Wer erwachsen ist und Spiele mag, die keine Jugendfreigabe bekommen, dem wird klar sein: Es gibt Spiele, die sind nichts für Kinder. Doch während Gamer selbst Bescheid wissen, gibt es bei unbedarften Eltern teilweise erhebliche Fehleinschätzungen. Spielekritiker führen an, oft reiche ein „Aber alle anderen dürfen doch auch!“ und die Eltern seien überzeugt, ihrem Sprössling das neue „Call of Duty“ zu kaufen. Daher fordern sie die Einführung weitreichender Verbote zum Schutze der Jugend. Diese Zensur sei in ihren Augen mit dem Grundgesetz durchaus vereinbar. Dass diese Argumentation immer noch en vogue ist, musste ich Mittwoch bei einer Podiumsdiskussion mit Carlos Bolesch vom AAW feststellen.
Doch es gibt einiges, was die Zensurbefürworter dabei übersehen. Zum einen, wie es zur aktuellen Situation kommt. Spieler selbst sind sich bewusst, dass nicht jedes Spiel für jedes Alter geeignet ist. Sie kennen die Inhalte, können sie einschätzen und wissen, damit umzugehen. Ebenso wie es die meisten Menschen mit Filmen können. Gegen „Alien 3 ist noch nichts für dich.“ hilft auch kein „Die anderen dürfen aber auch.“ — jeder weiß worum es geht. Und schon sind wir an dem Punkt, an dem die Zensur das Gegenteil von dem bewirkt, was sie erreichen soll: Mit aller Vehemenz sollen Spiele harmloser gemacht werden, jugendgefährdende Inhalte dürfen faktisch auch Erwachsenen nicht angeboten werden. Der zur Hälfte vom Bundestag finanzierte „Deutsche Computerspielpreis“ ist unter Gamern längst als „Computerspielpreis für Jugendspiele“ bekannt. Gefördert wird von Staatswegen ein Bild, dass Computerspiele grundsätzlich etwas für Kinder sind. Aber das sind sie genau so wenig wie Fernsehen.
Der durchschnittliche Computerspieler ist mittlerweile fast 30 Jahre alt. Es ist verständlich, dass er durch andere Spiele angesprochen wird als Kinder. Statt „Bibi und Tina auf dem Ponyhof“ liest er einen Thriller. Und das spielt er auch. Er setzt sich durch Medien mit Problemen auseinander, die unsere Gesellschaft hat — inklusive der Gewalt. Man stelle sich einen Film vor, der die Landung der Alliierten in der Normandie zeigt — doch es ist keine Leiche zu sehen. Diese Situation ist am Computerschirm Realität. Würde man Leichen sehen, so wäre es womöglich — wie man jüngst an Left 4 Dead 2 sehen konnte — gewaltverherrlichend. Also werden Gewalt und dessen Folgen ausgeblendet, herausgeschnitten und somit verharmlost. Der Krieg wird zum Cleanroom, das damit verbundene Leid wird zum Schutz der Jugend vorenthalten. „Chirurgische Bomben“ ohne zivile Opfer. Eine kritische Auseinandersetzung mit solchen Themen wird somit beinahe unmöglich.
Und dabei ist es nicht so, dass — wie oft behauptet — ein ominöser „militärisch-industriell-medialer Komplex“ der großen Publisher und der Waffenindustrie brutale Killer erzeugen möchte. Wozu auch? Während uns in Pro-Kriegsfilmen das stolze Leben eines Soldaten präsentiert wird, welcher zum Schluss einen heroischen und inspirierenden Tod stirbt, welcher nur mit einem Minimum an Gewalt verbunden ist, so sehen wir bei Anti-Kriegsfilmen genau das Gegenteil – und dies oft blutig in Szene gesetzt. Wieso sollte ein wie auch immer gearteter Komplex es bei Computer- und Videospielen andersherum machen? Die Geschichten, die erzählt werden, ähneln sich darüber hinaus bei großen und kleinen Entwicklern, es sind sogar die gleichen, mit denen man sich auch in Spielfilmen und Literatur auseinandersetzt.
Wenn wir schon jetzt, trotz dutzenden Spielen für 16- und 18-Jährige in den Regalen, bemerken, dass Eltern Videospiele generell für Kinderkram halten und ihren Sprösslingen alles erlauben, sollten wir uns doch fragen, woher das kommt. Die Antwort liegt Nahe: Jugendgefährdende Spiele werden indiziert, dürfen schlicht nicht angeboten werden. Woher sollen die Eltern die Gefahr erkennen, wenn Computerspiele nur als Kinder- nicht aber als Erwachsenenmedium propagiert werden, nur Spiele für Kinder mit Preisen ausgezeichnet?
Doch was wird erst passieren, wenn die Eltern sich noch weiter „in Sicherheit“ wähnen? Wenn Spiele für 16- und 18-Jährige verboten sind und die Kinder sie nur noch aus dem Internet bekommen. Dann, so die Verbotsbefürworter, greife das Unrechtsbewusstsein. Dieses funktioniere immer noch und wenn es zu Unrecht erklärt werde, solche Spiele zu besitzen, würde sie auch keiner mehr an Kinder weitergeben. Dass es heute schon verboten ist, Spiele an zu junge Menschen weiterzugeben, hat dort wohl noch keiner bemerkt.
Im Endeffekt ist es, wie so oft. Eltern sollten sich mehr mit ihren Kinder auseinandersetzen. Auch und vor allem im Bezug auf neue Medien. Doch anstatt den Betroffenen zu helfen, wird die Verantwortung von den Zensurbefürwortern weitergeschoben. Medienverbot statt Auseinandersetzung bedeutet in der Quintessenz ein „Weiter so!“ für unachtsame Eltern. Statt Aufmerksamkeit zu schulen soll für Kinder Ungeeignetes kurzerhand für alle Verboten werden.