Wahlprüfsteine: Positionen der Parteien zu Videospielen

Video- und Computerspiele sind nicht nur in der Mitte der Gesellschaft angekommen, auch die Meinung der Parteien zu diesem Thema interessiert immer mehr Menschen. Bereits 2009 wurde vom Thema Videospiele mit unter dem Slogan „Ich wähle keine Spielekiller!“ ein direkter Bezug zur Bundestagswahl hergestellt. Nicht zuletzt die Schaffung des Deutschen Computerspielpreises und der Politiker-LAN im Bundestag zeigen, dass das öffentliche Interesse am Thema auch durch die Politik bereits erkannt wurde. Zur diesjährigen Bundestagswahl haben wir, der Computerspieler-Verbraucherverband (VDVC), erstmals direkt die Parteien zu Themen befragt, welche die Spielerschaft besonders bewegen. Weiterlesen

Bundestagswahl 2013: Computerspielbezug in Wahlprogrammen

Während es vor wenigen Jahren in den Wahlprogrammen der Parteien bezüglich Computerspielen noch von Verbotsforderungen wimmelte, ist das Thema zu dieser Wahl deutlich in den Hintergrund gerückt. Grund genug, einmal genauer in die Programme der bereits zur Wahl zugelassenen Parteien zu schauen. Dies sind CDU, CSU, SPD, FDP, Linke, Grüne, Piraten, NPD und die Freien Wähler.

Nur Union, FDP und Grüne sprechen Computerspiele explizit an

Das Wort „Computerspiel“ taucht überhaupt nur in drei der acht Programme auftaucht. Und zwar bei der CDU/CSU, bei der FDP und bei den Grünen. Inhaltlich wird es aber auch in diesen Fällen nicht sonderlich konkret: Die Union betont, dass Videospiele Bestandteil des kulturellen Lebens, „insbesondere jüngerer Menschen”, sind und will diese „beispielsweise mit dem Deutschen Computerspielpreis“ fördern. Betont wird aber auch der Wille, „Kinder und Jugendliche […] vor gefährdenden Inhalten zu schützen“. Der Computerspielpreis findet auch bei der FDP Unterstützung, hier als Beispiel für die „Kooperation von Wirtschaft und Politik“. Die Grünen wollen „bei der [Anm.: wirtschaftlichen] Förderung einen differenzierten Blick auf die verschiedenen Medien” und stellen hierbei „Schauspiel, Musik, Bilder, Filme, Computerspiele oder Bücher“ zusammen auf eine Stufe. Wie auch in den anderen Wahlprogrammen wird der Computerspielpreis erwähnt, sie wollen „die Förderung von kulturell hochwertigen und außergewöhnlichen Games“ über diesen hinaus ausdehnen.

Darüber hinaus wird in den meisten Programmen von Medienkompetenz gesprochen, dabei aber vorrangig an das Internet gedacht. Die meisten Parteien betonen die Wichtigkeit für alle Altersgruppen, die Grünen nennen sogar explizit SeniorInnen, nur die Freien Wähler betonen einzig Kinder und Jugendliche.

Verbraucherschutz, Jugendschutz für Erwachsene? Wir fragen nach!

Wie man sieht, sind selbst die existierenden Positionen absolut allgemeinverträglich gehalten. Die interessanten Konfliktthemen „DRM vs. Verbraucherschutz“ und „Jugendschutz vs. Zensur“ wurden überhaupt nicht angesprochen.

Grund genug für uns, hier einmal nach zu haken: Wir haben alle zur Wahl zugelassenen Parteien zu Verbraucherrechten, Jugendschutz und Kulturförderung in Bezug auf Computerspiele befragt. Außer der NPD haben alle eine Beantwortung zugesagt, uns haben sogar schon erste Antworten erreicht. Die komplette Übersicht sollte es im laufe der übernächsten Woche geben.

Crysis 2 hätte nicht für den Computerspielpreis nominiert werden dürfen

Heute findet die Verleihung des Computerspielpreises statt. In der Kategorie Bestes Deutsches Spiel ist mit dem Spiel Crysis 2 erstmals ein Ego-Shooter nominiert. Darüber echauffierte sich gestern der medienpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Wolfgang Börnsen. Seine formelle Kritik ist berechtigt: Crysis 2 hätte nicht nominiert werden dürfen. Doch er zieht die falschen Schlüsse.

Wie die CDU korrekt feststellt, ist die Grundlage für die Vergabe des Computerspielpreises nach wie vor ein Mehrheitsbeschluss des Deutschen Bundestages von 2007. Damals war der Preis mutmaßlich geschaffen worden, um durch seine Vergabe eine Diffamierung und Stigmatisierung unerwünschter „Killerspiele“ zu erreichen. So wurde die Vergabe auf Spiele beschränkt, die „kulturell und pädagogisch wertvoll” sind. Die Anforderungen gingen so weit, dass faktisch nur noch Titel mit einer USK-Freigabe ab maximal 12 Jahren überhaupt eine Chance auf eine Auszeichnung hatten. Die Kritik der CDU ist also formell berechtigt: Crysis 2 erfüllt nicht die ursprünglich aufgestellten Kriterien. Auch die Forderung einer „grundlegenden Neukonzeption” wäre konsequent, vorgeschlagen wird jedoch keine Reform sondern eine Rückbesinnung auf alte Vorurteile.

Momentan wird die Preisverleihung nur durch die Zusammenlegung mit dem Lara-Award überhaupt am Leben gehalten. Die ursprünglich geplante Prämierung pädagogischer Programme muss endlich ganz offiziell in etwas umgebaut werden, das den Namen Deutscher Computerspielpreis auch verdient. Die Nominierung von Crysis 2 war daher eine mutige und richtige Entscheidung der Jury. Auch wenn sie formal nicht korrekt sein sollte, stellt sie einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung dar. Selbst in der kritischen Meldung Börnsens wird explizit darauf verwiesen, dass sich Videospiele an ein Erwachsenes Publikum richten können. Dieser Umstand sollte auch in offiziellen Ausgestaltung des Deutschen Computerspielpreises sichtbar werden.

Momentan befindet sich der Preis jedoch in einem Dilemma: Gewinnt Crysis 2, so könnte man annehmen, es handele sich (nur) um den nötigten Befreiungsschlag. Die Auszeichnung könnte den Beigeschmack bekommen, man wollte durch sie das Image des Preises aufwerten. Im anderen Fall könnte der Verdacht aufkommen, man hätte wieder einfach zum Kinderspiel gegriffen, ohne die Qualität ernsthaft zu bewerten. Nicht aufgekommen wäre das Problem, hätte es mehrere Kategorien „für Erwachsene” gegeben. Dass Nominierungen wie L.A. Noire, Battlefield 3, The Witcher 2 und Skyrim in den Lara-Award ausgelagert wurden, entspricht hoffentlich nur noch dem Geist der Vergangenheit.

Ohne diese dringend erforderliche Ausrichtung an den gesellschaftlichen Erwartungen kann der Preis nicht ein mal die intendierte positive Hervorhebung pädagogisch wertvoller Spiele für Kinder erreichen. Die bisher nicht vorhandene Relevanz des Preises macht ein Blick auf Amazon deutlich: Dort wird zum Beispiel The Whispered World mit insgesamt 44 Auszeichnungen beworben, zu jeder ist ein kleines Logo zu sehen. Nur die Ehrung als Jugendspiel des Jahres beim Deutschen Computerspielpreis 2010 ist offenbar keine Erwähnung wert.

Wir hoffen, dass dem Deutschen Computerspielpreis künftig die Bedeutung zuteil wird, die haben sollte, und wünschen allen Nominierten viel Erfolg.

Deutscher Computerspielpreis 2012: Auf dem richtigen Weg?

Nachdem das Gewalttabu beim Deutscher Computerspielpreis im Jahr 2010 von vielen Seiten kritisiert wurde, kam man im letzten Jahr um einen erneuten Skandal herum. Stattdessen arbeitete man daran, möglichst keine Angriffsfläche zu bieten und den Preis somit in der Bedeutungslosigkeit zu versenken. Schon damals war klar: Spätestens, Crysis 2 würde die Verantwortlichen dazu zwingen, Farbe zu bekennen. Sollte erneut ein weiter Bogen um alle Computerspiele gemacht werden, die nicht unbedingt für Kinder geeignet sind, müsste der Preis wohl endgültig ins Kinderparadies abgeschoben werden.

Deutscher Computerspielpreis

Und so ist es auch nicht all zu erstaunlich, dass Crysis 2 nun wirklich nominiert wurde. Eine klare Favoritenrolle als Bestes deutsches Spiel kommt dem Titel jedoch nicht zu: Dass sich Anno 2070 nicht zu verstecken braucht, steht wohl außer Frage. Und Daedelic, das Studio hinter Harveys neue Augen, wird als legitimer Nachfolger der geradezu legendären Point-and-Click-Entwickler von Lucasarts gehandelt. Ernstzunehmende Konkurrenz also.

So befindet sich der Preis in einem Dilemma: Gewinnt Crysis 2, so könnte man annehmen, es handele sich (nur) um den benötigten Befreiungsschlag. Die Auszeichnung könnte den Beigeschmack bekommen, man wollte durch sie das Image des Preises aufwerten. Im anderen Fall könnte der Verdacht aufkommen, man hätte wieder einfach zum Kinderspiel gegriffen, ohne die Qualität ernsthaft zu bewerten. Nicht aufgekommen wäre das Problem, hätte es mehrere Kategorien „für Erwachsene“ gegeben. Dass Nominierungen wie L.A. Noire, Battlefield 3, The Witcher 2 und Skyrim in den LARA-Award ausgelagert wurden, entspricht hoffentlich nur noch dem Geist des letzten Jahres. Dieses Konstrukt führt jedoch dazu, dass der Verleihung weiterhin ein Makel anhaftet. Unterm Strich wird sich also dieses Jahr vermutlich noch nicht klären lassen, wie ernst man den Deutschen Computerspielpreis in Zukunft nehmen kann.

Wochenrückblich 2011KW41