Presserat: „Süchtig“ muss nicht „süchtig“ heißen

Anlässlich des 5. Jahrestags des Amoklaufs von Winnenden sendete das „ZDF heute journal” am 11.03.2014 einen mehrminütigen Beitrag über pathologische Fälle von Computerspielsucht. Aufhänger hierfür war die Aussage, dass der damalige Täter „süchtig nach Computerballerspielen gewesen sein“ soll. Dies überrascht, weil in einer Pressemeldung der Staatsanwaltschaft Stuttgart zwar davon die Rede ist, dass der Täter mit einem Wirtschaftssimulationsspiel, Online-Poker und Ego-Shooter-Spielen „viel Zeit am Computer [verbrachte]“, doch von einer „Sucht“ – die vor dem Hintergrund anderer Freizeitaktivitäten wie Fußball, Tischtennis, Armwrestling und „richtiges“ Poker nicht bestanden haben dürfte – ist keine Rede.

Auf meine Anfrage hin, auf welche Quellen man sich hierbei stütze, wurde ich auf eine erste dpa-Agenturmeldung vom 11.03.2014 sowie die Zeugenaussage eines Dennis R. vom 13.03.2009 – u.a. durch eine zweite dpa-Meldung vom 28.09.2010 bekannt – verwiesen.

„Bei Counterstrike-Spielen richtig aufgegangen“

Die angesprochene Zeugenaussage erscheint als Beleg für eine Sucht nur bedingt geeignet – nach einer inoffiziellen Mitschrift gab der die Aussage von Dennis R. wiedergebende ermittelnde Beamte der Polizeidirektion Waiblingen lediglich an, dass der Täter „bei Counterstrike-Spielen richtig aufgegangen“ sei. Die dpa-Agenturmeldung vom 28.09.2010 dagegen schon eher: Abweichend von anderen Formaten, die mit Verweis auf die Zeugenaussage lediglich unaufgeregt angaben, dass der Täter „oft das Computerspiel „Counterstrike” gespielt” habe“, hat die dpa bei der Meldung alle Register gezogen. Im Artikel heißt es, der Täter „liebte Ballerspiele am Computer“, er habe „Gewaltspiele wie „Counter Strike“ […] für sein Leben gerne“ gespielt, er sei „geradezu süchtig nach Computer-Ballerspielen“ gewesen. Nach meinem Eindruck würde dennoch keine Sucht im pathologischen Sinne behauptet, sondern allein auf vielfältige Weise zum Ausdruck gebracht, dass der Täter Videospiele – u.a. Ego-Shooter wie „Counter-Strike“ – nutzte.

„Süchtig nach Computer-Ballerspielen“

Bei der ersten dpa-Agenturmeldung vom 11.03.2014 kann ich dagegen nachvollziehen, dass das „ZDF heute journal” annahm, dass hier von einer „echten“ Sucht gesprochen werde. Hier heißt es im Wortlaut:

    „Tim K. hatte bei dem Amoklauf 285 Kugeln Munition dabei. Sein Vater hatte die Waffe unverschlossen im Kleiderschrank aufbewahrt, die Munition im Nachttisch. Der Unternehmer wurde wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu eineinhalb Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Sein Sohn war 2008 in psychiatrischer Behandlung gewesen und hatte von Hass und Tötungsfantasien gesprochen. Wie sich zeigte, war er süchtig nach Computer-Ballerspielen und ein Waffennarr.“

Bei dem Wort „süchtig“ besteht allgemein die Problematik, dass es zwei verschiedene Bedeutungen haben kann. Im Duden wird der Begriff einerseits als an einer Sucht (-erkrankung) leidend definiert, anderseits aber auch als auf etwas „begierig“ zu sein, also ein (übersteigertes) Interesse an etwas bestimmten zu haben. Das dürfte niemanden überraschen und man ist auch gewohnt, dass „süchtig“ in Medien umgangssprachlich gebraucht wird. Beispielsweise, wenn beschrieben wird, dass jemand nach Sudokus, Rabattaktionen, Chili, klassischer Musik oder anderem „süchtig“ sei.

In einer dpa-Agenturmeldung, in der im voranstehenden Satz noch davon die Rede ist, dass der Täter in psychiatrischer Behandlung war, in dem – durch die Verwendung der Worte „wie sich zeigte“ – nach meinen Verständnis eine Beziehung zu diesem hergestellt wird und in der dem Duktus nach nüchtern Fakten aufgezählt werden („hatte bei dem Amoklauf 285 Kugeln Munition dabei“), kann meines Erachtens zu Recht angenommen werden, dass mit dem Begriff „süchtig“ auf eine Erkrankung und nicht ein Hobby des Täters Bezug genommen wird.

„Mit der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 vereinbar“

Die dpa habe ich mehrfach um eine Stellungnahme und die Angabe von Belegen für die behauptete pathologische Sucht des Täters gebeten. Die Bemühungen blieben jedoch ohne Erfolg – die dpa zeigte keine Reaktion – so dass ich eine Beschwerde beim deutschen Presserat eingelegt habe, die dieser nun zurückgewiesen hat. Darauf, ob der Täter im pathologischen Sinne „süchtig“ war kommt es nach dem Verständnis des deutschen Presserats nicht an. Der deutsche Presserat möchte nicht ausschließen, dass bei der dpa-Meldung das Wort „süchtig“ nur im umgangssprachlichen Sinne gebraucht wurde, so dass – wegen des Bestehens einer „richtigen“ Interpretationsmöglichkeit – die Zeilen nicht gegen den Pressekodex verstoßen würden:

    „Wir sind der Ansicht, dass die verwendete Formulierung mit der journalistischen Sorgfaltspflicht nach Ziffer 2 vereinbar ist. Die Zeitung verwendet den Begriff vorliegend augenscheinlich nicht im fachlich pathologischen, sondern im umgangssprachlichen Sinne. Wir geben Ihnen jedoch Recht, dass der Begriff sicherlich Raum für Interpretationen lässt. Vor dem Hintergrund, dass die Aussage vielfach auslegbar ist, sehen wir jedoch keinen konkreten Verstoß gegen den Pressekodex gegeben.“

Zumindest bin ich mit meinem Irrtum nicht alleine – die Verantwortlichen beim „ZDF heute journal” haben die dpa-Meldung ja auch falsch verstanden.

    Zur „ersten“ dpa-Meldung v. 11.03.2014 (bei focus.de)

Ein Gedanke zu “Presserat: „Süchtig“ muss nicht „süchtig“ heißen

  1. Aha der Presserat besteht umgangssprachlich formuliert aus Deppen. Denn laut Presserat brauchen wir Alttagspolterpolemik und keinen Journalismus, oder soetwas was man vielleicht sogar Wahrheit nennen kann. Märchenstunde statt Aufklärung und Wissenschaftlichkeit. Spühl bitte deine Homeopathie Pillen mit deinen eigenen Urin hinunter, dann tanz nocheinmal um spirituellen schamanischtischen Wunderwuzikieselstein aufgeladen mit Gardnerwasser und magischer Energie, dadurch geht dein Krebs sicher wunderbar weg. Und halte von allen elektronischen fern wegen Elektrosmog und Strahlung, nicht wahr? Guten Journalismus brauchen wir nicht, der sagt uns nur was nicht funktioniert.

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