Korrektur: “ZDF heute journal” dpa macht Amokläufer süchtig

Anlässlich der Behauptung, dass Tim K. „süchtig nach Computerballerspielen“ gewiesen sei, sendete das „ZDF heute journal“ am 11.03.2014 einen mehrminütigen Beitrag über Computerspielsucht. In diesem stellte Rainer Fromm Patienten der AHG Klinik Münchwies vor, bei der wegen pathologischem PC- bzw. Internetgebrauchs pro Jahr mehr als 100 Spielsüchtige therapiert würden. Die Betroffenen würden täglich 12 – 16 Stunden im verdunkelten Zimmer zocken, hierbei den Tagesrhythmus ebenso wie den Kontakt zu ihrem Umfeld verlieren und ihre schulischen Leistungen vernachlässigen.

Es wird insbesondere wegen der Überleitung Claus Klebers – Computerspielsucht sei zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, über das nicht genügend gesprochen werde – der Eindruck erweckt, dass Tim K. an einer solchen Computerspielsucht von pathologischem Wert gelitten habe. Diese Information ist überraschend, weil Staatsanwaltschaft, Polizei und der vom Landtag eingesetzte Expertenkreis Amok zwar festgestellt hatten, dass der Täter „zu Hause […] viel Zeit am Computer“ verbracht habe, aber nicht von einer Computerspielsucht sprachen (Bericht „Expertenkreis Amok“, S. 12.).

Da meine Anfrage nach einer Quelle zunächst unbeantwortet blieb, nahm ich an, dass sich das ZDF auf eine Pressemitteilung der dpa vom 28.09.2010 stützt (dpa, Amokläufer war süchtig nach Ballerspielen, focus.de v. 28.09.2010.). Auch wenn es in der Überschrift heißt, dass der „Amokläufer […] süchtig nach Ballerspielen“ war, wird dies im weiteren Text relativiert. Demnach gab der Hauptsachbearbeiter der Polizei Waiblingen lediglich an, dass der Täter nach Angaben eines Freundes gerne „Counter-Strike“ gespielt habe – er „ging in dem Spiel voll“. Die dpa zeigte sich wegen dieser Aussage davon überzeugt, dass der Täter „geradezu süchtig nach Computer-Ballerspielen“ gewesen sei, während andere Medien sich zurückhielten. So heißt es beispielsweise bei Spiegel Online unaufgeregt, dass der Täter „oft das Computerspiel „Counterstrike“ gespielt“ habe (Julia Jüttner/AP, Amoklauf von Winnenden: Laut Schwester war Tim K. manisch depressiv, SPON v. 28.09.2010.).

Ich glaubte daher, dass das „ZDF heute journal“ das „geradezu süchtig“ der dpa-Meldung in eine Sucht umgedeutet habe. Mit dieser Vermutung lag ich jedoch falsch: Am 28.03.2014 erhielt ich doch noch eine Antwort des ZDF, in dem eine dpa-Agenturmeldungen vom 11.03.2014 und die erwähnte Aussage von Dennis R., der Täter sei bei Counter-Strike richtig aufgegangen, als Quelle angegeben wurden:

    „Quelle waren zunächst DPA-Agenturmeldungen vom 11.03.2014. Dazu gibt es verschiedene Zeugenaussagen aus dem Prozess gegen den Vater, beispielsweise die Aussage des Zeugen Dennis R. am 13.3.2009, die genau dies bestätigen: Er soll süchtig nach Computerspielen gewesen sein.
    Ich räume an der Stelle ein, dass man über den Suchtbegriff möglicherweise diskutieren kann. Unstrittig scheint aber, dass der Amokläufer ein Vielspieler war und zwar von äußerst brutalen Gewaltspielen.“

Ferner habe eine Nachhilfelehrerin später ausgesagt, „Tim sei desinteressiert gewesen, er habe sich hauptsächlich in seinem Zimmer beim Computerspielen aufgehalten oder beim Tischtennis“.

Zunächst zur Zeugenaussage:

Auch wenn diese nach dem ZDF in Hinblick auf eine Sucht erfolgt ist, halte ich es immer noch für gewagt aufgrund der Angabe, dass der Täter in dem Spiel voll aufgegangen sei, eine Computerspielsucht von pathologischem Wert anzunehmen. Weiter handelt es sich hierbei nur um eine Aussage des Hauptsachbearbeiters und nicht um die Vernehmung des Zeugen selbst. Die Polizei hatte Dennis R. bereits am 13.03.2009 vernommen und im Prozess auf diese Aussage Bezug genommen. Persönlich befragt wurde der Zeuge – nach einer leider nur inoffiziellen Mitschrift – am 23.11.2010. Er gab an, dass er den Täter schwerpunktmäßig in der 10. Klasse 2 – 3 mal wöchentlich getroffen und gemeinsam mit diesem jeweils für 2 – 3 Stunden „Egoshooter, Gewaltspiele aber auch normale Rollenspiele“ gespielt habe. Nach der 10 Klasse habe man sich freitags getroffen: Im Sommer habe man auf dem Sportplatz Fußball gespielt und im Winter beim Täter oder in einem Internetcafé Counter-Strike. Die Freundschaft sei nach der gemeinsamen Zeit an der ARS weiter abgeklungen und seit Januar 2009 habe man überhaupt nicht mehr gemeinsam gespielt. Der Zeuge beschrieb den Täter nicht als süchtig, sondern als „ganz normal“. Soweit die Mitschrift stimmt, würde ich die Zeugenaussage nicht als Beleg für, sondern als einen gegen das Bestehen einer pathologischen Computerspielsucht verstehen.

Zur dpa-Pressemitteilung:

Ich nehme an, dass diese im Wesentlich der u.a. bei der Süddeutschen publizierten Meldung entspricht. Dort heißt es:

    „Wie sich zeigte, war er süchtig nach Computer-Ballerspielen […].“

    (dpa, Fünf Jahre danach: Weiße Rosen für Opfer von Winnenden, süddeutsche.de v. 11.03.2014.)

Anders als in der Pressemitteilung vom 28.09.2010 wird hier die Qualifizierung des Täters als „süchtig“ in keiner Weise eingeschränkt. Es fehlen Relativierungen wie „geradezu“ oder Zitierungen „weicherer“ Zeugenaussagen. Die Bestimmtheit der Behauptung wird auch durch die gewählte Formulierung unterstrichen. Abweichend von Berichten anderer Medien, die lediglich davon sprechen, dass der Täter süchtig gewesen sein „soll“, wird die Sucht hier – „wie sich zeigte“ – als unumstößlicher und erwiesener Fakt dargestellt. Es bestehen auch keine Anhaltspunkte dafür, dass mit dem Satz bloß umgangsprachlich eine intensive Computerspielnutzung beschrieben werden sollte: In dem vorangegangenen Satz heißt es, dass der Täter in „psychiatrischer Behandlung“ gewesen sei, so dass der Leser auch bei der Erwähnung der Computerspielsucht von einer medizinischen Einordnung ausgehen kann.

Fazit:

Demnach hat nicht das „ZDF heute journal“, sondern – nach meinem derzeitigen Kenntnisstand – die dpa erstmals eine „echte“ Computerspielsucht des Täters behauptet. Ob diese Aussage stimmt, kann ich leider nicht nachprüfen. Ich versuche seit dem 29.03.2014 die Quelle für Behauptung in Erfahrung zu bringen, doch die dpa hat mir bisher leider nicht geantwortet.

Dass es einen Beleg für eine Computerspielsucht des Täters von pathologischem Wert gibt, halte ich jedoch für unwahrscheinlich. Auch wenn in Fachkreisen davon ausgegangen wird, „dass die Existenz von Computersucht nicht bestritten werden kann“, ist sie „auf (durchaus relevante) Einzelfälle beschränkt“ (Michael Kunczik/Astrid Zipfel, Computerspielsucht – Befunde der Forschung: Bericht für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2010), S. 41.). Unabhängig von der Einordnung – die ohnehin nur durch einen Arzt vorgenommen werden könnte – kann „viel Spielen“ nicht mit Sucht gleichgesetzt werden. Es verhält sich vielmehr so, dass eine „exzessive Nutzung“ nur die Voraussetzung, aber noch nicht die Sucht selbst ist. So macht selbst das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. eine Sucht an 5 weiteren Kriterien fest:

    „Erhoben werden die Dimensionen Einengung des Denkens und Verhaltens (4 Items), negative Konsequenzen (4 Items), Kontrollverlust (2 Items), Entzugs-Erscheinungen (2 Items) und Toleranzentwicklung (2 Items).“

    (KFN-FOB Nr. 108, S. 20.)

Die AHG Klinik Münchwies zählt neben einem exzessiven Gebrauch 7 weitere Kriterien auf – u.a. sozialen Rückzug mit sozialphobischen Vermeidungstendenzen, Identitätsdiffusion und depressive Störungen.

Hierbei zeigt sich sogar, dass Tim K. unter Umständen nicht einmal das Kriterium des „exzessiven Spielens“ erfüllt. KFN und AHG Klinik Münchwies nehmen dies übereinstimmend erst ab einer durchschnittlichen täglichen Spielzeit von 4 1/2 Stunden an.

    Zum “ZDF heute journal”-Beitrag v. 11.03.2014 (ZDF-Mediathek)
    Zur dpa-Pressemitteilung (süddeutsche.de v. 11.03.2014)

Ein Gedanke zu “Korrektur: “ZDF heute journal” dpa macht Amokläufer süchtig

  1. Pingback: Stigma Videospiele » Blog Archive » “ZDF heute journal” macht Amokläufer süchtig (Update)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.