Links zur Presse (Stigma) #7

Falschdarstellungen und Vorurteile
Rigolax
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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » So 11. Aug 2019, 19:38

Ich fand die ersten paar Videos von Sarkeesian ja ehrlich gesagt gute Debatten-/Meinungsbeiträge, also aus ihrer Reihe „Tropes vs Women in video games“. Da hatte sie einen legitimen Einwand und den auch imho gut begründet. Danach wurde es dann abgehobener und irgendwann konnte ich es auch nicht mehr nachvollziehen. Viel mehr habe ich mich nicht mehr damit beschäftigt, die Kritik an der Kickstarter-Finanzierung noch am Rande mitgekriegt. Daher weiß ich jetzt nicht, wie „gefährlich“ sie ist, na ja.

Diese Repräsentationsdebatte finde ich insgesamt aber schon nervig, ja toxisch trifft‘s gut. Z. B. letztens ein Kotaku-Artikel, der schon in der Überschrift toxisch war: https://kotaku.com/mordhaus-developers- ... 1836026804 ("Mordhau's Developers Are On Some Bullshit") Das hat gar nichts mehr mit Journalismus zu tun, das ist ja nur noch Agitation. Als ob es jetzt so schlimm gewesen wäre, selbst wenn die Entwickler einen „racial toggle“ eingebaut hätten, was da für ein Fass aufgemacht wird.

In dem Kontext nervt mich dieser Einwand, dass solch ein Spiel ja ohnehin nicht historisch korrekt wäre. Es muss ja wohl auch verschiedene Ebenen von historisch authentisch geben. Wenn z.B. jedes Hakenkreuz durch ein Eisernes Kreuz ausgetauscht wird, dann ist das halt befremdlich; imho ist es voll legitim, das als historisch inkorrekt abzulehnen. Und ähnlich ist’s halt, wenn man auf Seiten der Nazis in einem WW2-Shooter keine Schwarzen/schwarzen Frauen sehen will. Daraus kann man an sich doch keinen Rassismus/Sexismus ableiten, wie es aber immer direkt unterstellt wird.

Ich denke allgemein schon, dass ideologische Kritik geäußert werden darf, wie z. B. bei KCD. Dazu meinte ich im Thread hier ja schon mal etwas, bezogen auf eine gewisse Xenophobie im Spiel, die man diskutieren sollte. Dass die Entwickler (einflussreiche Teile des Entwicklerteams) auch ein politisches Statement setzen wollten, das halte ich eh für recht klar, wobei es an sich ja auch egal ist für die Interpretation des Werkes (wie war das, Tod des Autors?). Es gibt jedenfalls auch eine Quest, in der der Spielercharakter das Lesen lernt, in der ihm (auch dem Spieler) erklärt wird, was Bild- und Sachebene sind, das jede fiktive Geschichte eine dahinterliegende Intention habe… das ist schon eigentlich ein Wink mit dem Zaunpfahl imho, vielleicht aber auch ein Seitenhieb auf die Postmoderne.

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https://www.youtube.com/watch?v=_m7txM8wnt0 Video eines funk-Kanals, d.h. aus dem Rundfunkbeitrag finanziert: „Verursachen Videospiele Amokläufe?“ (spoiler: natürlich nicht). Verlink ich mal, weil darin einige Studien behandelt werden.

Übrigens mal hier geschrieben, da im Video auch Team Fortress 2 mal erwähnt wird: das hat 2017 in sowohl einer ungeschnittenen als auch geschnittenen Version eine 16er Freigabe erhalten. Ich hatte dazu vor paar Tagen die USK gebeten, mal ihre Datenbank klarer zu machen, weil vorher nur die 18er drinstand (ohne „low violence“-Hinweis) und eine 16er mit Low-Violence-Hinweis, d. h. diese Runterstufung ging da gar nicht draus hervor. Jedenfalls sind Cut- und Uncut-Version jetzt gleichberechtigt; hat imho eine gewisse Aussagekraft über die tatsächlich Wirkung von fiktiven Gewalteffekten, die sollte nämlich eigentlich recht gering sein für den Jugendmedienschutz.

Übrigens noch als Newspost hier: Fornite hat jetzt mit BR-Mode offiziell die 12er. Via IARC kam für die Switch vor einem Jahr die 16er raus. Bei GameStar meinte man dazu damals: "Nun wissen wir, ab wie vielen Jahren man das Spiel spielen sollte." Tja, so kann man sich täuschen; wobei die Aussage natürlich immer Quatsch ist bei Alterseinstufungen, der GameStar-Autor, stellvertretend für viele hierzulande, die aber natürlich als Dogmen wahrnimmt. https://www.gamestar.de/artikel/fortnit ... 31172.html

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » Do 22. Aug 2019, 22:55

"Hakenkreuze sollen der Bildung dienen. In dem Computerspiel »Berlin 1936« kann man Adolf Hitler auf der Höhe seiner Macht spielen" https://www.neues-deutschland.de/artike ... ienen.html

Geht um "Berlin 1936", das heute aus dem deutschen Steam Store entfernt wurde. Laut dem zitierten Ersteller liegt das Spiel auch grad bei der BPjM. Auf Twitter wurde sich mal wieder etwas empört, daher erreichte es wohl die notwendige Aufmerksamkeit für einen Antrag/eine Anregung bei der BPjM.

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Der Indizierungstatbestand für "Verrohung durch Banalisierung des Nationalsozialismus" scheint ja schon irgendwie für so einen Fall gemacht... Der Entwickler ist insgesamt übrigens ein ziemlicher Troll, wenn man sich seine sonstigen Produktionen mal anguckt. IMHO fast ausgeschlossen, dass es ihm tatsächlich um Dokumentation oder Bildung ging, sondern vor allem um Schockwert. Anders als im vielleicht entfernt vergleichbaren Fall "1378 (km)".

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Pyri » Fr 23. Aug 2019, 17:56

Rigolax hat geschrieben:"Hakenkreuze sollen der Bildung dienen. In dem Computerspiel »Berlin 1936« kann man Adolf Hitler auf der Höhe seiner Macht spielen" https://www.neues-deutschland.de/artike ... ienen.html

Also diesen ND-Artikel finde ich jedenfalls gut.
Die Fahrsequenz erinnert an das uralte österreichische Spiel "Oldtimer" (der ursprünglichen "Anno"-Macher), der Preis ist mit fast 17 Euro ziemlich hoch bemessen, und die Ästhetik wirkt zwar sehr elaboriert, insgesamt aber auch eher unfreiwillig komisch.
Und wieder stellt sich mir bei so einem Titel die Frage woher die Assets eigentlich stammen - in den Reviews gibt es dafür schon einen Hinweis, nur kann ich mit dem absolut nichts anfangen (hier in Österreich wurde das nicht gesperrt).
Und etwas Recherche zufolge ist der Autor wohl (doch) kein Nazi, nur recht naiv. Warum? Weil "Bildung" so nicht funktionieren kann. Zu sagen "ich halte mich da raus" und anstatt eines Statements Wikipedia-Artikel zu verlinken ist bei der "Sozialadäquanz" kaum vorgesehen. Das kann auch nicht wirklich mit Wissenschaftlichkeit gemeint sein und wird höchstens bei Partikularinteressen wie der Militärgeschichte (noch) akzeptiert, aber sicher nicht als Gesellschaftsdarstellung... Also wenn die Bundesprüfstelle keinen Hinweis auf "Kritik" findet, wie Darstellungen von Verfolgungen etc., wird der Titel hoffentlich indiziert werden - genauso wie dem entsprechende Bücher und Videos (Riefenstahls Film "Olympia" wurde etwa nach dem Krieg ja auch nur in einer "Adenauer"-Version aus den Fifties verfügbar gemacht, in welcher der Nationalsozialismus kaum vorkam).
Es soll zwar eine Taste geben mit welcher der Avatar umgebracht werden kann, also auf Knopfdruck quasi, aber dann kommt man (mitten in Berlin!?) zu einem Tor auf dem "Arbeit macht frei" draufsteht - was wohl Sachsenhausen sein soll, aber mir auf keinen Fall "authentisch" erscheint.
Zuletzt geändert von Pyri am Sa 24. Aug 2019, 00:11, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Rigolax » Fr 23. Aug 2019, 18:26

Ja, den ND-Artikel finde ich auch tatsächlich nicht schlecht. Der ist alles in allem erstaunlich nüchtern, relativiert dann -- zu Recht -- auch die vermeintliche Gefahr des Spieles, aber bringt eben Kritik an.

Fehlerhaft ist meines Erachtens nach ja wohl (wie üblich) der rechtliche Teil bezogen auf den vorletzten Absatz; da wird (halt wie üblich) § 86a mit § 86 StGB verwechselt. Nun will ich nicht leugnen, dass es da gewisse Überschneidungen geben mag, aber wir dürften ja zustimmen, dass der eigentlich relevante Paragraph § 86a StGB ist, nämlich Abs. 1 Nr. 1 "im Inland Kennzeichen einer der in § 86 Abs. 1 Nr. 1, 2 und 4 bezeichneten Parteien oder Vereinigungen verbreitet oder öffentlich, in einer Versammlung oder in von ihm verbreiteten Schriften (§ 11 Abs. 3) verwendet". Der Schriftenbegriff des StGB ist ja bekannt. Da vollends mit § 86 zu argumentieren ist schon schräg. Die Autorin greift da offenbar auf ihren Artikel über Nazi-Devotionalien zurück (EDIT: Nach § 86 Abs. 2 StGB können "Propagandamittel" auch wohl nur "Schrifen" sein, also ist das da auch komplett daneben afaik).

Amüsant finde ich, dass der Ersteller im Laufe des Textes "El Oliver" genannt wird. Ganz so, als wäre "Mac El Oliver" nicht ein Pseudonym. Offenbar ist das auch irgendwie eine Meme aus einem YouTube-Kanal, habe das noch nicht ganz durchblickt. Sein Facebook-Avatar ist jedenfalls ein Stock-Image (obviously). Ich finde von dem Hersteller nichtmal ein Impressum, ich tat mich gar schwer, eine E-Mail von dem zu finden und wunderte mich, wie ND und gar die BPjM ihn kontaktiert haben mag. Erstere vlt. via Facebook...aber dann fiel mir nochmal auf, dass er in einem Forumsthread auf eine Nutzerfrage eine Mail-Adresse postete; vlt. hat die BPjM tatsächlich ihn so erreicht, keine Ahnung.

Für einen Nazi halte ich den Entwickler auch nicht. Ich finde schon die Evaluation der "Tester" von gaming-grounds im ND-Artikel, wonach das Spiel eine "überteuerte Form von verherrlichtem Nationalsozialismus" sei, etwas überzogen. Sicherlich, darf man schon denken. Ich hab das Spiel ja auch nicht gespielt, sondern nur die vorliegenden Materialien gesichtet, aber imho zielt der Entwickler offensichtlich (nur) auf Shock Value ab, will mit dem Spiel polarisieren, vielleicht auch etwas "abhitlern", jetzt, wo vermeintlich ja NS-Symbole in Videospielen erlaubt wären, der vermeintliche Tabubruch, wie in den USK-Leitkritieren gemeint. Dass da noch etwas Geld mitgenommen werden soll, dafür spricht dann der doch relativ hohe Preis. Jedenfalls haben einige Leute, von denen ich weiß, dass sie sonst sehr viel Zeug mitnehmen, nur weil aus dem Store genommen werden könnte, das Spiel nicht gekauft; das war vielleicht selbst denen zu blöd.

Kurios ist jedenfalls aber noch das angedachte "Mission Update": "The 'Enemies of the Reich' section will feature the 5 criminals you can find across the city." https://steamcommunity.com/games/109144 ... 0642580377 Ich weiß ja nicht, in welche Richtung das noch gehen soll. Na ja. Und im Steam-Forum hat ein Typ ziemlich klar den Holocaust geleugnet, speziell Auschwitz II als Vernichtungslager, der Post wurde dann aber irgendwie gelöscht, der User aber nicht gesperrt (sehe ich an anderen Posts von dem, sonst würde da "Banned" stehen). Momentan gibt's noch einen anderen Thread eines Nutzers, der doch auch recht deutlich, eh, den Holocaust in Frage stellt, und auf den der Dev geantwortet hat. Na ja.

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Re: Links zur Presse (Stigma) #7

Beitragvon Pyri » Sa 24. Aug 2019, 00:38

Rigolax hat geschrieben:Kurios ist jedenfalls aber noch das angedachte "Mission Update": "The 'Enemies of the Reich' section will feature the 5 criminals you can find across the city." https://steamcommunity.com/games/109144 ... 0642580377 Ich weiß ja nicht, in welche Richtung das noch gehen soll.

Über die seltsame Motivation dahinter kann zwar weiter spekuliert werden, nur der historische Anspruch ist so schon getrost zu vergessen: Pervitin wurde 1936 noch nicht verkauft.
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