Kampfpilot mit FIFA desensibilisiert – Sendeauftrag erfüllt!

(vdvc) Am 04.02.2013 setzte sich „hart aber fair“ mit der Aussage Prinz Harrys auseinander, sein „Erfolg“ als Kampfhubschrauberpilot in Afghanistan sei auf das Zocken des Videospiels „FIFA 13“ zurückzuführen. Dies war den Verantwortlichen offenbar nicht reißerisch genug, weshalb das Interview nur in veränderter Form ausgestrahlt wurde.

Die „hart aber fair“-Redaktion hat die Äußerung kurzerhand ihres Kontexts entkleidet, verkürzt und neu zusammengesetzt: Konsequent wurden Bezüge zur Art des genutzten Videospiels – Namen, Genre und Inhalt – vermieden oder rigoros weggekürzt, so dass den Zuschauern schon der Gedanke, dass es „bloß“ um ein Fußballspiel geht, gar nicht kommen konnte.

Thrashing the guys at Fifa

Im Original verweist Harry ausdrücklich auf „FIFA (13)“:

    „I’m one of those people who loves playing PlayStation and Xbox. So with my thumbs I like to think that I am probably quite useful. You can ask the guys: I thrash them at Fifa the whole time.“

Entgegen dem auch bei englischsprachigen Formaten bestehenden Verständnis, dass sich das „You can ask the guys“ auf den folgenden Satzteil bezieht, hat „hart aber fair“ den Verweis auf „FIFA (13)“ weggelassen und dem restlichen Satzfragment als Bestätigung des vorher Gesagten eine neue Bedeutung gegeben:

    „Ich bin einer von diesen Leuten, die gern PlayStation und Xbox spielen. Und ich liebe den Gedanken, dass ich mit meinen schnellen Daumen ziemlich nützlich bin. Da können Sie die Jungs fragen.“

Verändert sich durch das Daddeln auch das Wesen eines Menschens?

Weiter präsentierte der Moderator Frank Plasberg das Statement als Antwort auf eine ganz andere Frage, in dem er das Daddeln explizit nicht als Beleg dafür anführte, dass sich nur „nur die Virtuosität des Daumens“ verändere, sondern mit dem Einspieler zeigen möchte, dass Videospiele auch Auswirkungen auf „das Wesen eines Menschens“ haben könnten:

    „Sie sagen, “Wenn es denn nur der Daumen wäre”. Da möchte ich Ihnen etwas zu zeigen. Da werden sie jetzt gleich sagen, das ist platt. Ich zeig’s trotzdem. Die Frage ist doch, verändert sich durch’s Daddeln nur die Virtuosität des Daumens, verändert sich der Hirnbereich, der den Daumen steuert, oder verändert sich durch das Daddeln auch das Wesen eines Menschens? Die Frage stellt sich nach einem prominenten Beispiel.“

Kurz: Plasberg wollte den Bogen zu den üblichen Vorwürfen an „Killerspiele“, der Senkung der Tötungshemmung sowie der geistigen Militarisierung der Nutzer, schlagen.

Möglich war dies natürlich nur wegen der Neukomposition des Zitats – selbst das WDR-Publikum hätte dem Format die Behauptung nicht abgenommen, dass (virtuelles) Fußballspielen geistig auf die Tötung von Menschen vorbereite. Im Ergebnis hat „hart aber fair“ aber genau dies getan.

Der Verband für Deutschland Video- und Computerspiele (VDVC) fand dies nicht witzig und beschwerte sich beim Rundfunkrat des WDR. Schließlich ist es kein besonders erhebendes Gefühl, über den Rundfunkbeitrag seine eigene Diffamierung finanzieren zu müssen. Nebenbei sind die Medien im Allgemeinen und der öffentlich-rechtliche Rundfunk im Besonderen durch Gesetz eigentlich zu einer wahrheitsgemäßen Berichterstattung verpflichtet:

    1. „Berichterstattung und Informationssendungen haben den anerkannten journalistischen Grundsätzen […] zu entsprechen.“ (§ 10 Abs. 1 S. 1 RStV)
    2. „Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf Wahrheit und Herkunft zu prüfen.“ (§ 10 Abs. 1 S. 3 RStV)
    3. „Der WDR soll […] der Wahrheit verpflichtet sein.“ (§ 5 Abs. 4 WDR-Gesetz)
    4. „Nachrichten sind vor ihrer Verbreitung mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf […] Wahrheit zu prüfen.“ (§ 5 Abs. 6 S. 2 WDR-Gesetz)

Keine Anhaltspunkt für einen Verstoß

Uneigentlich aber wohl nicht – der Rundfunkrat des WDR als zuständiges Aufsichtsgremium konnte eine Verletzung der einschlägigen Regelungen nicht feststellen:

    „Dabei kam der Programmausschuss nach eingehender Beratung einstimmig zu dem Ergebnis, der Programmbeschwerde nicht stattzugeben, da keine Anhaltspunkt für einen Verstoß gegen die vom WDR-Gesetz vorgeschriebenen Programmgrundsätze vorliegen. […]“

Dies halte ich […] für nachvollziehbar

Am Ergebnis der Umgestaltung des Zitats, dass ernstlich eine Senkung der Tötungshemmung durch „FIFA 13“ als wahrhaftige und damit leitlinienkonforme Berichterstattung angesehen wird, nimmt man keinen Anstoß.

Einerseits könnte der Rundfunkrat der Auffassung der Intendantin gefolgt sein, die in einer Stellungnahme die Kritik des VDVC uminterpretierte. Diesem wurde unterstellt, sich an der Behauptung gestört zu haben, dass Prinz Harry „durch seine jahrelange Praxis mit Videospielen “nützliche Daumen” für seinen Afghanistan-Einsatz bekommen habe“, obwohl die Kritik allein der Behauptung von „hart aber fair“ galt, dass sich durch „FIFA 13“ das „Wesen“ von Prinz Harry verändert habe.
Andererseits hatte die Intendantin in einer Stellungnahme die Frage, ob durch „FIFA 13“ das Wesen eines Menschens verändert werden könne, tatsächlich verteidigt und diesen abstrusen Zusammenhang allen ernstes – festhalten! – für „nachvollziehbar“ erklärt:

    „Wörtlich sagt Frank Plasberg: ‘Die Frage ist doch: Verändert sich durchs Daddeln nur die Virtuosität des Daumens, verändert sich der Hirnbereich, der den Daumen steuert oder verändert sich durch das Daddeln auch das Wesen eines Menschen? Die Frage stellt sich nach einem prominenten Beispiel.’ Indem der Moderator zweimal das Wort ‘Frage’ benutzt, macht er deutlich, dass dies nicht erwiesen ist. Er stellt also keine Tatsachenbehauptung auf, sondern wirft eine Frage auf und spricht Aspekte an, die dann von der Runde diskutiert wurden. Dies halte ich angesichts der Tatsache, dass Prinz Harry […] klar zum Ausdruck bringt, ihm habe das Computerspielen bei seinen Kriegseinsätzen geholfen, für nachvollziehbar.“

Insgesamt ungeschickt gewesen

In der Art und Weise, wie „hart aber fair“ das Zitat Prinz Harrys umgestaltet, kann der Rundfunkrat ebenfalls keinen Verstoß erkennen, obwohl er an dieser Stelle sogar Kritik übt. Im Vorfeld hatten Redaktion und Intendantin die Darstellung noch verteidigt. Der Verweis auf „FIFA (13)“ sei aus Gründen der Verständlichkeit gekürzt worden:

    „Es stimmt zwar, dass wir den O-Ton am Ende um einen Halbsatz (FIFA) gekürzt haben. Damit haben wir aber in keiner Weise den Sinn der Aussagen des Prinzen entstellt. Die Kürzung geschah nur aus Gründen einer besseren Verständlichkeit.“

Sowie um nicht von der Debatte abzulenken:

    „Hintergrund der Kürzung war, die Verständlichkeit für jene Zuschauerinnen und Zuschauer zu erhöhen, die die Anspielung auf ‘FIFA’ auf ein bestimmtes Videospiel nicht verstanden hätten. Der Moderator hätte zunächst erklären müssen, was ‘FIFA’ ist, was wiederum von der eigentlichen Debatte abgelenkt hätte.“

Der Rundfunkrat nimmt hier Abstand von der bisherigen Begründung:

    „Allerdings wurde […] angemerkt, dass der vom Beschwerdeführer kritisierte Einspieler mit der Aussage von Prinz Harry an dieser Stelle der Sendung verfehlt gewesen sei. Man könne den Prinzen weder richtig verstehen noch sei es nachvollziehbar, dass nicht das gesamte Zitat von Prinz Harry eingespielt worden sei. Dieser ausgesparte Teil hätte deutlich gemacht, dass sich seine Äußerungen auf das Fußballspiel „FIFA“ bezögen.“

Doch um einen Verstoß gegen die Programmgrundsätze anzunehmen, habe auch dies nicht genügt:

    „Art und Auswahl des Filmeinspielers seien insgesamt ungeschickt gewesen, dennoch gebe es keinen Grund für den Beitritt zu einer Programmbeschwerde.“

Programmgrundsatz nicht anwendbar (?)

Auch darin, dass absurde Behauptungen der Gäste – „Viele dieser Shooter-Spiele sind ja für militärische Übungszwecke entwickelt worden.“ sowie „Alle Amoktäter, die wir hatten in Deutschland und Amerika, waren exzessive Shooter-Spieler.“ – im sogenannten „Faktencheck“ unberücksichtigt blieben, sieht der Rundfunkrat keine Verletzung der Programmgrundsätze. Es genüge, dass andere Talkgäste – Christopher Lauer von der Piratenpartei – diese Aussagen unverzüglich relativiert hätten.

Unklar ist weiter, auf welcher Ebene der Rundfunkrat einen Verstoß gegen die Wahrheitspflicht des § 5 Abs. 6 S. 2 WDR-Gesetz abgelehnt hat. Die Intendantin verneinte eine Verletzung bereits deswegen, weil dieser Grundsatz für das Format „hart aber fair“ gar nicht gelte:

    „Auf Gesprächssendungen wie hart aber fair ist dieser Programmgrundsatz nicht anwendbar.“

Diese Einschätzung ist jedoch zweifelhaft: Nach den einschlägigen juristischen Kommentaren gilt der gleichlautende § 10 Abs. 1 S. 3 RStV „schrankenlos für alle Sendungsinhalte“ (Flechsig, in: Beck’schen Kommentar zum Rundfunkrecht, 3. Aufl. (2012), § 10 Rn. 22.).

    „Faktencheck“ (Nach wie vor ohne Hinweis auf die Fehler.)
    Mitteilung über die Entscheidung des Rundfunkrates (pdf)
    Anrufung des Rundfunkrates (pdf)
    Stellungnahme der Intendantin (pdf)
    Beschwerde des VDVC (pdf)
    Stellungnahme der Redaktion (Forum)
    Zur Sendung
    Originalzitat

9 Gedanken zu “Kampfpilot mit FIFA desensibilisiert – Sendeauftrag erfüllt!

  1. Zu Frank Plasberg fällt mir auch nichts mehr ein. In meinen Augen ein Politkasper (begründet auf seine Aussage bei Harald Schmidt zu seinem eigenen Wahlverhalten). Erstaunlich, wer sich so alles bei ihm an den Tisch setzt und „hart aber fair“ mitdiskutiert. Sie werden wissen, warum. Ich schalt da schon lange ab.

  2. „Der Rundfunkrat des WDR“ – damit erklärt sich für mich schon alles.
    Wie wäre es mal mit einer unabhängigen Institution zur Überwachung der Einhaltung der Mediengesetze?
    Alles andere wird hier in D. doch auch mindestens einmal überwacht, geprüft und reguliert.

  3. Die Difamierung gegenüher Spielen und Spielern kann noch so hart sein, es liegt angeblich niemals ein Verstoß vor, ein Schelm wer dabei böses denkt. Der Rundfunkrat gehört selbst mal auf dem Prüfstand, da stimmt einiges bei denen nicht, wenn die voreingenommen und parteiisch sind haben sie ihren Sinn und Zweck verfehlt.

  4. Ein Mittel gegen solche Lügen im öffentlich rechtlichen Rundfunk ist das Verweigern der Rundfunkabgabe.
    Gegen diese sind mehrere Gerichtsprozesse am Laufen, so das man mit guten Grund die Zahlung verweigern kann.
    Nach einigen Mahnungen bekommt man dann einen Gebührenbescheid, gegen den man Widerspruch einlegen kann. Wird dieser Widerspruch abgelegt, kann man gegen diese Ablehnung klagen.

  5. @Alreech
    Soweit es ich bisher gelesen habe, dürfte der Rundfunkbeitrag juristisch nur bei Ausnahmekonstellationen angreifbar sein: z.B. wenn es darum geht, wer wann nicht für Geräte im Dienstwagen etc. einen Beitrag zahlen muss. Die Zwangsabgabe für den Otto-Normal-Verbraucher könnte einer Kontrolle leider stand halten. Eine Verweigerung bedeutet hier nur, dass einem ein vielfaches an zusätzlichen Kosten für Anwälte, Mahngebühren und Gerichtsverfahren entstehen. Ich sehe hier mittelfristig schwarz. Langfristig sähe ich nur die Möglichkeit den Gesetzgeber dazu bewegen, durch deutlichere Vorschriften eine echte Kontrolle der Programmgrundsätze durch die Rundfunkräte sicheruzustellen. Es müsste schlicht klar gestellt werden, das es einen Verstoß gegen die Wahrheitpflicht darstellt, wenn unwahre Tatsachenbehauptungen verbreitet werden, sowie dass es Konsequenzen, wie beispielsweise eine Korrektur, geben muss.

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