Antworten auf meine Fragen von „i&u TV“

Bei der „Günther Jauch“-Sendung „Tatort U-Bahnhof – Machtlos gegen Jugendgewalt?“ gab es einige Unstimmigkeiten, auf die wir mit Beitrag von 10.09.2013 aufmerksam gemacht haben. Es wurde – ohne Hinweis auf den allgemeinen Trend – isoliert die Entwicklung der Jugendgewalt dargestellt, bei der grafischen Aufbereitung der Daten etwas unsauber gearbeitet und unterstellt, dass sich an diesen die Kriminalitätsentwicklung ablesen lasse. In einem Gespräch nahm Kai Posmik, Mitglied der Redaktion von „Günther Jauch“, zu der Kritik Stellung und erläuterte seinen Standpunkt.

1. Selektive Betrachtung der Jugendgewalt

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Unser erster Vorwurf war, dass es wegen der alleinigen Darstellung der Jugendgewalt so aussieht, als ob sich der (zwischenzeitliche) Anstieg der registrierten Taten auf Jugendliche beschränkt habe, obwohl es bei den Erwachsenen eine ähnliche Entwicklung gab (Exel-Datei). Entsprechend zogen die Gäste zur Erklärung der Jugendgewalt scheinbar Jugendlichen exklusive Umstände, wie die Nutzung von gewaltdarstellenden Videospielen sowie ein unterentwickeltes Selbstwertgefühl, heran.

Antwort:

    Nach Kai Posmik habe es genügt, die Zuschauer allein mit den präsentierten Daten vertraut zu machen. Das Format „Günther Jauch“ habe sich bei der Sendung vom 08.09.2013 nicht mit der Kriminalitätsentwicklung im Allgemeinen befasst, sondern sich ausdrücklich auf Gewalt unter beziehungsweise von Jugendlichen fokussiert. Die für die Visualisierung herangezogenen Zahlen wiesen eindeutig den dargestellten Trend auf, so dass keine Notwendigkeit bestanden habe, auf andere Entwicklungen einzugehen. Weiter habe man darauf hingewiesen, dass für einen großen Teil der Taten nur wenige Intensivtäter verantwortlich seien, so dass dem Eindruck, die Jugend würde insgesamt verrohen, bereits entgegen getreten wurde.

2. Gleichsetzung der PKS mit der Kriminalitätsentwicklung

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Unser zweiter Vorwurf war, dass „Günther Jauch“ die Entwicklung der Jugendgewalt an den Zahlen der PKS festmacht, obwohl – worauf auch das Bundeskriminalamt (BKA) hinweist – diese nur das sogenannte „Hellfeld“ zeigt, so dass Veränderungen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) nur bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Kriminalitätsentwicklung zulassen.

Antwort:

    Kai Posmik weist darauf hin, dass es der Redaktion bei dem Einspieler vorrangig darum gegangen sei, den Gästen die Entwicklung zu veranschaulichen. Hierbei müsse die Heranziehung der gezeigten Zahlen gestattet sein, bei denen es sich schließlich um die offiziellen Zahlen der PKS handele. Auch vor dem Hintergrund verschiedener Interpretationsmöglichkeiten halte man die Darstellung so, wie sie letztendlich erfolgt ist, für angemessen. Insbesondere werde die Statistik von einer Abnahme dominiert, so dass auch aus den Zahlen der PKS eindeutig eine positive Entwicklung hervorgehe. Im Übrigen könnten Einspieler in einer Diskussionssendung nur selten komplette Beiträge sein, was gelegentlich zu Missverständnissen führe.

3. Verzerrender Bildausschnitt

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Unser dritter Vorwurf war, dass die Grafik nicht komplett, sondern nur ein Ausschnitt gezeigt wurde. Dieser Umstand war für die Zuschauer nicht erkennbar, da auf eine Beschriftung der Achsen verzichtet wurde. Als Ergebnis wirken die Entwicklungen optisch extremer, als sie tatsächlich ausfallen. Dies sieht auch die Richtlinie zum Pressekodex kritisch, nach der „bei grafischen Darstellungen irreführende Verzerrungen auszuschließen“ sind.

Antwort:

    Im Ausgangspunkt gesteht Kai Posmik ein, dass Ausschnitte missverständlich wirken und daher problematisch sein können. In diesem Fall liege es jedoch anders, weil durch den gewählten Ausschnitt nicht nur die Zunahme, sondern auch die Abnahme extremer erscheine. Im Ergebnis hätten sich die Verzerrungen ausgeglichen. Weiter müsse er mit Nachdruck darauf hinweisen, dass es nicht die Absicht der Redaktion gewesen sei, durch die Art der Darstellung den Aussagegehalt zu verändern. Es sei beim Fernsehen vielmehr so, dass man nur einen beschränkten Platz zur Verfügung habe und das Bild aus Rücksicht auf die Zuschauer nicht mit Informationen überfrachten könne. Es sei daher aufgrund der praktischen Zwänge des Mediums unumgänglich, Kompromisse einzugehen.

4. Nichtberücksichtigung der Wiedervereinigung

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Unser letzter Vorwurf war, dass für die Grafik auch Zahlen von 1992 herangezogen wurden, obwohl diese, anders als die folgenden, noch nicht das gesamte Bundesgebiet umfassten. Der Anstieg von 1992 zu 1993 kann daher nicht nur durch eine Zunahme der in den alten Bundesländern erfassten Taten, sondern auch mit der erstmaligen Erfassung von Taten in den neuen Ländern erklärt werden. Deshalb sollten auch nach der Empfehlung des BKA die Zahlen der Jahre vor 1993 für die Darstellung von Entwicklungen nicht herangezogen werden.

Antwort:

    Hier gibt Kai Posmik offen zu, dass der Redaktion ein Fehler unterlaufen ist. Man habe es als attraktiv empfunden einen runden Zeitraum von 20 Jahren abzubilden und sei schlicht in der Zeile verrutscht. Nichtsdestotrotz seien die Folgen dieses Missgeschicks überschaubar, da nicht die gesamte Differenz zwischen 1992 und 1993 auf diesen Umstand zurückgehe. Vielmehr erscheint es in Hinblick auf die nachfolgenden Jahre so, dass es auch in diesem Zeitraum – unabhängig von der Erfassung der neuen Länder – einen Anstieg gab.
    Rückblick zur Sendung

14 Gedanken zu “Antworten auf meine Fragen von „i&u TV“

  1. „wir müssen das kürzen, denn unsere Zuschauer sind viel zu dumm um das sonst zu begreifen!“

    Äh ja, man könnte ja auch einfach mal so vereinfachen, dass man nicht verfälscht oder: Man könnte seine Zuschauer ja mal für so klug halten, div. Dinge zu verstehen.

    Letzteres erscheint mir dann doch zu kühn für unsere Medienlandschaft.

    • Es ist ja auch total klar, dass die Zuschauer so dumm sind: Schließlich wird ihnen im Fernsehen nichts abverlangt, sodass sie während des Zuschauens langsam verblöden. Oder sie fühlen sich durch das unterirdische intellektuelle Niveau
      beleidigt und schalten ab. (Letzteres ist vermutlich der Grund, aus dem GEZ jetzt nach Haushalt und nicht mehr nach Empfang bezahlt wird…)

  2. @maSu & Patrik
    .
    Den von euch erwähnten Vorwurf, dass man den Zuschauer für zu „dumm“ halte, finde ich in den Antworten nicht wieder. Es wurde bloß gesagt, dass man mit den Zahlen eine Aussage untermalt habe. Darüber, ob man die Zahlen dafür geeignet hält kann man unterschiedlicher Meinung sein, doch das Absehen einer weiteren Aufbereitung geschah nicht deswegen, weil man den Zuschauer zu dumm hielt, sondern weil man es für seriöser hielt die offiziellen Zahlen der PKS als Kriminalitätsentwicklung zu präsentieren als diese nach irgendwelchen Interpretationen zu vearbeiten.

  3. Steht tatsächlich nicht drin und ohne maSu hätte ich das Thema „dumme Zuschauer“ gar nicht angesprochen. Doch wenn man sich z.B. den Umstand anschaut, dass im die Hälfte der Information (Erwachsenengewalt) nicht gezeigt wird, so kann das mehrere Gründe haben. Unter anderem
    Vereinfachung (Zwei Graphen in einem Bild würden den Zuschauer ablenken/verwirren.) oder
    Meinungsmache (Der zweite Graph passt nicht ins Bild, dass vermittelt werden soll.). Wenn man den Machern der Sendung nun Neutralität unterstellt, wird es wahrscheinlich, dass Vereinfachung das Motiv war. Und in diesem speziellen Fall sollte man einem nicht unterbelichteten Menschen durchaus zutrauen, auch ohne diese Vereinfachung aus zu kommen. Vielleicht steckt gar keine Absicht dahinter, sondern es ist mittlerweile einfach Routine, alles möglichst einfach zu gestalten. Eigentlich sollte aber vor jeder Vereinfachung die Frage stehen, ob das Mehr an Menschen, das man erreicht, die damit einhergehende inhaltliche Modifikation wert ist.

  4. @Patrik:
    Für mich ist es (wieder mal) ein Fall von „Meinungsmache“ alleine schon die Aufmachung der Zahlen! Erinnert sich jemand an den AAW Flyer „KILLERSPIELE“? Gerade, dass keine Blutstropfen an der Linie hinablaufen… ein neutrales Layout hätte sollte dass a und o sein wenn man über ein Thema spricht.

    Die Antwort ist wie gewohnt: „wir müssen weil es sich sonst dass niemnand ansieht“, „es sind ja nur kleine Fehler“ und „wir wollen ja nur was kurz darstellen“…

    Mir schallen da wieder Worte wie Manipulation durch den Kopf… böse Menschen würden hier von Lügen sprechen… ;-P

    Auch wenn die Antworten klingen wie Erwischt und jetzt auf einen Fehler schieben es denoch sehr schön ist, dass Stigma eine Antwort erhalten hat.

    Happy Coding.

  5. Rey:

    Zitat der Antwort:
    Es sei beim Fernsehen vielmehr so, dass man nur einen beschränkten Platz zur Verfügung habe und das Bild aus Rücksicht auf die Zuschauer nicht mit Informationen überfrachten könne. Es sei daher aufgrund der praktischen Zwänge des Mediums unumgänglich, Kompromisse einzugehen.
    Zitatende.

    Also für mich klingt das: „nicht zu viele Infos, der Zuschauer ist zu dumm“, denn: Die gezeigten Statistiken, sind so dermaßen rudimentär, dass selbst Affen im Zoo in der Lage wären, daraus etwas zu verstehen. Eine korrekte Skalierung der Achsen wäre wohl nicht zuviel verlangt gewesen. Das man eine Statistik nun auf 3 Punkte, falsche Achsskalierung, … reduziert, weil man „den Zuschauer nicht mit Informationen überfrachten“ wolle, das ist doch blanker Hohn und ist genau das was ich sagte: Man hält den Zuschauer schlicht für absurd dumm.

    Statt der kurzen Bildchen, welche die teils falschen Graphen darstellen, hätte man auch einfach sagen können: „Gewalt steigt! *Grunz* *schnaub*“.

    Das ganze Layout ist von der Farbgebung zudem so gemacht, dass zusätzlich zur Verfälschung (über Achsen, falsche Daten wegen Mauerfall, …) dramatisiert.

    Es wird damit nicht nur der Zuschauer für völlig verblödet gehalten, es wird auch noch Angst und Panik gemacht. Hier muss ich TRB zustimmen, es fehlen noch Blutstropfen auf den Graphen, damit die Statistiken bedrohlicher wirken!

  6. @Golem
    Weil eine kapitalistisch melodramatisierte Erfolgsstory à la „Rocky“, und nichts anderes war EA’s „Fight Night Champion“, ja umso vieles weniger stereotypisierend wäre als „Tekken“. Und dann kommen bei solchen Kriminalstatistiken wie hier neben einem unterentwickelten Selbstwertgefühl natürlich ebenfalls Videospiele heraus ^^ Ganz klar… Nein –

  7. @Patrik: „Schließlich wird ihnen im Fernsehen nichts abverlangt, sodass sie während des Zuschauens langsam verblöden.“

    Korrigiere mich bitte wenn ich mich irre, aber ist da kein Widerspruch wenn man einerseits gegen Pfeiffer & Co. argumentiert die sagen Videospiele machen dumm (und dick und faul, etc.) und andererseits meint ein anderes (gleichwertiges?) Medium tue dies nun doch? Also ist es doch möglich durch Medien zu verblöden, ergo kann man auch durch Videospiele (=ein Medium) verblöden!?

    Beste Grüße.

  8. @Thomas: Eigentlich sollte das vor allem unterstreichen, dass ich einen Großteil des Fernsehprogramms für intellektuell wenig fordernd halte. Andererseits war die Aussage, dass geistige Unterforderung dumm macht – und das ist durchaus unabhängig vom Medium. Von da her: Man kann durch fast alles verblöden, Computerspiele sind da keine Ausnahme. Notwendig ist nur, dass die Tätigkeit geistig nicht fordert und dass sie andere (forderndere) Tätigkeiten verdrängt. Wenn man genau ist, verblödet man ganz von allein, wenn man nichts unternimmt, das diesen Prozess (geplant oder beiläufig) aufhält oder umkehrt.

  9. „Eigentlich sollte das vor allem unterstreichen, dass ich einen Großteil des Fernsehprogramms für intellektuell wenig fordernd halte.“

    So wie ein Pfeiffer Videospiele (an und für sich?) nicht für fordernd hält. ;)

    Ich störe mich ein wenig am Wort „durch.“ Damals als Pfeiffer sagte „Videospiele machen dumm“ (=man wird dumm durch Videospiele) haben sich die Leute zurecht empört, weil hier eine Kausalität postuliert wurde die so nicht existiert. Und nun sagst du, man wird dumm durch Fernsehen (weil es eventuelle fordernde Tätigkeiten durch Stumpfsinn verdrängt), ergo kann man dumm werden durch Medien, ergo hat Pfeiffer recht gehabt und es gibt so eine Kausalität.
    Aber es gibt sie nicht. Man wird weder dumm durch Videospiele noch durch Fernsehen. Man wird dumm (wenn überhaupt), so wie du schon schriebst, durch Unterforderung. Aber deiner Argumentation folgend, könnte man auch sagen, man wird dumm durch Strandspaziergänge, weil stumpfsinnige Spaziergänge einen davon abhalten fordernde Dinge zu tun (oder nicht zu tun – soviel zur Kausalität).

    MfG
    Der Haarspalter. :)

  10. Ich glaube nicht, dass es dumme Menschen überhaupt gibt. Und auch beim „Trash-TV“, da gibt es ja noch abwertendere Bezeichnungen bis hin zum blanken Klassismus, würde ich nicht „Dummheit“ je als Ergebnis einer Rezeption sehen. Denn die bloße Idee davon postuliert ja schon, dass es da so eine Wirkung gäbe – weil Inhalte nicht mit bestimmten Normen von Anspruch, „Niveau“, Sophistication oder halt Intelligenz übereinstimmen würden. Und das betrifft vermeintlich halt ebenfalls zumindest die allermeisten Videospiele –

  11. @Thomas, so wie ich das verstanden habe kritisiert er die einseite auf Kontroversen ausgelegte Betrachtung durch „Günther Jauch“. Natürlich kann man den Medium TV per se nicht zuschreiben das es dumm macht. Nur hier geht es um Fehlinformationen die trotz besseren Wissen mit politischen Hintergedanken durch die Öffentlich Rechtlichen posaunt werden, und das „Tolle“ ist wir zahlen auch noch für diese Propaganda. Fernsehen ist obendrein eher auf Bildungsarme Gesellschaftschichten ausgerichtet worden, intelligente bessere, junge, gebildetet, Menschen wenden sich dem überlegenen Medium Internet zu. Von dem großen Kuchen Werbung bekommen die Sender weniger ab, Gebühren will ein intelligenter Mensch für den Mist den ARD/ZDF und Co machen auch nicht zahlen. Daher gibt immer mehr sinnlose billige Telenovelas, Reality TV, Rotz wie „Günter Jauch“, Docudramas etc, selbst das Unterhaltungsschlachtschiff „Wetten Daß“ wird vom diesem Trend torpediert. Man braucht sich nur Internetformate die den Nagel auf den Kopf treffen was die Thematik angeht anschauen, wie die Medien Kuh und FKTV. Intelligente Menschen können sich zu jeder Tages und Nacht Zeit im Netz damit auseinandersetzen was sie wirklich interessiert, und Fernsehen das darauf besteht mich nach deren Uhrzeiten zu richten eben nicht. Fernsehen schafft es nicht eine Thema von mehreren Seiten zu beleuchten, Internet schon. Fernsehen hat also keine Möglichkeit mehr an intelligente Menschen zu appellieren daher geht es auf die wenig netzaffinen ungebildeten Schichten in der Gesellschaft zu.

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