Und wenn dann doch mal jemand auf die rückläufigen Zahlen der Jugendgewalt hinweist, kommt als Antwort schnell die Gegenthese: „Ja, aber die Brutalität gegenüber dem einzelnen Opfer hat doch zugenommen. Früher, wenn der Niedergeschlagene am Boden lag, hat der Täter aufgehört. Heute aber…“ Und jeder sieht dann vor seinem Auge die Berliner U-Bahn-Szene vom Ostersamstag. Würde es stimmen, dass es heute häufiger als früher zu solchen Gewaltexzessen kommt, müssten insbesondere die polizeilich registrierten Tötungsdelikte Jugendlicher und Heranwachsender zugenommen haben. Aber das Gegenteil ist der Fall.

Noch eine unseriöse Rechnung ohne Sachverstand: Das Kriminalistische Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. hat in dem schon erwähnten Forschungsbericht für den Zeitpunkt von 1998 bis 2008 festgestellt, dass „von einer Ausnahme abgesehen, […] sich in den acht Städten das Anzeigeverhalten der Gewaltopfer im Vergleich der beiden Messzeitpunkte bei Körperverletzungsdelikten um 20 bis 50 % erhöht“ hat. Wenn wir mit 35 % die Mitte annehmen und unterstellen, dass die Anzeigenbereitschaft seit 1998 und davor um jedes Jahr linear gestiegen ist, ergibt sich, wenn entsprechend die „zu viel“ angezeigten Straftaten ausgeblendet werden, das folgende Bild:

gj03

5. „Killerspiele“ sind schuld

Nachdem die Runde sich eine zunehmende Brutalität bei der Jugendgewalt konstruiert hat, läuft Friedrich auch bei der Ursachenfindung zu Höchstform auf und kommt auf – wie während des Wahlkampfes in der bajuwarischen Provinz – auf „Killerspiele“ zu sprechen, die nach „Experten“ das Problem sein, wobei es aber auch andere Erklärungsversuche gebe:

    „Und viele Experten sagen, das liegt auch an der Gewaltgewöhnung, die durch Gewaltdarstellungen in ganz vielen Medien und in ganz vielerlei Spielen zum Ausdruck kommt. Das ist sicherlich eine Erklärung. Eine andere – mag sein, dass wir heute viele junge Menschen haben, die ein unterentwickeltes Selbstwertgefühl haben. Auch daraus ergibt sich etwas Macht auszuüben. Wir haben es bei dem einen jungen Mann, der erzählt hat, in der JVA, dass er in der untersten Stufe stand – in seiner Hierarchie – gehört dass das ein Grund war, warum er aggressiv wurde. Also das sind alles Dinge, die heute ineinander spielen. Es gibt keine alleingültige Erklärung.“

Dann können wir ja beruhigt sein, dass das mit der Gewaltgewöhnung durch gewaltdarstellende Videospiele spätestens seit 2008 nicht mehr so richtig funktioniert.

6. Fazit

Letztendlich führen bei „Günther Jauch“ also Politik und Presse Hand und Hand eine abenteuerliche Interpretation der PKS vor, die aller Voraussicht nach wenig mit der Realität gemein hat. Es dürfte schlicht lukrativer und quotenträchtiger sein eine Sendung über eine Zunahme der Brutalität auszustrahlen, als sich auf einer professionellen Ebene mit den Zahlen auseinanderzusetzen.

Für den aufmerksamen Zuschauer hat Friedrich vielleicht sogar durchscheinen lassen, dass er selbst Zweifel an dem Wahrheitsgehalt seiner Äußerungen hat. Er sagte „es scheint sich qualitativ etwas verändert“ zu haben. Mit anderen Worten – die Zahlen erwecken den Eindruck, dass es so sei. Zutreffen muss das aber noch lange nicht.

Das ein oder andere mal habe ich ich gehofft, dass Friedrich Jauch unterbrechen und auf die Fehler u.a. bei der Heranziehung der PKS – die er als Innenminister erkennen wird – verweisen würde, doch diese Aufgabenverteilung ist dann doch etwas grotesk: Eigentlich haben doch Journalisten die Darstellungen von Politikern kritisch zu hinterfragen und falsche Behauptungen aufzudecken und nicht umgekehrt.

Nachdenklich stimmt es auch, dass laut Wikipedia für die Produktion des bei der ARD ausgestrahlten „Günther Jauch“ mit i&u TV das selbe Unternehmen verantwortlich ist, das u.a. für RTL die „Ultimative Chartshow“ mit Oliver Geissen produziert. Jauch ist übrigens Alleingesellschaftler von i&u TV.

    Zur Sendung (ab 14:27)
    (Dank an Patrik.)

7 Gedanken zu “Jauch und die „objektiven Zahlen“ (Update 2)

  1. Immer diese Legende von: „Man hat früher immer aufgehört mit dem Schlagen und Treten.“ Gar nicht war sag ich da denn die ältere Generation ist brutaler, da dümmer. Und dann diese Anekdoten und Verallgemeinerungen. Im Bericht des Innenministeriums heist es das keine Anhaltspunkte für eine Brutalisierung junder Menschen gibt und weniger schwerwiegende Delikte gibt. Wenn man bedenkt das sich dazu auch die soziale Lage in Deutschland in den letzten 20 Jahre erheblich verschlechter hat und trotzdem tun sich selbst diese Alarmisten und Pseudowissenschaftler wie Pfeiffer und ihre demagogischen Politikerpendants schwer ihren eigenen Blödsinn unter das Volk zu bringen. Aber das ist die ARD ein SPD naher Sender der überwiegend von Senioren und den 45 bis 60 Jährigen geschaut wird, und da kann man den Kukidenreaktionären toll die ungerechtfertigte Krimnalisierung der Jugend verkaufen. Die junge killerspielenden, blutriefenden, burgersüchtigen, drogennehmenden, vom militär programmierte Nazimassenmörderzombiearmee kommt und brennt eure Häuser nieder, stiehlt euch eure Renten und benutzt eure Dritten Zähne für illegale Schildkrötenkämpfe im Hinterhof, einseinself!!!11. Medienjauche von feinsten.

  2. Riesiges Lob, was du aus meinem kleinen Hinweis gemacht hast. Vor allem die Trickserei mit den Statistiken ist echt heftig…

    PS: Ich würde die (nicht korrigierte) Erwachsenengewalt auch noch in den eigentlichen Artikel aufnehmen. Die passt gut in den Plot, den du eh schon hast. Dann musst du auch nicht mit einer „unseriöse Rechnung ohne Sachverstand“ enden.

  3. Und da sag mal noch einer, die ARD ist sachlich und unabhängig…
    Wofür bezahlt auch der Jugendliche unter 21 dann noch GEZ Gebühr?
    Damit solch eine Berichterstattung unter das Volk gemischt werden darf…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *