[abgetrennte Diskussion] "Peter-Pan-Syndrom"

Falschdarstellungen und Vorurteile
Post Reply
User avatar
Pyri
Posts: 1010
Joined: Mon 3. Aug 2009, 18:06
Prename: Jürgen
Surname: Mayer
Location: Steiermark, Österreich
Contact:

[abgetrennte Diskussion] "Peter-Pan-Syndrom"

Post by Pyri »

[edit: Zur besseren Übersicht abgetrennt: Rey ]

Psychologische Ferndiagnose von David Cage (The Nomad Soul, Fahrenheit): (männliche) Videospieler leiden am "Peter Pan Syndrom" http://www.gamesindustry.biz/articles/2 ... st-grow-up
Gamertag: Pyri80 PSN: Pyri Steam: pyri "Der, der aus Verzweiflung hinausrennt, wird nachher noch betitelt: 'den hab'n wir los jetzt'." Thomas Bernhard
User avatar
Aginor
Posts: 102
Joined: Mon 27. Feb 2012, 10:15

Re: Links zur Presse #2

Post by Aginor »

@Pyri: Ähmm... er diagnostiziert das Peter Pan syndrom nicht bei den Spielern sondern bei der Industrie, oder hab ich was überlesen?
Cage described what he sees as a "Peter Pan Syndrome," meaning that the industry has been anxious about growing up and essentially refuses to do so.
EDIT: Im Übrigen finde ich das einen guten Artikel, stimme fast allen Punkten zu,

Gruß
Aginor
Der größte Feind des Menschen ist der Mensch selbst.
---
You don't use science to show that you are right, you use science to become right.
-XKCD mouseover text, strip 701
User avatar
Pyri
Posts: 1010
Joined: Mon 3. Aug 2009, 18:06
Prename: Jürgen
Surname: Mayer
Location: Steiermark, Österreich
Contact:

Re: Links zur Presse #2

Post by Pyri »

@Aginor
Ist das nicht nur noch grundlegender: nicht nur werden solche Spiele (gern) gespielt, sondern würde demnach auch die Industrie diese Einstellung repräsentieren. Mag ja sein dass es Leute gibt die sich selbst zwar auch als Gamer sehen, aber trotzdem nicht meinen Erzeugnisse der dazugehörigen Industrie zu rezipieren. Dennoch verstehe ich derlei Einwände nicht: es gibt ja schließlich auch KinderbuchautorInnen die zwischen ihrer Arbeit und ihrem Privatleben unterscheiden...

Warren Spector soll jetzt auf der diesjährigen DICE-Konferenz die japanisch-amerikanische Koproduktion "Lollipop Chainsaw" (unter anderem von James Gunn, "Super" mit Ellen Page) im wahrsten Sinne des Wortes an den Pranger gestellt haben: gleichzeitig soll jedoch das Zombiespiel "The Walking Dead" und das von diversen Sex- und Gewaltszenen durchsetzte "Heavy Rain" (der indirekte Nachfolgetitel wieder mit Ellen Page) ausdrücklich gelobt worden sein http://kotaku.com/5982586/warren-specto ... -been-made
Das heißt: Tragisches ja, aber bloß keine schlüpfrigen Komödien... Diese gingen demnach gleich gar nicht, wären nur pubertär oder sonst was? Auch der Applaus den er bei Kotaku dafür erhalten zu haben scheint zeigt wie groß die Bereitschaft ist sich über Dünkel von "Ernsthaftigkeit", "Reife" etc. vorsätzlich selbst zu widersprechen. Die sprechen sogar schon von der niederen Augenbraue dort: eine Premiere für ein Videospiel glaub ich. Sowie auch das Woody-Allen-Zitat, wonach Komödien Tragödien invertiert seien: nicht verinnerlicht.
Gamertag: Pyri80 PSN: Pyri Steam: pyri "Der, der aus Verzweiflung hinausrennt, wird nachher noch betitelt: 'den hab'n wir los jetzt'." Thomas Bernhard
User avatar
Aginor
Posts: 102
Joined: Mon 27. Feb 2012, 10:15

Re: Links zur Presse #2

Post by Aginor »

FUUUUCK!!! Mein langer Beitrag ist gerade verschwunden. Halbe Stunde Arbeit umsonst grml....

Kurzform:
@pyri:
Ich denke entweder hat einer von uns beiden den Artikel falsch verstanden oder Du hast da eine in meinen Augen etwas übertriebene Einstellung zum Thema.

Es ist die Vielfalt, die bemängelt wird im Vergleich zu anderen Medien. Die Zielgruppe der Industrie ist immer noch die selbe wie vor 30 Jahren hat man oft das Gefühl. Das Thema Gewalt ist das einzige bei dem Spiele sich was trauen. Ist ja auch ok. Gewalt und Krieg und so ist in Spielen etabliert. Check!
Aber wo ist der ganze Rest? Wo sind die gesellschaftlich interessanten Themen in Spielen? Oder Beziehungen/Sexualität. Dragon Age: Origins, ein Spiel ab 18 in dem es Schwulensex gibt. Und alle so YEAH! Und dann ist man endlich so weit gekommen in der läcerlich eindimensionalen Beziehungs-Nebenquest, man lässt die Hosen runter und wartet auf die Sexszene, und dann.... WTF?? Genauso beim Hetero-Sex. Öde. Jetzt ist das Spiel schon ab 18 und es gibt immer noch keinen richtigen Sex. Da frage ich mich schon wer eigentlich die Zielgruppe ist. Meine Freundin ist bei Age of Conan und Guild Wars 2 zwar begeistert von den schönen Männerkörpern, fragt sich aber warum da außer in Unterwäsche anschauen nichts geht. Ok, GW2 ist ab 12, aber AoC ist ab 18, die Frauen sind sogar ausnahmsweise mal oben ohne, sieht man ja selten genug, aber ansonsten geht da auch nichts. Kinderkram. Außer Heteromännern auf Niveau eines 12jährigen findet vermutlich niemand Computerspiele anregend.

Story genauso: Wenn ein "Heavy Rain" durch seine tolle Story auffällt dann steht es um Spiele wohl ausgesprochen schlecht. Wo sind denn die Stories? Die meisten Spiele bewegen sich storymäßig bestenfalls auf B-movie Niveau. Wo sind die Beziehungen? (Ja, es gibt Dating-sims und so in Japan, blabla. Geschenkt.)

Die Industrie traut sich nicht, was anderes zu machen als das wovon man weiss dass es einen Haufen Kohle bringt. Das ist wie beim Fernsehen, wo man die 287ste seltendämliche Reality-Soap und die 631ste CSI-Verschnitt-Krimiserie produziert. Nur schlimmer. So haben wir bald den sechsten "Call of Duty"-Aufguss, und kein Ende in Sicht. Wie viele immer gleiche, anspruchslose Shooter kann man denn machen bevor sie allen Beteiligten zum Hals heraushängen? Ich hab nichts gegen diese Shooter, genausowenig wie gegen B-Movies. Aber wo ist denn der ganze Rest?
Wo ist die Vielfalt? Man traut sich nicht. Man bedient die selben zwei Zielgrupppen wie immer. Die Industrie hängt in sehr vielen Dingen in ihrer "Kindheit" vor 30 Jahren fest.

Ich muss jetzt bissl weiterarbeiten. Aber ich würde da gerne weiterdiskutieren in nem Extrathread, ich denke dass dieses Thema das Grundproblem ist. Die Debatten über Gewalt und Sexismus sind da nur Teilprobleme, Nebenschauplätze.

Macht wer nen Thread auf? Könnte spannend werden.

Gruß
Aginor
Der größte Feind des Menschen ist der Mensch selbst.
---
You don't use science to show that you are right, you use science to become right.
-XKCD mouseover text, strip 701
User avatar
Pyri
Posts: 1010
Joined: Mon 3. Aug 2009, 18:06
Prename: Jürgen
Surname: Mayer
Location: Steiermark, Österreich
Contact:

Re: Links zur Presse #2

Post by Pyri »

Umfrage aus den USA: über zwei Drittel republikanischer WählerInnen hielten Videospiele für eine größere Bedrohung der (öffentlichen?) Sicherheit als Schusswaffen http://kotaku.com/5982842/oh-come-on-67 ... -than-guns Allerdings wären auch mehr als 70% der Befragten 45+ gewesen
@Gordon
Das ist wirklich ein äußerst beeindruckendes Spiel. Sehr gutes Video vom Fränkel!
@Aginor
Ich denke schon, dass die traditionelle Repräsentation von Konflikten in Videospielen mit deren überwiegend männlichem Publikum und ebensolchen Rollenbildern zusammenhängt - Geschlechterverständnissen deren Überkommenheit ich halt vielfach auch anzweifeln würde: dabei gibt es zwar keine Romantischen Komödien in Games, aber seit einiger Zeit doch Casual Adventures (Wimmelbildspiele) die auch überwiegend Frauen ansprechen werden. Dank Windows 8 wollte ich mit "Adera" jetzt auch ein solches mal spielen: seit einiger Zeit, eigentlich seit dem Multimedia/CD-ROM-Hype Mitte der Neunziger, gibt es ebenfalls ein nachvollziehbares Interesse aus dem Bereich von Installationen oder anderer darstellender Kunst an Games. Schau Dir doch mal etwa "Bientot l'ete" aktuell an: nur dürfte gerade das für viele Leute, also "Hardcore-Gamer", womöglich nicht einmal als Game durchgehen. IDG wollte selbst David Cage's letzten Titel nicht als "Spiel testen"
Mein Hinweis auf Warren Spector oben spricht demnach auch nicht unbedingt für ihn: berühmt wurde er mit einem doch sehr testosterongeladenen Titel, während ich seine zaghafte Musical-Integration zuletzt als ähnlich verhalten sehen würde wie den kritisierten Bioware-Sex
Nur: bei dem Mann der in "Mass Effect 3" seinen Mann verloren hat geht es auch nicht um Sexualität, sondern vielmehr einfach um zwischenmenschlichen Verlust. Egal ob die betroffenen Wesen nun männlich, weiblich oder sächlich sind: ja es gibt viel zu wenig Sex in Videospielen, aber selbst nackte Körper müssen - bei allem Verständnis für Prüderie - damit nicht einmal etwas zu tun haben. Dennoch werden da bei Frauenfiguren traditionell gleich Objektifizierungen angeprangert, über Geschlechter bestimmt - beim männlichen Publikum eigentlich vor allem heterosexuellen Männern ihre (angebliche) Heterosexualtät und Männlichkeit zum Vorwurf gemacht - und Frauen in Opferrollen gedrängt
Doch "Bientot l'ete" ist auch Realität: Konsolen haben da noch großen Nachholbedarf sich dafür zu öffnen, aber Valve bietet dahingehend schon eine kommerzielle Plattform an. Hinderlich sind weit eher die über Förderungen und einem eigenen Zirkus sich bei entsprechender Medienwissenschaft immer weiter von einem Rest der Videospielwelt abgrenzenden "Serious Games", wie ich nicht müde werde zu betonen. Dass sich für traditionelle Lernumgebungen kaum getraut wird Geld zu verlangen, dass da die Konsolenschauplätze auch in Richtung F2P völlig leer sind: was spräche etwa dagegen würde das Rote Kreuz auf Spendenbasis ein Werbespiel bringen, anstatt seine Integration in Shootern verboten zu haben, würde die PS3 dafür genutzt werden über den Klimawandel zu informieren etc.
Nur: ich erinnere mich noch sehr gut daran wie hier im Forum 2011 noch die tiefen Dekolletés in "Rage" "kritisiert" wurden, wo es etwa hieß wieso in so einem Spiel anziehende Frauenfiguren überhaupt auftreten würden, wenn Games anscheinend gerade nicht als (hetero)sexueller Ausdruck von Männern goutiert werden wollen. Darstellungen von Unterwäsche können dabei wohl schon viel zu viel sein: auch bleibt unklar welche Relevanz etwa ein Spector meint - welche Bezugnahmen zu was für eigenen biederen Lebenswelten (mit Haus und Hund, Kind und Kegel). Was wird da etwa, das kritisierte ich beim Games-Standard vor allem, unter zum Beispiel "echter Erotik" verstanden. Und was wäre richtig an einer solchen Falschen? Oder was Cage eigentlich kritisiert: wie groß war die Empörung in Deutschland etwa, als die SWAT-Wagen in seinem neuen Spiel auftauchten? Und dann schau ich mir die negative Reaktion auf das letzte "Diablo" an: die drehte sich praktisch nur um technische Belange. Dessen Inhalt, die in einem Hack'n'Slay-Titel erstmals ausformulierte Mythologie, interessierte allem Anschein nach keineswegs, konnte die von einer Core-Gruppe der Genre-Kenner im Rahmen von DRM, Auktionshäusern und Casualisierung vorgebrachten Einwände dagegen zumindest nicht aufwiegen. Und welche Titel werden dafür gut geheißen http://almrausch.wordpress.com/2013/02/ ... on-crytek/ Wie schaut da etwas aus? Eigentlich...

http://derstandard.at/1360161393889/Wes ... rne-toeten "Weshalb wir virtuell so gerne töten ... Die Branche ist selbst an ihrem Image schuld ... Verstümmelte Frauentorsos als Dekoobjekte, sexualisierte Gewaltfantasien im Trailer und die enge Zusammenarbeit mit Waffenproduzenten bis hin zum Giveaway richtiger Waffen bestätigen die schlimmsten Befürchtungen all jener, die ohnedies sofort Spiele als ersten Jugendverderber im Verdacht haben, wenn etwas passiert. Gewaltfixierte PR ... Militainment: militärisch-popindustrieller Komplex"
Gamertag: Pyri80 PSN: Pyri Steam: pyri "Der, der aus Verzweiflung hinausrennt, wird nachher noch betitelt: 'den hab'n wir los jetzt'." Thomas Bernhard
User avatar
Aginor
Posts: 102
Joined: Mon 27. Feb 2012, 10:15

Re: Links zur Presse #2

Post by Aginor »

@Pyri:
Hmmm... schwer zu sagen. Da steuern wir möglicherweise auf ein Henne-Ei-Problem zu: Ist die Industrie geprägt von ihrer Zielgruppe, oder ist es eher die ursprüngliche Gruppe von Menschen, die damals die Industrie gegründet haben, deren Haltung sich bis heute auf die Weise auswirkt, wie die Industrie tickt.
Und wenn ersteres Zutrifft so ist für mich immer noch die Frage die, ob das so sein muss. Die Erschließung neuer Zielgruppen könte das Phänomen relativieren. eim Film ist es ja auch so: Die Dinge auf die traditionell Männer stehen gibt es (gefühlt) in der überwiegenden Anzahl von Filmen. Im Gegensatz zu manchen Menschen stört mich das nicht. Aber es gibt eben auch den Rest der Filme, für die anderen Zielgruppen. Ich glaube es ist von einer Industrie nicht zu viel verlangt, über den Tellerrand zu schauen und andere Zielgruppen zu erschließen. Ich halte es für eine Ausrede wenn man sagt "naja, unsere Zielgruppe (junge Männer) ist halt so." Für mich wird das wohl immer der Werbespruch der FHM bleiben. ("Männer sind so"). Das ist mir zu eindimensional.
Natürlich ist das ein Prozess und der dauert. Das ganze nur auf das Genderdingens zu schieben ist mir glaube ich zu einfach.

Zu Wimmelbildspielen: Die Hälfte sind eine Beleidigung. Meine Freundin hat einige davon gespielt und ich habe selten so lieblose Rätsel, miese Steuerung, und allgemein verbuggte Software gesehen. Es gab wenige löbliche Ausnahmen. Ich weiss nicht ob man damit neue Zielgruppen erschließt, ich habe nicht das Gefühl dass in den Spielen viel Arbeit steckte.
Das aber nur am Rande.

Gruß
Aginor
Der größte Feind des Menschen ist der Mensch selbst.
---
You don't use science to show that you are right, you use science to become right.
-XKCD mouseover text, strip 701
Post Reply