„focus“ – Medienberichte mit Wirklichkeit verwechselt

(focus) Der „focus“ stellt „die größten Zeitfresser des Gamings“ vor, wobei der First Person Shooter CounterStrike wie folgt beschrieben wird:

focus

Mit der Formulierung, dass die Täter von Erfurt und Emsdetten nach Medienberichten CounterStrike-Spieler gewesen seien, bringt der Autor das die Debatte um „Killerspiele“ prägende Dilemma unfreiwillig auf den Punkt:

Es gab tatsächlich viele dahingehende Berichte – darunter auch des „focus“.

Zu Erfurt:

    „Nach FOCUS-Informationen wird die von Attentäter Steinhäuser gespielte Terroristenjagd „Counter-Strike“ am 16. Mai indiziert.“

    (Axel Wolfsgruber/Cathrin Günzel/Frank Lehmkuhl/Thomas Röll/Thomas Zorn, Morden und metzeln, focus Nr. 19 vom 06. Mai 2002, S. 28.)

Und zu Emsdetten:

    „Tragische Vorfälle wie der jüngste Amoklauf des „Counter-Strike“-Spielers Bastian B. aus Emsdetten bringen Shooter-Spiele in Misskredit (siehe S. 40, 44) und schrecken potenzielle Geldgeber ab.“

    (Noelani Waldenmaier, Geld und Spiele, focus Nr. 48 vom 27. November 2006, S. 208.)

Jedoch war in Wirklichkeit keiner der Täter ein Spieler von CounterStrike, worauf wir in dem Beitrag „Tipps für die Presse“ bereits seit 2009 hinweisen.

Im Fall von Steinhäuser wurde dies im offiziellen Untersuchungsbericht ausdrücklich betont:

    “Counterstrike hat Robert Steinhäuser nach den Angaben seines zuletzt besten Freundes B deshalb nicht gespielt, weil es kein Spiel war, dass ihm Spaß gemacht hätte und es brutalere Spiele, wie z.B. “Soldier of Fortune” gegeben habe.”

    (Gasser/Creutzfeldt/Näher/Rainer/Wickler, Bericht der Kommission Gutenberg-Gymnasium – pdf)

Der Täter von Emsdetten stellte dies in einem Forum – unter seinem Pseudonym „ResistantX“ – sogar persönlich klar:

    „ResistantX: […] 2. Spiele ich nicht CS, sondern mappe nur! (Natürlich teste ich sie in CS)“

    (Ganz, Counterstrike.de zum Amoklauf in Emsdetten, 4players.de v. 22.11.2006.)

Weiter hat, entgegen der Ankündigung des „focus“, die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (damals noch „Schriften“) die Indizierung CounterStrikes abgelehnt.

Die Aussage ist genaugenommen also richtig: Grund für die „Killerspiele“-Vorwürfe an CounterStrike ist der Inhalt von Medienberichten und nicht die Wirklichkeit. Es wird den Lesern allein suggeriert, dass diese Punkte gleichbedeutend seien.

    Zum Artikel

6 Gedanken zu “„focus“ – Medienberichte mit Wirklichkeit verwechselt

  1. Ist doch klasse gelöst: Man verbreitet erst selbst das Märchen, dass alle/viele/die meisten/… Amokläufer CounterStrike gespielt haben.

    Und dann sagt man „Nach Medienberichten haben alle/viele/die meisten/… Amokläufer CounterStrike gespielt“ und beruft sich dabei natürlich auf die Märchen, die man selbst vorher verbreitet hat :)

    Ist doch wie bei unseren so genannten Wissenschaftlern, dieser extrem kleine pseudo-elitäre Club der sich auch gegenseitig im Kreis zitiert und ganz dolle Recht haben muss, schließlich hat der Typ rechts neben einem es ja bestätigt :P

  2. Ich hab mir auch mal „Day of Defeat“ gekauft nur um mir die Karten, das Figurendesign und deren Waffen genau ansehen zu können. „Gespielt“ hätte ich es demnach aber auch nie. Bei CS ist das bei mir dann gewissermaßen sogar ähnlich.
    Wie soll also bei einer Beschäftigung mit Videospielen zwischen „spielen“ und einer anderen Tätigkeit auch unterschieden werden? Ebenfalls wüsste ich nicht wie relevant es sein soll ob Steinhäuser nun das populäre CS oder ein weniger bekanntes, öffentlich potentiell noch mehr gescholtenes, eher inkriminiertes Game verwendet hat, dann gibt es statt dem „Stigma CS“ halt das „Stigma SOF“.
    Bloß einen Sündenbock anderer Farbe, aber immer noch die gleiche Tiergattung. So what?
    Das mag zwar ein interessantes Detail sein und weist etwa darauf hin, dass er weniger an Spielen als an Gewalt(darstellung) interessiert war, doch wir sprechen hier von einer Öffentlichkeit welche oft nicht einmal „Battlefield“ von „World of Warcraft“ auseinander halten kann – insofern empfinde ich das hier kritisierte sogar schon als vorbildliche Berichterstattung.
    Ich finde auch, dass das noch mehr diskriminiert: dann gibt es das „gute“ CS und die bösen Attentäter-„Killerspiele“ der Mörder.
    Und gewissermaßen ist der Manipulation dereinst ja ebenfalls die BPjM gefolgt, als sie den gern in Zusammenhang mit hehren Werten wie „Sport“ und „sozialem Gemeinschaftssinn“ zusammengebrachten Titel CS nicht indizierte.
    Auch keine Ahnung was dadurch gewonnen werden soll, wenn behauptet wird jemand (in dem Fall noch dazu ein späterer anderer Täter) hätte vielleicht zwar geholfen beliebte Karten herzustellen, nur diese nicht selbst „gespielt“. Der Typus eines Autobauers ohne Führerschein (so jemanden kannte ich mal sogar), wenn schon keines vegetarischen Fleischers etc.

  3. @Pyri
    Die tatsächlichen Hintergründe sind m.E. aus mehreren Gründen relevant:
    – Die Bezeichnung des Focus der Täter als „Spieler“, suggeriert, wie auch die Wiedergabe der Spielinhalte, dass er mit dem Titel die Tat „geübt“ bzw. sich allgemein Gewalt „antrainiert“ habe. Vor dem Hintergrund der Betätigung als „Mapper“, der das Spiel bloß zur Begehung der kreierten Karten nutzt, dürften diese Vorstellungen nicht tragbar sein.
    – Welches Spiel genutzt wurde ist bereits aus rechtlichen Gesichtspunkten relevant. Die forcierte Einführung verbindlicher Alterskennzeichnungen von Videospielen wurde unter anderem damit begründer, dass das „Killerspiel“ CounterStrike für Minderjährige legal erhältlich gewesen sei. Bei Soldiers of Fortune hätte das Argument nicht gegriffen, da der Titel indiziert und damit auch schon nach der damaligen Gesetzeslage für Minderjährige nur bedingt erhältlich war.

  4. Also wer den virtuellen Schießplatz baut ist nicht dafür verantwortlich wenn dort „geübt“ wird. Genau das kann ich halt nicht nachvollziehen: im Gegenteil finde ich es sogar noch viel schlimmer, wenn der „Mapper“ ein späterer Täter war. Denn das Publikum von dessen Karten ist bei dem Täter dann sogar nicht nur gewissermaßen, sondern eigentlich wortwörtlich, das heißt als Bauwerke, „in die Schule gegangen“.
    Das zweite betrifft wohl eine Rechtfertigungslogik die ich zuletzt bereits hier anzusprechen versucht habe http://stigma-videospiele.de/wordpress/2014/02/01/zeit-unterschlaegt-dance-dance-revolution/#comment-44932 : und demnach wäre die Situation in jedem Fall besser, würden sämtliche Spiele die als Vorbilder für Verbrechen Minderjähriger in Frage kämen, einfach über den Jugendschutz ausgegrenzt. Und man bei Grenzfällen wie CS bloß froh, dass kein besonderes Interesse bestand. Denn dann kann formal immer gesagt werden, dass etwas sowieso nicht gespielt hätte werden dürfen. Doch gerade das kann glaub ich nicht gesagt werden und würde beim „Stigma Videospiele“ immer nur zu mehr Verboten führen, weil eben schonmal überhaupt nicht eingrenzbar ist ab wann „Gewalt“ im Spiel wäre und was dahingehend positiv „harmlos“.

  5. „worauf wir in dem Beitrag “Tipps für die Presse” bereits seit 2009 hinweisen.“

    Liest denn die Presse diese Seite? Es ist doch irrelevant wann ihr eure Beiträge geschrieben habt, solange sie eh keiner von den angesprochenen Personen(-gruppen) wahrnimmt.

    MfG

  6. @Thomas
    Ich habe schon Reaktionen darauf (also damals bereits) vernommen, nur waren diese allesamt negativ. Ich hatte den Eindruck sich nicht auf den Schlips treten lassen zu wollen und für ein demokratisches Gespräch etwa jenseits autoritärer und dementsprechend publikumswirksamer Podiums“diskussionen“ überhaupt nicht empfänglich zu sein – man hält sich für überlegen, regelrecht unantastbar und möchte sich bei Meinung und Arbeit keinesfalls dreinreden lassen. Wie manipulativ und ausschließlich bestimmten Mustern folgend diese selbst auch immer wäre –

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