Tatort „Freunde bis in den Tod“: Vorurteile reloaded

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(ard) Die Debatte über gewaltdarstellende Videospiele hat die letzten Jahre spürbar an Brisanz verloren, was sich zuletzt bei der Bundestagwahl gezeigt hat: Verbotsforderungen fanden sich nur noch in den Wahlprogrammen von Kleinstparteien, während die übrigen für einen differenzierten Umgang mit Videospielen werben. Selbst der vom Bundestag initiierte „Deutsche Computerspielpreis“ zeichnete mit „Crysis 2“ einen Ego-Shooter aus.

Von daher waren wir beim Teaser zum neuen Tatort „Freunde bis in den Tod“ skeptisch und hielten uns mit Kritik im Vorfeld zurück. Dort kommt den Kommissaren bei Ermittlungen der Verdacht, dass das Opfer einen Amoklauf geplant habe. Festgemacht wird dies an einem einfachen Umstand: In einem vom Opfer entwickelten Videospiel ist ein Level enthalten, das der Schule nachempfunden ist.

Selbst dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen wollten wir die Peinlichkeit nicht zutrauen, für ihre Zuschauer ernsthaft solche plumpen Vorurteile zu entstauben. Die Handlung könnte ja eine überraschende Wendung nehmen und sich am Ende alles ganz anders darstellen. Doch diese Erwartung war – wie sich heute gezeigt hat (Vorher hatten wir es nicht geschafft jemanden dazu zu bringen, sich den Streifen anzusehen.) – unbegründet. Das Level stellt wirklich den Grund für die Annahme dar, dass das Opfer einen Amoklauf geplant haben könnte:

    Kopper: „Sieht aus wie das Foyer in der Schule …“

    Keller: „Zeig mal! Das Ziel ist den Gegner zu zerstören … richtig? Kopper stimmt das?

    Kopper: „Was ist denn los?“

    [Schnitt: Dramatische Musik. Szenenwechsel.]

Hausmeister: Würden Sie mir vielleicht mal erklären, warum Sie mich mitten in der Nacht rausklingeln?“

Keller: Für die abgeschlossenen Gänge bräuchten wir die Schlüssel Bitte.

Kopper: Das müsste der Gang sein… die Tür, genau wie im Spiel. Links muss eine Tür kommen, die führt in so eine Art Werkraum. … bis ins Detail.

Keller (Monologisierend): Der Jäger durchstreift die Aula, die Gänge, die Klassenzimmer, während die anderen versuchen ihm zu entkommen. Aber der Jäger frisst sie auf.

    [Noch dramatischere Musik.]

Keller: Ein Amoklauf würde erklären, warum Ron auf dem alten Militärgelände jede einzelne Patronenhülse aufgesammelt hat.“

Achja, das Spiel selbst:

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Das, was schon im Teaser gezeigt wurde, ist wirklich so gemeint. Es wird erneut ein Zusammenhang suggeriert der nur in eine Richtung klappt: Es gibt Amokläufer wie Bastian B., die Mapper waren und auch ihre Schule nachgebaut haben. Doch es gibt auch zahlreiche Mapper, die ihre Schulen virtuell nachbauen, ohne Verbrechen zu planen. Der Gedanke mutet ohnehin etwas grotesk an, denn es wird auch nicht jeder Besitzer einer Modelleisenbahn planen einen Zug zu überfallen.

Welche Folgen solche eine Hysterie haben kann, zeigen Fälle in Deutschland und in den USA. Nach dem Amoklauf von Emsdetten präsentierte Spiegel Online einen Artikel über Mapping und zeigte in einer Bildergalerie erstellte Schulmaps. Ein Besucher konnte den Ersteller einer Map identifizieren und alarmierte die Staatsgewalt, was mit einem Besuch der Polizei endete. Um 06:40 Uhr stand die Polizei vor der Haustür und fragte allen Ernstes, ob ein Amoklauf geplant sei. In den USA traf es einen High-School Schüler härter: Es kam zu einer Hausdurchsuchung, der Teenager wurde festgenommen und – obwohl wenn er keine Straftat begangen hatte – der Schule verwiesen.

Etwas Erfreuliches hatte der neue Tatort dann aber doch: Die Reaktionen der Medien. Nicht nur Gamer, sondern auch vielen Journalisten waren die Vorurteile zu schlicht:

    „Wer den Lena Odenthal-„Tatort“ sieht, den das Erste am Sonntag zeigt, kommt nicht umhin, sich einmal mehr zu fragen, wie das auf den Fluren des SWR wohl zugeht. Tritt man da zum Brainstorming zusammen und beschließt, man müsse mal irgendwas zu Jugend und den Gefahren des Internets machen? Und, weil es naheliegt, vielleicht auch gleich etwas zu bösen Videospielen? Und wo man gerade dabei ist, ließe sich doch bestimmt auch noch der Amoklauf eines verirrten Schülers ins Script schreiben.“ (faz)

    „Er ist hochbegabt, ein Computer-Freak, unbeliebt und hält alle zum Narren – noch klischeehafter kann das Profil eines Amokläufers kaum sein. Eine blutige Nase für Lena Odenthal und eine verwobene Geschichte oben drauf.“ (focus)

    „Oliver Dietrich begeistern weder Ballerspiele noch Amokläufe; insgeheim hält er beides jedoch für eine sinnvollere Sonntagabendgestaltung, als sich diesen Tatort anzusehen.“ (pnn)

    Stream (ca. ab 00:19:00 – ab 20 Uhr)

4 Gedanken zu “Tatort „Freunde bis in den Tod“: Vorurteile reloaded

  1. Ohje. Aber was erwartet man auch. Man erinnert sich doch noch an das Großstadtrevier (oder was das für ein Schrott war). Dort wurden „Killerspiele“ sogar in LKWs geschmuggelt.
    .
    Öffentlich-rechtliche Verblödung :)
    .
    Btw: Inhaftiert bitte mal Architektur-Studenten. Was die alles für Modelle bauen und das bestimmt nur um Attentate zu planen! Ganz bestimmt!

  2. Danke für den Artikel, auch wenn es (nicht Deine Schuld) langsam irgendwie ermüdend wird, immer wieder das gleiche zu sehen. Abwechslung wäre mal nett, aber wir können die Realität ja leider nicht ändern wie es scheint.
    Achja, ein kleiner Schreibfehler ist mir aufgefallen, Du hast im ersten Absatz Crysis falsch geschrieben.

    Gruß
    Aginor

  3. Klischeehafte Tatort ?
    In unserem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ? Nie und nimmer. ;-)
    Es entspricht doch immer der gesellschaftlichen Realität das die Verbrecher meistens gierige Unternehmer sind die heldenhafte Umweltschützer/Gewerkschafter/Aktivisten o.ä. töten um zu verhindern das ihre verbrecherischen Machenschaften (Profit erzielen !) auffliegen.

    Ansonsten entspricht der Tatort natürlich immer den gesunden Volksempfinden.
    Im Preisgekrönten „Frau Bu lacht“ lassen die Kommissare es zu das eine Mörderin sich ins Ausland absetzt.
    Schließlich hat sie einen Kinderschänder erledigt, da kann man mal ein Auge des Gesetzes zudrücken.

    Gesellschaftliche Missstände werden im Tatort natürlich auch thematisiert.
    Jeder kennt z.B. das Problem des satanistischen Kindesmissbrauchs. Wer hat das denn noch nicht selbst erlebt ?
    Immer wieder kommt es zu Anklagen z.B. in Worms bei denen dann eine Verschwörung von Politikern & Juristen & reichen Unternehmern dafür sorgt das die Angeklagten aus Mangel an Beweisen oder wegen erwiesener Unschuld freigesprochen werden.
    Nicht so im Tatort „Abschaum“ wo diese Satanisten (darunter der für die Ermittlung zuständige Staatsanwalt) kurzerhand von einem psychisch labilen EX-KSK Soldaten erschossen werden, nachdem die Polizei nicht weiter ermitteln darf.

    So siegt im öffentliche rechtlichen Tatort immer das Gute, und das ist gut so, oder ?

  4. Eine positive Sache mal in dem Zuzsammenhang:
    Wenn schon Menschen, die sich explizit nicht als Gamer bezeichnen, die mit Games auch nichts anfangen können und/oder wollen, diesen Tatort und die darin dargestellten Klischees kritisieren, dann besteht vielleicht doch noch Hoffnung.
    zB ist Florian Freistetter (Astronom, betreibt den Blog „Astrodicticum Simplex“, http://scienceblogs.de/astrodicticum-simplex/) auf diesen Tatort eingegangen (wie auf andere Tatorte auch) und hat so auch das Thema mal in einem Teil der Gesellschaft auf den Tisch gebracht, der mit Games nicht ganz so eng zu tun hat wie wir. Das finde ich gut.

    Gruß
    Aginor

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