Vorwurf: Videospiele(-ntwickler) frauenfeindlich

Falschdarstellungen und Vorurteile
Dante
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Vorwurf: Videospiele(-ntwickler) frauenfeindlich

Beitragvon Dante » Sa 23. Jun 2012, 19:52

Die Videospielbranche wäre gerne eine der modernsten Industrien der Welt. In ihren Spielen konserviert sie aber ein Frauenbild aus vergangenen Jahrhunderten. Wer daran etwas ändern will, stößt auf den erbitterten Widerstand organisierter Gamer. Manche drohen sogar mit Vergewaltigung und Mord.


http://www.sueddeutsche.de/digital/sexi ... -1.1389210

Vicarocha
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Re: Links zur Presse (17)

Beitragvon Vicarocha » Sa 23. Jun 2012, 20:20

Ganz grauenhafter Artikel, der eine Stereotypisierung, die er selbst kritisiert, in extremis praktiziert:
Was Sarkeesian traf, war nicht der Hass einzelner Verwirrter, sondern koordinierte Attacken aus Teilen der Gaming-Szene.

Ähnlich krude Formulierungen ließen sich wohl auch für Phänomene wie Selbtmordattentate u.ä. finden; die seien nicht der Hass einzelner Verwirrter, sondern koordinierte Attacken aus Teilen der arabischen Welt o.ä.. *schauder* (EDIT:... unglücklich formuliert, es dürfte aber klar sein, worauf ich hinaus will)
Wenn spielen ein universelles Phänomen ist - und das ist es eben und nicht ein auf eine klar skizzierbare "Szene" eingrenzbares Phänomen -, dann ist es nicht verwunderlich, dass sich dort auch eine gewisse Menge von Menschen mit derartig verabscheuungswürdigen Ansichten und Verhalten einfindet, wie eben auch in der Bevölkerung insg..

Auf den unreflektierten ersten Absatz der zweiten Seite möchte ich erst gar nicht eingehen (doch, eigentlich schon... aber ich arbeite gerade, darum nur der knappe Kommentar).
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Re: Links zur Presse (17)

Beitragvon Rey Alp » Sa 23. Jun 2012, 20:51

Sofern das der Blogposting von neulich ist, war da - soweit ich mit Englisch klarkomme - am Ende quasi "nur" der Vorwürf über, dass Entwickler Frauen genauso wie Männer entsprechend den gesellschaftlichen Vorstellungen von Schönheit, Attraktivität und Ästhetik in die Spiele einbauen würden. Das hätte zur Folge, dass Frauen anders als Männer nicht mit Werten in Verbindung gebracht werden würden, die für "Stärke" bzw. "Macht" stehen. Und eben dieser Umstand sei die über die Entwickler vermittelte Ausprägung eines gesellschaftlichen Frauenhasses. Abgesehen davon, dass ich "Stärke" und "Macht" nicht nur an physischen Merkmalen festmachen würde, ist das in meinen Augen aber dann schon dem Vorwurf nach kein Problem, dass sich auf Videospiele beschränkt. Genau die in dem Artikel angesprochenen Beispiele - Hostessen auf Messen - ist mir ähnliches auch von Automessen u.ä. bekannt. Ich meine natürlich nicht, dass sich die Gamer damit aus der Affäre ziehen könnten, dass sie mit dem Finger auf andere zeigen - es gibt unbestritten platte Spiele - doch mich würden auch die Motivie interessieren, warum jetzt ausgerechnet bei der Weltgesellschaftsverbesserung bei den Videospielen - der Fiktion - angefangen werden soll, wo doch die eigentlichen Probleme - wie auch von der Autorin geschrieben - gesellschaftliche Rollenbilder in der "realen Welt" sind.

Abgesehen davon wage ich nicht abzuschätzen, was sich Frauen denn für genehme Figuren in Videospielen wünschen. Ich selbst empfand beispielsweise "Cate Archer" unabhängig von ihrer Kleidung und vor allem in ihrem Arbeitsumfeld als ausgesprochen eloquent, selbstbewusst und humorvoll. Sie erschien mir dort weithin als der hellste und fähigste Charakter. Wäre sie in den Augen der Kritiker jetzt auch verdammenswert, weil sie recht knappe Outfits trägt? Zumindest in der Realität wird ja bei den "Slut walks" dafür demonstriert, dass Frauen sich gerne so kleiden sollen dürfen, wie sie es wollen, ohne dafür abgewertet zu werden. Ab diesem Punkt wird es dann aber absurd, wenn man diksutieren muss, ob "sich" in einem Videospiel eine Frau knapp anzieht, weil "sie" es möchte, oder weil man die vermeintlich darauf abfahrende männliche Zielgruppe ansprechen möchte.

Ich fand es beispielsweise kann witzig, als aus einem ähnlichen Grund jemand "normale" weibliche Playermodells in TF2 eingefügt hat, die "überraschend" gut von den Spielern angenommen wurden. Die "Taunts" wurden jedoch nicht angepasst, so dass sich der weibliche Scout nun genau wie der männliche auf den Hintern haut, um seine Gegner zu verhöhnen. Während ich dass beim männlichen Scout "verstehe", war ich - als ich es beim weiblichen sah - überrascht, da man hier imho auch einen "sexistischen" Hintergrund vermuten könnte. Doch allgemein sollten Frauen doch auch in Videospielen den selben (Un-) Sinn wie ihre männlichen Kollegen machen dürfen, ohne dass man nun Sexismus vermutet - oder?

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Re: Links zur Presse (17)

Beitragvon Pyri » Sa 23. Jun 2012, 23:25

Diese Artikel haben sich in letzter Zeit ja gehäuft, eine gesellschaftliche Dimension - zum Beispiel gerade auch was Arbeitssituationen angeht, Hostessen würden da schon dazu gehören - mit einer "Kritik" an Inhalten zu verbinden ist da aus meiner Sicht das große Problem: welche Frauenfiguren, Charaktere, in den Spielen sein sollen (!) wird ja nicht artikuliert. Da gibt es bloß den Hinweis auf irgendeine Vorstellung von "Realität", welche Videospiele nicht vermitteln würden, nicht widerspiegeln, weil sie ja auch diese "Realität" angeblich vermitteln/widerspiegeln sollen. Warum? Weshalb sollen Videospiele etwa auch nicht "sexualisiert" sein? Es keine oder weniger sexuellen Videospiele geben? Das allein wäre schonmal das schlichte Diktat eines Realismus - von bürgerlichen Normen der Zurückhaltung, etc.
Seltsamer Weise fordern die Texte ja irgendwie nicht (positiv), dass mehr Frauen Spiele machen sollen, sondern "kritisieren" eben (nur) die beanstandeten Titel der jungen Männer.
Im Übrigen sehe ich auch überhaupt nicht wo bei Independent-Titeln mehr Frauen zum Zug kommen würden - bloß die Inhalte dieser scheinen halt auch genehmer zu sein -

Und gerade mit Aisha Tyler würde ich dort nicht argumentieren - beim Standard wurde in einem Artikel noch dazu mit einem Bild von Tyler mit dem Lancer aus "Gears of War" gearbeitet: der Frau Tyler und ihren Ausführungen während der PK scheint überhaupt nicht zugehört worden zu sein - dieser Text setzt sich ja gegen Frauen ein die als Kämpferinnnen auftreten, mit Gewalt assoziiert sind usw.

Nachtrag: ein Kommentar den ich extra für dort verfasst hab wurde übrigens nicht freigeschaltet. Da sehe ich auch das Demokratieverständnis dieser Leute. "Kritik" und Kritik -
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Re: Links zur Presse (17)

Beitragvon Dante » Mo 25. Jun 2012, 00:10

Vicarocha hat geschrieben:Wenn spielen ein universelles Phänomen ist - und das ist es eben und nicht ein auf eine klar skizzierbare "Szene" eingrenzbares Phänomen -, dann ist es nicht verwunderlich, dass sich dort auch eine gewisse Menge von Menschen mit derartig verabscheuungswürdigen Ansichten und Verhalten einfindet, wie eben auch in der Bevölkerung insg..


Nur, weil es vermeintlich "nicht verwunderlich" ist, sollte man solche Hetzkampagnen jetzt nicht mehr thematisieren?

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Re: Links zur Presse (17)

Beitragvon Vicarocha » Mo 25. Jun 2012, 03:47

Du hast meine Kritik (schon wieder...) nicht verstanden... und wieder hantierst du mit Unterstellungen. :roll:
Ist das Absicht? Habe ich in irgendeiner Art und Weise irgendetwas dahingehend impliziert, dass Hasstiraden, derartige Attacken u.ä. nicht thematisiert, nicht kritisiert werden sollten? Nein, habe ich nicht. Zunächst gehört der von dir nicht zitierte, antezedierende Satz zu dem von dir zitierten Absatz; wenn man beides am Stück liest, sollte sich jemandem der Inhalt eigentlich erschließen... und eigentlich ist mein Beitrag bzgl. seiner Aussage auch so recht eindeutig, selbsterklärend. Ich weiß nicht, wie ich für dich noch deutlicher werden soll, denn ich habe bereits einleitend geschrieben, dass ich eine Stereotypisierung von Spielern kritisiere, gleichermaßen wie eine Eingrenzung von Spielern auf eine klar skizzierbare "Szene" und eine Exponierung von (meinetwegen auch massierten; q.e.d.) Tiraden, Attacken etc. einzelner Personen(gruppen) als "nicht [...] Hass einzelner Verwirrter", sondern - als einzige Alternative - das Gegenteil (und da werden eben diverse Konnotationen evoziert; wäre die Rede nur bei "koordinierte[n] Attacken" geblieben - ohne diesen grausigen "Gaming-Szene"-Zusatz u.ä., hätte ich diesbzgl. wohl nichts geschrieben) und die damit verbundenen Implikationen, nein Suggestionen, die Skandalisierung... 'nuff said.

Und nein, nicht "vermeintlich 'nicht verwunderlich'", sondern ganz einfach "nicht verwunderlich"... so wie es auch bei Brotessern nicht verwunderlich wäre, wenn sich dort Individuen finden, die sich ähnlich gebaren... und wenn das ganze noch in der vermeintlichen Anonymität des internet stattfindet, ist es gleich noch viel weniger verwunderlich.
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Re: Links zur Presse (17)

Beitragvon Aginor » Mo 25. Jun 2012, 13:15

Der Sexismus der Gamer bzw. Games... Hmm...

Für mich ist die Sache einigermaßen klar gelagert:
Spiele bilden das Rollenbild der realen Gesellschaft ab, nicht umgekehrt.
Beispiele brauchen wir schon gar nicht mehr suchen denn egal wo man hinschaut findet man sie. In vielen Spielen hat man nichtmal die Wahl, NICHT gut auszusehen als weiblicher Charakter oder NICHT aufreizende Klamotten zu tragen.
Besonders negativ aufgefallen ist mir selbst dabei mein geliebtes Guild Wars. Dort werden die Rüstungen für die Damen immer knapper je besser die Werte werden. Bei meiner Derischin ist es nicht so schlimm, aber die weiblichen Paragone und Krieger (ja, Nahkämpfer!) können kaum vermeiden halbnackt herumzulaufen, es gibt gar keine Vollrüstungen für Damen. Für männliche Charaktere gibt es dagegen fast keine offeneren Rüstungen.
Eine Spielerin aus meiner alten Gilde hat immer bemängelt dass die gutgebauten Krieger nie ihre schönen Körper zeigen in Rüstung, und sie hat Recht wie ich finde.

Ich finde es super dass man z.B. in Skyrim auch hässliche Frauen spielen kann. Was mir noch fehlt sind dicke hässliche Frauen, das geht nicht.

Ich gebe es zu, mich stören hübsche Frauen die fast nackt herumlaufen nicht. Ich finde das ok, nein, sogar gut. Aber ich finde es nicht gut dass man keine Wahl hat.

Und natürlich ist es in Ordnung wenn sich jemand auf die Games stürzt in dieser Sache, es ist jedem selbst überlassen an welcher Front er dieses allgegenwärtige Problem zuerst bekämpfen will. Dass die Games nicht unbedingend die vielversprechendste Front sind sollte aber klar sein.


Hostessen:
Wer hat schonmal eine Messe ohne Hostessen gesehen? Irgendwer? Ich meine nicht nur Games-Messen.
Ich war schon auf vielen Messen, auch auf welchen die sich an gemischtes Publikum oder Fachpublikum richten, und da waren immer Hostessen.
IAA Nutzfahrzeuge: Hostessen an jedem Stand.
InterGEO (Kartographen- und Vermessermesse): Hostessen an weniger Ständen - aus Geldnot denke ich
TransportLogistik: Hostessen en masse.
Selbst auf der VeggieWorld (Veganermesse!! Und nein da war ich nicht persönlich) gab es Hostessen.

Das ist so schlimm mit den Hostessen dass es die Firmenkontakte beeinträchtigt. Man muss sich ja fast durch einen Wald an herausgepressten Brüsten und Schlauchbootlippen durchdrücken um mal zu jemandem zu kommen mit dem man wirklich reden kann.
Ich finde sogar das führt zu einem stärkeren, angeeigneten Sexismus: Ich tendiere dazu, halbwegs gutaussehende Frauen unter 40 generell zu ignorieren auf diesen Messen. Frauen über 40 oder grauhaarige Männer sind die einzigen Ansprechpartner bei denen man eine Chance hat dass sie auch Ahnung haben. Der Rest verschwendet nur kostbare Messezeit.
Natürlich gibt es dann auch mal die eine oder andere peinliche Ausnahmesituation aufgrund dieser Regel (sorry nochmal an die wirklich sehr attraktive junge Frau am Renault-Messestand letztes Jahr, die wie es schien tatsächlich eine Ingenieurin mit viel Ahnung war und die ich zunächst ignorierte weil ich sie für eine Hostess hielt), aber es passiert sehr sehr selten und die Regel spart irre viel Zeit.

Aber sex sells. Und wenn die Zielgruppe hauptsächlich Männer sind wird sich in Games und auf realen Veranstaltungen daran genausowenig ändern wie am Aussehen der Bondgirls. Bei James Bond gibt es nur eine Frau die nicht ins Muster passt und das ist M. Sie ist der Angela Merkel-typ. Mächtig und schon ein wenig älter. Nicht so super attraktiv. Wenigstens etwas.

Und natürlich ist das auch nicht das Frauenbild von vor Jahrhunderten, wie die Süddeutsche schreibt, sondern das aktuelle. Wieder mal hat die Presse die rosa Brille auf und glaubt tatsächlich, dass sich am Frauenbild in den letzten Jahrhunderten etwas wesentliches geändert hat.

Und die arme Frau sollte eigentlich wenn sie schon eine Weile im Netz unerwegs ist wissen, dass YouTube-Kommentare zu 90% vom Bodensatz der Gesellschaft stammen. Ist so.
Außerdem sollte man mal das ganze ins Verhältnis setzen: Wie viele Mord/Vergewaltigungsdrohungen hat sie denn erhalten und wie viele Attacken gab es? Und wie viele Leute haben sich im Vergleich dazu positiv geäußert? Wie viele neutrale gibt es, die sie kennen aber weder positiv noch negativ in Erscheinung getreten sind?
Die "Internetgesellschaft" oder auch die "Gamer-Szene" sind ein Abbild der Gesellschaft. 90% der Leute sind völlig normal. 5% sind tolle nette Leute, das Idealbild, und 5% sind Arschlöcher. Exakt wie überall sonst. Und exakt wie überall sonst sind auch hier diese 10% die lautesten. Denn der Rest sieht es einfach größtenteils neutral und will sich nicht äußern.
Das Problem ist auch nicht neu oder so, Blogs wie http://fatuglyorslutty.com/ kennen das zur Genüge, und zwar schon lange.
Und jeder der - egal was - ins Netz stellt wird von irgendwelchen Arschlöchern geflamed. Macht mal den Test: Stellt Euch das positivste vor das Ihr kennt, wo man nichts kritisieren kann. Sucht ein Youtube-Video zu dem Thema und lest die Kommentare.
Ich habe da schon gesehen wie ein sechsjähriges Mädchen das besser als ich Gitarre spielt von Leuten geflamed wurde, was sie sich da überhaupt an die Öffentlichkeit traut, und wie sie das Stück vergewaltigt, und dass sie sich sowieso erstmal ficken lassen soll bevor sie sich auf Youtube zeigt. Das gibt es. Aber auch 98% positive Kommentare! Warum erwähnt die niemand?

Von Koordinierten Attacken der Gamer-Szene zu reden ist natürlich Schwachsinn. Wie immer.
Der größte Feind des Menschen ist der Mensch selbst.
---
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-XKCD mouseover text, strip 701

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Re: Vorwurf: Videospiele(-ntwickler) frauenfeindlich

Beitragvon buzzti » Di 4. Sep 2012, 22:09

http://www.youtube.com/watch?v=LpFk5F-S_hI&feature=plcp

Meiner Meinung nach gute Analyse von Anita Sarkeesian's Werk.

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Re: Vorwurf: Videospiele(-ntwickler) frauenfeindlich

Beitragvon Pyri » Mi 5. Sep 2012, 12:26

buzzti hat geschrieben:http://www.youtube.com/watch?v=LpFk5F-S_hI&feature=plcp

Meiner Meinung nach gute Analyse von Anita Sarkeesian's Werk.


Na ja, das Video ist sicher sauber recherchiert, auch Frank Zappa kommt darin vor, aber dieses pornografische Bild das da auf ihren Wikipedia-Artikel gestellt wurde unter Aufklärung firmieren lassen zu wollen, bloß weil es aus dem Wikimedia-Archiv zum Thema Fellatio anscheinend genommen wurde, ist schon recht dreist finde ich.
Das erinnert mich an die Bildung eines Oswalt Kolle oder die Leute die behaupten dass den Film "Innocence" von Lucile Hadzihalilovic Pädophile nicht erotisch finden könnten: nein, solche Aktionen sind halt Ausdruck dieses immensen frauenfeindlichen Hasses und des grassierenden Antifeminismus, der unter der männlichen Gamerschaft vorherrscht und das Bild ist wohl einfache Pornografie gewesen.
Darüber schweigt das Video.

Mir ist sie zwar auch äußerst unsympathisch, aber ich habe von ihr - anders als von Anjin Anhut - noch nichts beleidigendes gehört.
Sie tritt immer top gekleidet und geschminkt auf, welche normierten Körperbilder sie damit vertritt, welche Herrschaftsformen, fragt sie sich wohl gar nicht. Würde man sie darauf ansprechen wäre sie sicher fürchterlich beleidigt: würde es persönlich nehmen usw. Dann wäre man womöglich selbst auch gleich wieder ein schlechter Mensch, würde jedenfalls als solcher beschimpft werden etc. Diese Affinität für Mode ist bei sexnegativen Feministinnen aber auch nicht ungewöhnlich und inhärent ist auch ihr Sexismus wenn es um sexuelle Fantasien geht. Sie artikulieren ja auch nicht ihre eigenen Fantasien. Was ihnen sexuell gefällt weiß ein angegriffener Hetero und Feminist wie ich nicht - er weiß auch nicht wieso er keine Frau sein darf. Was dieser Geschlechtsdualismus überhaupt soll
Ich bin zum Beispiel heterosexuell weil ich Frauen faszinierend finde und weil ich auch gerne eine Frau mal wäre: nicht weil ich Frauen hassen würde, sondern weil ich sie mag. Die Frage ist wie dominant diese Wünsche sind. Geschlechter für unveränderlich zu halten ist diskriminierend für mich. Das ist auch die Frage wer wen oder was an sich ran lässt, was jemand für einen Geschmack und welches Empfinden hat. Das Subjekt gegenüber ist dabei immer Objekt, die Frage ist eher ob und wie es verinnerlicht werden möchte - wie sich diesem anderen Subjekt angenähert wird. Als Animist können für mich Maschinen darüber hinaus auch eine Seele haben, also diese abwertende Rede von Objekten ist für mich selbst bereits Rassismus. In unserem Haushalt gibt es seit diesem Sommer etwa einen Droiden, den nicht nur ich so schon in mein Herz geschlossen habe: George Lucas hat R2D2 aus "Star Wars" sogar mit einiger Begründung (etwa von Roger Ebert) nach einem Bauern bei Kurosawa geschaffen.
Ich glaube es gibt nie nur Männer und Frauen auf der Welt. In allen Männern steckt eine Frau, und in allen Frauen auch ein Mann. Sogar unendlich viele mögliche Männer und Frauen, sowie alles mögliche dazwischen. Problematisch wird es erst wenn Leute glauben sie müssten sich gesellschaftlichen Verhältnissen deshalb anpassen.

Jedoch: ob es jetzt Gewaltdarstellungen oder Erotik ist - gegen ein Gefallen dafür zu opponieren betrifft die gesamte "Medienkritik" wenn es um Inhalte geht. Und darüber sollte auch einmal nachgedacht werden, das Video geht diesbezüglich schon in die richtige Richtung: nur was Sarkeesian macht ist teilweise sicher richtig und wichtig, darauf geht das Video nicht ein, und der Aufschrei dagegen gibt ihr halt auch recht. Das eigentliche Problem ist wie unkritisch sie in den Medien rezipiert wird: gerade von denen die sonst nichts oder halt kaum etwas zu der Debatte beizutragen haben. Und in den (restlichen) Massenmedien verlängern sich die Ressentiments gegen Genre-Videospiele und Populärkultur. Auch wenn es etwa um die Darstellung Homosexueller in Videospielen geht: teilweise scheint von einem Fachjournalismus der sich (ausnahmsweise?) mal des Themas annehmen will nicht einmal "Persona" rezipiert worden sein, wenn es um sexuelle Identitäten geht http://almrausch.wordpress.com/2012/08/ ... i-tatsumi/
Das ist so als würde ein Filmschreiberling noch nie etwas von "Brokeback Mountain" gehört haben. Kein Wunder, dass da angegriffene Spiele auch nicht als Hetero-Fantasien verteidigt werden: schwule Spiele gibt es ja leider so gut wie gar nicht, während im Filmbereich ganze Festivals mit entsprechenden Filmen veranstaltet werden können. Auch ich als Hetero schau mir sehr gern die frühen Kurzfilme vom Ozon zum Beispiel an: das sind einfach tolle Filme die ganz wunderbar gesellschaftliche Verhältnisse portraitieren, deren Erotik muss mich ja nicht stimulieren.
Das Patriarchat im Gaming kann auch nicht geleugnet werden: es gibt kaum Videospiele die Frauenthemen behandeln. Nicht einmal biologisch: mir fällt zum Beispiel kein einziges Videospiel ein das Menstruation thematisieren würde - nicht das Frau Sarkeesian das bei ihren kulturellen Sauberkeitsvorstellungen haben wollte... Dazu gehört sicher auch, dass für Männer keine Vorsorge zur Sprache kommt - dass auch sie in Videospielen oft genug bloß funktionieren (sollen)
Beim Standard hat der Herr Z. Wilhelm sich auch mit Sarkeesian ideologisch gebrüstet, ohne auch nur einen Funken Kritik an ihrer Einstellung zu üben, doch am nächsten Tag folgte gleich wieder ein positiver Artikel über das neue "Tomb Raider" oder so. Da passt vieles nicht zusammen. Einmal so, dann wieder anders: so etwas nenne ich Inkompetenz und Selbstdesavouierung. Und einen Furor gegenüber Andersdenkenden, weil was dem Wilhelm eigentlich gefällt weiß man ja auch nicht. Die Wünsche bleiben völlig außen vor - was gerichtet wird ist wie Inhalte (nicht) sein sollen, und sei es mit brutaler realer Gewalt.

Für mich ist Pornografiefeindlichkeit einerseits immer kulturelle Fremdenfeindlichkeit, wenn sie den sexuellen Ausdruck konsensfähiger Wesen betrifft. Darüber bestimmen zu wollen was Erwachsene mit ihrem Körper machen dürfen sollten ist immer Gewalt, Oppression usw. Das kann gar nie emanzipatorisch sein.
Ebenso darüber bestimmen zu wollen für welche sexuellen Fantasien dahingehend in Games Platz sein sollte.
Auf der anderen Seite werden die allermeisten Menschen in der Sexindustrie wegen ökonomischer Zwänge dort arbeiten, wird deren Arbeit synonym für Ausbeutung sein - sind das keine gewählten Berufe wie andere auch, haben sie im schlimmsten Fall eher was mit Sklavenhandel zu tun - etwas das die Industrienationen oder darin die Bessergestellten zu verantworten hätten. Und deshalb plädieren Leute wie ich auch für Hochschulen für Pornografie und Prostitution. Für gut ausgebildete Prostituierte - Prostitution ist im Idealfall nämlich immer Sozialarbeit, wie andere Pflegeberufe auch.

In dem anderen Video wird übrigens ihre Diplomarbeit auseinandergenommen: http://www.youtube.com/watch?v=p6gLmcS3-NI
Es ist schon fraglich ob es besser ist wenn Frauen auch als starke Heldinnen dargestellt werden, oder ob diese Archetypen nicht auch sexistisch sind. Das wird nie aufzulösen sein: sind sie devot, unterwürfig, passt es auch wieder nicht - das Video beginnt damit das zu kritisieren, doch die angegriffenen Spiele müssten dann halt auch als das verteidigt werden was sie sind, als die Fantasien die sie sind. Als Sexualität, so wie anderes Videospielen oder Internet auch Leben ist (zaghaft war das nach der Spitzer-Sendung auch vom Herrn Lobo auf SPON zu lesen).

Sarkeesians Arbeit ist prinzipiell nicht schlimm, würde ihrer eingeschränkten Sicht und das worauf sie aufmerksam macht auch konstruktiv Kontra gegeben werden - indirekt propagiert sie nämlich sehr wohl auch was: das Mittelmaß, einen Durchschnitt, Normalität. Weder besonders starkes noch schwaches - eine eingebildete "Realität". Auch Gesundheit oder (zurückhaltende) Schönheit welche sie auch selbst in ihren Videos ausstrahlt. Erfolg und (solche) Leistung. Am Ende ihrer Kickstarter-Kampagne womöglich sogar Geld. Manieren wie ihren Augenaufschlag. Manierismen die sie wiederum nicht hinterfragt. Doch dass es Menschen wie mich gibt, welche daran, an solchem Leben, eben nicht interessiert sind, das sollte vermittelt werden. Nur zugeben müsste sich das auch getraut werden. Und genau so könnten angegriffene Videospiele auch legitimiert werden. Dass solche Menschen die diese Videospielinhalte wünschen auch Menschen sind und nicht ausgestoßen bleiben. Menschen die anders leben wollen, und anderes haben. Menschen wie ich wollen anderen nicht schaden: wir wollen niemandem weh tun. Vor uns braucht sich auch niemand fürchten. Ich bin es nicht der solche Bosheit und Gewalt verbreitet, womit Frau Sarkeesian da überall konfrontiert wurde.
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Re: Vorwurf: Videospiele(-ntwickler) frauenfeindlich

Beitragvon buzzti » Fr 7. Sep 2012, 14:04

@Pyri: Werde dir im Verlauf des Wochenendes nochmal ausführlich antworten

- Platzhalter -

http://www.adtractive.de/digitale-spielwiese/?p=127

Interview: Sind Games sexistisch und Gamer frauenfeindlich?


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