Deutscher Computertspielpreis 2011: Auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit?

Viele Computerspieler dürften nichts davon mitbekommen haben: Gestern wurde wieder der vom Deutschen Bundestag unterstützte Deutsche Computerspielpreis verliehen. Nachdem das Gewalttabu beim Deutschen Computerspielpreis letztes Jahr von fast allen Seiten angeprangert wurde, und so zumindest für ein bisschen Restaufmerksamkeit gesorgt hat, wurden Videospiele für Erwachsene nun auf eine etwas geschicktere Art von der Preisverleihung ausgeschlossen. Für die Auszeichnung von international angesehenen Blockbustern war dieses Jahr der in die Gala integrierte Lara-Award zuständig.

Der Deutsche Computerspielpreis:
Ein Schatten seines Titels

Damit verliert der Computerspielpreis weiter an Bedeutung, die er nur durch eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem vollen Spektrum digitaler Spiele zurückgewinnen kann. Wie wenig der Preis momentan bedeutet, macht ein Blick auf die Seite eines großen Onlinekaufhauses deutlich: Dort wird zum Beispiel The Whispered World mit insgesamt 44 Auszeichnungen beworben, zu jeder ist ein kleines Logo zu sehen. Nur die Ehrung als Jugendspiel des Jahres beim Deutschen Computerspielpreis 2010 ist offenbar keine Erwähnung wert. Das wiederholte Fernbleiben Horst Seehofers zeugt zudem von Desinteresse auch seitens der Politik. Der mit großen Ambitionen eingerichtete Preis ist somit nur ein Schatten dessen, was er sein könnte.
Besonders schade ist dieser Umstand, da die meisten Preisträger ihre Auszeichnungen durchaus verdient haben. Darunter auch das Spiel des Jahres 2010: A New Beginning. Das politisch und gesellschaftlich hochaktuelle Point-and-Click-Adventure schickt den Spieler in eine dystropische Zukunft, in der die Welt von einem Atom-Unfall verwüstet wurde. „Ohne pädagogischen Zeigefinger wird der Spieler mit den großen Zukunftsherausforderungen im Hinblick auf das Thema Energie konfrontiert und bestens unterhalten – ein Spiel, das Spaß macht und dennoch sensibilisiert“, begründet die Jury ihre Entscheidung. Wahrscheinlich hätte es sich auch gegen nicht jugendgerechte Konkurrenz durchsetzen können.

A New Beginning, Gewinnertitel 2010

Angesichts dieser Umstände kann die Verlegenheitslösung, den Preis für das beste internationale Spiel an den Lara-Award auszulagern, nur beschämen. In dieser Kategorie hatte immer die Gefahr bestanden, ein kulturell wertvolles, aber nicht unbedingt jugendgerechtes Spiel auszuzeichnen. Nominiert waren in der Vergangenheit unter anderem GTA 4 und Dragon Age: Origins, die vor allem aufgrund ihrer gesellschaftskritischen Elemente beliebt sind, sich aber eindeutig an ein volljähriges Publikum richten. Dieses Jahr hätte man es besser machen und so Glaubwürdigkeit und Anerkennung für die gesamte Preisverleihung verdienen können. Die gewählte Taktik zeigt umso deutlicher, wie schwer man sich in der Politik noch immer mit dem Thema Videospiele tut – auch auf Kosten der Titel, die explizit gefördert werden sollen.
Doch es gibt Hoffnung, dass der Computerspielpreis doch noch zu dem wird, was er von Anfang an hätte sein sollen. So forderte Dorothee Bär (Jurymitglied und Bundestagsabgeordnete der CSU) auf der Bundestags-LAN, dass generell auch Spiele ausgezeichnet werden sollten, die sich an Erwachsene richten. Weit ab von der Gefahr einer Auszeichnung als Bestes Spiel hat sich sogar schon im letzten Jahr ein Survival-Horror als bestes Studentenkonzept durchgesetzt. Dann wäre die Integration des Lara-Awards nur eine Übergangslösung auf dem Weg zu einem ernsthaften Computerspielpreis. In seiner aktuellen Form, am Rande der öffentlichen Wahrnehmung und fern ab der Anerkennung durch die Computerspieler, hat er leider kaum einen Wert.

Die erste Bundestagslan

Am 23.02.2011 fand im Bundestag die erste sogennante “Bundestagslan” statt. Diese ungewöhnliche Veranstaltung wurde von den Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU), Jimmy Schulz (FDP) und Manuel Höferlin (ebenfalls FDP) organisiert und unter der Glaskuppel auf der Fraktionsebene ausgerichtet, eingeladen waren alle Politiker des Bundestages. Auch der VDVC war mit von der Partie, diesmal vertreten durch gordon-creAtive. Ziel der Veranstaltung war es, Politiker auf Tuchfühlung mit dem neuen Medium zu bringen, um ihnen die Berührungsängste zu nehmen.

Die Veranstaltung war schon länger geplant und sorgte auch für Kritik, in der jüngsten Zeit äußerte sich Hans-Peter Uhl von der CDU: “Wozu soll ich lernen, wie man ein Killerspiel wie Counter Strike (sic!) spielt?”.

In Räumlichkeiten im obersten Stockwerk des Bundestages warteten eine ganze Reihe von Konsolen, die mit verschiedenen Spielegenres bestückt waren. Neben den klassischen Familienspielen für Wii (Bowlen und Malen) und Kinect (Tanzen und Tennis), sowie Playstation Move (noch mehr Tennis), gab es mit Halo: Reach und einer Entwicklerversion von Homefront (beides auf der XBox) auch zwei Ego-Shooter, mit Siedler war ein klassisches Strategiespiel dabei. Im Vorraum hatte Turtle Entertainment eine Reihe Laptops aufgebaut, auf denen sich n!faculty und ESC ein Match lieferten. Neben der ESL war auch der Bundesverband Interaktive Unterhaltungsindustrie beteiligt, eine ganze Reihe weitere Institutionen waren zumindest anwesend, wie z.B. Gerald Jörns von computerspielberatung.de.

 

Die Veranstaltung wurde von Jimmy Schulz und seinem Team mit einer Ansprache eröffnet, in der man kurz das Konzept erklärte und die beteiligten Organisationen vorstellte. Anschließend hielt die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Mechthild Dyckmans (CDU) einen Vortrag, über ihre Ansichten zu suchtechnischen Gefahren. Nach einer sehr interessanten Übersicht und einer treffenden Definition von Computerspielsucht holte sie mit einem wenig repräsentativen Beispiel eines WoW-Süchtigen die emotionale Keule raus und beschrieb dessen Leben, welchen aus Pizza, einmal Duschen pro Woche und dem urinieren in eine Flasche bestand. Wissenschaftliche Erkenntnisse und quantitative Aussagen über das Problem, wie z.B. die aktuelle Studie des Bredow-Instituts, ließ sie außen vor.

Insgesamt nutzten die Politiker die Möglichkeit, die Spiele auszutesten nur recht spärlich, obwohl an jeder Station ein erfahrener Spieler Anleitung gab. Beliebt war die Konsole mit FIFA, Homefront und Halo:Reach wurden dagegen meistens gemieden. Brigitte Zypries schaute kurz vorbei und gab ein Interview, verschwand dann allerdings wieder, ohne zu spielen. Die wenigen Politiker, die vor Ort waren, wurden die meiste Zeit von der Presse belagert und gaben Interviews. Für die Presse waren vor allem die ein gefundenes Fressen, die sich an Counter-Strike versuchten. Eine Lanparty im klassischen Sinne fand nicht statt.

Erstaunlich war die Ansprache, die Dorothee Bär vor der Presse hielt. Sie plädierte dafür, Computerspiele in ihrer Behandlung Filmen gleichzusetzen. Als Beispiel nannte sie Inglourious Basterds und fragte, warum ein solcher Film einen Oscar verdient, ähnliche Computerspiele dagegen verboten und indiziert werden.

Insgesamt war ich mit der Veranstaltung nur mäßig zufrieden. Die Idee und die Umsetzung ist lobenswert, allerdings vermisste ich relevante Politiker und deren Interesse, Spiele selbst auszuprobieren. Die Anwesenheit der Presse war der Atmosphäre eher hinderlich, dem Ziel des Aktion wäre es dienlicher gewesen, wenn weniger Öffentlichkeit geherrscht hätte.

Jimmy Schulz kündigte noch an, dass man durchaus die Durchführung einer weiteren “Bundestagslan” ins Auge gefasst hat.

Update: Diversen Medienberichten entnehme ich, dass Brigitte Zypries wohl doch für die Presse eine Runde Playstation Move (also Tennis) ausprobiert hat.

Außerdem habe ich die Liveschnipsel zu einer kleinen Videodokumentation zusammengeschnitten.

Update 2: Martin Lorber, Jugendschutzbeauftragter von EA, hat Tonmitschnitte der Reden gepostet.

1378(km) Präsentation ab ca. 19:00 live

Wir präsentieren hier ab ca. 19:00 den Livestream der Präsentation des kontrovers diskutierten Computerspiels 1378km. Die Präsentation wird in Form einer Podiumsdiskussion gestaltet, an der der Prof. Dr. Peter Sloterdijk, Dr. Uwe Hochmuth, Prof. Michael Bielicky, Prof. Dr. Heiner Mühlmann und Jens M. Stober teilnehmen werden. Eine Zusammenfassung, worum es bei dieser „Simulation der innerdeutschen Grenze“ geht, haben wir im Artikel zu 1378(km) im VDVC-Wiki vorbereitet. Die Übersicht der Presseberichte über die als Serious Game geplante Modifikation werden wir im Laufe des Tages immer wieder aktualisieren.

Auf der Webseite vom Gamestrust, die uns auch die Übertragung ermöglichen, findet sich auch der LiveTicker zur Präsentation von 1378km, unsere Diskussion zum Spiel ist im VDVC-Forenthread zu 1378(km) zu finden.

VDVC überträgt Premiere von 1378(km)

Die Staatliche Hochschule für Gestaltung Karlsruhe wird morgen ab 19:00 das Spiel „1378(km)“ öffentlich vorstellen. Das Serious-Game hatte bei der ersten großen Ankündigung Ende September hohe Wellen geschlagen. Ohne, dass es je Möglichkeiten zum Testen gegeben hatte, empörten sich viele über das Spiel, welches sich ernsthaft mit einer schwierigen Thematik auseinander setzen möchte. Rainer Wagner, Bundesvorsitzende der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft argumentierte damals „Was ich in dem Trailer für das Spiel gesehen habe, genügt. Ich brauche ein Computerspiel, dessen Spielspaß darin besteht, unbewaffnete Zivilsten abzuknallen, nicht unbedingt zu spielen, um es zu kritisieren.“

Der für das Spiel verantwortliche Karlsruher Medienkunst-Student Jens M. Stober dagegen betrachtet das Spiel aus einer anderen Perspektive: „Der Irrsinn der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze wird so leicht nachvollziehbar vermittelt, da er direkt in der Ich-Perspektive nachempfunden werden kann.“ In der Beschreibung des Spiels heißt es, „1378(km)“ ermögliche als 3D-Simulation eine interaktive Zeitreise in das Jahr 1976 an unterschiedliche Abschnitte der innerdeutschen Grenze. Dabei haben die Spieler die Wahl, ob sie als Grenzsoldat der DDR oder als Republikflüchtling agieren möchten.

Aufgrund der aufgeheizten Debatte soll das Spiel nun morgen begleitet von einer Podiumsdiskussion in der HfG veröffentlicht werden. Der VDVC wird mit einem Team vor Ort sein und live berichten. Mit freundlicher Genehmigung der HfG und dank der Mithilfe unseres Partners Gamestrust.de werden wir außerdem eine Videoübertragung per Livestream anbieten können.

Aktuelle Ereignisse zum Thema DRM

Vor über zwei Monaten ging die Webseite des Spieleanbieters „Linux Game Publishing“ (LGP) vom Netz. Ebenfalls betroffen war das DRM-System des Publishers, welches über den gleichen Server lief. Ohne war es unter anderem nicht möglich bereits erworbene Lizenzen von Sacred und X3 zu installieren, die durch LGP vertrieben werden. Der Publisher vertreibt die Linux-Versionen beider Programme exklusiv. Grund für den Ausfall war der Crash einer(!) Festplate, die offenbar lange Zeit nicht gerettet werden konnte.

Dieser Fall zeigt, wie sehr man heute als zahlender Kunde von Fehlern der Publisher getroffen werden kann, selbst wenn man das Spiel schon lange erworben hat.

Auf der anderen Seite wird der Service einiger Plattformen unter Spielern weiterhin sehr geschätzt. So erreichte mich heute eine E-Mail, dass ich das „Humble Indie Bundle“ nun auch über Steam aktivieren könne. Seitdem es im Mai (zu einem vom Kunden selbst gewählten Betrag) erworben werden konnte, sei die häufigste Frage gewesen, ob man die Spiele auch über diese Plattform herunterladen könne. In diesem speziellen Fall haben die Kunden nun also beides: Eine DRM-freie Version ohne Steam und eine Version mit Steam und DRM.

In diesem zweiten Fall stellt sich die Frage, ob das „Humble Indie Bundle“ auch erfolgreich gewesen wäre, wenn es nur über Steam angeboten worden wäre. Zur Veröffentlichung wurde massiv damit geworben, dass diese Spiele DRM-frei und ohne Zwischenhändler erhältlich seien. Dass das Geld direkt an die Entwickler (und zu einem selbst festgelegten Anteil an Child’s Play charity und die Electronic Frontier Foundation) ging, dürfte auch dazu beigetragen haben, dass durch die eher unbekannten Spiele Aquaria, Gish, World of Goo, Lugaru HD und Penumbra Overture binnen weniger Tage 1.273.613 US-Dollar eingenommen wurden.

Wir befinden uns also in einem Spannungsfeld zwischen Service und Abhängigkeit, Service müssen wir uns immer häufiger durch Abhängigkeit erkaufen. Auf der anderen Seite wird der Service in einigen Fällen tatsächlich besser. Diskutiert mit. DRM: Wegbereiter zu neuer Kundenfreundlichkeit oder Bedrohung digitaler Kultur? Hierzu möchten wir auch am 15. Dezember ab 19:00 ein Gamestorming veranstalten.