Zeit unterschlägt „Dance Dance Revolution“

(zeit) Der Satz, dass sich alle Amokläufer von von Gewaltdarstellungen in Computerspielen angezogen fühlten, liest sich schön – stimmt jedoch nicht. Bei „Tipps für die Presse“ weisen wir Journalisten schon seit 2009 darauf hin. So kam unter anderem eine amerikanische Studie, die Taten zwischen 1974 und 2001 untersuchte, zu dem Ergebnis, dass nur 12 % der Täter ein Interesse an gewaltdarstellenden Videospielen hatte:

    „One-eighth of the attackers exhibited an interest in violent video games (12 percent, n=5).“

    (Vossekuil/Fein/Reddy/Borum/Modzeleski, THE FINAL REPORT AND FINDINGS OF THE SAFE SCHOOL INITIATIVE: IMPLICATIONS FOR THE PREVENTION OF SCHOOL ATTACKS IN THE UNITED STATES (pdf), Washington 2002, S. 22.)

2009 stellte Dr. Jens Hofmann bei einer Untersuchung der Amokläufe zwischen 1999 und 2006 in Deutschland fest, dass von 7 Tätern „nur“ 4 „große Teile der Freizeit“ mit gewaltdarstellenden Videospielen verbrachten.

Auch seit dem spielte nicht jeder Täter gewaltdarstellende Videospiele. Bei Blacksburg (2007) spielte der Täter beispielsweise nur harmlose Videospiele „like Sonic the Hedgehog“:

    “He was enrolled in a Tae Kwon Do program for awhile, watched TV, and played video games like Sonic the Hedgehog. None of the video games were war games or had violent themes.”

    (Mass Shootings at Virginia Tech: Report of the Review Panel, 2007.)

Bei der Zeit ist der Autor der Problematik aus dem Weg gegangen, in dem er – zumindest dem Kontext nach – seine Aussage nicht auf alle Amokläufe, sondern nur auf die von ihm aufgezählten bezieht:

    „Sie alle [Eric Harris, Robert Steinhäuser, Tim Kretschmer und Adam Lanza] aber sind Außenseiter und werden in der Schule gemobbt. Alle fühlen sich von Gewaltdarstellungen in Computerspielen oder Filmen angezogen.“

Aber auch diese Auswahl erscheint etwas unglücklich. Adam Lanza hat nach dem offiziellen Untersuchungsbericht zwar eine Reihe gewaltdarstellende Videospiele – darunter auch zwei in Deutschland verbotene – genutzt, doch bei der Zeit verschweigt man den Lesern, dass seine Leidenschaft anderen Spielen galt:

    „One person described the shooter as spending the majority of his time playing non-violent video games all day, with his favorite at one point being “Super Mario Brothers.“

    […]

    „The shooter liked to play a game called “Dance Dance Revolution” (DDR), which is a music video game in which the player stands on a platform, watches a video screen and moves his feet as directed by the video. A home version of this was seen and photographed in the shooter’s home. Several videos of im playing DDR were found on digital media taken from the home.“

    Zum Artikel

12 Gedanken zu “Zeit unterschlägt „Dance Dance Revolution“

  1. Warum verschweigen die denn das?
    Das Spiel bei dem man sich so prima Knie und andere Gliedmaßen ausrenken kann! (Wer es noch nicht kennt, unbedingt mal spielen wenn man die Gelegenheit hat) Aber Achtung! wenn Dance Dance Revolution nicht aggressiv macht dann weiss ich auch nicht. Echte Schmerzen durch ein Videogame! Und nicht nur in den Händen wie bei Guitar Hero zB, sondern im ganzen Körper! :D

    Gruß
    Aginor

  2. Auch selbst wenn ich jetzt vielleicht eine negative Aussage mache, aber ich finde die Studie aus Amerika aus dem Jahr ein relativ schwaches Beispiel.
    1974 gab es zwar schon die Magnavox Odyssee, jedoch konnte man bei derrer Leistungskraft noch kaum von Gewaltdarstellenden Videospiele reden, und die erste weitere Verbreitung von Videospielkonsolen (in den USA) kam auch erst durch das Atari 2600. Und Heimcomputer waren in den 70ern auch noch nicht sehr verbreitet, sofern ich nicht falsch liege.
    Deswegen kommt die Studie eventuell auf 12%.

    P.S.: Ich habe die Studie jetzt nicht durchgelesen, da mein Englisch nun auch nicht überragend ist, und ich wollte damit auch nicht behaupten das alle Amokläufer doch GEwaltdarstellende Videospiele oder Computerspiele gespielt haben.

  3. Eigentlich kein so falscher Ansatz, TheRealWinston, aber eine Sache möchte ich dazu anmerken. Du schreibst:
    „jedoch konnte man bei derrer Leistungskraft noch kaum von Gewaltdarstellenden Videospiele reden“
    Das ist nach allem was wir wissen in gewisser Weise ein Trugschluss.
    Selbst lächerlich simple Darstellungen wurden in der Vergangenheit von den Zensurbehörden als „erschreckend realitätsnahe Darstellung von Tötungshandlungen“ oder Verherrlichung/Verharmlosung von Krieg bezeichnet.
    Wenn ich das nicht wüsste, würde ich evtl. ebenso argumentieren wie Du, würde mir jemand erzählen dass ein im Jahre 1982 auf dem Atari2600 veröffentlichtes Videospiel indiziert wurde (das bekannte River Raid).
    2002 wurde die Indizierung aufgehoben, und das Spiel wurde von der USK sogar als „ab 0“ gekennzeichnet.
    Aber offensichtlich war man damals der Meinung, dass die technischen Möglichkeiten ausreichen, um Gewaltverherrlichtung o.Ä. in ein Spiel einzubauen. Und ähnliche Spielprinzipien wie in River Raid gab es auch schon in den 70ern.

    Gruß
    Aginor

  4. @Mars
    Wie gesagt, es gab schon in den 70ern den ersten Shooter und eine erhebliche Anzahl der Taten geschah, nachdem es mit „Wolfenstein 3D“ auch „echte“ Shooter gab. Es ändert sich damit somit nichts daran, dass in einem Zeitraum, in dem es gewaltdarstellende Videospiele gab, die Mehrheit der Täter diese nicht genutzt hat. Auch Columbine geschah 1999 und somit 2 Jahre vor Ende des Zeitraums. Ich argumentiere ja auch nicht nur mit diesen Zahlen, sondern auch mit diesen (für dne entsprechenden Zeitraum). Wissenschaftler verweisen übrigens auch über die Wirkung von gewaltdarstellenden Videospielen gerne auf Studien aus dem letzten Jahrtausend^^.

  5. Es ist wohl einfach nicht von der Hand zu weisen, dass zumindest überwiegend ein Interesse bestand. Alles andere ist doch auch absurd: wer an einer Sache wie Gewalt interessiert ist, wird sich auch – zunächst egal in welcher Form – damit beschäftigen. Das ist bei anderen Themen genauso. Die Frage ist vielmehr was mit den Inhalten und dem Rest (der Bevölkerung) geschieht – wie konstituiert sich ein Rechtfertigungsdruck, welche (positiven) Inhalte werden sonst leichter akzeptiert, wie funktionieren dabei Verdrängungsmechanismen dunkler, negativer Seiten in Menschen, sollen Darstellungen letztlich aussehen.
    Und dann kommt noch die Demoskopie „Männer unter 40“ hinzu, eine technisch orientierte Veranlagung wie die bloße Affinität zu Gerät – siehe auch den Link zu einem Breivik-Artikel der kürzlich im Forum gepostet wurde. Da spielen ebenfalls Rationalisierungshypothesen eine nicht zu unterschätzende Rolle – wie etwa dass Gewalt für die Täter Probleme dahingehend lösen würde, dass „Störfaktoren“ euphemistisch „ausgeschaltet“ werden.

  6. @Rey
    Die Frage ist für mich eher wovon Du eigentlich ausgehen willst. Wie Aginor schon gesagt hat, wurde auch ein „River Raid“ mal indiziert, später aber für jugendfrei (tatsächlich sogar USK-0 wenn ich mich richtig erinnere) erklärt. Damals reichte vielleicht ein Hintergrund im Beipackzettel, welcher aus der Darstellung nicht einmal ersichtlich sein mochte (Kriegsspiel im fernen Osten).
    Und die Behauptung, dass etwa „Super Mario“ kein „Gewaltspiel“ wäre übernimmt damit auch nur unkritisch aktuelle Sichtweisen – Sichtweisen die viellicht zwar auch die BPjM schon 1985 (als „Super Mario“ ursprünglich erschien) teilte, welche aber keineswegs einem Sachverhalt entsprechen müssen. Für das KFN mag etwa „Die Sims“ positiv „harmlos“ sein, und damit dienen es einem „Gewaltspiel“ gegenüber zu stellen, dennoch können darin auch Menschen systematisch verbrannt werden oder versucht, sie dem Hungertod zu überlassen – was in einem Shooter oft nicht einmal möglich ist.
    Die Behauptung „es gibt“ oder „es gab“ ist aus wissenschaftlich-historischer Sicht überhaupt schwach. Grundlegender finde ich da schon ein allgemeines Interesse an Videospielen – sicher ist ein Tanzspiel wie DDR noch weniger ein „Gewaltspiel“ oder ein Musik-Shooter/Prügelspiel – dennoch gebe ich das zu bedenken.

  7. @Rey: Jo, aber es gibt Erkenntnisse die mit der Zeit an Relevanz verlieren, andere nicht. Aber es kommt wie immer sehr drauf an welche Aussage man mit der Studie stützen will.

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