100 %-Uncut*

Vicarocha
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Re: 100 %-Uncut*

Beitragvon Vicarocha » Sa 14. Jun 2014, 02:26

@ Pyri:
Ja, ich ging tatsächlich von einem "100 % Uncut"-Sticker (bzw. Aufdruck) aus, also von dem Vorhandensein eines solchen ohne den expliziten Verweis auf einen exkl. Verzicht auf eine Zensur von Gewaltdarstellungen, denn "statische Gewalt" (wie es die BPjM Mal im Indizierungsentscheid von Fallout 3 nannte), wie die Leichen bei der KZ-Szene, sind nämlich auch nach meinem Dafürhalten (und ausgehend von den üblichen Gewaltdefinitionen eigtl. auch rechtlich gesehen) keine Gewalt im eigtl. Sinne (insofern hätte sich die Sache wirklich erledigt, wenn nur damit geworben wird, hinsichtlich der Darstellungen von Gewalt unzensiert zu sein... rechtlich zumindest, von der moralischen Problematik eines solchen Vorgehens einmal abgesehen). Ich meinte nämlich, dass es solch ein Cover ohne eine solche Einschränkung gibt (tatsächlich habe ich mir die dt. Version im Laden noch nicht angeguckt, sondern kenne nur entsprechende Werbebilder bzw. Fotos des Covers... kann aber auch sein, dass es sich um frühe Fassungen handelt und das ganze so garnicht in den Laden gekommen ist, müßte man u.U. recherchieren).
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Rey Alp
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Re: 100 %-Uncut*

Beitragvon Rey Alp » Sa 14. Jun 2014, 09:58

@Vica
bei SB.com hat zumindest der Autor - Benennung des Abschnitts als Gewaltzensur - wohl andere Maßstäbe. Auch wenn es für den § 131 StGB erforderlich ist, den Akt des Zufügens von Gewalt zu zeigen (die Darstellung allein des "Ergebnisses" genügt nicht), wird für mich außerhalb dieser Norm Gewalt auch dadurch thematisiert, dass diese nicht vollständig gezeigt wird. Es ist ja allgemein üblich mit solchen Stilmitteln eine Angst- bzw. Drohkulisse mit aufzubauen, die sogar intensiver sein kann, als wenn der Akt der Gewaltzufügung nicht ausgespart wäre. Das Gewalt wohl Teil der Schreckensherrschaft des fiktiven Naziregimes in W:TNO ist, dürfte niemand bestreiten - doch wegen strafrechtlicher Vorschriften war es - soweit ich das übersehe, nicht erforderlich eine Anpassung vorzunehmen. Zumindest sehe ich nicht, wie bei einer unabgeänderten Szene § 86a StGB hätte angewendet werden können.

Weiter droht in der Szene der Spieler zu verbrennen - das ist für mich auch Gewalt. Allein, weil hier kein Mensch die Gewalt direkt gegen den Spieler ausübt, sehe ich das nicht weniger als Gewalt an. So stellt ja auch der § 131 StGB darauf ab, dass das potentieller Opfer - also der Protagonist - das Opfer von Gewalt wird. Dass hinter der Gewaltzufügung seinerseits ein menschlichen Wesen stehen muss, sehe ich nicht als zwingend an. Wäre aber interessant zu diskutieren. Zumindest in meinem Verständnis ist "Gewalt" eigentlich ein Begriff, der eine gewisse Willensrichtung hinter der Handlung unterstellt, so dass sie von einem denkenden Wesen ausgeübt sein muss. Ob Gewalt, die durch Robotor, "Stampfer", Selbstschussanlagen oder rollende Felsbrocken ausgeübt wird und sich gegen Menschen richtet, tatbestandsmäßig wäre, ist zu diskutieren. Andererseits wird auch für Ereignisse ohne Menschen dahinter - "Naturgewalten"/"höhere Gewalt" - der Begriff Gewalt verwendet.
Was mich in diesem Zusammenhang jedenfalls nicht überzeugen würde wäre der Einwand, dass der Protagonist hier nicht eingeäschert wird, sondern entkommt. Nach diesem Verständnis müsste Gewalt auch bei Schusswechseln erst dann angenommen werden, wenn tatsächlich jemand getroffen wird. Solange vorbeigeschossen wird, wäre der Begriff der Gewalt noch nicht erfüllt. Rein rechtlich wäre es wohl zwar nicht - z.B. für den § 131 StGB - ausreichend, weil es ohne Treffer zu keiner Zufügung von (physischer) Gewalt kommt - doch nach dem allgemeinen Verständnis, der Dramaturgie sowie dem "Betroffenen" (es wird auf jemanden geschossen und versucht diesen zu töten) dürfte ein Schusswechsel auch schon dann als Gewalt angesehen werden, wenn noch keiner getroffen wurde. Zumindest psychische Gewalt dürfte nicht von der Hand zu weisen sein.

Vicarocha
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Re: 100 %-Uncut*

Beitragvon Vicarocha » Sa 14. Jun 2014, 13:44

Ganz generell ist m.M.n. die notwendige Minimaldefinition von Aggression (und Gewalt ist eine graduell besonders intensive Form von Aggression) – egal ob in einem juristischen oder alltäglichen Kontext - die, die Baron (1997) formulierte: "'Aggression is any form of behaviour directed toward the goal of harming or injuring another living being who is motivated to avoid such treatment.' Aggressionsdefinitionen, die nicht auf eine Absicht zur Schädigung eines Interaktionspartners und nicht auch gleichzeitig auf eine die Schädigung vermeidende Motivation desselben abstellen, können nicht zwischen einerseits aggressivem Verhalten und andererseits bspw. Destruktivem Gehorsam, Unfällen, Kampfsport, sog. Kampf- und Tobespielen oder auch konsensualem BDSM differenzieren." (Portz 2013, S.46)

Ergo muss ein Gewalttäter ein Wesen sein, das intentional agieren kann; menschlich muss es nicht sein, ein intentional agierender Android, ein Tier o.ä. wäre hier als "Gewalttäter" gleichermaßen denkbar (für die Tatbestandserfüllung des § 131 StGB würden aber natürlich denklogisch noch weitere Merkmale des Täters hinzukommen, um bspw. von einer unmenshclichen Gewalttätigkeit sprechen zu können, das ist aber eine andere Baustelle).

Insofern würde ich es nicht als Gewalt ansehen, wenn das Spielersubstitut droht zu verbrennen, es sei denn, er wurde bewußt als noch lebend(!) von seinen Häschern in den Ofen gestopft, um ihn dort zu töten (die oben erwähnte Gewaltdefinition erfordert nämlich ein lebendes Opfer), gingen diese nur davon aus, einen bereits toten Körper zu entsorgen, wärde das keine Gewalt mehr (ungeachtet etwaiger Probleme einer Mittelbarkeit von Gewalthandlungen).

Abgesehen davon zeigt die KZ-Szene natürlich die Folgen von Gewalt und thematisiert damit (mehr oder weniger indirekt) Gewalt, würde ich auch so sehen, ja.

Wäre aber interessant zu diskutieren. Zumindest in meinem Verständnis ist "Gewalt" eigentlich ein Begriff, der eine gewisse Willensrichtung hinter der Handlung unterstellt, so dass sie von einem denkenden Wesen ausgeübt sein muss. Ob Gewalt, die durch Robotor, "Stampfer", Selbstschussanlagen oder rollende Felsbrocken ausgeübt wird und sich gegen Menschen richtet, tatbestandsmäßig wäre, ist zu diskutieren. Andererseits wird auch für Ereignisse ohne Menschen dahinter - "Naturgewalten"/"höhere Gewalt" - der Begriff Gewalt verwendet.

Sehe ich ähnlich, kam ja auch in meiner Diss. vor, s. (u.a.) S.194 (ansonsten s.o.). Auch geht es natürlich mit der Aggressionsdefinition von Baron (1997) konform, Gewalt bereits bei einem Schusswechsel ohne Treffer anzunehmen, es kommt ja nicht darauf an, ob das Ziel auch erfüllt wird (auch deshalb mag ich diese Gewaltdefinition so).
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Re: 100 %-Uncut*

Beitragvon Pyri » Sa 14. Jun 2014, 16:37

Grundsätzlich werden (statische) Szenen der Folgen von Gewalt, egal ob jetzt Leichen oder Ergebnisse von Einwirkungen auf lebendige Körper (wie Schnittwunden), aber auch Verwesung, eher unter dem Begriff "Gore" diskutiert. Im Film von Lewis bis Buttgereit - dann gibt es im Deutschen semantisch wohl zwei ganz verschiedene Formen von "Gewalt", wobei Ihr hier nur jene diskutiert die im Englischen unter "violence" verstanden wird. Und allein diese hat auch mit Aggression zu tun, zumindest in einem näheren - nicht religiösen - Sinne als der eines handelnden Lebewesen oder Konstruktes (wie einem Android).
Die "Naturgewalt" kennt keine Intention, außer einen göttlichen Willen, und wird im Englischen deshalb auch nicht als "violence" diskutiert. Daneben gibt es im Deutschen aber auch eine Staatsgewalt mit dazugehörigem Monopol. Beide werden im Englischen eher unter "power" diskutiert, das heißt liegen wiederum näher am deutschen Wort "Macht". Jetzt könnte ich von Foucault bis Galtung "Macht" und strukturelle Gewalt diskutieren, aber das lasse ich besser gleich -
Nur noch soviel: dass es im Deutschen diese zwei Formen von "Gewalt" gibt, eine positive die Sicherheit und Ordnung regelt, sowie eine überaus negative als moralische Verurteilung (und widerrechtliche Grenzüberschreitung von Freiheit), aber eben für beide ein und dasselbe Wort, deutet für mich auf eine Affinität für oder affirmative Beziehung zu (katholischer) Autorität und (protestantischer) Strenge hin, sowie die soziale Neigung sich gegenüber anderen ständig abzugrenzen (die Wagner bereits in "Die Meistersinger von Nürnberg" zu parodieren versuchte).

Darum geht es hier aus meiner Sicht jedoch überhaupt nicht, sondern um die Entsprechung eines Bilderverbotes (im Sinne von Tabu, NICHT "Recht"), das seit den Siebziger Jahren praktisch besteht, wenn es um die Wahrnehmung der Shoah geht. Spätestens seit dem Film von Claude Lanzmann 1985. Und eine Verletzung desselben kann demnach wohl ganz ungeahnte Folgen haben.
Ich habe schon vor vielen Jahren darauf hingewiesen, aber es gilt nach einem kurzen Check leider scheinbar immer noch: es genügt ein Bildervergleich der Holocaust-Artikel in den deutschsprachigen und englischsprachigen Wikipedia-Ausgaben. Im Deutschen finden sich dort immer noch keine Leichenberge oder sonstige explizite Bilder von Opfern, wobei deren Fehlen oder ihre Vermeidung in zunehmendem Maße unter Hinweis auf das Persönlichkeitsrecht der Opfer erfolgt.
Das Tabu wurde hier in Österreich etwa von Robert Schindel diskutiert (vor allem nach der Waldheim-Affäre und der auch für Schulen schon gezeigten "Schindlers Liste") und prinzipiell geht es dabei um die Darstellung von Undarstellbarem, wobei sich solche Szenen immer "schuldig" machen werden, in einer dementsprechend darauf reagierenden Öffentlichkeit, dass sie Opfer verhöhnen würden. Einer Öffentlichkeit die wenn dann immer nur eine einseitige Erinnerungskultur der Betroffenheit haben will. Zwar gibt es in Deutschland auch zunehmenden Widerspruch zu Degeto und Guido Knopp sowie deren breitenwirksam sein sollender Aufbereitung von Geschichte, an dieser Kritik einer Dramatisierung* des Holocaust (im Sinne von den Holocaust mit vertauschten Rollen nachstellen) wird das aber auch nichts ändern. Ein Shooter wie "Wolfenstein" immer das Nachsehen haben, sowie Bilder wie sie hier "Wolfenstein" tradiert hat und in den Achtzigern etwa in US-Fernsehserien wie "Feuersturm und Asche" präsentiert wurden, werden dabei als vielfach unzumutbar erachtet, als Kolportage (Weiterleitung an "Watch Dogs") abgelehnt usw. Das zeigt sich schon daran, dass von in den USA dereinst populären Serien wie "Der Feuersturm" (Winds of War) und "Feuersturm und Asche" (War and Remembrance) hierzulande kaum jemand je Notiz nahm.
Und das betrifft im Übrigen sehr viele Körperdarstellungen und wird etwa auch noch immer dazu geführt haben, dass die unzensierte Thematisierung von Sexualität und Behinderung im Tinto-Brass-Film "Salon Kitty" (1976) auch heute noch nicht ungehindert in Deutschland möglich ist. Es geht nicht um "Recht" oder "Moral", und schon gar nicht um Gerechtigkeit, sondern die ethische Realität mit welchen Vorwürfen man in dieser gesellschaftlichen Situation dabei konfrontiert werden kann.

* allein die Verwendung dieses Wortes führt die Fallstricke dabei vor Augen, da unter einer "Dramatisierung" für gewöhnlich ja nicht (einmal mehr) die Eigenschaft verstanden wird etwas zu einem "Drama" zu machen, sondern (auch) eine implizite Wertung. Etwas, wie eine Situation, zu verstärken, also etwa wichtiger zu machen als es eigentlich wäre - weil ein Drama schonmal als etwas Schwerwiegendes gilt -, oder dahingehend gerade schon als Vorwurf formuliert;
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Re: 100 %-Uncut*

Beitragvon FlohimOhr » Mo 6. Okt 2014, 16:22

Krasser Thread,

hab ganz schön gebraucht um den zu lesen und nicht alles gerafft :)
Einerseits denke ich, es eigentlich nicht wichtig, dass man die Symbole im
Spiel hat, die aus dem zweiten Weltkrieg stammen, andererseits ist es ein extremer
Beschnitt der Freiheit. Irgendwie ist es Schizophren "volle Gewalt" zeigen zu dürfen,
aber ein paar Symbole pixeln/ändern zu müssen. Es ist ja nicht so, dass sie verherrlicht werden,
man bringt doch Anhänger der Symbolik im Spiel um. Genauso strange ist, dass in Amiland
extremste Gewalt allen zugänglich gemacht wird und kein Problem ist, aber eine
freiliegende Brust unkenntlich gemacht wird. Da frage ich mich, was ist traumatisierender sein könnte,
Gewalt oder menschliche, lebendige Körperteile?
Zu Wolfenstein: Ich möchte unabhämgig von Zensur das Produkt erhalten bzw. das Spiel spielen,
dass die Entwickler als "Original" herausgegeben haben und nichts anderes. Vielleicht setzt man sich
sogar noch ein bisschem mehr mit der Thematik auseinander wenn es nicht verfremdet ist.
Gruß!
Nick
Sinn des Lebens: etwas, das keiner genau weiß. Jedenfalls hat es wenig Sinn, der reichste Mann auf dem Friedhof zu sein.

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