Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

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buzzti
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Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon buzzti » Sa 14. Jul 2012, 01:24

Das Thema Beschneidung aus religiösen Gründen ist durch das Urteil des Kölner Landgerichts wieder im öffentlichen Gespräch. Die Befürwörter berufen sich auf Religionsfreiheit und Minderheitenschutz, die Kritiker auf das Recht der Kinder für körperliche Unversehrtheit. Oft wird auch medizinisch argumentiert. Aber auch vor knapp hundert Jahren wurde die Genital-Verstümmelung von Frauen ähnlich beworben - als Heilungsmittel von Homosexualität, Hypersexualität, Hysterie und Nervosität, als Vorbeugung von Masturbation, Epilepsie, Katalepsie, Melancholie und sogar Kleptomanie (Lightfood-Klein 1992, S. 215).

Das Kölner Landgericht sieht in der Zirkumzision aus religiösen Motiven einen Akt der Körperverletzung und bewertet das Recht auf Unversehrtheit des Kindes höher als der Religions- und Erziehungsfreiheit der Eltern. Die Bundesregierung will nun so schnell wie möglich "Rechtsfrieden" schaffen und die religiös begründete Beschneidung weiterhin straffrei lassen.

Führende Relgionsvertreter sehen sich diskriminiert, ein Rabbiner sieht den Richterspruch gar "als schwersten Angriff auf jüdisches Leben in Deutschland seit dem Holocaust".

Ich finde persönlich es auch nicht zu rechtfertigen, einem Kind einen großen Teil der erogensten Zone zu entfernen, nur aufgrund einer uralten Tradition. Es mag medizinische Vorteile haben, jedoch sollte die Person selber darüber entscheiden dürfen und dem nicht als Kind hilflos ausgesetzt werden. Ich zweifle zwar gerade an mir, vielleicht bin ich gerade untolerant und reaktionär - lasse mich auch gern eines besseren belehren, aber ich finde man sollte diese Traditionen auch hinterfragen. Sicher bin ich nicht im geringsten ein Freund von Verboten, was in diesem Fall wohl auch nicht zielführend oder umsetzbar ist. Ich weiß es einfach nicht...

Was ist eure Meinung?

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon gordon-creAtive.com » Sa 14. Jul 2012, 09:14

Das ist für mich kein Verbot, sondern die Einhaltung der Menschenrechte: Der Mensch hat das Recht darauf unversehrt zu bleiben. Ob er das will, ist ihm selbst überlassen - aber eben nicht seinen Eltern. Da im allgemeinen Konsens herrscht, dass Personen "am achten Tag" noch nicht im Zustand sind, diese Entscheidung frei zu treffen (geschweige denn zu artikulieren), darf nicht beschnitten werden. Auch Religionen müssen sich an Menschenrechte halten, Religionsfreiheit hin oder her. Sie können es ja auch auf das 18. Lebensjahr verschieben.

Wesentlich interessanter finde ich, dass man in Deutschland bei Kopftüchern viel schneller eine Meinung hat. Angst vor der Holocaust-Keule?

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon Pyri » Sa 14. Jul 2012, 13:19

Ja ich bin auch gegen die Beschneidung von Männern -Daumen hoch:
Das ist aber glaube ich (ebenfalls) eine Minderheitenmeinung, oder?

Die meisten Gründe die meiner Erfahrung nach übrigens dafür ausgesprochen werden sind hygienischer Natur. Also weder medizinisch noch religiös -
Das Thema würde ich heutzutage ehrlich gesagt gar nicht mehr mit dem Judentum in Verbindung bringen.
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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon buzzti » Sa 14. Jul 2012, 17:01

Dagegen bin ich auf alle Fälle - nur soll der Staat das auch legislativ regeln oder sich raushalten?

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon Dekar » So 15. Jul 2012, 15:01

Der Staat wird sicher (aller Voraussicht nach) gesetzgeberisch dahingehend einbringen, dass er die Beschneidung legalisiert. Der Druck der entsprechenden Lobby ist fuer die Herrschaften zu gross.

Die Frage ist auch, ob eine spaetere Beschneidung (also bei Entscheidungsfaehigkeit des Kindes, denn verbieten will die Beschneidung ja keiner) die Religionsfreiheit unverhaeltnismaessig einschraenkt. Also ob ein Kind weniger juedisch/islamisch ist, wenn es erst mit 14 oder 15 beschnitten wird.

Bei der Diskussion finde ich es sehr bezeichnend, dass die Religionen auf einmal einen solch minimalen (und fuer alle Aussenstehenden nicht einsehbaren) Akt als zentrales Glaubensbestandteil bezeichnen. Ich dachte bisher das wichtigste an der Religion waere der Glaube und dass man den Regeln und moralischen Geboten der Religion folgt. Offenbar habe ich da falsch gelegen. Eine Vorhaut zu entfernen ist eindeutig wichtiger.

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon Patrik » So 15. Jul 2012, 16:55

Ich könnte mir momentan vorstellen, dass dieses Thema vor allem medial gepusht wurde. Im konkreten Fall scheint es ja nicht unerhebliche Komplikationen gegeben zu haben. Demnach stellt sich die Frage, ob besagtes Urteil sich überhaupt verallgemeinern lässt. So oder so sieht man hier vor allem einen kulturellen Konflikt:

Historisch stand bei der Beschneidung (von Jungen) meines Wissens sowieso eher der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Islam dem Christentum vielleicht sogar etwas voraus, denn "bei uns" fand Drogenkonsum (Wein) schon von Anfang an aus rein rituellen Gründen statt. Nur ist das Entfernen anatomisch bedeutungslosen Weichgewebes in unseren Breiten weniger akzeptiert als die orale Zuführung von Nervengiften.

Unterm Strich kann ich die Aufregung um das "mögliche Verbot", das ja in der Form nicht allgemeingültig ausgesprochen wurde, nachvollziehen. Andererseits denke ich, dass jedwede irreversible Entscheidung nach Möglichkeit mit Zustimmung des betroffenen Menschen durchgeführt werden sollte. Im konkreten Fall hieße das, mit der Beschneidung zu warten. Und eigentlich hoffe ich, dass es hierzu keine legislative Regelung benötigt, sondern genügend Modernisierungswillen innerhalb der betroffenen Gruppen. Ebenso wie ich auch Traubensaft als Blut akzeptieren kann.
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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon maSu » Mo 23. Jul 2012, 12:35

Zur medizinischen Seite mal:

1) Die Beschneidung bietet keinerlei Vorteile. Das Risiko sich mit HIV anzustecken soll geringer sein, aber die Studie halte ich für dezent "schlecht", da ungeschützter Sex mit div. verschiedenen Frauen auch vom Kulturkreis abhängig ist und wer streng religiös erzogen wird und auch beschnitten wird, der dürfte auch weniger Sexualpartner gehabt haben.
Gebärmutterhalskrebs ist auch so ein "tolles" Argument, aber wenn Wasser+Seife nicht hilft, dann kann man ggf. einen Mediziner aufsuchen. Man könnte (das nur am Rande) viele Körperteile amputieren, die man ja sonst lästiger Weise nur dauernd Waschen müsste (die Ohren zB...). Die Hygiene ist als Argument schier unbegreiflich abstoßend!
Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass ein Säugling am 8. Tag nach seiner Geburt wild durch die Gegend vögelt und Aids bekommt und so weiter. Auch bei 8 Jährigen ist mir derartiges eher nicht bekannt.
Die Verwendung von Kondomen ist so oder so empfehlenswert. Es ist zynisch, wenn man sagt, es habe Vorteile, ob man sich mit 5% oder 4% Wahrscheinlichkeit mit Aids infiziert! Hier wird auch eine falsche Sicherheit vorgegaukelt.
Wer dann mit 18 meint, er wolle sich beschneiden lassen: bitte...

2) Die Teile der Vorhaut, die entfernt werden sind die sensibelsten Teile des Penis. Die Vorhaut schützt die Eichel vor mechanischer Einwirkung und zudem auch vor Bakterien, indem antibakterielle Stoffe produziert werden. Tägliches Waschen sollte aber dennoch durchgeführt werden. Die Vorhaut schützt die Schleimhaut der Eichel vor dem Austrocknen und hält die Eichel sensibel.

3) Die Beschneidung kann nur unter Vollnarkose stattfinden, da eine hinreichende örtliche Betäubung dieses extrem sensiblen Bereiches nicht möglich ist. Jedwede Beschneidung ohne Vollnarkose kann zu schweren Traumata führen (auch bei Säuglingen!) und es ist mir unbegreiflich, wie das Kupieren der Ohren bei zB Hunden als grausam bezeichnet werden kann (Das Kupieren der Ohren eines Dobermann fügt dem Tier langanhaltende Schmerzen zu, die nicht auf einem vernünftigen Grund beruhen. Die Maßnahme ist deshalb tierschutzwidrig und strafbar. http://de.wikipedia.org/wiki/Kupieren#R ... stimmungen) während menschliche Kinder sogar ganz ohne Betäubung beschnitten werden dürfen?! Die Vollnarkose bleibt als einzige Möglichkeit übrig, aber diese ist mit erheblichen Risiken verbunden (und bei Säuglingen so auch nicht ohne weiteres durchführbar!).
Trotz guter Narkose bleiben die Schmerzen in den Tagen und Wochen danach aber bestehen.

4) Mögliche Risiken einer Beschneidung:
a) Beschneidung "geglückt"
a1) infektionen
a2) blutungen
a3) deutliche narbenbildung
b) Beschneidung "missglückt"
b1) Durchblutungsstörungen die zur teilweisen Amputation des Penis führen können
b2) Einschnürung der Eichel durch Narbenbildung
b3) Schmerzen bei Erektionen (Hautmangel um die Größenänderung des Penis zu kompensieren)
ToBeContinued.... wer da mal Bilder googlen will, sollte besser vorher nichts gegessen haben...!

5) Erschwerte Masturbation
Die Beschneidung wurde in den USA flächendeckend eingeführt, um die Masturbation zu erschweren
Okay, das klingt nach Verschwörungstheorie, aber mal ganz allgemein:
Die Masturbation wird erschwert, ist häufig nur noch unter Zuhilfenahme von Hilfsmitteln (Gleitmittel) möglich und in einigen Fällen sogar unmöglich.
Auch der normale Sex ist dann mindestens "anders". Die Beschneidung beeinflusst das Sexualleben des Mannes das ganze Leben lang in ernst zu nehmender Weise!



So und dagegen mal die religiöse Seite:

1) Religionsfreiheit
Von wem? Der Eltern? Was hat die Religion der Eltern mit dem Penis des Sohnes zu tun?!
Die Beschneidung ist für keine Religion erforderlich. Jeder kann konvertieren wann immer er will und muss sich dann nicht entkleiden und den Penis begutachten lassen ob da religiös nachgebessert werden müsste!
Das Recht auf körperliche Unversehrtheit wiegt zudem schwerer!


Und was mich wirklich schockiert hat:

Kretschmann (Ministerpräsident BaWü, B90Grüne) über Beschneidung
(link: http://www.tagblatt.de/Home/nachrichten ... 80973.html )

[Frage des Redakteurs, da Kretschmann die Religionsfreiheit sehr hoch ansetzt]
Aber würde ein solches Gesetz nicht auch die Genitalverstümmelung von Mädchen legalisieren?

KRETSCHMANN: Nein, die weibliche Genitalverstümmelung ist nirgendwo eine religiöse Vorschrift, sondern das sind reine Traditionen in manchen Ländern. Der Schutz der Religionsfreiheit greift da nicht. Und wo es um Verstümmelung geht, greift der Schutz der körperlichen Unversehrtheit. Die Religionsfreiheit hätte dort ihre Grenze. Es ist eine Frage der Verhältnismäßigkeit. Beschnittene Männer sind ja nicht in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Das ist bei der weiblichen Genitalverstümmelung ein fundamentaler Unterschied.


Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!

Die weibliche Beschneidung ist also verboten, weil sie keine religiöse Vorschrift ist? Im Umkehrschluss: Wäre also jedwede Genitalverstümmelung dann automatisch erlaubt, wenn es eine religiöse Vorschrift wäre?!
Und dann zur Lebensqualität: Also Kretschmann ist nun wirklich dumm oder gnadenlos naiv. Die Beschneidung ist (siehe oben) eben kein harmloser Eingriff (Risiken) und eben doch beeinträchtigend, da die sensibelsten Bereiche des Penis fehlen, Masturbation erschwert wird und so weiter...

Hatte Kretschmann etwas mehr zugetraut... so ist er nur ein weiterer Trottel von vielen, der den Gutmenschen heraushängen lässt...


Ich bin da eigentlich von allen Parteien massiv enttäuscht! Da werden Fakten geleugnet, der Rat von Fachärzten ignoriert und das alles nur weil ein paar Spinner mit der Nazikeule ankommen. Wenn eine Religion einzig und alleine vom Penis des Kindes abhängt, dann muss das eine verdammt armselige Religion sein.

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon AssMan » Mo 23. Jul 2012, 18:34

Mich würden mal Stimmen von Betroffenen dazu interessieren.

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon Scorpion » Mo 23. Jul 2012, 22:41

RELIGIONSFREIHEIT WIEGT VIEL, KÖRPERLICHE UNVERSEHRTHEIT WIEGT MEHR
Männer kennen keinen Schmerz
KOMMENTAR VON HEIDE OESTREICH
http://www.taz.de/Kommentar-Beschneidungen/!97874/

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Re: Beschneidung von Neugeborenen - Körperverletzung?

Beitragvon Patrik » Di 24. Jul 2012, 07:40

Ich finde schade, dass immer nur Religionsfreiheit der Eltern gegen körperliche Unversehrtheit des Kindes ausgespielt wird. Es gehört eben nicht nur zur Religion, seine Jungen zu beschneiden, sondern auch als Mann selbst beschnitten zu sein. Was ist mit der Religion des Kindes? Wenn es mit großer Wahrscheinlichkeit Jude oder Moslem wird, ist die Beschneidung auch im Sinne des Kindes.
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