Der Name des Kindes

Falschdarstellungen und Vorurteile
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gordon-creAtive.com
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Der Name des Kindes

Beitrag von gordon-creAtive.com » Mi 28. Mär 2012, 14:52

Was haltet ihr davon, in den Kommentaren der Spieleseiten rumzutrollen, Zensur Zensur zu nennen und nicht anders? Ich habe schon häufig mit Spielern rumdiskutiert, die der festen Überzeugung waren, dass es in Deutschland keine Zensur gibt. Ich habe das hier mal bei GamersGlobal gemacht. Vielleicht wirkt es ja.

Wobei ich oft das Gefühl habe, dass die Spieler oft einfach von der Materie keine Ahnung haben, wahrscheinlich, weil es so kompliziert ist. Es gab schon welche, die lapidar auf Art. 5 GG verweisen, nach dem Motto, wenn es da steht, dann muss das wohl so sein, andere verweisen darauf, das es ja Jugendschutz ist, und der ja keineswegs abgeschafft werden dürfte.

Ich bin der Meinung, dass hier auch der Videospiel"journalismus" schuld ist, die haben wohl keinerlei Intentionen, die Gamer aufzuklären. Ist wohl zu Meta.

Update: Bäm da ist es wieder. Keine 2 Minuten später unter meinem Kommentar.

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Pyri
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Pyri » Mi 28. Mär 2012, 16:17

Meiner Erfahrung nach läuft es meist so ab, dass Zensur aus einem sehr subjektiven Winkel betrachtet wird. Meist wird ein anderer subjektiver Winkel den dem etwaig Widersprechenden in Folge auch noch vorgeworfen. So entsteht ein Kreislauf indem sich Positionen begegnen die sich jeweilig für objektiver halten, das heißt eben auch für "richtiger".
Zensur wird so zu überhaupt keinem Vorwurf mehr, sondern eher zu einem Umstand, einem Prozess dem sich keine Gesellschaften entziehen könnten. Zensur wäre so auch etwas Omnipräsentes in der Welt.
Hinzu kommt, dass hierzulande unter Zensur meinem Eindruck nach eher nur politische Äußerungen als potentiell davon betroffen ausgemacht werden, wobei wiederum politischer Extremismus davon ausgenommen wird. "Killerspiele" laufen meiner Meinung nach so auch beständig Gefahr (irgendwann mal) als politischer Extremismus (offiziell) identifiziert zu werden. Um Sex oder Gewalt ginge es bei Zensur demnach schonmal gar nicht unbedingt, das könnte von "Zensur" womöglich gar nicht betroffen sein - sondern wäre (auch) weit eher eben "Jugendschutz".


Boris Schneider-Johne dürfte auf seinem privaten Blog etwa mal nahegelegt haben, dass Zensur bei Sex- oder Gewaltdarstellungen so (als Vorwurf) gar keine Zensur wäre. Also überhaupt nichts Negatives (erstes und zweites von vier Zitaten). Zumal es dem Vernehmen nach auch nicht um wertvollen (wie für gewöhnlich offenbar - eher - musealisierten) Ausdruck ginge, sondern bei Videospielen eher um eine Manifestation von schmutzigem Geld. "Gewalt-Geld" oder "Geld" (Kapital) mit "Gewalt" wenn man so will (drittes Zitat). Die Idee noch als (antikapitalistische) "Kritik" verkauft wird. Minderheitenwünsche werden dabei auch gegen eine Mehrheit gestellt (viertes und letztes der folgenden Zitate), wobei "Zensur" offensichtlich auch so legitimiert werden soll:

'“Dead Rising ist doch lustig und nicht brutal“. Vielleicht ist genau dieses das Problem? Wesen auf brutale Weise töten macht Spaß? Ich habe volles Verständnis dafür, wenn die Jugendschutz-Behörden in Deutschland das hier nicht zulassen wollen. (...)
In keinem Medium gibt es die absolut “freie Rede”. Das im deutschen Wertesystem aufgrund der Vergangenheit in diesem Jahrhundert das Thema “Gewalt” ein sensibles ist, sollte man bitte akzeptieren. Nochmal ein Vergleich mit der Porno-Branche: Bei uns in Deutschland ist eine Menge Erotik in frei zugänglichen Medien erlaubt, Erwachsene haben sehr einfachen Zugriff auf “harte Pornos” – aber bei bestimmten Sexualpraktiken ist Schluß, die finden auch bei Beate Uhse nicht statt. In USA ist die freie Erotik wesentlich eingeschränkter. In Holland kommen Erwachsene umgekehrt auch an Sachen ran, die in Deutschland verboten sind. In Deutschland ist Postversand von harter Pornographie nicht möglich, die Österreiche schicken auch härteres Material problemlos per Post. Das sind nun mal die Regeln, im jeweiligen gesellschaftlichen Prozess aufgestellt. Erwachsene können in Deutschland nicht frei entscheiden, welche Pornos sie sehen, mit welcher Geschwindigkeit sie durch eine Tempo 30 Zone fahren und wieviel Geld sie dem Staat von ihrem Gehalt abgegeben wollen. Warum sollten Computerspiele ein regelfreier Raum sein? In Österreich ist dafür Tempo 130 auf der Autobahn, ohne Ausnahme. (...)
“So ein Spiel ist ein künstlerisches Gesamtwerk“. Nein, es ist ein kommerzielles Produkt, darauf ausgelegt, möglichst viel zu verkaufen. Viele Spiele stoßen bewußt und absichtlich an Grenzen des Geschmacks und der ethischen Systeme, um damit Kasse zu machen und nicht, weil dahinter ein Künstler sitzt, der der Gesellschaft eine “Aussage” machen will. Wieviele Leute, die hier mit dem Begriff “Kunst” hantieren, können jeweils zehn berühmte Maler, Bildhauer, Aktionskünstler und Komponisten des 20. Jahrhunderts nennen? (...)
Man darf nicht denken, daß es in Deutschland lediglich zehn Politiker und zwanzig Leute bei der USK gibt, die Gewaltspiele verbieten wollen. Das ist falsch. Wenn man einer repräsentativen Gruppe der Bevölkerung Dead Rising zeigen würde und fragen würde, soll so was in Deutschland frei erhältlich sein, kann hier niemand mit Sicherheit sagen, ob die Hälfte der Befragten den Titel “zulassen” würden.' http://www.dreisechzig.net/wp/archives/588


Gern wird auch eine US-Prüderie vorgebracht, welche viel schlimmer wäre als die deutsche Gewaltphobie - die wiederum wesentlich verständlicher sein würde, auch angesichts der eigenen Geschichte und so (siehe auch das zweite Zitat oben). Wie Kultur dabei selektiert wird, Anderes ausgegrenzt, bloß eigene Vorstellungen/Zugänge/Einstellungen (weiter) tradiert werden, wird erfahrungsgemäß ausgeblendet. Leider arbeitet auch ein ausgewiesener Zensurforscher wie Roland Seim dabei meiner Ansicht nach ähnlich. Und deshalb hört man gerade in Deutschland auch öffentlich überhaupt nicht soviel gegen (eine vorhandene) "Zensur". "Zensur" ist so etwas sehr Erwünschtes -
In vielerlei Hinsicht. Aktuell etwa dabei wenn es um das für die USA veränderte Cover des deutschen Spiels "Risen 2" geht
Die ESRB will bekanntlich kein Blut auf Spielverpackungen sehen - was zu Unverständnis hierzulande führt, etwa in den Kommentaren bei IDG http://www.gamepro.de/playstation/spiel ... 66265.html

Da wird sich dann gern auf (in Deutschland) allgemein als besonders menschenverachtend geltende Titel wie "Manhunt" geeinigt und (kollektiv) auf die Amis geschimpft, welche "so was" ja sogar für Siebzehnjährige noch zulassen würden.
Ich arbeite gerade an meiner Analyse zum "Elternprivileg" wogegen sich ein Ch. Pfeiffer schon vor zehn Jahren eingesetzt hat: und das spielt da wohl auch hinein, dabei was alles Zensur wäre und was nicht - Zensur ist dabei vor allem eines glaub ich (nicht): das was jeweilig (nicht) dafür gehalten wird ;-) Und kaum etwas das Volljährige eigentlich betreffen würde.
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Rey Alp
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Rey Alp » Mi 28. Mär 2012, 21:15

Nur kurz die rechtliche Seite:

Im Gesetz steht es so:
Eine Zensur findet nicht statt. Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.
Man könnte meinen, dass das Gesetz Zensur zum Schutz der Jugend und Ehre erlaubt. Nach der h.M. sollen die Sätze aber in anderer Reihenfolge gelesen werden:
Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre. Eine Zensur findet nicht statt.
Also das auch bei Jugend- und Ehrschutz Zensur unstatthaft ist. Nach dem Gesetz, wie es von den Juristen gelesen wird, ist "Zensur "also absolut verboten.

Die nach dem Grundgesetz verbotene Zensur soll aber nur Vor- und keine Nachzensur sein. Vorzensur bedeutet, dass jemand, bevor er etwas veröffentlicht, die Pflicht hat, sein Werk einem Zensor zur Prüfung vorzulegen. Das heißt das nach dem Grundgesetz nur verboten ist Werke vor ihrem erscheinen zu verbieten bzw. eine dafür erforderliche Vorlagepflicht zu normieren. Dass dagegen im Nachhinein jemand bestraft werden kann, wenn es z.B. ehrverletzend ist, soll nicht verboten sein.

Ich will nicht sagen, dass das so gut ist. Das ist schlicht das Gesetz.

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Modgamers
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Modgamers » Mi 28. Mär 2012, 23:27

@Rey

Aber da beißt sich ja der Hund in den Schwanz. Wie schon häufiger hier (u.a. wohl auch von dir) festgestellt, läuft unser System auf eine de facto Zensur hinaus, mMn sogar auf eine de facto Vorzensur. Wenn man nämlich sein Produkt ohne vorherige Prüfung durch USK/FSK/etc. verkaufen möchte, wird dies kaum möglich sein, da die Händler sich nicht strafbar machen wollen Dein Absatzmarkt ist, selbst wenn es legal ist das Produkt zu verkaufen, quasi Null. Somit bist du gezwungen vor der Veröffentlichung dir ein Freifahrtschein durch die USK/FSK/etc. zu besorgen, der nicht immer, aber oft genug mit Schnitten (die man als (Selsbst-)Zensur begreifen kann) einhergeht. Die Möglichkeit es dennoch ohne zu machen ist allerdings marktwirtschaftlicher Selbstmord, weshalb sie kein ernsthaft denkender Mensch machen würde. Sie ist somit nur ein Alibi, weshalb du de facto gezwungen bist eine Jugendfreigabe vor der Veröffentlichung/Verkaufsstart zu besorgen.

Man kann also zu der Überzeugung kommen, dass durchaus eine Vorzensur existiert, sie sieht nur nicht sofort danach aus. Dies liegt u.A. auch daran, dass hier eine asynchronität zu anderen Medienformen herrscht. Bei Musik und Büchern etwa gibt es ja keine selbstkontrollierte Vorprüfung, weshalb du "einfach so" veröffentlichen darfst. Hier wird tatsächlich erst (wie im Gesetz gefordert) wenn überhaupt erst nach der Veröffentlichung geprüft und ggf. Indiziert (vgl. Die Ärzte, Sido, Rammstein). Da du aber bei Filmen und Spielen diese Sonderregelungen bzgl. des Vertriebes hast, kann sich dort eine Form der Vorzensur manifestieren, die womöglich ungewollt sein mag, sich aber schlicht aus den Gesetzen und den Arbeitsweisen und Gegebenheiten des Marktes ergeben.

Vicarocha
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Vicarocha » Do 29. Mär 2012, 01:30

@ Rey Alp:

Ich würde ja nicht behaupten, dass die h.M. in Rechtssprechung und Literatur es erfordern würde, die Bestimmungen des Art. 5 GG in einer anderen Reihenfolge lesen zu müssen, als sie in Art. 5 festgelegt ist, um eine Absolutheit des Zensurverbotes zu erkennen und folglich auch Zensur aus Gründen eines (vermeintlichen) Jugendschutzes als verfassungswidrig zu realisieren; im Gegenteil halten die h.M. und ich die Formulierung ja gerade für ziemlich eindeutig: Die Rechte, die ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre finden, sind ja die in Abs. 1 genannten Rechte, nun ist aber das Zensurverbot ganz einfach keines der Grundrechte, also nicht erfasst. Damit wäre die Sache schon semantisch vom Tisch. Abs. 2 führt da ja nur noch die legitimen Schranken der Grundrechte des Abs. 1 auf (ungeachtet natürlich genereller verfassungsimmanenter Schranken in Art. 19 Abs. 1 und 2, sowie Art. 20 Abs. 3 GG), die jedoch in keinem Fall in Form einer Zensur realisiert werden dürfen. An Klarheit lässt der Artikel da eigentlich ncihts vermissen. ;-)

Was die Frage betrifft, ob das Zensurverbot nur Maßnahmen der Vorzensur oder auch solche der Nachzensur erfassen soll, stimmt es zwar, dass die h.M. von ersterem ausgeht, diese Perspektive ist aber im Lichte einer grammatische, historisch-genetischen, systematischen und teleologischen Analyse des Zensurverbots eigentlich nicht haltbar, wie in den letzten 60 Jahren regelmäßig in der rechtswissenschaftlichen Literatur festgestellt wird und auch so eigentlich keine wirkliche Midnermeinung mehr ist (eine Zusammenfassung gibt es in meiner Dissertation), so jedenfalls mein Eindruck.

Das Problem, ergibt sich da m.M.n. an anderer Stelle, auch wenn man eine Nachzensur als verboten annimmt, nämlich bei der Zensurdefinition: In meiner Dissertation wird ja u.a. der Frage nachgegangen, ob das zentrale Element des ordnungsrechtlichen Jugendmedienschutzes in der BRD, die Indizierung, Zensur ist oder nicht. Zweifellos ist sie i.S.e. materiellen Definition Zensur, keine Frage, komplizierter wird es aber, wenn man (so wie ich und das Gros der rechtswissenschaftlichen Literatur) davon ausgeht, dass ein justiziable Zensurdefinition primär formell zu sein hat (wobei allerdings m.M.n. nicht vollkommen Aspekte der materiellen Definition ignoriert werden dürfen). Die Indizierung erfüllt fast alle Aspekte formeller Zensur (welche ich in der Diss. aufstelle), außer einem gewichtigen Punkt: Sie ist prinzipiell eine punktuelle Repressivmaßnahme, sie müßte aber, um Zensur im formellen Sinne zu sein, planmäßig und systematisch sein.

Aber das ist auch nur auf den ersten Blick ein Problem und nur, wenn man einer rein formaljuristischen Perspektive verhaftet bleibt, denn kurz gesagt: Die Systematik etc. muss ja die BPjM nicht selbst besorgen, dass machen schon andere Stellen der öffentlichen Hand, private Akteure und die sog. freiwillige Selbstkontrolle; da gibt es ein nettes Geflecht, eine Zensursystematik durch das Zusammenwirken verschiedener Elemente, die das Zensurverbot unterminieren. Aber so oder so, faktisch wirkt die Indizierung wie eine Zensur, alleine die Existenz dieser Maßnahme lähmt das Geistesleben und forciert einen Selbstzensurzwang (Der noch durch die Integration der Indizierung in ein komplexes Jugendmedienschutzsystem verstärkt wird) und faktische Zensur ist nun mal auch verboten. ;-)

Das ist und war auch eigentlich immer der zentrale Aspekt einer jeden Zensur: Die Internalisierung, die "Schere im Kopf" und der Kadavergehorsam.

All dessen ungeachtet ist die Zensurfrage in meiner Diss. aber sehr nach hinten gerutscht, es war am Ende gar nicht mehr nötig, z.B. der Indizierung vorzuwerfen, Zensur zu sein, da sie, so meine Analyse, schon aus anderen Gründen wie massiven Verstößen gegen das Verhältnismäßigkeitsprinzip und das Bestimmtheitsgebot verfassungswidrig ist, ganz zu schweigen von einer großflächig rechtswidrigen Indizierungspraxis (wie z.B. Verstöße gegen verwaltungsrechtliche Aspekte). Das alles insb. auch im Lichte der Mediengewaltwirkungsforschung: In der rechtswissenschaftlichen Literatur und der Rechtsprechung lese ich eigentlich fortwährend den saloppen Hinweis auf die staatliche Einschätzungsprärogative; der Staat hätte diese und jene Maßnahme ergreifen dürfen, dieses und jenes in die Wege leiten und dises und jenes bzgl. der Medienwirkung annehmen. Der erste Teil meiner Diss. hat sich folglich mit dem Asüekt der Mediengewaltwirkung befasst, wobei ich auch dort zu dem Schluss komme, dass die den ordnungsrechtlichen Maßnahmen zugrunde liegenden Wirkungsannahmen nicht haltbar sind und der Staat mit seinen Jugendmedienschutzrecht mit Kanonen auf Spatzen schießt. Eine Analyse der rechtlichen Bestimmungen ohne vorherhige Analyse ihrer wirkungstheoretischen Grundlagen erschien mir reichlich absurd (findet sich aber in der rechtswissenschafltichen Literatur regelmäßig).

Wie man sieht, ist das Phänomen Zensur aber ein ziemlich komplexes Thema, insb. wenn es da um den juristischen Begriff geht... und schon deshalb wären diese Enteraktionen, wie sie hier den Diskussionsausgang bilden, m.M.n. Perlen vor die Säue, wenn da nicht alng und breit vorher über Zensur philosophiert wird und man entsprechende Definitionen ins Feld führt. Das Thema eignet sich weniger für eine Laiendiskussion... sinnvoller fände ich da schon eher um die Ecke auf die Mechanismen hinzuweisen, die Modgamers erwähnt (und die ja eben das dt. Jugendmedienschutzsystem zu einem Zensursystem machen). Statt also einfach das Kind beim namen zu nennen, aufklären. Aber wie Pyri da anmerkt, ist das dann auch wohl regelmäßig vergebliche Mühe.
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~ Gunnel ARRBÄCK

Rey Alp
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Rey Alp » Do 29. Mär 2012, 11:58

@Vica

- In den Kommentaren wird es so geschrieben, als ob eine solche Lesart notwendig wäre. Ob das auch anders lösbar ist, kann ich nicht sagen. Ich habe mich damit noch nicht beschäftigt.

- Ich denke schon, dass es eine Nachzensur geben muss. Wenn jemand dazu aufruft eine Person umzubringen, sollte die Person für diesen Aufruf nach dessen Veröffentlichung verantwortlich gemacht werden können. Ansonsten müsstest du mir erklären, warum solch ein Vorgehen nicht unter Nachzensur fallen sollte.

- Ich sehe es ähnlich wie du, dass nicht die Zensur das eigentliche Problem ist, sondern dass Entwickler u.U. aus Angst vor einer Strafe auch auf eigentlich zulässige Inhalte verzichten. Ursache ist hierbei, dass für zu indizierende aber nicht zu verbietene Inhalte keine staatliche Feststellung der Zulässigkeit möglich ist, so dass hier vor Veröffentlichungen zurückgeschreckt wird.

- Darüber, dass die Indizierung und vorallem der § 131 StGB verfassungswidrig sind, müssen wir uns nicht streiten^^.

@Vica und Modgamers

- Dass die USK bzw. der Umstand, dass Spiele ohne Kennzeichnung nur unter Auflagen verkauft werden dürfen, eine Vorzensur darstellt, wird u.a. in dieser Dissertation vertreten:
http://www.jurpc.de/aufsatz/20110040.htm

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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Modgamers » Do 29. Mär 2012, 13:06

Rey Alp hat geschrieben:@Vica
- Ich denke schon, dass es eine Nachzensur geben muss. Wenn jemand dazu aufruft eine Person umzubringen, sollte die Person für diesen Aufruf nach dessen Veröffentlichung verantwortlich gemacht werden können. Ansonsten müsstest du mir erklären, warum solch ein Vorgehen nicht unter Nachzensur fallen sollte.
Für diesen Fall würde ich jetzt aber schon gerne wissen, wieso du da zu einer Nachzensur und nicht zum Strafrecht greifen würdest?

Rey Alp
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Rey Alp » Do 29. Mär 2012, 13:49

Modgamers hat geschrieben:
Rey Alp hat geschrieben:@Vica
- Ich denke schon, dass es eine Nachzensur geben muss. Wenn jemand dazu aufruft eine Person umzubringen, sollte die Person für diesen Aufruf nach dessen Veröffentlichung verantwortlich gemacht werden können. Ansonsten müsstest du mir erklären, warum solch ein Vorgehen nicht unter Nachzensur fallen sollte.
Für diesen Fall würde ich jetzt aber schon gerne wissen, wieso du da zu einer Nachzensur und nicht zum Strafrecht greifen würdest?
Sowohl Vorzensur als auch Nachzensur können durch Strafrecht erfolgen. Nachzensur ist es, wenn jemand dafür bestraft wird, dass er etwas verbotenes veröffentlicht hat (z.B. wenn jemand in einem Buch den Holocaust leugnet). Vorzensur ist es, wenn jemand bestraft wird, weil er etwas ohne vorherige Vorlage beim Zensor veröffentlicht hat (Das gibt es bei uns nicht, weil wir keine Vorzensur haben).

Dante
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Dante » Do 29. Mär 2012, 13:53

In letzter Zeit haben ja die Publisher einige Spiele vom Index nehmen lassen (Doom, Max Payne 1), warum geht das bei Beschlagnahmungen nicht? Texas Chainsaw Massacre war beschlagnahmt, aber weil 2010 eine neue Version auf Antrag hin beschlagnahmt wurde, konnte der neue Rechteinhaber Turbine Medien dagegen Einspruch erheben und Texas Chainsaw Massacre steht jetzt überall im Handel. Für mich klingt das recht verwirrend.
Der 4-Disc Version des Films liebt übrigens ein 60 Seiten starkes Booklet bei. Dieses enthält alle Details der Zensurgeschichte, sowie Gutachten und Original Beschlüsse zu Indizierung, Beschlagnahme und deren Aufhebung. Splatter sollte man sich von dem Film aber nicht erwarten, das ist eine 80.000$ Produktion aus den 70ern und daher wird mehr angedeuetet als wirklich explizit gezeigt.

Hier gibts eine kleine Besprechung des Films und der Zensurproblematik. Ab Minute 25:10.

http://www.maniac.de/content/m-cast-neo-06

@Topic: Der Aufschrei wird wohl erst in der nächsten Konsolengeneration kommen, wenn es möglicherweise nicht mehr so einfach ist eine internationale Version zum laufen zu bekommen. Schließlich gibt es Gerüchte die von einem Kontozwang berichten, um den Gebrauchtspielmarkt einzudämmen. Hatte letzten Monat ein Vorstellungsgespräch bei EA und die meinten der Gebrauchtspielmarkt wär für sie kein Problem, sie konnten keinen Einbruch der Verkaufszahlen feststellen. Ist wohl hauptsächlich ein amerikanisches Problem.

Vicarocha
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Re: Der Name des Kindes

Beitrag von Vicarocha » Do 29. Mär 2012, 14:11

Rey Alp hat geschrieben: Ich denke schon, dass es eine Nachzensur geben muss. Wenn jemand dazu aufruft eine Person umzubringen, sollte die Person für diesen Aufruf nach dessen Veröffentlichung verantwortlich gemacht werden können. Ansonsten müsstest du mir erklären, warum solch ein Vorgehen nicht unter Nachzensur fallen sollte.
Wie ich kurz angemerkt habe, wird in der rechtswissenschaftlichen Literatur regelmäßig als Definitionsmerkmal formeller Zensur genannt, dass sie eine anlassunabhängige, planmäßige, systematische Kontroll- und Repressivmaßnahme sein muß. Das übersah man bspw. mit der sog. "Gegenstandlosigkeitsthese" in BVerfGE 33, 52 (72), als man i.S.e. systematischen Arguments behauptete, ein Verbot der Nachzensur würde die Schranken des Art. 5 Abs. 2 GG relativieren und die Strafverfolgung unmöglich machen. Gem. dem gerade skizzierten Definitionsmerkmal formeller Zensur ist aber schlichtweg nicht jede nach der Veröffentlichung erfolgende Beschränkung der Meinungs- oder Pressefreiheit gleichzeitig auch ein Vorgang der Nachzensur: Strafgesetze formulieren i.d.R. punktuelle, anlassabhängige Kontroll- oder Repressivmaßnahmen (z.B. zivil- und strafrechtlichen Maßnahmen wie Beschlagnahme, Strafantrag wegen Beleidigung usw.), die weder planmäßig, noch systematisch stattfinden. Die Gefahrenabwehr ist auch mit einem Nachzensurverbot nicht generell verfassungsrechtlich verboten, verboten ist i.d.S. aber die systematische Gefahrenabwehr durch Verbote mit Erlaubnisvorbehalt sowie systematische Kontrollmechanismen, die wie ein funktionelles Äquivalent hierzu wirken.

Anders: "Würde [...] Art. 5 II GG gegenstandslos, wenn das Zensurverbot auch die Nachzensur erfasse, so wäre Art. 5 II GG nur auf Maßnahmen der Nachzensur anwendbar, während Art. 5 I 3 GG nur auf Maßnahmen der Vorzensur anwendbar wäre. Bei diesen verschiedenen zeitlichen Anwendungsbereichen könnte Art. 5 I 3 GG nicht Schranken-Schranke des Art. 5 II GG sein." Hüper, Melanie (2004): Zensur und neue Kommunikationstechnologien. Aachen, S.16.

Problematisch wird das dann aber auch wieder dadurch, dass hier z.B. bzgl. des § 131 StGB ja ein Zulieferungsmechanismus existiert, der da wieder zu einer Art systematischen Prüfung von Computerspielen führen kann.
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