Lesehinweis

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Der Jugendmedienschutz bei Gewalt darstellenden Computerspielen: Mediengewaltwirkungsforschung, Jugendschutzgesetz, Gewaltdarstellungsverbot & Moralpanik (pdf)Patrick – Vicarocha – Portz „Eine Zensur findet nicht statt“ Jugendschutz und Neue Medien (pdf) Jürgen – Pyri – Mayer Wahrheitspflicht der Presse: Umfang und Gewährleistung (Paywall)Matthias – Rey Alp – Dittmayer Der (a)soziale Bildschirm?
Vergleichsstudie zu Auswirkungen von Video- und Realspiel auf Kind-Kind-Interaktionen
(pdf)Melanie Hardt

11 Gedanken zu “Lesehinweis

  1. Dass gerade die juristisch Arbeit hinter nem Paywall steckt, bestätigt irgendwie all meine Vorurteile. Nichtsdestotrotz: Gratulation allen Absolventen im Umfeld von Stigma Videospiele und VDVC!

    PS: Die Geduld, die Geisteswissenschaftler bei der Quellenarbeit aufbringen (müssen), bewundere ich ja.

  2. @Patrick – Vicarocha – Portz:
    Was sagt dein Doktorvater dazu? Ich meine, die Arbeit ist klasse – wenn auch schwer zu lesen, so kann ich kaum etwas kritisieren. Du kommst völlig richtig und mehr als ausreichend begründet zu den richtigen Schlüssen, deine Quellen sind mehr als nur fantastisch recherchiert …
    ABER: Du kommst sehr oft (zu recht) zu dem Schluss, dass da Dinge wider der Verfassung wären. Meiner Erfahrung nach blocken genau an der Stelle gerade ältere Menschen gerne ab, weil der Staat ja nie etwas wider der Verfassung machen würde. Ich würde befürchten, dass ein konservativer Doktorvater da ggf. bei den Schlussfolgerungen nicht mitgeht und harsche Kritik äußern würde…

    Mit den übrigen Texten befasse ich mich die Tage…

  3. @ maSu:
    Entschuldige die späte Antwort, aber ich war im Urlaub. ^^
    Also erstmal vielen Dank für das Lob (schade, dass es immer noch schwer zu lesen ist). Was die Einstellung meines Doktorvaters betrifft, so läßt sich kurz sagen, dass er einfach nicht so konservativ (und auch nicht unbedingt sehr viel älter ist, d.h. Jahrgang ’68) und auch thematisch nicht vorbelastet ist und ihn meine Argumente Überzeugt haben, wenngleich meine Schlussfolgerungen für ihn z.T. etwas zu extrem waren (das bezieht sich aber vielmehr auf meine Kritik der Mediengewaltwirkungsforschung, nicht auf den juristischen Mittelteil der Arbeit), abesehen davon, dass er z.T. schon recht zynisch sein und einen schwarzen Humor fahren kann (ist ziemlich abgeklärt und weit von einer Autoritätshörigkeit entfernt). Ähnliches gilt für meinen Zweitgutachter, der meine rechtliche Argumentation für schlüssig hielt.

    Schade, dass hier keine angeregtere Diskussion stattfindet.

  4. … vielleicht hilft es ja, wenn ich hier das Abstract meiner Arbeit einfüge, damit man vor dem Lesen eine Ahnung davon hat, worauf man sich einläßt und ob man sich so viel Text überhaupt antun möchte:

    „Die vorliegende Studie widmet sich einerseits der Frage nach der Rechts- und Verfassungsmäßigkeit der Beschränkungen von Gewalt darstellenden Computerspielen im Rahmen des ordnungsrechtlichen Jugendmedienschutzsystems, wie auch des strafrechtlichen Gewaltdarstellungsverbotes in Deutschland. Andererseits interessieren sie auch die aktuelleren rechtspolitischen Versuche solche Spiele weiter zu beschränken. Insofern solche Beschränkungen generell mit der Behauptung legitimiert werden, dass Gewalt darstellende Computerspiele im negativsten Sinne direkt, wie indirekt aggressionsfördernde Wirkungen zeitigen könnten, wird im ersten Teil der Arbeit der aktuelle Stand der Computerspielgewaltwirkungsforschung kritisch analysiert: Es wird zunächst argumentiert, dass die Disziplin als Ganzes im Lichte relativ unelaborierter, unplausibler Mediengewaltwirkungsmodelle, eines so inkohärenten, wie äquivoken Forschungsstandes und gravierendster (endemischer) Probleme (z.B. bei der Messung der Mediengewaltexposition oder der Operationalisierung aggressiven Verhaltens, physischer Erregung, aggressiver Kognitionen, Emotionen und einer Desensibilisierung ggü. realer Gewalt) die Wirkungen Gewalt darstellender Computerspiele auf die Spieler noch gar nicht (adäquat) untersucht hat. Auch theoretisch und praktisch spricht nichts für (praktisch relevante) schädliche Wirkungen von solchen Spielen, so dass prohibitive Maßnahmen gegen dieselben auch nicht mit solchen Wirkungen legitimiert werden können. Vor diesem Hintergrund behandelt der zweite Teil der Arbeit die konkreten Maßnahmen zum Schutze der Jugend und der Allgemeinheit vor Gewalt darstellenden Spielen hinsichtlich ihrer Rechts- und Verfassungsmäßigkeit, d.h. das Indizierungsverfahren der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM), das Altersfreigabeverfahren der Obersten Landesjugendbehörden (OLJB) und das strafrechtliche Gewaltdarstellungsverbot nach § 131 StGB: Nicht nur wird die Rechtmäßigkeit der einzelnen Indizierungsentscheide und Beschlagnahmebeschlüsse, sondern wird auch die Verfassungsmäßigkeit der Indizierungsmaßnahme und des § 131 StGB insg. in Frage gestellt. Auch wird demonstriert, dass selbst das formaljuristisch freiwillige Altersfreigabeverfahren für Gewalt darstellende Computerspiele, die nur für erwachsene Spieler veröffentlicht werden sollen, Merkmale einer verfassungsrechtlich verbotenen Zensur aufweist; das Pan European Game Information (PEGI)-System wird als Alternative diskutiert. Der dritte und letzte Teil der Studie thematisiert die Entwicklung der politischen Debatten über Gewalt darstellende Spiele in Deutschland insb. innerhalb der Dekade nach dem sog. Amoklauf von Erfurt (26. April 2002). Das Hauptaugenmerk liegt auf einer Diskussion von drei Problemen: (1) Dem nach dem sog. Amoklauf von Emsdetten (20. November 2006) von der bayerischen Staatsregierung im Februar 2007 eingebrachten Entwurf eines Gesetzes zur Verbesserung des Jugendschutzes (JuSchVerbG), der der einzige konkrete Entwurf für weitere Verschärfungen des Jugendschutzgesetzes (JuSchG) und ein neues Gewaltdarstellungsverbot speziell für Computerspiele (§ 131a StGB) geblieben ist. (2) Dem Forschungsbericht Nr. 101 des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsens (KFN), einem Spiritus Rector des bayerischen Entwurfes und auch der Debatte insg., der die Angemessenheit der Alterseinstufungen von Gewalt darstellenden Computerspielen durch die deutsche Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) analysieren wollte. (3) Dem 1. Jugendschutzgesetzänderungsgesetz (1. JuSchGÄndG), d.h. der tatsächlichen Reform des JuSchG. Infolge der diskutierten Probleme des deutschen Jugendmedienschutz bei Gewalt darstellenden Computerspielen wird abschließend eine Liberalisierung desselben zur Disposition gestellt.“

  5. Hi vicarocha: okay, wenn Doktorvater und Zweitgutachter da mitgehen und zumindest offen für die Kritik am ganzen System sind, dann ist das schon eine zwingend nötige Voraussetzung für solch eine Arbeit ;)
    Das „schwer zu lesen“ liegt mMn daran, dass du gerne viele Fremdwörter verwendest und dazu auch oft sehr lange und verschachtelte Sätze nutzt. Ich muss aber zugeben: Es ist für mich nicht der erste Text, den ich von dir lese, daher „geht es“. ;)
    Interessant finde ich allerdings, dass deine Kritik zur Wirkungsforschung primär Gegenwind erhalten hat. Denn genau hier sehe ich pers. die geringsten Probleme, da die meisten Studien sich eigentlich selbst entlarven und von idiotischen Annahmen ausgehen (erhöhter Puls = Aggressivität, weil körperliche Anspannung/Anstrengung ja nie zum erhöhten Puls führen usw usf).
    Aber das mag auch daran liegen, dass ich selbst die Meinung vertrete, dass Medienwirkungsforschung oft auf dem Niveau von Kaffeesatzleserei stattfindet – insbesondere von den üblichen Verdächtigen (Hopf, Lukesch, Weiß und Co) -.-

  6. @maSu
    Es ist eigentlich nichts besonderes, dass Dinge verfassungswidrig sind. Politiker machen andauernd verfassungswidrige Gesetze: z.B. die Vorratsdatenspeicherung, die Ermächtigung zum Abschuss von Passagierflugzeugen, der große Lauschangriff etc. Die Politik versucht sich danach dann erneut das verfassungsgemäß hinzubekommen ode rlässt es. Selbst unsere Wahlen zum deutschen Bundestag sind bis zum letzten mal auf der Basis eines verfassungswidrigen Gesetzes erfolgt. Der Vorwurf, dass etwas wie z.B. das Verbot des § 131 StGB verfasswidrig sein könnte, ist also kein Affront, sondern recht gewöhnlich. Auch ist die Verfassung bis auf den Kern der jeweiligen Grundrechte nicht „heilig“, sondern kann geändert werden. Dass wird sie auch öfters. Zum Beispiel bei der Änderung zur Unverletzlichkeit der Wohnung.

  7. Rey: Naja, dass das BVerfG vel zu tun hat angesichts der geballten Kompetenz im Bundestag ist in der Tat nichts neues. Aber: §131 StgB und Co. gibt es schon extrem lange. Unser Jugendschutz wird permanent gelobt oder gar für zu lasch empfunden. Kritik er wäre zu restriktiv ist selten und meist auch von weniger prominenter Seite.
    Es ist zumindest meine Erfahrung, dass wenn ich Menschen erkläre, dass nur Spiele, die bereits nicht legal in Kinderhände gelangen können, indiziert, beschlagnahmt, .. werden können, die meisten darauf nur sagen: „Ne das kann nicht sein.“ und wenn ich dann noch erwähne, dass die Gremien da teils im Geheimen abstimmen (BPJM) und Gewaltverherrlichung nie beweisen können, sondern meist nur einige Gewaltspitzen als Anlass sehen, dann fallen die Reaktionen nochmals heftiger aus im Sinne von „das ist doch Unsinn, sowas kann nicht sein, du redest mist!!!“.
    Wenn ich dann noch mit Kunstfreiheit und Verfassung ankomme, dann steigen 99,99% der Leute komplett aus und sagen meist nur: „So und du willst mir nun sagen, dass da seit Jahren oder gar Jahrzehnten Kunstfreiheit und Co ignoriert werden? NIEMALS!!!“

    Dann kommt die schöne „Es darf nicht sein, was nicht sein darf“-Mentalität und das war es. :X

    So meine Erfahrungen. D.h. ich würde bei einem Doktorvater (gerade der eher älteren Generation) auch solche Befürchtungen haben.

  8. Also speziell beim § 131 StGB gab es ja auch schon verfassungswidrige Überdehnungen des Tatbestandes, indem auch Gewalt gegen Zombies einbezogen wurde: Deswegen wurde der Tatbestand ja um „menschenähnliche Wesen“ ergänzt. Also auch hier ist das nichts neues. Dass die Allgemeinheit darüber, wie Spiele in die Geschäfte gelangen nicht viel weiß, ist nichts neues.

  9. Vic, erstmal herzlichen Glückwunsch zur Promotion, hoffe du hast dein Summa gekriegt? Hab jetzt Kapitel 1 gelesen, und muss sagen der Eindruck, den du in unseren Diskussionen hinterlassen hast hat sich voll bestätigt. Für mich die beste Dissertation die ich je gelesen habe. Die Zusammenfassung der Forschungsproblematik ist nicht nur inhaltlich umfangreich und tiefgründig, sondern auch rhetorisch klasse. Unheimlich dicht und konzentriert aber dennoch fast immer einfach lesbar, nicht normal angesichts des schwierigen Themas. Alleine schon der Umfang der Kritik (und die Masse der Studien, die du evaluiert hast) sind eine große Leistung. Ich habe ein paar (kleinere) Kritiken/Anmerkungen zu dem Teil. Ich weiß nicht ob du Interesse hast die einzeln durchzugehen? Insgesamt komme ich, wie denke ich abzusehen ;-), nicht überall zu den selben Schlussfolgerungen wie du, vor allem wundert es mich im Nachhinein, dass die (für mich als Empiriker) stärksten Gegenargumente (S. 54ff.) bisher fast nie in der Diskussion hier erwähnt wurden. Aber ich schätze auch das hat mit der jeweiligen Prägung auf den Forschungsgegenstand zu tun.
    An der Stelle vielleicht noch eine kleine Anmerkung (gerade falls wir uns doch noch über meine Kommentare auslassen sollten): Nur, weil ich hier schon öfters die Kritik an der MGWF durchleuchtet und kritisiert habe, heißt das nicht im Umkehrschluss, dass ich die Meinung der Kritiker teile, also dass ich die Effekte in der Form anerkenne. Das sind 2 Paar Stiefel.

    PS: schlägst du jetzt die hoffnungsvolle akademische Karriere ein?

  10. Auf gegenständlicher Ebene liegen aus meiner Sicht die größten Probleme darin diesen (Gegenstand) überhaupt zu erfassen. Aktuelles Beispiel „Medal of Honor“ beim VG Köln aus dem Forum – zum Beispiel im PDF der BPJM: http://www.bundespruefstelle.de/bpjm/redaktion/PDF-Anlagen/bpjm-aktuell-medal-of-honor-rechtsmae_C3_9Fig-indiziert-aus-04-13,property=pdf,bereich=bpjm,sprache=de,rwb=true.pdf
    Der Text liest sich so, als ob da geklagt wurde weil überhaupt ein Videospiel indiziert worden ist. Alles läuft darin (auch) auf eine Grundsatzdebatte hinaus, ob und wie Spiele negativ wirken, welche schließlich tendenziell zumindest eher positiv beantwortet wird – für das Gericht jedenfalls schon ausreichend.
    Aber darum ging es bei „Medal of Honor“ doch gar nicht, sondern vielmehr um die Frage weshalb ausgerechnet dieses eine Spiel indiziert wurde, aber ein anderes aus demselben Genre das vielleicht in einer ähnlichen Zeit und einem vergleichbarem Setting angesiedelt ist unter Umständen sogar eine Jugendfreigabe erhalten hat, denn die Bandbreite der Folgen einer Einschätzung von Videospielen reicht in Deutschland ja so weit. Also da wird eine Diskriminierung offenbar doch gefühlt, aber diese nicht (ausreichend) artikuliert. Weil sonst gäbe es so einen eigenen Fall „Medal of Honor“ ja gar nicht – ist ja auch nicht der erste indizierte Titel gewesen.
    Ich frage mich schon wie falsch da argumentiert wurde, wenn dennoch allgemeine Ergebnisse aus der Wirkungsforschung referiert werden, wobei erfahrungsgemäß oft stereotypische „Gewaltspiele“ herangezogen wurden um diese wenn dann gegen ebenso vermeintlich „harmlose“ wie „Die Sims“ zu vergleichen. Doch für oder gegen den (deutschen) Markt eingestuft wurden alle Spiele entweder schon vorher oder werden das sonst halt womöglich irgendwann auch erst später, und gerade die BPJM ließ zuletzt ja sogar noch einige ältere Shooter vorläufig streichen, wobei es dann zu keinen Klagen kommt weil so ja alle (außer die welche radikal gegen viele Gewaltdarstellungen sind) zufrieden sind.
    Also unter dem euphemistischen Deckmantel einer Differenzierung werden dabei systematisch Unterscheidungen vorgenommen, deren Grundlage oft genug reine Willkür zu sein scheint oder ein überaus einseitiges ästhetisches Empfinden, das dann so Zuschreibungen vornimmt wie andere Menschen indirekt als „verroht“ zu bezeichnen etc. Die Zeit als etwa sämtliche Ego-Shooter erstmal indiziert wurden liegt ja schon zwanzig Jahre zurück, das heißt schon zu Erfurt-Zeiten war es etwa so dass blutleere Titel wie „Battlefield 1942“ dann später Jugendfreigaben bekamen, also Titel in denen Spielziele auch ohne Tötungen erreicht werden konnten. Und abgesehen von „Killerspiel“-Totalverboten wurden die etwa auch nicht weiter diskutiert als es vorher (im Mai 2002) etwa darum ging CS (nicht) zu indizieren.
    In etwa Amerika ist das wohl anders, weil dort fast alle inkriminierten Spiele als Industrienorm mittlerweile das M-Rating der ESRB tragen, das heißt auch als Vereinheitlichung. Aber für den Diskurs in Deutschland halte ich diesen Umstand unterschiedlicher Behandlungen für enorm wichtig – jedenfalls für nicht zu unterschätzen.

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