stigma-videospiele.de

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Seit dem 19. Dezember 2007 verfolgte stigma-videospiele.de die gesellschaftliche Debatte über „Killerspiele“, die stellenweise durchaus emotional geführt wurde – wenig verwunderlich, wo sich manche Politiker und Journalisten mit polemischen Passagen gegenseitig zu überbieten suchten. So wurden Parallelen zwischen First-Person-Shootern und Kinderpornographie gezogen und der Anschein erweckt, als ob das Vergewaltigen von Frauen ein übliches Feature gängiger „Killerspiele“ sei. Höhepunkt der Debatte dürfte jedoch die Forderung der Innenminister von Niedersachsen und Bayern gewesen sein, das Verbreitungs- auf ein Nutzungsverbot auszuweiten – es hätten bei Gamern Razzien durchgeführt und diese inhaftiert werden sollen. Eine Perspektive, der sich die GameStar 2007 in der Redaktionsfolge „Die Spielejäger“ widmete.

Ziel von stigma war es die Berichterstattung über gewaltdarstellende Videospiele kritisch zu begleiten und auf kleinere und größere Schnitzer hinzuweisen. Ob dies nach sieben Jahren etwas bewirkt hat, lässt sich schwer abschätzen: Entgegen vieler Vermutungen liegen Presseberichte zumindest oberflächlich betrachtet nicht weniger oft daneben als damals. Peinliche Symbolfotos, das letzte datiert vom 08.12.2014, gehören ebenso wenig der Vergangenheit an, wie die Reduzierung von Videospielen auf einen möglichen Risikofaktor für Amokläufe, wie sie noch am 21.11.2014 in der Anmoderation vom ZDF heute journal vorgenommen wurde. Es ist sogar so weit gekommen, dass mittlerweile anstatt des Titels „Counter-Strike“ oft „World of Warcraft“ angeführt wird.

Was sich dagegen geändert hat ist, dass den Negativbeispielen zunehmend positive Entwicklungen gegenüberstehen: So versucht bei Panorama eine Journalistin genau das, was Gamer Spielegegnern schon seit Jahren predigen – selbst zu spielen, während ZDFkultur schon 2011 ein eSport-Turnier – inklusive der Begegnungen in „Counter-Strike“ – übertrug. Bemerkenswert ist auch beim „Polizeiruf 110“ (Sendung vom 24.08.2014) eine Szene, in der ein Vater die Beherrschung verliert, als seine beiden Kinder – friedlich – gemeinsam ein „Gewaltspiel“ nutzen. Schließlich wurde auch bei der Politik eine Entwicklung durchgemacht, die sich an dem „Deutschen Computerspielpreis“ ablesen lässt: Während dieser ursprünglich als Maßnahme konzipiert wurde, „Killerspiele“ durch die Förderung gesellschaftlich erwünschter Spiele zu verdrängen, sind die Verantwortlichen nun soweit, dass sie mit Pressemitteilung vom 4. Dezember 2014 angekündigt haben, zukünftig Spielen „ab 18“ keine Steine mehr in den Weg zu legen und auf den formal zwingend erforderlichen pädagogischen Wert ebenso wie auf die Sperrminorität zu verzichten. Darüber, was Politiker hier zum Umdenken bewogen hat, kann man nur mutmaßen. Interessant wurde es aber bereits 2011, als die hessische CDU mit „Crytek“ die Videospielindustrie für sich entdeckt hatte.

Allein der Umstand, dass die Zeichen auf Entspannung stehen, macht die „Killerspieldebatte“ aber nicht ungeschehen. In Anschluss an diverse Amokläufe wurde das Jugendschutzgesetz mehrfach verschärft und auch Entscheidungen der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) sprechen für sich. So wurde zwar einerseits 2011 „Quake“ vom Index gestrichen, doch 2013 bekannt gegeben, dass eine Listenstreichung im Fall von „Quake III Arena“ abgelehnt wurde – man stufe „die im Spiel enthaltenen Gewaltdarstellungen […] nach wie vor [als] verrohend wirkend ein“. Die praktische Relevanz von Indizierung und Verbot ist jedoch quantitativ gesehen stark zurückgegangen: Während von den 2005 veröffentlichten Videospielen für Erwachsene noch ca. 50 % indiziert wurden, waren es 2013 nur noch ca. 10 % – zwei Titel.

Auch wenn die „Killerspieldebatte“ vielleicht noch nicht beendet sein mag, ist sie jedoch zumindest soweit abgekühlt, dass ich stigma-videospiele.de nicht mehr die Zeit widmen möchte, die für eine – mittlerweile längst überfällige – Auffrischung erforderlich wäre. Stattdessen habe ich versucht die „Killerspieldebatte“, wie sie auf stigma verfolgt wurde, in einer pdf-Datei zusammenzufassen, die hier nun anstelle der Seite aufgerufen werden kann. Die alten Blogbeiträge sind beim VDVC eingepflegt, bei dem – wenn es sich anbieten sollte – es auch noch zur Veröffentlichung des einen oder anderen neuen Beitrags kommen kann. Das Forum ist selbstverständlich auch weiterhin verfügbar.

Rey Alp

9 Gedanken zu “stigma-videospiele.de

  1. Pingback: Gaming since 198x » Blog Archive » Allemagne : Stigma-Videospiele tire sa révérence

  2. Danke Rey für all das was du für uns Gamer getan hast, für all die Zeit welche du investiert hast und die Plattform welche du uns geboten hast. Danke für jedes einzelne Jahr der Zusammenarbeit der Diskussionen und der Gemeinschaft auf Stigma-Videospiele.de
    Danke!

  3. @The_Real_Black
    Bei dir muss ich den Dank und das Lob zu großen Teilen erwidern: Deine Mitarbeit möchte ich nicht missen und vorallem für die Realisierung der Zitatdatenbank hast du meinen Respekt. Ich selbst hätte das technisch nie hinbekommen und sie war über die Jahre beim Recherchieren und dem Verfassen von News eine große Hilfe.

  4. Thanks for this site, and thanks for everything you’ve done. Stigma-Videospiele has always been a goldmine of informations to me.

    I’m particularly interested by your PDF document, and I’d like to translate at least some chapters. Do I have your authorization ? Thanks in advance. And happy new year to everyone in the VDVC !

  5. Auch von mir ein dickes Danke an Rey und die Community. Stigma war da als es wichtig war. Ich danke euch für die gemeinsame Zeit und das Engagement.

    Wir hatten Höhen und Tiefen, aber es hat immer Spaß gemacht.

  6. Danke Rey es feut mich zu hören, dass dir Zitatdatenbank so geholfen hat.
    Und noch einen Dank an Green Ninja da ich gerade im PDF die Stelle mit der VDVC Petition gelesen habe. Ohne User wie dich, mit Geschick im geschriebenen Wort, hätten wir vieles nicht so hinbekommen.
    Danke an dich.
    Danke an den VDVC, dass es immer noch weiter geht.
    Danke an die Gamer die dies lesen.
    Danke an alle.

  7. Lieber Matthias Dittmayer,

    auch die USK erinnert sich gern an deine aufklärenden kritischen und kenntnisreichen Beiträge! Vielen Dank für dein Engagement für Games und Gamer, das für die USK in Zeiten der Killerspiel-Debatten oft hilfreich war und einen wichtigen Aspekt unserer Arbeit unterstützte: Ein Spiel als Zuschauer von Videoausschnitten anzusehen reicht für ein Kennenlernen des Spiels und eine Beurteilung von den sich vermittelnden Inhalten nicht aus. Die eigene Spielerfahrung erhellt so manche dunkle Behauptung. Herzliche Grüße und vielen Dank darf ich Ihnen auch ausdrücklich vom Geschäftsführer der USK Felix Falk ausrichten!

    Alles Gute für Sie!

  8. @Christine Schulz
    Ebenfalls einen herzlichen Gruß an Sie und Ihre Kollegen! Ich möchte mich auch bei Ihnen für die Geduld bei der Beantwortung meiner – manchmal recht detaillierten – Fragen bedanken. Ich hoffe, dass diese Kommentare für eventuell mitlesende kritischere Zeitgeister nicht so familiär wirken, dass Sie Probleme bekommen. Die für Gamer doch recht charmanten Plakate – „Liebe Mütter, …“ – wurden ja leider ja damals nicht von allen positiv aufgenommen. Ein Freund von mir hat das Plakat im Original, ich habe keine Ahnung, wie er daran herangekommen ist.

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