Mediengewalt e.V.: Spiegel-Artikel sei „schwerer journalistischer Fehler“

(mediengewalt.eu) Nicht nur einige Gamer, sondern auch Spielegegner stören sich an der aktuellen Berichterstattung des Spiegels über Videospiele. Anlass sind die Artikel „Die Jünger von Littleton“ (Der Spiegel 48/2013, S. 47, 47.) und „Du sollst spielen!“ (Der Spiegel 03/2013, S. 60, 63.) der aktuellen Ausgabe. In beiden Fällen werden auch die Auswirkungen gewaltdarstellender Videospiele thematisiert – jedoch anders, als üblich.

Die Kriminologin Bannenberg urteilt, dass „Gewaltspiele […] nicht automatisch Gewalt aus[lösen]“, sondern Tätern allein „eine enorme Projektionsfläche“ bieten würden.

Dr. Rudolf H. Weiss sieht in einer Stellungnahme hier die „medial induzierten psychodynamischen Prozesse bei den Amoktätern […] nur unzureichend gewürdigt“:

    „Auch ‚Gewaltspiele lösen nicht automatisch Gewalt aus‘, sie können aber den Hass verstärken, die Gewaltspirale in Gang bringen, für den Tatablauf eine Handlungsanweisung bieten aber auch den Tropfen darstellen, der das Fass des Hasses zum Überlaufen bringt.“

In der aktuellen Ausgabe werden ausnahmslos Studien angegeben, nach denen keine negativen Effekte belegt sind. Demnach würden Videospiele, wenn „sie allein gespielt werden, keinen Einfluss auf das Aggressionspotential haben“. Von Mehreren gespielt verringere sich das Aggressionspotential „unabhängig davon, ob die Spiele gewaltdarstellend sind oder nicht“. Weiter hätten sie „keinen Einfluss haben auf Affekthandlungen“. Auch wenn gewaltdarstellende Videospiele „in Einzelfällen“ zu Gewalttaten führen mögen, sei der Nachweis problematisch:

    „[…] Es sei selbst in diesen Fällen sehr schwer zu klären, was zuerst da war: ein krankes Spiel, das einen psychisch intakten Menschen in einen Täter verwandelte – oder ein psychisch Angeschlagener, den ein gewaltdarstellendes Spiel über die Klippe trieb.“

Hieran nimmt Weiss in einem Blogeintrag Anstoß. Aus dem Artikel spreche „unkritische Naivität, Beliebigkeit und Einseitigkeit“. Es sei „ein schwerer journalistischer Fehler […] mit einer derart unqualifizierten Titelgeschichte auch noch den Spieleherstellern, die ihr lukrativstes Geschäft mit ihren brutalen Gewaltspielen machen, ihren Segen zu erteilen“. Der Vorwurf:

    „Man findet so gut wie nichts von den vielen seit Jahren existierenden seriösen und belastbaren Ergebnissen der Medienwirkungsforschung, die in anerkannten wissenschaftlichen Zeitschriften sowie als Metaanalysen veröffentlicht wurden, und in denen erhebliche Gewalt- und suchtfördernde Effekte und sogar auffällige neuronale Veränderungen im Gehirn, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, durch brutale Computerspiele und deren Dauerkonsum nachgewiesen wurden.

    Wurden die negativen Einflüsse von Computerspielen von den Autoren etwa verdrängt – oder gar nicht recherchiert? Oder sind die Autoren sogar gezielt selektiv und ignorant vorgegangen? Es liest sich wie der Beitrag eines PC-Games-Journals im Internet und gehört eigentlich in die Rubrik “Marktstrategie der Spielekonzerne“.“

Weiss hat seine Kritik als Leserbriefe beim Spiegel eingeschickt – der erste wurde nicht abgedruckt, beim zweiten wird es die nächsten Ausgabe zeigen.

    Leserbrief zu „Die Jünger von Littleton
    Leserbrief zu „Du sollst Spielen“

    (Dank an hecterspecter.)

6 Gedanken zu “Mediengewalt e.V.: Spiegel-Artikel sei „schwerer journalistischer Fehler“

  1. Oha, Dr. Weiss versucht sich über den Spiegelartikel ein wenig zu profilieren, nicht überraschend wenn man bedenkt daß er dazu auch Amokläufe hernimmt.

  2. Ich muss immer lachen, wenn der Herr Weiß von den ominösen belastbaren und zahlreichen Studien spricht.

    Mir drängt sich fast das Thema einer neuen Studie auf: „Macht der peinliche Versuch Videospiele um jeden Preis zu diskreditieren dick, dumm, einsam und traurig?“.

    Leider wird die Anzahl der Studienteilnehmer zu gering sein um belastbare Ergebnisse zu erzielen, dafür fällt die Datensammlung auf mediengewalt.eu unglaublich leicht… da öffnen sich gleich ganze Forschungsfelder, die Generationen von Menschen beschäftigen werden – mit Kopfschütteln.

  3. Nachtrag:
    Noch witziger finde ich im übrigen, wenn jemand wie Weiß permanent von dem einen einzigen Tropfen redet, der das Fass zum Überlaufen bringt, sich aber einen Dreck darum kümmert, wie ein ganzes Fass erst voll werden konnte.

    Da fehlt doch so langsam jeglicher Bezug zur Realität und es ist auch nicht gerade eine gelungene Demonstration von der Fähigkeit, logisch zu denken Denken oder allgemein einem gesundem Menschenverstand

  4. Ein kleine Überspitzung ist hier angebracht:

    Rudolf Weiß erinnert mich immer mehr an die Kreationisten in den USA. Denen kann kann man mit allen möglichen Argumenten kommen, dass Evolution existiert, sie werden sich trotzdem niemals davon überzeugen lassen: „Die Bibel sagt was anderes, die Bibel hat Recht!“
    Rudolf Weiß zieht sich ebenso auf seine (fachlich oftmals lückenhaften) Studien zurück: „Meine Studien sagen was anderes, meine Studien haben Recht!“

    Sämtliche Diskussionen mit den Vertretern dieser Glaubensrichtung (Weiß, Pfeiffer usw.) sind absolut sinnfrei geworden. Diese Personen werden sich niemals vom Gegenteil überzeugen lassen.

  5. Mag ein bisschen OT sein aber: Ich frage mich was wohl Thomas Bangalter und Guy-Manuel de Homem-Christo (aka Daft Punk) davon halten das mediengewalt.eu, ganz offensichtlich, eines ihrer Bilder fürs Homepage basteln verwendet haben?

    Auf der Hauptseite, in dem Banner links oben, das ist ganz eindeutig eine der Daft Punk Masken. Wurde wohl benutzt weil es so toll nach „Killerroboter“ aussieht?!

    Wäre doch zumindest für eine Abmahnung nach Urheberrecht gut? Auf ganz blöd ließe sich sogar auf Schadensersatz für Daft Punk spekulieren. Immerhin wird durch diesen Banner der Eindruck vermittelt die Mediengewalt e.V. stehe in irgendeiner Beziehung zur Band Daft Punk. Würde ich zu Daft Punk gehören würde ich dies als Ruf schädigend einstufen..

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